Das beispiellose Abenteuer des Hans Pfaall.
Von Edgar Allan Poe.
(Fortsetzung.)
Um 6.20 Uhr zeigte das Barometer eine Höhe von 26 400 Fuß oder 5 Meilen und einen Bruch. Die Umschau schien unbegrenzt. Mit Hilfe der sphärischen Geometrie ist es in der Tat leicht, auszurechnen, einen wie großen Teil der Erdoberfläche ich sah. Die konvexe Oberfläche eines Kugelsegments verhält sich zur ganzen Oberfläche der Kugel wie der sinus versus des Segments zum Durchmesser der Kugel. In meinem Falle war nun der sinus versus, d. h. die Dicke des Segments unter mir — ungefähr gleich meiner Höhe, oder der Höhe des Gesichtspunktes über der Oberfläche. „Wie 5 Meilen, also zu 8000" würde das Verhältnis der Erdoberfläche ausdrücken, wie ich sie sah. Mit anderen Worten, ich sah etwa 16/ioo der ganzen Oberfläche der Kugel. Das Meer schien glatt wie ein Spiegel, obgleich ich durch das Teleskop erkennen konnte, daß es heftig bewegt war. Das Schiff war nicht mehr sichtbar, sondern wahrscheinlich ostwärts weggetrieben. Nun begann ich ab und zu heftige Kopfschmerzen zu fühlen, hauptsächlich um die Ohren; aber noch konnte ich mit erträglicher Leichtigkeit atmen. Die Katze und die Tauben schienen überhaupt keinerlei Beschwerden zu empfinden.
Zwanzig Minuten vor sieben trat der Ballon in eine lange Reihe von dichten Wolken, die mich in große Verlegenheit brachten, da sie meinen Kondensator beschädigten und mich bis auf die Haut durchnäßten. Dies war allerdings eine merkwürdige Begegnung, denn ich hätte nicht für möglich gehalten, daß eine Wolke von solcher Beschaffenheit in dieser großen Höhe bestehen könne. Ich hielt es jedoch für am besten, zwei Fünfpfundsäcke Ballast auszuwerfen, wobei ich immer noch ein Gewicht von 165 Pfund zurückbehielt. Nachdem ich dies getan hatte, stieg ich rasch über das Hindernis und merkte gleich, daß ich eine große Zunahme der Geschwindigkeit meines Aufstieges erlangt hatte. Wenige Sekunden nachdem ich die Wolke verlassen hatte, schoß ein zuckender Blitz hindurch, von einem Ende zum anderen, so daß sie durch ihren ganzen großen Umfang aufflammte, wie ein Haufe glühender Holzkohle. Wir müssen bedenken, daß dies am hellen Tage geschah. Die lebhafteste Phantasie könnte die Gewalt dieses Phänomens nicht beschreiben, wenn es sich im Dunkel der Nacht gezeigt hätte. Es wäre vielleicht ein paffendes Bild für die Hölle selbst gewesen. Aber auch so stand mein Haar zu Berge, als ich weit in die gähnenden Abgründe hinabblickte und meine Einbildungskraft umherschweifen ließ in den sonderbar gewölbten Hallen, den rötlichen Schlünden und grauenhaften Klüften dieses gräßlichen und unergründlichen Feuers. Ich war tatsächlich mit knapper Not davongekommen. Wäre der Ballon nur eine kurze Zeit noch in der Wolke geblieben, d. h. hätte das Unbehagen des Naßwerdens mich nicht veranlaßt, Ballast auszuwerfen, so hätte meine Vernichtung die Folge sein können, wahrscheinlich sogar sein müssen. Diese im allgemeinen am wenigsten in Betracht gezogenen Gefahren sind doch die größten, die sich bei Ballonfahrten ereignen. Ich hatte aber damals schon eine zu große Höhe erreicht, um mir über diesen Punkt noch Gedanken zu machen.
