lind der Enquete beim Minister, und so nahm ich einmal nicht den geraden Weg, sondern ging durch den Park. Dort, wo das freie Rondeau ist, bekam ich ihn zu Gesicht. Sonne liegt auf dem Platz.
Dort spielte er, spielte Pferdchen mit einem Kind, einem winzigen Knaben mit rotem Haar und großen Füßen und einer großen Brille vor kurzsichtigen Augen. Der hatte dem alten Mann zwei lange Schnüre an die Arme gebunden als Zügel. Eine Kinderpeitsche hielt er in der Hand und rief: „Hott!" Und dann setzten sie sich in Bewegung und trabten, beide ganz ernsthaft, beide ohne Lächeln, ganz eingefangen von ihrem Geschäft, zweimal an mir vorüber.
Als sie das drittemal nahekamen, sagte ich: „Guten Tag, Herr Professor Essig." Der Mann —er sah aus wie damals, er trug, glaube ich, sogar den gleichen dürftig gelbbraunen Anzug, und nur sein Spitzbart war heller geworden, der alte Mann blieb nahe vor mir stehen und schaute mir ins Gesicht.
„Guten Tag, guten Tag", sagte er mit einer ganz seinen Stimme. Er sann nach. Er besann sich nicht. Und so nickte er kurz, wandte sich ab und trabte weiter. „Hott", sagte das Kind. Dann waren sie um die Ecke.
Sein Gesicht, Frau, sein Gesicht ist es, das seit sieben Tagen wieder durch meinen Schlaf schwebt, hergeholt, hergezerrt durch die verwirkte und verfallene Zeit. Nur das Gesicht eines alten Lehrers, du Frau, die du deine schlafwarme Wange an meinen Arm legst. Schläfst du wieder?
Du schläfst, und so habe ich all das nur mir selber erzählt, mir, einsam, nachteinsam, in Angst, noch einmal niederzutauchen in Traumgestrüpp. Schlaf weiter. Das Fenster klirrte. Aber das war nur der Wind.
Die „Herzogin von Eypern".
Von Dr. Hedwig F i s ch m a n n.
Der Prozeß, der in Bälde bei den amerikanischen Gerichten um die Millionen der Romanow angestrengt werden soll, wird noch einmal den bunten Lebensroman jener Frau, die auf die Riesenerbschaft als Zarentochter Anastasia Anspruch erhebt, aufrollen, wird alle Fäden dieses Gewebes unter die Lupe nehmen und nach Wahrheit und Dichtung durchleuchten. Wieviele Vorläufer auch Frau Tschaikowska unter den im Laufe der Jahrhunderte aufgetauchten männlichen Prätendenten auf den Rang eines geheimnisvoll verstorbenen Prinzen oder Königs besessen hat, so steht sie doch unter ihren Geschlechtsgenossinnen ziemlich vereinzelt da. Aber ein Bündel alter verstaubter Akten des Archivs zu Weimar weiß dennoch von einem Fall zu berichten, in dem eine Frau, in immer wechselndem Spiel Maske um Maske vornehmend, sich selbst bis zu dem Rang einer Königin emporgedichtet und jahrelang durch ihr phantasievolles Gaukelspiel eine Reihe kleiner Fürstenhöfe in Atem gehalten hat. Wie ein guter Regisseur sparte sie nicht mit immer neuen Effekten in ihren Enthüllungen, nicht mit grausamer Kerkerhaft, Entführung, Ueberfall, zauberhaften Liebestränken, bis schließlich etwas von jener Tragik, die sie zusammenfabuliert hatte, sich im Ausklang ihres Lebensschicksals erfüllte.
Man schrieb das Jahr 1558. Wenige Monate waren verstrichen, seitdem Anna von Cleve, die vierte Gemahlin Heinrichs VIII. von England, auf ihrem Landsitz zu Chelsea, eine Halbvergessene, gestorben war. Sie, der von allen Frauen des fürstlichen Blaubarts noch das mildeste Los gefallen, hatte hier nach ihrer Verstoßung fern ihrer westfälischen Heimat in einsamer Stille gelebt. Ihr Tod war dem Hofe von Jülich-Cleve und den ihm befreundeten Fürstenhäusern angezeigt und hier Hoftrauer für sie gehalten worden. Da erhielt eines Tages Herzog Johann Friedrich II. von Sachsen-Weimar ein Schreiben von unbekannter Hand, in dem ihn eine ungenannte Dame bat, einen Bevollmächtigten zu ihr zu entsenden; sie wollte ihm Enthüllungen von größter Wichtigkeit über seine Tante, die Ex-Königin von England, machen, die sie dem Papier nicht anvertrauen könne. Auf das höchste begierig, näheres zu erfahren, sandte ihr der Herzog seinen Sekretär mit einem Ermächtigungsschreiben.
