Ausgabe 
16.8.1929
 
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Der Stadtpfeifer.

Von Wilhelm Heinrich Riehl.

(Fortsetzung.)

Auch Frau Christine wurde etwas milder gestimmt gegen den Frem­den. Sie hielt zwar sein« sämtlichen Historien für erlogen, aber für gut erlogen. Der Mann schien es ihr zu einer solchen Tüchtigkeit im Lügen gebracht zu haben, daß sie zuletzt einen gewissen Respekt vor ihm bekam.

Seht." spractz er zu dem Ehepaar, als der Stadtpfeifer wieder zu­rückkam,dort liegt ein großer Stoß Noten; wir setzen ihn auf die Erde; er ist mein Kopfkissen, und weiter brauche ich nichts für die Nacht. Ich wickle mich in meinen weitschößigen Rock, empfehle meine Seele dem heiligen Franziskus und dem heiligen Antonius und schlafe heute auf dem Fußboden so gut, wie gestern im weichen Klosterbett. Wer müd' ist, ruht auch auf einem Misthaufen sanft. Ich hätte wohl zu einem der Hofmusiker gehen können, allein ich niag es nicht. Im Vertrauen, Freund, ich komme hierher mit guten Empfehlungen als Bewerber um die erledigte Hofkapellmeisterstelle" (Lüg du dem Teufel ein Ohr ab! dachte Frau Christine im stillen Sinn)und da müßten meine Leute doch vorweg den Respekt vor mir verlieren, wenn ich in diesem Aufzuge bei einem von ihnen einsprechen würde. Stadtpfeifer, ich werfe mich in deine Arme. Ich fragte gestern im Kloster Arnstein die ehrwürdigen Brüder: .Wer ist unter allen musikalischen Männern Weilburgs der geradeste, zuverlässigste, neidloseste?' Da erwiderte der witzige Pater Placidus: ,Der zum Höchsten gesetzt ist unter den Mu­sikern der Stadt, der Stadtpfeifer oben auf dem Schloßturm.' Darauf beschloß ich, bei Euch Quartier zu nehmen, Euch mich anzuvertrauen. Mir fehlt das Kleid, das den Mann macht. Stadtpfeifer, Ihr müßt mir morgen früh Euern Staatsrock leihen, denn ich muß mich alsbald dem Fürsten vorstellen lassen."

Was? den ziegelroten Rock, den die ganze Stadt kennt?" rief Christine starr vor Staunen.

Richtig, den ziegelroten Rock meine ich", fuhr Neubauer kaltblütig fort.Doch das wollen wir morgen früh weiter besprechen beim Kaffee oder ich sehe es der Hausfrau an Ihr seid noch von der alten Mode bei der Milchsuppe."

Der Stadtpfeifer saß wie verzaubert. Gegenüber diesem tollen lieber« mut voll genialer Blitze fühlte er sich recht als Philister, und da ihm Neubauer gar erzählte, daß er meist im Walde, auf der Gasse, wohl gar in der Gosse, am allerliebsten aber im Wirtshause komponiere betrunken oder nüchtern, gleichviel, da hätte er weinen mögen über sein ehrliches, ängstliches, erfolgloses Mühen hier oben auf der Turmstube.

Ich habe nie ausführen können was mir vorgeschwebt," bekannte er mit rührender Offenherzigkeit,und so sehr mich das Mittelmäßige ärgert, bin ich doch immer ein mittelmäßiger Mensch geblieben. Für mich ist mein Leben lang nur einmal etwas vom Himmel gefallen, und das war ein kleiner Bube und ein Laib Brot, die ich auf der Straße fand. Dort steht der Kleine er ist jetzt lang wie eine Hopfenstange und putzt seine Geige ab. Das ist das einzige, was mir je gelungen, daß ich ihn zu einem tüchtigen Geiger gemacht. Ich habe also doch etwas mehr als Mittelmäßiges vollbracht auf Erden, darum werde ich in dem Buben meinen Frieden finden."

Es ist wahr," sagte Neubauer selbstgenügsam,der Junge ist von gutem Korn und gut geschult; aber er muß hinaus in die Welt, nach Wien, nach Italien, damit er den Gesang lerne und Eleganz und Fein­heit des Satzes und in alle Geheimnisse der Kunst eingeweiht werde von den größten Meistern selber."

