Ausgabe 
16.12.1929
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang z929 Montag, den §6. Dezember Nummer 98

Es riecht nach Weihnachten!

Von Polly T i e <t.

Wenn Sie, meine Gnädige, am ganz frühen Morgen, So gegen 12 jetzt auf die Straße treten, um was zu besorgen. Dann stecken Sie die natürlich sehr kleine Nase in die Lust Und schnuppern: Was für ein seltsamer Duft!

Etwas ganz Eigenartiges, ungefähr feit acht Tagen ...

Man kann nicht recht sagen,

Was für «in Duft das ist eigentlich kennt man ihn schon seit Jahren, Es riecht noch Frost und Schlittenfahren, Nach Eisbahn auf dem Neuen See und nach Schneeballbalgerei ... Aber es ist noch etwas anderes dabei!

Und als Sie beiin Drogisten an der Ecke (der ein russischer Emigrant ist, Und als Gentleman in der ganzen Straße bekannt ist). Das Schaufenster sehn,

In dem plötzlich lauter blitzende Sachen stehn, Und in dem, über einem Boden, auf dem fingerbict Watte liech. Ein Wachsengel sanft und behaglich fliegt, ...

Da wird Ihnen plötzlich klar, Was für ein Genich das war! ... Daß Sie nicht gleich darauf kamen! Einfach schändlich! Cs riecht nach Weihnachten selbstverständlich!

Es riecht nach dem Gemisch

Von Tannen und weißgedecktem Tisch,

Es riecht nach polnischen Karpfen mit Mandeln und Rosinen,

Es riecht nach der neuen Eisenbahn mit richtigen Weichen auf den Schienen, Es riecht nach dem rosa Kleid mit dem kleinen, weißen Kragen, (Dürfen wir es nächsten Sonntag zur Tanzstunde tragen?) Jedes kleinste Lädchen mit Papier und Seife Hat Weihnachten im Fenster da nut man begreife, Daß es an der Zeit ist, herumzulaufen. Und all die sinnlosen Dinge einzukaufen, Die offenbar nur deshalb existieren auf Erden, Um am dritten Feiertag nmgetauscht zu werden.

Und dann der große Tag, an dem wir plötzlich entgeistert stehn, Und die ersten Silhouetten der Weihnachtsbäume sehn, Grüne, dicke, übereinandergeworfene Haufen, --Aber ehe wir kaufen, Lassen wir uns erst acht Tag« lang alle Bäuni« zeigen, Und da fehlt was am Stamm und da an den Zweigen, Und so fahren wir endlich nach dem Wedding raus, Und bringenden schönsten und billigsten Baum von Berlin nach Huis! ... Was für eine komische Sache das mit Weihnachten ist!

Dazu gehört, daß man alle guten Vorsätze vergißt, Zuerst sagt man, man will dies Jahr vernünftig denken, Gar nichts schenken.

Und keine Wünsche haben undihn" zu keinen Ausgaben verleiten, Er möge doch vernünftig sein bei den schweren Zeiten! ... Aber wehe ihm, wenn er wirklich'vernünftig ist. Und irgend etwas vergißt, Irgendeine von den tausend und einen Sachen, Tie Ihnen Freude machen,

Und sollte Ihre Liste noch so lang und schwer sein, Er muß sie behalten sonst möchte ich nicht er sein! Dafür kriegt er dann eine Handarbeit, die er nicht gebrauchen kann, Und sieht sie sich andächtig an, Und denkt: diese abscheuliche, gehäkelte Krawatte, (Von denen er schon drei vom vorigen Weihnachten hatte,) D dieser riesige rosa Ballon, (Das zwanzigste Sofakissen in dieser Saison,)

O dieser gestrickte Kragenschoner, den kein Mensch mehr tragt, --Sie sind von di r gemacht und er zeigt sich bewegt! ... Und dann di« Kinder mit den verdorbenen Magen, Und Papa hatte natürlich Recht, daß kleine Mädchen keinen Glühwein vertragen,

Und das Puppengeschirr mit dem goldenen Rand, Und Liesel hat sich am Baum einen Finger verbrannt, Und Erich hat mit seinem neuen Baukasten schon drei Stunden gebaut, Und Baby ist einfach unerträglich laut,---

Und alle wissen, sie dürfen heute nicht grollen,

Denn die Kinder müssen aufbleiben, solange sie wollen. Und wenn sie vor Müdigkeit heulen schon ...

Solange sie wollen das ist eherne Tradition! ...

Ach, meine Gnädige, Weihnachten! Werden Sie auch da mit einem Mal

So himmlisch sentimental,

Daß Ihnen die Rührung bis an die Stelle, wo eventuell Ihr Herz sitzt, kriecht? ...

Kleine Frau, schnuppern Sie mal, wie es nach Weihnachten riecht! ...

Weihnachtskerzen.