Ihm nun teilte die Dame zunächst ihre eigenen abenteuerlichen Lebens- fchicksale mit, die in dieser ersten von ihr produzierten Fassung etwa also lauteten: Sie sei eine Herzogin von Cypern und durch eine Kette von Hofkabalen widerrechtlich in London gefangen gehalten worden. In gefahrvoller Flucht sei es ihr gelungen, zu Schiff nach Danzig zu entkommen. Auf ihrer weiteren Reise durch Polen aber sei sie überfallen, ihrer gesamten kostbaren Habe beraubt, ein Teil ihres Gefolges erschlagen und ein ihm zugehöriger englischer Edelmann Wilhelm von Zieritz — der auch in den späteren Erzählungen der Abenteuerin eine wichtige, oftmals wechselnde Rolle spielen sollte, die etwa jener des „großen Unbekannten" vieler Prozesse vergleichbar ist — schwer verwundet worden. Da man auch von England her einen hohen Preis auf ihre Wiederergreifung ausgesetzt habe, sei sie, wie ein Wild umstellt, umhergehetzt und aller ihrer Mittel beraubt worden, so daß sie nach Verpfändung ihres letzten Schmuckes und ihrer Kleider nicht einmal standesgemäß vor dem Herzog erscheinen könnte. Der eigentliche Grund aber, warum sie diesen habe auffuchen wollen, sei die Mitteilung, daß seine Muhme, die Königin Anna, noch am Leben und nur fälschlich totgesagt werde. Bis vor einem Jahr habe man sie in einem englischen Kloster gefangen gehalten, aus dem sie aber geflohen und ebenfalls nach Danzig entkommen fei, wo sich ihre Wege gekreuzt hätten. Von hier habe sie ihre aus England mitgenommenen Schätze, darunter die englischen Privilegien, Reichsapfel und Zepter sowie kostbare Juwelen, durch einen Kaufmann nach Augsburg gesandt, worüber die Herzogin von Cypern zwei ihr anvertraute Schriftstücke vorwies. Denn da sich die Herzogin verborgen halten müsse, habe sie ihr den Auftrag erteilt, die Schätze mit Hilfe eines Vertrauten des Herzogs von Weimar zu erheben, wozu man allerdings erst auf die '$eil.un9 und Rückkehr des geheimnisvollen Herrn von Zieritz warten müsse; dann sollten die Kleinodien Johann Friedrich und seinem Bruder Johann Wilhelm überliefert werden. Zur Bekräftigung ihrer seltsamen Erzählung wies die Dame dem Sekretär außer den zwei Schriftstücken auch ein Handfiegel vor, das dem von dem Gehörten ganz Benommenen aus massivem Gold zu sein schien.
Mit dieser Botschaft eilte der Sekretär zu seinem Herrn, der darüber so erfreut war, daß er die Herzogin von Cypern auf feine Kosten in Roßla unterbringen ließ und ihr nebst anderen Geschenken ein standesgemäßes Gewand sandte. Begierig, die interessante Fremde kennen zu lernen, begab er sich bald darauf zu ihr. Nun gab sich die Dame ihrem teuern Neffen als die totgeglaubte Tante selbst zu ertennenn, wofür sie eine Anzahl scheinbarer Beweise vorzubringen wußte. Sogleich wurde ihr das Schloß Grimmenstein bei Gotha als königlicher Witwensitz zugewiesen; der Herzog sparte auch in der Folge nicht an Geschenken für die vermeintliche Erbtante, und auch seine Gemahlin schrieb" ihr die liebevollsten Briefe. Ader obgleich alle Beteiligten sich verpflichtet hatten, zunächst noch das Geheimnis zu wahren, sickerte doch einiges durch, und der Herzog wurde vor der Fremden gewarnt, die schon ein ähnliches Spiel beim Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Liegnitz gespielt hatte. Doch dies konnte den Glauben Johann Friedrichs noch nicht erschüttern, der noch gefestigt wurde, als ihm die Dame auf seinen Wunsch bereilswilligst eine Schenkungsurkunde über die Schätze ausstellte.
