Ausgabe 
16.9.1929
 
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barer Abendfrieden, erfrischende Kühle liegen wohltuend über Hof und Garten. Aus den nahen Jnsthäusern tönt die schwermütige Melodie einer Trecksiedel":Die Vöglein im Walde, sie sangen so wunderschön." Das einfache Soldatenlied aus dem Weltkriegei Damit werden die Kriegs­erinnerungen wach, und es wird uns schwer, das gemütliche Beisammen- ein schon vor Mitternacht abzublasen. Doch wir wollen morgen frisch ein, wenn die Feldhühner locken. Ein Blick auf Mond und Himmel ündet uns eitel gutes Jagdwetter für morgen. Dann verschwinden wir mit Weidmannsheil in denSchnarchkorb".

Am nächsten Morgen pünktlich 8 Uhr sind wir bei deralten Eiche". Der Freund hat seinen braunen, deutschen kurzhaarigenTreff" mitge­bracht, und als Begrüßung stehen beide Hunde sich mit gesträubten Haaren knurrend gegenüber. Dem Jagdeifer müssen sie Ausdruck geben. Ein kurzer Anruf und ein Jagdhieb, ohne den es wohl bei keinem Jagdhund am ersten Tag der Hühnerjagd abgeht, bringt sie bald zur Vernunft. Es herbstet merklich, in bunten Farben leuchtet es auf Wiesen und Feldern. Hin und wieder flattert ein welkes Blatt zur Erde. Kräf­tiger Duft reifer Eicheln und Nüsse zieht in unsere Nasen. Dünne grau­silberne Schleier liegen über die Wiesen gebreitet. Schon aber setzt merk­liche Wärme ein, und bald werden die Strahlenspeere der Spätsommer­sonne das feine Gespinst der frostigen Nebelfrauen zerfetzen. Sogleich beginnen wir mit der Hühnersuche, und schon nach 100 Schritten steht Nimrod fest vor. Von der Seite zieht auch Treff an, und wir nähern uns den Hunden mit schußbereiten Flinten. Brrrrrr, da gehen die ersten Hühner hoch. Zweimal schieße ich, und auch rechts von mir höre ich es zweimal knallen. Drei Hühner sehe ich fallen, sechs streichen weiter. Ein starkes Volk. Stolz bringt mir Nimrod das erste Rebhuhn, natürlich ein altes. Eigentümliche Erscheinung, daß so oft die Alten zuerst aus dem Volk herausgeschossen werden. Auch Treff apportiert zwei Hühner, schöne junge mit zitronengelben Ständern. Wir suchen weiter, da fährt ein Krummer" aus der Sasse. Beide Hunde wie ein Gewitter hinterher. Nimrod läßt sich abpfeifen und kommt diesmal mit einer Verwarnung Pfui Haas" davon. Mit Treff geht der Jagdeifer durch. Erst nach etwa 10 Minuten kehrt er mit eingekniffener Rute zu seinem Herrn zurück. Ihm wird eine ernstere Belehrung mit der Hundepeitsche zuteil, und für die nächste halbe Stunde werden ihm dieKorallen" (Dressurhalsband) angelegt. Noch mehrere Male machen wir Hühner hoch; wir folgen den zersprengten Völkern; sie liegen dann zu zweien, dreien oder sogar ein­zeln und halten besser.

Es wird sehr warm, wir ziehen die Röcke aus und machen den Hals frei. Jetzt geht es leichter, auch mit dem Schießen. Zu Anfang der Suche haben wir einige Hühner bildschön vorbeigeschossen. Man muß erst wie­der durch die Uebung hineinkommen, auch das Rebhühnerschießen will gelernt sein. Allmählich füllen sich unsere Hühnergalgen, wir spüren die Last. Auch Hühnerläuse, die den kalten Hühnerkadaver verlassen und den warmen Menschenkörper aussuchen, machen sich unangenehm bemerkbar. Die Hunde lassen nach, eine Galoppsuche ist nicht mehr aus ihnen her­auszuholen. Daher machen wir Mittagspause, um den Hunden und auch uns in der heißesten Mittagszeit ein paar Stunden Ruhe zu geben. Bei einem breiten Busch von hohen Buchen und Erlen sprudelt kristall­klares, frisches Quellwasser, ein herrliches Labsal für uns und unsere vierbeinigen Jagdgefährten. Vorerst aber ein Stück trocken Brot und ein Schluck aus der Flasche, um den erhitzten Magen nicht zu erkälten. Schwarzbrot und gut durchwachsener Speck munden vorzüglich, und auch die Hunde bekommen ihren Teil davon.