Von Ly Corsary.

Annalise stand am Rande des Bürgersteiges und wartete auf eine Gelegenheit, die belebte Straße zu überschreiten.

Sie schloß einen Augenblick die Augen und atmete Äef. Tannenduft wehte von einer Straßenecke her, wo Bäume verkauft wurden. Weih­nachten ... Der Gedanke schmerzte, wie eine offene Wunde. Am vorigen Weihnachten war alles noch gut gewesen ... vielleicht nicht mehr ganz so wie am Anfang, aber sie hatte doch nicht vermutet ... Und jetzt ... Ob Kurt kommen würde? Ja, beftimmt. Er hatte ihre Eltern sehr gern und würde sein Versprechen halten. Bis nach Weihnachten wollten sie es den alten Leuten verschweigen, daß sie sich enisckstossen hatten, auseinander zu gehen. Es würde di« guten Menschen so wie so schwer genug treffen. Daß diese Ehe mißlingen würde, wer hätte es gedacht?

An einem Weihnachtsabend war es, als sie sich verlobten. Ach, es war ja besser so ... Warum sollten sie der Wahrheit nicht ins Auge sehen, warum verschieben, was früher oder später doch geschehen mußte. Mel besser wäre es, sie gingen jetzt als Freunde auseinander, als Menschen, die sich eben geirrt haben und die es einsehen ...

Und damals hatten sie sich doch sehr geliebt.

Es wurde ein Weg frei im Gewühl und langsam ging sie über die Straße. Rings herum lustige Menschen, die Arme voller Pakete. Kinder, plaudernd mit Hellen Stimmen ... Ja, wenn sie bloß ein Kind hätte« ... Nicht mehr daran denken ... nur noch mechanisch handeln und reden ... Mutti und den andern nicht das Weihnachtsfest Derberben ...

-!-

Hans, Annalises Bruder, schnupperte herum als er durch den Korri­dor kam, ging dann schnurstracks zur Küche und steckte den Kopf in die Küchentür.Es riecht hier so himmlisch, hier muß es etwas zu naschen geben." Das Dienstmädchen schaute lächelnd und wohlgefällig auf den netten Studenten, die Mutter, am Ofen beschäftigt, wandte ihm das er­hitzte Gesicht zu.Nachher! Raus aus der Küche, Männer gehören nicht hierher!" Hans stieg, zwei Stufen zu gleicher Zeit, die Treppe hinauf. Oben im Wohnzimmer setzt« er sich in einen Lehnstuhl. Dann wurde er plötzlich nachdenklich. Er zündete sich eine Zigarette an und versuchte zu lächeln, als er den roten Schirm um die Lampe sah, und die Christrosen. Sie gute Mutter wollte wieder echte Weihnachten machen! Wie doch alte Menschen an Sentimentalitäten hängen! Komisch, ihm wurde doch etwas beklommen, ja, fast feierlich, zumute. Im ganzen Haus war ein Dust wie in einem Tannenwald und jedes Zimmer war festlich geschmückt. Ob man auch spöttisch darüber lächelte, man konnte sich dennoch einer gewissen träumerischen Stimmung nicht entziehen. Und nun muhte er plötzlich an das vergangene Jahr denken. Es wurde doch endlich Zeit, daß er mal mit der Arbeit anfing. Sie schönste Bummelei wird am Ende doch lang- weilig und fade und hinterläßt einen bitteren Nachgeschmack, ein Gefühl der Peue um so viel verloren« Zeit.

Er hob die Achseln und sagte sich, als müsse er sich irgend jemanden gegenüber verteidigen: man ist nur einmal jung! Aber die unbehagliche Stimmung blieb. Nachdenklich löschte er die Zigarette, starrte in den mit Tannenzweigen geschmückten Spiegel und schaut« sich selbst in die Augen. Es sollte mal ein Ende nehmen ja bestimmt: nach Weihnachten würde er endgültig mit der Arbeit anfangen und schnell sein Studium beenden. Wie sich Mutti freuen würde! Und plötzlich ermuntert stand er auf, ging nach dem Zimmer seiner jüngsten Schwester Milly und klopfte. Aber fie war anscheinend nicht da. Lustig pfeifend lief er bann wieder hinunter und scherzte mit der Mutter und dem kichernden Dienstmädchen ... Ihm war es wie eine Saft vom Herzen gefallen. Er wußte: nach Weihnachten, da würde ein neues Leben beginnen.

Milly hatte ihren Bruder schon rufen und klopfen hären» aber fie bfleb ganz still. Um nichts in der Welt zeigte sie sich ihm, wenn fie meinte. Seine Neckereien würden sie wieder wütend machen und sie wollte keinen neuen Streit. Es war ja schon schlimm genug so! Wieder flössen ihr die Tränen über die Wangen. Es war unerhört vom Vater, sie wie ein klei-