Ader nun trat der Umschwung ein. Während einer längeren Abwesenheit des Herzogs versuchte die „Königin" einige Schwindeleien, die sie verdächtig machten. Auch traf eine Warnung des Herzogs Johann Wilhelm aus Paris ein, man solle der Fremden nicht trauen, und das gerade in dem Augenblick, als sie für den Undankbaren einen liebenswürdigen Brief an den König von Frankreich schrieb, er möge ihr seine Tochter vermählen. Immerhin begann man ihr in Thüringen nun doch etwas zu mißtrauen, so daß man diesen Brief, der den Herzog dem Gespött aller Höfe preisgegeben hätte, nicht abgehen ließ. Inzwischen war auch ein Abgesandter des Herzogs von Jülich-Cleve in Weimar mit der Aufforderung erschienen, die angebliche Anna von Cleve zu verhaften. Nun ging es mit der fürstlichen Herrlichkeit der Abenteuerin schnell bergab. Unter strenger Bewachung in Tenneberg gefangen gehalten, in wiederholten Verhören befragt, gab sie endlich unter Tränen zu, sie sei eine Gräfin von Dftfrieslanb und nicht die Ex-Königin Anna, zu welcher Rolle sie Wilhelm von Zieritz überredet habe, der ihr auch die von ihr vorgewiesenen, ihrem Glauben nach echten Papiere übergeben habe; dieser, der dann bei einem späteren Verhör nach der Mischung eines Liebestrankes zu ihrem Gemahl avancierte, habe die Schätze der Königin in Verwahrung. Aber auch diese Version ihres Lebensromans wie so manche andere in der Folgezeit von ihr vorgebrachte, erwies sich als unwahr, und schließlich tat man, was man in der damaligen Zeit immer tat, wenn man ein Geständnis erreichen wollte: man drohte ihr mit der Folter und ging von der Drohung zur Tat über. Die Unglückliche, zweifellos unter dem Zwang krankhafter Lügenhaftigkeit stehend, ersann Märchen auf Märchen, in denen sie sich bald als die uneheliche Tochter des Herzogs von Cleve, bald als die Trägerin anderer bekannter Adelsnamen, immer aber als eine Vertraute der Königin Anna hinstellte. Befragt, warum sie nicht gleich die Wahrheit eingestanden, erzählte sie, sie habe einen furchtbaren Eid beim Teufel schwören müssen, daß er kommen und sie erwürgen möge, wenn sie ihr Schweigen jemals brechen würde.
Schließlich wurde man der ewigen Verhöre müde und schloß die umfangreichen Akten über diesem verworrenen, ungeklärten Fall, indem ihnen eine Aufstellung aller Kosten, welche die Fremde dem leichtgläubigen Herzog an Geschenken, Unterhalt und Reisen verursacht hatte, als tragikomisches Endkapitel beigefügt wurde. Sie beliefen sich auf fast 500 Gulden, und es ist daher immerhin begreiflich, daß diese Auslagen statt der erhofften großen Schenkung neben der Furcht vor dem Gelächter aller um den Prozeß Wissenden den Herzog so erbitterten, daß er die Urheberin seiner Enttäuschung auf Schloß Tenneberg in einem gewölbten Gefängnis in strengem Gewahrsam hielt. Später stellte man nach langen mühevollen Nachforschungen fest, daß die ptjantafiebegabte Abenteuerin, in Wahrheit die Tochter eines Grafen gewesen ist und den Posten einer Kammerfrau der Königin von England bekleidet hat, woher ihre verblüffende Kenntnis vieler persönlicher Einzelheiten und der Besitz gewisser Dokumente und Wertsachen stammten.
Es scheint, daß diese Frau, die mit ihrem maßlosen Gettungsbedürs- nis und ihrer hemmungslosen Phantasietätigkeit wohl eher vor bas Forum der Psychologen als der Juristen gehört hat, bis an ihr Lebensende eingekerkert geblieben ist. So endigt dieses wirre Leben, das sich nicht genug tun konnte an erdichtetem Glanz, in der verzweiftungsvollen Eintönigkeit enger Gefängnismauern.
Hühnerjagd im Herbst.
Von Thilo v. W i 1 d u n g e n.
Ein Hühnervölkchen saß im Klee Am ersten Tag der Jagd.
Da sprach der Hahn: „Mir wird so weh. Es träumt mir diese Nacht, Mir träumt, mit uns da wär's vorbei, Es räch' nach Pulver und nach Blei. Kommt, Kinder, küßt mich, eh' wir geh'n, Wer weih, ob wir uns Wiedersehn!"
(Altes Jägerlied.)
Die ersten bunten Blätter lugen aus dem tiefgrünen Laub der Bäume, Der Spätsommerwind reitet über die Stoppelfelder. Heiße Hundstags- fonne brennt hernieder auf eine Fülle farbenprächtiger Herbstblumen, die vor dem Scheiden ihre farbenfrohen Kleider angelegt haben. Für den Weidmann aber beginnt morgen die Feldhühnerjagd. Das Jagdzeug wird zurechtgelegt, und mit der guten leichten Hühnerflinte einmal Anschlag geübt. Mein laubfarbiger Stichelhaariger, der brave Nimrod, geht mir nicht von der Seite. Mit braunen, treuen Lichtern und schief gehaltenem Kopf schaut er mir zu. Er weiß, es geht etwas Besonderes vor und auch für ihn wird es wieder einmal langersehnte Arbeit geben. Ein lieber alter Kriegskamerad, mit dem ich morgen die ersten Rebhühner weidwerken will, weilt bei mir. Das Abendessen würzen gemeinsame Jagderinnerungen, und in der alten Geisblattlaube fitzt es sich köstlich bei gut gekühltem Mosel und einer duftenden Brasil. Wunder-


