Ausgabe 
16.9.1929
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1929

Montag, -en. September

Nummer 72

Am Wege.

Von Edmund Finke.

Hast du jener Kirche dunkles Dämmern schon vergessen und den Engelchor: Oh, noch hör ich unsre Herzen hämmern ... und der schwarze Beichtstuhl steht davor.

Hast du unsre herbstdurchglühten Wege schon vergessen und den ersten Traum, Strom und Sonne sanken süß und träge hinter einen goldnen Birkenbaum.

Du mein Anfang du und du mein Ende, sei mir wieder Weg und Ziel und Licht, sei mir Ewigkeit und Nacht und Brände,

sei mir wieder Gnade und Gericht. Reich mir wieder deine kleinen Hände, Liebste ... und vergiß mich nicht ...

Erinnerung an einen alten Lehrer.

Von Robert Neumann.

Das war nur der Wind. Das Fenster klirrte, und jetzt bist du erwacht. Fröstelt es dich vor der fahlen Nacht? Hast du Angst, noch einmal nieder­zutauchen in Traumgestrüpp? Dann rück nahe an meine Seite, Frau, und lehn deine Wange an meinen Arm. Ich will dir von einem Bild erzählen, von einem Gesicht, von einem Menschengesicht, das seit sieben Tagen wieder durch meinen Schlaf schwebt, hergeholt, hergezerrt durch die verwirkte und verfallene Zeit.

Er hieß Essig, Professor Essig, und mit Vornamen Adolar, was an sich schon lächerlich ist. Er sollte uns in Latein unterrichten, und das tat er anders als die anderen Lehrer.

Einmal sagte er:Ihr sollt erkennen, wie schön diese Sprache ist! Promontorium, das heißt: das Vorgebirge. Promontorium seht ihr cs nicht vor euch?" Was ebenfalls an sich lächerlich war.

Sage ich noch, daß er ein ganz dürrer Mann mit sehr ärmlicher Kleidung war, klein, mit Riesenfüßen, mit einer Ricsennase, mit einer Riesenbrille vor kurzsichtigen Augen, mit einer spiegelnden Glatze und einem suchsroten Spitzbart nein, er war nicht der, bei dem scchsund- dreißig dreizehnjährige Rangen die lateinische Sprache erlernen.

Und als damals der Direktor in seine Stunde kam, weil über unserem Trappen drunten im Konserenzzimmer die große Deckenlampe niederzu­stürzen drohte, und als bei dieser Gelegenheit sich erwies, daß der Rücken von Professor Essigs dürftigem Anzug mit frischen Tintenflecken und allerlei angchefteten Zetteln und Schleifen verunziert war (denn er pflegte während des Vortrags zwischen den Bankreihen auf- und niedcrzugehen) da also all das aufkam und Essig seinem Sträuben zum Trotz (Das ist gegen meine pädagogischen Prinzipien!", versuchte er einzuwenden) den Auftrag erhielt, von nun ab jede Misfetat gegen seine Person exem­plarisch zu strafen, änderte sich nidjf viel. Denn da wir alsbald heraus­gebracht hatten, daß im Grunde genommen nicht der Missetäter, sondern der magere Mann mit dem Spitzbart es war, der unter solcher Bestrafung litt, und da er überdies stillschweigend, ja mit einem Zwinkern des Ein­verständnisses darüber hinwegging, wenn seine Strafbefehle keine Aus­führung fanden, waren die schließlich nur ein Anlaß mehr zu Unfug und Uebermut.

Nun war ich damals ein sehr kränkliches Kind, klein, schmal, häßlich und überreizt, und ob es nun das Bedürfnis war, bei den kräftigeren und zum Teil schon mit männlicher Stimme redenden Kameraden endlich einmal mich in Geltung zu setzen, ob es dieses Bedürfnis war oder viel­leicht auch nur das Bedürfnis, böse zu handeln, Schmerz zu bereiten, wie es gerade bei sehr kränklichen und weichherzigen Kindern mitunter auf­tritt ich streute eines Tages vor Essigs Stunde gezählte hundert Stück Knallkapseln auf den Boden des Ganges zwischen den Sitzreihen, auf den Rückzugsweg zum Katheder und den weiteren zur Ausgangstür, so plan­voll verteilt, daß der milde Mann, nachdem er einmal auf die erste Kapsel getreten war, tief erschreckt mit aufgerissenen Augen fast weinend in einem lächerlich hüpfenden Jndianertanz durch das Zimmer raste, von dem Maschinengewehrgeknatter der unter seinen Sohlen sich entladenden Kapseln und von unser aller brüllendem Gelächter gleicherweise begleitet.

Ehe Essig sich gefaßt und ehe er noch ein Wort zu fragen vermocht hatte, stand ich auf und sagte:Ich war das. Ich." Ich erinnere mich, daß der Dürftige nicht sogleich antwortete. Neben der Tür stand er, tief er­

blaßt, stand da zitternd in seinem abgetragenen Anzug und schwieg. Es dauerte wohl drei oder vier Minuten, bis er sich ein wenig gefaßt hatte.

Quod ferrum non sanat, ignis sanat, sagte er leise,aber dieser. Satz gehört erst in den Stoff des zweiten Semesters. Du weißt nicht, was du getan hast, mein Kind. Setz dich nieder."