Ich stieg nun rasch auf, und um sieben Uhr zeigte das Barometer eine Höhe von nicht weniger als 9,5 Meilen. Ich begann große Beschwerden beim Atemholen zu empfinden; auch mein Kopf schmerzte stark, und nachdem ich schon einige Zeit eine Feuchtigkeit auf den Wangen gefühlt hatte, merkte ich nun, daß es Blut war, das ganz rasch aus meinen Ohrmuscheln sickerte. Meine Augen schmerzten auch sehr. Ms ich mit der Hand darüberstrich, schienen sie nicht unerheblich aus ihren Höhlen getreten zu sein, und alle Gegenstände in der Gondel waren vor meinen Blicken verzerrt. Diese Symptome waren stärker, als ich erwartet hatte, und verursachten mir große Besorgnis. In diesem kritischen Augenblicke warf ich sehr unvorsichtiger, und unbedachterweise drei Fünfpfundstücke Ballast aus. Die nun erreichte erhöhte Schnelligkeit meines Aufstieges brachte mich zu rasch und ohne genügende Abstufung in eine stark verdünnte Schicht der Atmosphäre, und die Folgen wären meinem Unternehmen und mir selbst beinahe verhängnisvoll geworden. Ich wurde plötzlich von einem Krampf erfaßt, der mehr als fünf Minuten dauerte, und sogar als er einigermaßen nachließ, konnte ich nur in Abständen und keuchend Atem holen und blutete immer weiter stark aus Nase und Ohren und sogar leicht aus den Augen. Die Tauben schienen außerordentlich unglücklich und mühten sich ab zu entkommen, während die Katze jämmerlich miaute und mit hängender Zunge in der Gondel hin- und herlief, als wäre sie vergiftet. Ich merkte nun zu spät, welcher großen Unbedachtsamkeit ich mich schuldig gemacht hatte, als ich den Ballast auswarf, und meine Aufregung war ungeheuer. Ich erwartete nichts Geringeres als den Tod, und zwar den Tod in wenigen Minuten. Die körperlichen Schmerzen, die ich erlitt, machten mir auch die nötigen Anstrengungen zur Erhaltung meines Lebens fast unmöglich. Es war mir nur wenig Ueberlegungskraft geblieben, und die Heftigkeit der Schmerzen in meinem Kopfe schienen noch zuzunehmen. Ich merkte also, daß meine Sinne bald schwinden würden und ergriff schon eine der Ventilleinen mit der Absicht, den Abstieg zu versuchen, als mir einfiel, welchen Streich ich den drei Gläubigern gespielt hatte. Die Folgen, die daraus für mich entstehen konnten, wenn ich zurückkäme, hielten mich im Augenblick auf. Ich legte mich auf den Boden der Gondel nieder und versuchte, meine Gedanken wieder zu sammeln. Dies gelang mir insofern, als ich beschloß, mich zur Ader zu lasten. Da ich aber keine Lanzette hatte, um die Operation vorzunehmen, muhte ich mir helfen, st> gut ich konnte, und schließlich gelang es mir, mit einem Federmesser eine Ader in meinem linken Arme zu öffnen. Kaum hatte das Blut zu fließen begonnen, als ich mich schon sehr erleichtert fühlte, und als ich etwa eine mäßige halbe Schüssel voll verloren hatte, waren die meisten der schlimmsten Symptome vorbei. Ich hielt es aber doch nicht für ratsam, gleich wieder zu versuchen, auf den Füßen zu stehen, sondern nachdem ich meinen Arm so gut wie möglich verbunden hatte, blieb ich noch etwa l Stunde liegen. Nach Verlauf dieser Zeit stand ich auf und fühlte
mich freier von absolutem Schmerz als während der letzten 1] Stunde meines Aufstieges. Die Atembeschwerden waren aber nur wenig behoben und ich merkte, daß es bald notwendig fein würde, den Kondensator zu gebrauchen. Inzwischen sah ich mich nach der Katze um die wieder gemütlich auf meinem Rocke lag, und stellte zu meiner un'end- lichen Ueberraschung fest, daß sie die Zeit meines Unwohlseins dazu be- nutzt hatte, einen Wurf kleiner Kätzchen zur Welt zu bringen. Das war ein Zuwachs in der Zahl der Passagiere, den ich nicht erwartet hatte Aber ich freute mich über das Ereignis. Es sollte mir Gelegenheit geben eine Mutmaßung, die auf meinen Entschluß, den Aufstieg zu wagen den größten Einfluß ausgeübt hatte, einer Art von Prüfung zu unterziehen Ich hatte mir eingebildet, daß das gewohnheitsmäßige Ertragen des Luftdruckes auf der Erdoberfläche mehr oder weniger die Ursache der Schmer- zen sei, die in einer gewissen Entfernung über die Oberfläche die Lebe- wesen befällt. Falls die Kätzchen das Unbehagen in gleichem Maße fühl- ten wie ihre Mutter, war meine Annahme falsch; wenn sie es aber nicht taten, mußte ich dies als eine starke Bestätigung meines Gedankens betrachten.
Um 8 Uhr hatte ich schon eine Höhe von 17 Meilen über der Erdoberfläche erreicht. So schien es mir klar, daß meine Geschwindigkeit nicht nur im Zunehmen sei, sondern daß diese Zunahme in geringerem Maße auch wahrnehmbar gewesen wäre, wenn ich den Ballast nicht ausge- warfen hätte. Die Schmerzen im Kopf und in den Ohren kamen von Zeit zu Zeit wieder und auch das Nasenbluten hielt an, aber im allgemeinen litt ich viel weniger, als ich erwartet hatte. Trotzdem wurde mir das Atmen jeden Augenblick schwerer, und jedes Einatmen war mit einer krampfhaften, qualvollen Bewegung der Brust verbunden. Nun packte ich meinen Kondensator aus und machte ihn gebrauchsfertig.
