Kurs quer über den See. Er riß iw5 Gewehr hoch, zielte, drückte ab — dus Ausbleiben des Schußes warf ihn saft um. Er hatte nicht geladen. Nun sah er Söri schon mit einem beinah haßerfüllten Blick an. Ohne weiteres trug sie die Schuld an alledem. Und es war gairz sonderbar, unglaublich fast, daß sie nicht lachte, sondern nach wie vor sein Gesicht, seine Hände und (ein Gewehr mit ruhigen, aufmerksamen Auzen streifte. Hastig, obwohl es zu spät war und seine Zweikronenköpfe bereits weit überin See verschwanden, lud er das Gewehr und hörte die Fernstechertruppe am Ufer, denen sein Nichtschietzen unbegreiflich war, schreien und zetern. Er sandte ihnen einen empörten Blick, da sah er, daß sie immer in einer bestimmen Richtung winkten, immer ein bestimmtes Wort riefen. Jetzt war auch Söri aufmerksam geworden, faßte ihn„ am Arm und flüsterte aufgeregt: „Young lommers, young lommers!"
Wahrhaftig, in einiger Entfernung schwamm eine einzelne ausgewachsene Somme in erregten Kreisen, tauchend, wieder hochschnellend, treibend, hastend, hetzend, in Todesangst, da sie das Boot zwischen sich und dem Ufer liegen und immer näher kommen sah. Dicht um sie geschart schwamm die junge Brut. Die Mutter trieb, jagte, stieß, ihr langer Hals war flach übers Wasser weit vorgestreckt und wie von Verzweiflung gezerrt. Jetzt hatte Thomas sie schon beinah erreicht, er ließ die Ruder streichen, hielt das Gewehr schußbereit und kniete im Boot.
Die Jungen tauchten unter, von der Mutter geführt. Gespannt starrte Thomas auf den Wasserspiegel. Da kam das erste hoch, es hatte die Richtung unter Wasser falsch bemessen, dicht beim Boot kam es herauf, gleich daneben ein zweites, ein drittes, gelbwollige, flaumige, kuglige Federbälle, die mit schwachen Schwimmfüßen das Wasser schlugen, peitschten, und deren winzige Flügelstümpfe zuckten und zitterten.
Eine alte erfahrene Somme weiß, was ein Boot ist. Was ein Jäger ist. Was ein Gewehr heißt. Sie weih, daß es den sichern Tod bedeutet, einem solchen Feind zu nahe zu kommen, und daß es kein Mittel gibt, ihn zu bekämpfen. Jetzt aber, als habe sie all dcks vergessen, als sei das Boot ein kleines schwach bewehrtes Wassertier, bäumte sie sich hoch au, überm Wasser, ging das Boot an, das zwischen ihr und ihren Jungen lag, vorstohend mit gerecktem Hals, und ergriff erst die Flucht, als Thomas mit dem Ruder nach ihr schlug. Da ging sie mit schwerem Seid und ermatteten Flügeln hoch, langsam in Kreisen abstreichend, und bot noch lange ein unfehlbares Ziel für des Jägers Gewehr. Der aber kniete noch immer und legte nicht an. Vom Ufer, wo die Fernftecher fuchtelten, wildes Geschrei. Jetzt war das erschöpfte Tier außer Schußweite. Die Jungen, von der Führerin verlassen, schwammen hilflos durcheinander und umkreisten das Boot, als suchten sie in ihm die Mutter, tauchten unter und kamen wieder hoch; mit zwei Schrotschüssen hätte man sie alle erledigt.
Vom Ufer schallten deutliche Rufe, schon schnappten d,e Stimmen über vor Eifer und Wut: „Feuern! Feuern!"
Aber Thomas schoß nicht. *
Sangfam, ohne ein Wort zu sagen, mit einem fast verbissenen Zug um den Mund, Söris Blikk meidend, drehte er das Boot mit der Spitze zum Ufer, ruderte zurück. Wie er dann anlegte, das Gewehr an Sand warf und das Sckiöpfgefätz ergriff, überfielen sie ihn von obenher mit wüstem Geschrei und Geschimpfe. „Drei Kronen hätte ich für die Alte gezahlt," schrie Haller, „vier Kronen! Diese Fehljagd!"