Dann werden die Hühner vom Galgen genommen undausgehackt". Mit einem Haken aus Draht oder einem dünnen Häkchen, aus einem Buchenzweig geschnitzt, löst man das Gescheide aus den Rebhühnern und hängt diese dann breit und luftig im Schatten aus. Ausgeruht und er­frischt, setzten wir unsere Suche fort. Die Hunde arbeiten jetzt geradezu vorbildlich. Nimrod bringt mir ein Huhn, das, wahrscheinlich von einem Schrotkorn im Kopf getroffen, fast kerzengrade hochgestiegen und etwa 800 Meter von uns entfernt nicdergefallen ist. Auch Treff ist ausge­zeichnet in Form und arbeitet ein schnell laufendes Feldhuhn in fast kniehoher Serradelle sehr zur Zufriedenheit. Allmählich empfinden wir von der drückenden Hundstagshitze gesunde Müdigkeit. Bon allen Seiten hören wir jetzt den Lockruf der Feldhühner. Die zersprengten Völker sammeln sich mit tro-tro. Wir gehen dem Locken nach und machen dabei noch gute Beute. An den Usern des großen Sees wollen wir bis zur Spitze suchen und dann Halali blasen. In dem schilfigen, hohen Riedgras findet sich außer Rebhühnern wohl auch noch anderes jagdbares Getier. Meister Reineke pürscht gern in dem dichten Rohr auf Enten, auch ein Rehbock macht sich dort wohl sein kühles Bett zurecht. Die rotverglim­mende Abendsonne sinkt tiefer und baut eine goldglänzende Brücke über den glatten Seespiegel. Funken stieben davon über das grünschwarze Wasser. Müde und schwerfällig stapfen wir dahin. Lange weiße Silber­fäden desAltweibersommers" legen sich schmeichelnd um Kopf und Glie­der und wollen uns einspinnen. Plötzlich stehen beide Hunde fest vor. Ein Bild für Götter, diese wie aus Erz gemeißelten, edlen Hundegestalten. Immer mehr strecken sich die sehnigen, schlanken Leiber, länger und schöner werden Kopf und Fang. Schwerfällig mit lautemSchrat," werden vier junge Grasenten hoch. Jeder machen wir eine nicht sehr schwierige Doublette und haben so einen schönen Abschluß für unseren «rften Herbstjagdtag.

Jetzt heißt es Hahn in Ruh. Von den ersten Feldhühnern, die wir be­reits beim Frühstück zur Küche schickten, schmurgeln jetzt gewiß schon einige, gut mit Speck und Weinblättern umwickelt, in der Bratpfanne. Am Horizont über dem Hochwald steigt in schlanker Silbersichel der Mond herauf. Vereinzelt plustert ein Bleßhuhn über das Wasser seinem Reste zu. Nur eintönige, glucksende Laute der großen Rohrdommel stören den tiefen Abendfrieden. Jetzt aber hören wir aus der Ferne den heranrollenden Jagdwagen, der uns in einer guten halben Stunde heim­bringt zu Weib und Kind, zu den frisch gebackenen Rebhühnern und einer duftenden Pfirsichbowle.

Zwittingsforschung.

Erbgleiche und erbverschiedene Zwillinge.

Von Privatdozent Dr. Freiherr v. Verschuer, Leiter der Abteilung für menschliche Erblehre im Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Anthropologie, Berlin-Dahlem.

Wenn Zwillinge das Licht der Welt erblicken, wird dieses Ereignis nicht nur von dem Standesbeamten urkundlich ausgenommen, sondern es beansprucht auch im engeren und weiteren Verwandtschafts- und Freundeskreis lebhaftes Interesse. Wer hätte aber gedacht, daß Zwillinge zu einem besonders wichtigen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung werden können?

Schon in der Zeit der Wiederentdeckung des Mendelschen Ge­setzes der Vererbung bediente sich der große Naturforscher und Eugeniker Sir Francis G a l t o n der Zwillingsforschung als Hilfsmittel für die Untersuchung der Vererbungserscheinungen beim Menschen. Aber erst in jüngster Zeit wurden diese grundlegenden Gedanken Galtons wieder aus- äegrisfen, und heute ist die Zwillingsforschung zu einem der wichtigsten Zweige der menschlichen Erbforschung geworden.

Die Bedeutung der Zwillingsforschung beruht auf der Tatsache, daß es erbgleiche (aus einem befruchteten Ei entstandene) Zwillinge und erb­verschiedene (aus zwei befruchteten Eiern entstandene) Zwilltxge gibt. Bei den Partnern eines eineiigen Zwillingspaares ist die erbliche Grund­lage der Entwicklung die gleiche. Verschiedenheiten, die wir zwischen ihnen beobachten, sind folglich durch verschiedene Einflüsse, die von außen auf sie eingewirkt haben, bedingt (umweltbedingt). Hier liegt ein reiches Arbeitsfeld für den Forscher, der zu ergründen sucht, in welcher Weise die einzelnen menschlichen Eigenschaften auf bestimmte äußere Einflüsse reagieren.