Der Blick auf die Erde war in diesem Abschnitt des Aufstieges wunderschön. Westlich, nördlich und südlich lag die endlose Fläche des schein- bar unbewegten Ozeans, der jeden Augenblick einen tieferen blauen Farbton annahm. In weiter Entfernung nach Osten, aber klar sichtbar, dehnten sich die Inseln von Großbritannien, die ganze atlantische Küste von Frankreich und Spanien aus, sowie ein kleiner Teil des nördlichen afrikanischen Festlandes. Von einzelnen Gebäuden war keine Spur sichtbar, und die stolzesten Städte der Menschheit waren vom Angesicht der Erde hinweggeschwunden.
Was mich im Aussehen der Dinge unter mir erstaunte, war die scheinbare Konkavität der Oberfläche der Erdkugel. Ich hatte gedankenlos genug erwartet, ihre tatsächliche Konvexität beim Aufstieg erkennbar zu finden; aber eine kurze Ueberlegung genügte, um den Widerspruch zu erklären. Eine Leine, die von meiner Stellung aus lotrecht zur Erde gesenkt worden wäre, hätte die Senkrechte eines rechteckigen Dreiecks gebildet, besten Basis vom Rechteck zum Horizont gereicht hätte, und die Hypotenuse vom Horizont zu meiner Stellung. Aber meine Höhe war nichts im Vergleich zu meinem Gesichtsfelde. Mit anderen Worten: die Basis und die Hypotenuse des gedachten Dreiecks wären in meinem Falle fo lang gewesen im Vergleich zur Senkrechten, daß jene beiden nahezu parallel erschienen wären. Auf diese Weise scheint der Horizont des Luftschiffers immer auf gleicher Linie mit der Gondel zu liegen. Aber da der nächste Punkt unter ihm in weiter Entfernung zu fein scheint und auch tatsächlich ist, so scheint er natürlich auch in großer Entfernung vom Horizont zu liegen. Daher der Eindruck von Konkavität; und dieser Eindruck muß bleiben, bis die Höhe auch im Vergleich zum Gesichtsfelde so groß ist, daß die scheinbare Parallelität von Basis und Hypotenuse verschwindet.
Da in dieser Zeit die Tauben sehr zu leiden schienen, beschloß ich, sie freizulassen. Ich machte erst die eine los, eine schöne graugesprenkelte Taube, und setzte sie auf den Rand des Weidengeflechts. Sie schien äußerst unbehaglich, sah ängstlich um sich, mit den Flügeln schlagend und laut girrend, aber sie konnte nicht dazu gebracht werden, sich aus der Gondel zu wagen. Ich nahm sie schließlich in die Höhe und warf sie etwa sechs Ellen weit vom Ballon fort. Sie machte aber gar keine Versuche, herunterzukommen, wie ich erwartet hatte, sondern mühte sich mit großer Heftigkeit ab, wieder heraufzugelangen, und stieß dabei sehr schrille gellende Schreie aus. Schließlich gelang es ihr, wieder ihren alten Platz auf dem Rande der Gondel zurückzugewinnen, aber kaum war dies geschehen, als ihr Kopf auf die Brust sank und sie tot in die Gondel fiel. Die andere hatte mehr Glück. Um zu verhindern, daß sie dem Beispiel ihrer Gefährtin folge und wieder zurückkehre, warf ich sie mit aller Gewalt herunter und freute mich zu sehen, daß sie ihren Abwärtsflug mit großer Geschwindigkeit fortsetzte, wobei sie die Flügel behaglich und in ganz natürlicher Weise benützte. In kurzer Zeit war sie außer Sehweite, und ich bin überzeugt, daß sie heil nach Hause kam. Pussy, die von ihrer Krankheit vollständig erholt schien, aß nun mit gutem Appetit den toten Vogel und ging dann mit sichtlicher Zufriedenheit schlafen. Die Kätzchen waren ganz munter und legten nicht das geringste Zeichen von Unwohlsein an den Tag.
Um 8.15 Uhr konnte ich schon nicht mehr ohne unerträgliche Schmerzen Luft schöpfen, deshalb begann ich, den Apparat, der zu dem Kondensator gehörte, um die Gondel herum zu befestigen. Dieser Apparat bedarf einiger Erklärung. Ew. Exz. werden sich gnädigst erinnern, daß meine Absicht zunächst war, mich selbst und die Gondel mit einer Schutzwehr gegen die stark verdünnte Luft, in der ich lebte, zu umgeben, in der Absicht, innerhalb dieser Schutzwehr vermittelst meines Kondensators zum Zwecke der Atmung eine Menge eben dieser genügend kondensierten Luft einzuführen. Im Hinblick auf diesen Zweck hatte ich einen sehr starken, ganz luftdichten, aber elastischen Gummisack hergestellt. In diesen Sack, der von genügendem Ausmaß war, wurde gewissermaßen die ganze Gondel hineingesteckt, d. h. der Sack wurde über den ganzen Boden der Gondel gezogen, dann weiter in die Höhe, den Außenseiten der Tam entlang zum oberen Rand ober Reifen, wo das Weidengeflecht befestigt war. , • (Fortsetzung folgt-)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei. D. Lange, Gießen.