Auch Henrik schimpfte und fragte, der junge Haller, die Frauen, sogar Haakon Haakanson wiegte mißbilligend und betrübt den ernsthaft behaarten Schädel. Thomas drehte ihnen den Rücken zu im gleichmäßigen Auf und Rieder des Ausfchöpfens, er vertiefte sich so in diese Arbeit, als sei sie das Wichtigste auf der Welt, und gab keine Antwort. Was sollte er auch sagen. Ein Gefühl grenzenloser Vereinsamung stieg um ihn auf, während er das letzte Wasser aus dem Boden des Kahns kratzte. Kann man diesen Menschen, kann man den Menschen sagen, warum man etwas tut oder läßt? „Rein," sagte er sich kurz, „und nicht einmal stillschweigenden Respekt vor unseren Handlungen können wir von denen verlangen, die nicht das gleiche verspüren wie wir." Er sagte sich bas nicht so genau, aber er wußte im Augenblick, als er das Schöpfgefäß zu Boden warf, er wußte in diesem Augenblick fürs ganze Leben, daß es am besten sei, fremde Leute, die etwas nicht begreifen, einfach klipp und klar ohne Umschweife oder Bedenken anzulügen.
So kam es, daß er mitten in das allgemeine Gezeter hinein taut und vernehmlich sagte: „Was wollt ihr, es waren keine Lammen, es waren Enten!" Es entstand ein verblüfftes Stillschweigen über diese offensichtliche Lüge, und ihm schoß das Blut zu Kopf, da ihm jählings einfiel, daß er ja eine Zeugin habe, die ihn im nächsten Augenblick entlarven werde. „Enten?" schrie Haller plötzlich, und seine Stimme kippte um vor Empörung. „Enten — um diese Zeit," sagte Henrik achselzuckend. „Enten!" schrie alles durcheinander. — „Enten!" schrie Thomas aus- ftampfend, „Enten, Enten!" brüllte er in Hallers Gesicht. „Junge Enten, die man nicht schießen darf!" log er verzweifelt. — Da ertönte hinter ihm Söris Stimme, ruhig und gleichgültig fast, aber so, daß alle barau • hörten: „Ja — es waren Enten," sagte sie. „Es waren keine Lammen, da hat er recht," sagte sie. Thomas drehte sich nicht um. Ihm war als ginge ein heißer Strom über seinen Rücken. Langsam schritt er an der ganzen Gesellschaft vorbei, an der Hütte vorbei, am Holzstall vorbei und verschwand bergaufwärts im Wald. Man rief ihm nach, er hörte es nicht mehr. Feuchter Wacholder und Pilze rochen ihm entgegen. Irgendwo machte er halt, setzte sich auf einen vermoosten Felsblock und pfiff leise vor sich hin. ,
Als er zurückkam, war die Gesellschaft längst verschwunden. Die fahle Nordnacht machte den See schon matt und silbern. Henrik stieß gerade non Land, die srischgeflickten Netze im Boot, um sic weit drüben am Schilsuser auszulegen. Söri stand an eine Kieser gelehnt und sah ihm nach. Thomas trat neben diese Kiefer, machte den Finger krumm und klopfte an, wie man an eine Zimmertür klopft. Söri schaute noch auf -en See, wo gerade das Boot hinter der Insel verschwand. Thomas
versenkte seinen Blick tief in die Kiefernrinde: rötliche Schalen blätterten wie spröde Haut von der braunen, rissigen Borke.
Sehr tief schaute er in die Rindenrisse dieser Kiefer, sehr dicht war ein Kopf bei ihr, und sie umhauchte ihn mit einem Geruch, die Kiefer, der zärtlich war und bereit, lockend und von großer Wärme geschwellt.
Endlich sah sie ihn an. Lächelnd. Mit unruhigen Mundwinkeln. Er, Thomas, umfaßte ihr ganzes Gesicht mit großem, vollem Blick. Alle Unruhe war von ihm gewichen. Warm und stark rann es durch feinen Körper. Plötzlich faßte er ihre Hand und sagte: „Tat" — das fiel ihm ein. Ihre Augen lachten. „Es waren keine Enten," sagte sie, „cs waren Lammen." — „Ja," sägte er. „Aber ganz junge Lammen."
Sie nickte ernsthaft und gab keinen Laut, als er sie langsam an ich zog.
Heinrich der Löwe.
Von Dr. Franz Lüdtke.
(Nachdruck verboten.)
Wenn eine einzige Persönlichkeit in unserer Geschichte als Gründer ober Dteugrünber von bret beutschen Hauptstädten genannt und gefeiert wird, so muß hier schon ein geniales Wirken am Platze gewesen sein. Wenn diese drei Städte sich nun aber gar über das ganze deutsche Land verteilen, wie es bei Lübeck im Nordosten, Braunschweig in der Mitte, München im Süden der Fall ist, so dürfen wir den Mann rückhaltlos bewundern, dessen Wirken hier lebenschasfend gewesen ist. Es war Heinrich der Löwe, dessen Gedächtnis aus Anlaß feines 800. Geburtstages in Braunschweig wie in Lübeck und München gefeiert wird — bas aber vorn ganzen beutschen Volke gefeiert werben sollte.