Das war längst mein höchster Wunsch," erwiderte der Stadtpfeiser, aber"

Ich weiß, was weiter kommt. Ihr habt keine Gönner, kein Geld. Wartet einmal, ich will mir die Sache hinters Ohr schreiben bei Gott" und Neubauers Augen leuchteten aufder Bube ver- dient'sl Denkt an Franz Anton Neubauer, und heißt ihn einen Schuft, wenn ich Euerm Friedrich nicht den Weg nach Wien auftue. Zu Jo­seph Haydn mußt du gehen, Friedrich, dem König der deuffchen Mei­ster. Da lernt man Symphonien schreiben! Denkt an mich, Stadtpfeifer: ein Mann, ein Wort!"

Frau Christine flüsterte ihrem Manne zu:Laß dich von dem Prahler erheitern, aber glaub' ihm ja keine Silbe. Indes will ich ihm jedoch einen Strohsack auf den Boden legen, weil er sich heute abend so müde ge­logen hat."

Nur ein gereifter Musikus ist fertig, die anderen sind alle bloß halb gar gekocht", fuhr Neubauer fort.Wißt Ihr auch, daß ich vorigen Monat in-Bückeburg war und den Konzertmeister Bach, der gleich der meisten übrigen Bachischen Sippschaft niemals aus dem Nest geflogen ist, auf drei frei zu phantasierende Fugen herausgefordert habe?"

Nein, das tatet Ihr nicht!" rief der" Stadtpfeifer entschieden.Denn mit dem nehmen's in den Fugen nur noch seine Brüder auf, seit der Alte in Leipzig gestorben ist."

Sehr richtig. Ich habe auch Böcke über Böcke gemacht, und der gelehrte Herr spielte verzweifelt gründlich und hölzern. Denn niemals ist er weiter gekommen in der Welt als von Leipzig über Eisenach nach Bückeburg; nie hat er eine welsche Primadonna karessiert, um die Feinheiten des Gesangs zu ergründen. Er spielte verzweifelt gründ­lich, aber meine falsch gebauten Fugen waren doch ergötzlicher, und die feinsten Herren klatschten mir Beifall. Das Publikum entscheidet; das dumme Publikum gibt mir Essen, Trinken, Kleidung, Aufmunte­rung für die schlechteste Musik; von den klugen Kennern hat mir noch keiner ein Glas Wein oder eine Wurst für die beste gegeben. Uebrigens

habe ich mir nur einen Spaß mit dem berühmten Fugenfresser machen wollen."

Das war bübisch, das war frevelhaft", strafte der Stadtpfeifer eifrig. Wußtet Ihr auch, daß dieser Bach nicht bloß ein ehrwürdiger Meb fter, sondern zugleich der harmloseste, gutmütigste Mensch ist?"

Ganz gewiß. Wäre er nicht so gutmütig, so hätte er mich von einer Orgel heruntergeprügelt. Aber ein ungereifter Musiker ist er )och, und das wollte ich ihm zeigen. Gebt Ihr immerhin dem Alter eine Ehrwürdigkeit; ich will nur, daß man der Jugend auch ihren Mutwillen gönne."

Narren sind auch Leut'", sprach der Stadtpfeiser, sich entrüstet ab. wendend.

Und Ihr seid nicht der erste, der mich einen Narren nennt", fügte der junge Landstreicher hinzu mit selbstgenügsamem Lächeln.

Viertes Kapitel.

Es kam zu jener Zeit an jedem Sonntage ein Kapuziner von Weh. lar nach Weilburg, um den wenigen Katholiken des streng proteftanti- scheu Städtchens privatim die Messe zu lesen. Er war eine ehrliche Haut; auch die Protestanten hatten den gemütlichen Kuttenmann gern; vor allem aber liefen ihm die Kinder scharenweise nach. War er bei Laune, so konnte er stundenlang Anekdoten und Schnurren an einet Schnur erzählen, die, in seiner niederrheinischen Mundart vorgetragen, den Weilburgern doppelt possierlich klangen. So ward er zuletzt fast in allen Häusern bekannt und suchte sein Mahl bei Gastfreunden aller Art, bei Ketzern wie bei Rechtgläubigen. Selbst auf den Schloß- türm verirrte er sich mitunter; denn er kannte den Stadtpfeifer von den Jahren her, wo derselbe den Weg nach Wetzlar zweimal in der Woche nicht gescheut hatte, um das gefundene Kind großziehen zu können.