Bei der andern Zwillingskategorie, den zweieiigen, ist die erbliche Grundlage der Entwicklung verschieden. Wir können also bei zweieiigen Zwillingen, die in gleichen Umweltbedingungen aufwachsen, beobachten, wie verschiedene Erbanlagen die Gestaltung des Körpers beeinflussen. Der Vergleich zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen führt zu .der wichtigen Erkenntnis, wie groß jeweils der Anteil von Erbanlage und Umwelt an den Ursachen für die Verschiedenheiten der Menschen ist.

Solche Untersuchungen sind für eine ganze Reihe von menschlichen Eigenschaften bereits durchgeführt. Genannt seien nur die Wuchsverhält­nisse des Körpers (Körperbautypen), das Brechungsvermögen des Auges und die Form des Herzens. Für eine Reihe von Krankheiten (Zahnkaries, Kropf, Rachitis), deren Erblichkeit durch Familienbeobachtungen schwer feststellbar ist, konnte auf Grund von Zwillingsbeobachtungen die Be­deutung der erblichen Veranlagung herausgearbeitet werden.

Aber was die Vererbungswissenschaft von der Zwillingsforschung nicht ohne Recht erhofft, ist noch mehr: Krankheiten, die von ganz ungeheurer Bedeutung find, für die Entwicklung eines ganzen Volkes (Tuberkulose, Geisteskrankheiten usw.) werden mit der Zeit in ebensolcher Weise ergrün­det werden, und das Problem der Erhaltung und Förderung gesunden Erbgutes für unser Volk geht damit einer Lösung entgegen.

Auch zu der Klärung der vielumstrittenen Frage, in welchem Maße erbliche Veranlagung und Erziehung für die geistige Entwicklung des Menschen von Bedeutung sind, wird die Zwillingsforschung in vieler Hinsicht beitragen.

Die hier erwähnten Forschungen haben ihren Anfang bereits ge­nommen. Greifen wir aus dem Bereich der letzten Untersuchungen einige heraus: Amerikanische Forscher beobachteten eineiige Zwillinge, die unter gänzlich verschiedenen Umweltsbedingungen ausgewachsen waren. In dem einen Fall handelt es sich um 30jährige Zwillingsschwestern, die vierzehn Tage nach ihrer Geburt getrennt wurden. Die eine der Zwillingsschwe­stern erfuhr eine geregelte Schulbildung und heiratete später, die andere hatte nach nur vierjähriger Schulbildung sich durch eigene Energie in gute berufliche Stellungen emporgearbeitet. Die körperliche Ähnlichkeit der Zwillinge ist eine ganz außerordentliche geblieben. Ihre geistigen und psychiyschen Eigenschaften wurden durch sorgfältige Testuntersuchungen feftgefteUt. Es zeigte sich dabei, daß in den Hebungen zur Prüfung der geistigen Fähigkeiten (Rechnen, Urteilskraft, Kombinationsgabe) die Ueber- einftimmung der Zwillinge eine sehr große war. Bei den psychischen Test- prüfungen (Willensreaktion, Vorliebe, Abneigung, Ekel, Furcht, Arg­wohn) ergaben sich dagegen zum Teil recht beträchtliche Unterschiede.

In einem andern Fall wurden eineiige Zwillingsschwestern im Alter von 18 Monaten getrennt, und während der folgenden 17 Jahre lebte die eine in Kanada, die andere in England. Die erstere war das einzige Kind ihrer sozial günstig gestellten Pflegeeltern, die letztere wuchs nut vier andern Kindern zusammen in einfachen Verhältnissen auf. Die Schul­ausbildung war bei beiden etwa dieselbe. Im Alter von 19 Jahren er­wiesen sich die Zwillingsschwestern körperlich außerordentlich ähnlich. Die Jntelligenzprüsung mit verschiedenen Tests ergab eine deutliche Üeber- legenheit der ersten Zwillingsschwester; bei der Prüfung des Tempera­ments zeigte sich dagegen eine ziemlich weitgehende Aehnlichkeit. Das Er­gebnis der beiden Untersuchungen ist also bezüglich der Aehnlichkeit in geistiger und psychischer Hinsicht ein entgegengesetztes. Man sieht hieraus, daß aus einzelnen Beobachtungen keine Verallgemeinerungen gezogen werden dürfen und wie wichtig es ist, daß möglichst viele solcher Beob­achtungen der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht werden (der Verfasser wäre für Mitteilung solcher Beobachtungen sehr dankbar).

Die bisherigen Ergebnisse der Zwillingsforschung beweisen, daß diese in besonderem Maße geeignet ist, uns näher heranzuführen an das Ziel der menschlichen Erblehre: die naturwissenschaftliche Erkenntnis des Men­schen als psychophysisches Geschöpf mit bestimmter phylogenetischer Ge­schichte und sich immer wiederholender ontogeuetischer Entwicklung, als ein Geschöpf, das biologisch bestimmt wird durch eine ungeheure Mannig­faltigkeit von erblichen und umweltbedingten Faktoren, und dessen indi­viduelles Schicksal durch die Auswahl unter diesen Faktoren entschieden wird.