Denn wir haben Grunb bazu, biefes Mannes in Dankbarkeit zu gebenten. Er gehört zu benen, bie richtunggebend geworden find für unsere gesamte Entwicklung.
„Hinrich be Leuw und Albrecht be Bar, Barto Freberik mit bem roben Haar, Dat waren bree Heeren, De künden de Welt verkehren."
So urteilen die Zeitgenossen über Heinrich den Löwen und seine Mit- und Gegen pieler auf dem Schachbrett der europäischen Geschichte.
Albrecht der Bär hatte die Rolle eines, der „bie Welt verkehren konnte" kaum gehabt, auch wenn seine Bedeutung für Brandenburg unb ben Osten groß war. Friebrich Rotbarts Streben noch einem deutschen Kaisertum über das Abend- und Morgenland mußte scheitern; auch er kehrte die Welt nicht um. Heinrich bem Löwen gelang es, ein Werk zu schaffen, auf besten Funbament wir heute noch bauen, unb ohne bas auch unser heutiges Deutschlanb nicht bentbar ist.
Bor seiner herrlichen, uns in ihrer Einfachheit, Kraft unb Schönheit immer wieber ergreifenben Burg Dankwarberode in Braunschweig hat er ben bronzenen Löwen errichtet, als Ausdruck unb Sinnbild seines eigenen Wesens. Man muß bas Kunstwerk geschaut haben; man muh in bie noch heute funfelnben Augen — von ben Burgsenstern aus — geblickt haben, um zu erkennen, was dieses edle Tier bedeutet. Und man muß überlegen, wohin der Löwe ben drohend geöffneten Rachen wendet: bem Osten zu. Der weite. Raum bes Ostens ist bas Feld der staatsmännischen Arbeit Heinrichs des Löwen geworden; ohne die Wiedergewinnung des Ostens jenseits der Elbe hätte es kein Deutfch- ^Schon^ein anderer Heinrich hatte das erkannt, einer, der 200 Jahn vor ihm gelebt: Heinrich I. der Deutsche, ben man recht unzulänglich auch den Finkler, Vogelsteller oder Städtebauer nennt; und ber doch zu den wahrhaft schöpferischen Gestalten des Deutschtums, zu ben wirklich Großen zählt. Ihm verdanken wir es, daß er dem sich m innerlichen Kämpfen verzehrenden „Volk ohne Raum" Lebensmoglich- keit und Lebensraum im Osten wies; jetzt vor eintausend Jahren ist es gewesen, unb die Städte Meißen, Lenzen (Elbe) und Brandenburg (Havel) haben ber Tage gebucht, an denen nach slawischer Ueberstem- bung ihre beutsche Geschichte von neuem begann. Denn in ber Völkerwanderung waren die einftmals germanischen Gebiete zwischen Elve unb Weichsel bem aus Osteuropa vordringenden Slawentum zum Opfer gefallen. _ .
Heinrich I. der Deutsche und sein Sohn Otto der Große suchten ihrem Staat und Volkstum das Entrissene zurückzugewinnen, bis dann Rückschläge tarnen und alles schon Errungene in Frage stellten.
Da begann mit Heinrich dem Löwen, Herzog van Sachsen uno Bayern, die faustische L-chöpfting deutschen Neulandes im Osten.
So viel ist sicher, daß Heinrichs Geburtstag in bas Jahr 1129 faui, ber Tag ist ungewiß, es werden verschiedene Daten genannt. Aber wes tut für uns dieser Tag! Wir dürfen froh sein, daß vor nunmehr »w Jahren ein wahrhaft Großer bas Licht beutschen Lebens erblickte.
Ihm gelang die schwierige Zusammenfassung der niedersachffl Stämme in den Heiden, Wäldern und Bergen zwischen
Hier schuf er sich in unzähligen Kämpfen den starken Oststaat, dck nun die Fahne des Deutschtums im Wendenland jenseits der Elbe i)i I sollte. So reifte die größte unb weltgeschichtliche Tat bes Niedersacy!^ tums heran: die Kolonisation des deutschen O st e n s.. folgte die Germanisierung Mecklenburgs und der Oberlande, womit Auftakt zur weiteren Eindeutfchung ber Dftfeetiiften bis Livland t) auf gegeben war. Noch jetzt wird im ganzen Norden unseres Vai- , lanbes, im Nordosten wie im Nordwesten, niedersächsische J-mi gesprochen. . .
Merkwürdig: diese Großtat Heinrichs des Löwen unb feines zso« ist im Bewußtsein der Nachwelt fast nergeffen worden, wahrend i Konflikt mit Kaiser Friedrich Barbarossa m M Schulgefchichtsbuch zu finden ist. Warum er in Italien feinen unb Freund Friedrich verließ unb ihm die Heeresfolge versaglk, i