Am späten Nachmittage nach dem mit Neubauer so heiter ver. schwatzten Abend trat der Kapuziner wieder einmal in die Turm- ftube, grüßte freundlich und schaute sich neugierig nach dem Stadt­pfeifer um, der in Hemdärmeln am Fenster saß, im Gesangbuch lesend. Man hat Euch gar nicht in der Stadt gesehen, Kullmann", sprach der Kapuziner lächelnd.Ich dachte schon, Ihr seiet krank. Da hörte ich, daß wenigstens Euer ziegelroter Rock in der Stadt umherspaziere und großes Aussehen mache, und schloß nun, es möge Euch wohl gehen, wie Epaminondas, der auch zu Hause bleiben mußte, wenn er seinen Sonntagsrock einem fahrenden Musikanten gepumpt hatte; denn er besaß nur einen einzigen, wie Ihr und ich."

Der Stadtpfeifer erschrak über die mögliche Entweihung des Rockes, und der Kapuziner war sogleich bereit zu erzählen, was er gehört.

Einen schönen Lärm gab's vor einer Stunde im goldenen Löwen, als Neubauer in Eurem stadtbekannten ziegelroten Rock den Wein spürte. Zuletzt fing er gar Händel an mit einem seltsam kleinen frem­den Schneider, der ruhig seinen Schoppen trank, und da der Beleidigte ihm seine Grobheiten zurückgab, faßte der berühmte Maestro den Schnei­der beim Kragen, hängte ihn mit der Schlinge des Rockes an einen großen Haken neben der Tür und drosch bann mit einem Selterser- Wasserkruge auf das Schneiderlein los, bis der Henkel abbrach und der Krug in Scherben auf den Boden siel. Die Zuschauer lachten über dieses Bild, daß sie hätten bersten mögen. Ich horte im Vorbeigehen den Ju­bel, da wagte ich mich auf den Flur des Wirtshauses, um zu hören, was es gebe, und"

Und solch einen Gesellen hast du deinen ziegelroten Sonntags- rock anziehen lassen, Heinrich!" fiel Frau Christine ein.

Der Rock macht's allein nicht aus, obgleich der ziegelrote, mein Hochzeitsrock, seit achtzehn Jahren immer ein wahrer Ehrenrock gewesen ist", erwiderte gelassen der Stadtpfeifer.Aber nun will ich auch nicht mehr glauben, daß dieser Patron meinem Friedrich den Weg nach Wien auftun kann. Was war ich für ein Tor, daß ich eine Weile den Lügen und Prahlereien des liederlichen Buben traute!"

Wovon redet Ihr?" fragte der Kapuziner neugierig, und der Stadt­pfeifer erzählte ihm, wie Neubauer versprochen habe, seinem Friedrich zu einer Gönnerschaft zu verhelfen, daß derselbe nach Wien gehen und dort Schule machen könne.

Der Kapuziner zog ein ernsthaftes Gesicht, strich sich den langen Var! und sprach mit Gravität:Herr Stadtpfeifer, Leute, denen man's nich zutraut, können uns auch wohl empfehlen, daß es durchgreift, und es ist schon mancher bei Hofe weitergekommen durch die Protektion der Kam­merjungfer als durch die Protektion der Fürstin. Ich will Euch etwas erzählen. Vor ungefähr zehn Jahren war ein junger Maler in Köm, der hatte viel gelernt und wollte nach Paris gehen, um sich dort ein großes Stück Geld zu verdienen. Vier Wochen lang läuft er bei allen Baronen und Prälaten umher und bettelt sich ein ganzes Ledersäcklem voll Empfehlungsbriefe zusammen, und die zeigt er jedermann: .Seist, wer fortkommen will, der muß hohe Empfehlungen haben.'Wie ec nun eines Tages an der Martinskirche vorübergeht, da ruft ihm der Fuhrmann Müller aus seinem Häuschen zu: ,Herr Gevatter, Ihr wollt nach Paris gehen?' ,Ei freilich, soll ich Ihm was ausrichten? -7 ,Nein, aber Ihr werdet Empfehlungen brauchen; ich will Euch einen Bm! mitgeben. Sprecht morgen bei mir vor, bis dahin soll er fertig sein. -7 Der Maler versprach's und lachte. Ein Frachtfuhrmann wird auch dtt rechten Verbindungen in Paris haben! Nach drei Wochen sich"' ihn ein Zufall wieder an der Martinskirche vorbei; der Fuhrmans stand vor der Haustür und schirrte sein Pferd an. .Herr Genauen Ihr- habt ja Euern Empfehlungsbrief nicht abgeholt. Wartet ein M»» chen, ich bringe ihn gleich herunter.' Und ob der Maler wollte ooer nicht, er muhte das Schreiben nehmen und steckte es unbesehen tn nie Tasche.

(Schluß folgt.)

D«rantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Derlag: Brühl^scheLlniverjitätS-Duch- und Steindruck«r»i, 2k. L»ns». Dieße«-