Es war wohl noch das Weinen, dagegen ich kämpfen mußte, das mich antrieb und zwang, den Mann mit der Riesennase weiter zu quälen. Ich habe eine Strafe zu bekommen", sagte ich schroff.Ich will meine. Strafe."

Er schwankte. Dann faßte er sich und indes hinter den großen Brillen­gläsern seine kurzsichtigen Augen baten, zwinkernd im Einverständnis, sagte er mit gefestigter Stimme:Du wirst morgen eine Bestätigung bringen, von deinen Herren Eltern oder ihren Stellvertretern unter­schrieben, eine Bestätigung, daß du ihnen den Vorgang gemeldet hast und einer häuslichen Züchtigung unterzogen worden bist." Er zwinkerte.

Aber es trieb mich, ihn weiter zu quälen, und so sagte ich stramm; Gut, Herr Professor, ich werde die Bestätigung bringen."

Ich sah, wie er erschrak. Ich sah, wie er mir fassungslos in die Augen schaute. Er zwinkerte. Aber ich wiederholte:Ich werde die Bestätigung bringen."

Da war es um den Rest feiner Haltung geschehen.Rach der Stunde reden wir weiter", sagte er leise.

Wie dieses Gespräch unter vier Augen dann im einzelnen ablief, kann ich nicht sagen. Er sagte:Du mußt dieses eine Mal noch die Bestätigung nicht bringen." Er sagte:Bring die Bestätigung nicht!" Ja er sagte:Ich bitte dich, Kind: bring die Bestätigung nicht. Deine Eltern werden sich kränken. Deine Eltern werden dich schlagen."

Aber ich verhärtete mich gegen ihn und sagte:Sie haben es frühex selbst befohlen. Ich will meine Strafe."

Wie das ausging? Das ging so aus, daß er zu schluchzen begann. Ja, er schluchzte mit einemmal wie ein Kind es werden wohl nur feine; schwachen Nerven gewesen {ein. Und auch ich konnte da wieder meinen, und dann ging ich nach Hause und habe die Bestätigung nicht gebracht.

In dem dann folgenden Jahr bekamen wir einen anderen Lehrer, und ein Gespräch hatte ich mit Professor Essig erst vier Sommer später, als wir alle schon tiefe Stimmen hatten und in seine Tochter verliebt waren. Seine Tochter, Elisabeth hieß sie, war damals achtzehnjährig, ein heiteres, groß gewachsenes Mädchen, vollbusig und blond.

Ich wußte, daß sie immer gegen sieben Uhr abends quer durch den Stadtpark nach Hause ging, und in der Kühnheit wacher Träumereien, wie man ihnen in diesem Alter nachzuhängen beginnt, hatte ich mich in den Entschluß verbissen, eben im Park dieser Elisabeth Essig aufzulauern und sie anzusprechen, wie das so unter den älteren Gymnasiasten und unter den Hochschlllern im Schwange war. Ich zog also eines Abends meinen guten Anzug an, einen steifen Kragen, meine neue Krawatte^ den Hut schob ich mir verwegen zurück, und mein Stöckchen zwischen den Fingern wirbelnd wartete ich.

Ich wartete nicht vergebens. Elisabeth kam. Sie kam nicht allein. Eng eingehängt in einen kleinen, kurzsichtigen jungen Mann mit großer Brille und großen Füßen, strich sie, zwitschernd in heiterem Zwiegespräche, ganz nahe an mir vorüber, ohne mich zu sehen, und war verschwunden.

Anderen Tages, während der großen Pause, trat ich auf Professor Essig zu und sagte mit einer kürzlich mir erst zugewachsenen Wortge­wandtheit:Herr Professor ein Wort unter Männern. Ich sah gestern abend Ihre Tochter Elsiabeth Arm in Arm mit einem jungen Manne mit Brille. Nach sieben Uhr. Jrn Park. Sie gingen in der Richtung gegen Ihre Wohnung. Unter Männern ich glaube, Sie warnen zu sollen."

Der Mann mit der Glatze schaute mir fassungslos in die Augen.Ich danke Ihnen", sagte er leise.Der junge Mann mar mein Sohn. Er studiert in Jena. Er hat ein Stipendium. Er ist zu Besuch gekommen." Er wiederholte:Ich danke Ihnen für Ihre Warnung. Sie haben es sicher sehr gut gemeint." Er brach ab und errötete tief. Er schämte sich. Er schämte sich für mich. Von da ab bin ich ihm ausaernichen.

Das wurde mir leicht. Denn ich ging dann auf eine andere Schule. Und dann kam der Krieg. Einmal sah ich ihn noch, auf der Straße zuist Bahnhof, da ging er mit lächerlich langen Schritten neben einem Marsch­bataillon und suchte gleichen Schritt zu hallen mit jenem Sohn, der, itt derb-steifer Uniform mit Gewehr und großem Tornister bepackt, den Transportwaggons zustrebte.

Dann sah ich ihn noch einmal, da ging er es mar Winter ohne Ueberrock ganz langsam eine teere Gasse entlang und redete mit sich selbst. Sein Sohn sei gefallen, hörte ich. Und er sei sonderbar geworden, und man habe ihn pensioniert

Dann faßte mich selbst die Welle und spülte mich aus der Stadt und dahin und dorthin, und darüber kann man einen kleinen Mann, der Adolar Essig heißt, wohl vergessen.

Vor sieben Tagen, Frau, habe ich ihn wiedergesehen. Ihn ober nicht ihn. Ich hatte da zehn Minuten zwischen der Generalversammlung