emporrief: „Soll das heute einmal wieder gar kein Ende nehmen?" Der Ton der Stimme war dabei unwillig, aber nicht hart ober beleidigend. Die Violine verstuinmte, ehe noch die Rede zu Ende war. Der Mann ging ins Haus zurück, das Giebelfenster schloß sich, und bald herrschte eine durch nichts unterbrochene Totenstille um mich her. Ich trat, mühsam in den mir unbekannten Gassen mich zurechtfindend, den Heimweg an, wobei ich auch phantasierte, aber, niemand störend, für mich im Kopfe.
Die Morgenstunden haben für mich immer einen eigenen Wert gehabt. Es ist, als ob es mir Bedürfnis wäre, durch die Beschäftigung mit etwas Erhebendem, Bedeutendem in den ersten Stunden des Tages mir den Rest desselben gewissermaßen zu heiligen. Ich kann mich daher nur schwer entschließen, am frühen Morgen mein Zimmer zu verlassen, und wenn ich ohne vollgültige Ursache mich einmal dazu nötige, so i)abe ich für den für den übrigen Tag nur die Wahl zwischen gedankenloser Zerstreuung ober selbstquälerischem Trübsinn. Sa kam es, baß ich durch einige Tage den Besuch bei dem alten Manne, der verabredetermaßen in den Morgenstunden stattfinden sollte, verschob. Endlich ward die Ungeduld meiner Herr, und ich ging. Die Gärtnergasse war leicht gefunden, ebenso das Haus. Die Töne der Bioline ließen sich auch diesmal hören, aber durch das geschlossene Fenster bis zum Ununterscheidbaren gedämpft. Ich trat ins Haus. Eine vor Erstaunen halb sprachlose Eärtnersfrau wies mich eine Bodentreppe hinauf. Ich stand vor einer Niedern und halb schließenden Türe, pachte, erhielt keine Antwort, drückte endlich die Klinke und trat ein. Ich befand mich in einer ziemlich geräumigen, sonst aber höchst elenden Kammer, deren Wände von allen Seiten den Umrissen des spitzzulaufenden Daches folgten. Hart neben der Türe ein schmutziges, widerlich verstörtes Bett, von allen Zutaten der Unordentlichkeit umgeben; mir gegenüber, hart neben dem schmalen Fenster, eine zweite Lagerstätte, dürftig, aber reinlich und höchst sorgfältig gebettet und bedeckt. Am Fenster ein kleines Tischchen mit Notenpapier und Schreibgeräte, im Fenster ein paar Blumentöpfe. Die Mitte des Zimmers von Wand zu Wand war am Boden mit einem dicken Kreidenstriche bezeichnet, und man kann sich kaum einen grelleren Abstich von Schmutz und Reinlichkeit denken, als diesseits und jenseits der gezogenen Linie, dieses Aequators einer Welt im kleinen, herrschte.
Hart an dem Gleicher (b. h. Aequator; gemeint ist ber Kreibestrich) hatte ber alte Mann fein Notenpult hingestellt unb staub, völlig unb sorgfältig gefleibet, bavor unb — exerzierte. Es ist schon bis zum Uebelklang so viel von ben Mißklängen meines unb, ich fürchte beinahe, nur meines Lieblings bie Rebe gewesen, baß ich den Leser mit ber Beschreibung dieses höllischen Konzerts verschonen will. Da bie Uebung größtenteils aus Passagen bestaub, so war an ein Erkennen ber gespielten Stücke nicht zu beuten, was übrigens auch sonst nicht leicht gewesen sein möchte. Einige Zeit Zuhörens ließ mich endlich den Faden durch dieses Labyrinth erkennen, gleichsam die Methode in der Tollheit. Der Alte genoß, indem er spielte. Seine Auffassung unterschied hierbei aber schlechthin nur zweierlei, den Wohlklang und ben Uebelklang, von denen der erstere ihn erfreute, ja entzückte, indes er dem letzteren, auch dem harmonisch begründeten, nach Möglichkeit aus dem Wege ging. Statt nun in einem Musikstücke nach Sinn und Rhythmus zu betonen, hob er heraus, verlängerte er die dem Gehör wohltuenden Noten unb Intervalle, ja nahm keinen Austanb, sie willkürlich zu wieberholen, wobei sein Gesicht oft ge- rabezu ben Ausdruck ber Verzückung annahm. Da er nun zugleich bie Dissonanz so kurz als möglich abtat, überbies bie für ihn zu schweren Passagen, von denen er aus Gewissenhaftigkeit nicht eine Note fallen ließ, in einem gegen das Ganze viel zu langsamen Zeitmaß vortrug, so kann man sich wohl leicht eine Idee von der Verwirrung machen, die daraus hervorging. Mir ward es nachgerade selbst zuviel. Um ihn aus feiner Abwesenheit zurückzubringen, ließ ich absichtlich den Hut fallen, nachdem ich mehrere Mittel schon fruchtlos versucht hatte. Der alte Mann führ zusammen, seine Knie zitterten, kaum konnte er die zum Boden Siefentte Violine halten. Ich trat hinzu. „Oh, Sie sind's, gnädiger Herr!" agte er, gleichsam zu sich selbst kommend. „Ich hatte nicht auf Erfüllung Ihres hohen Versprechens gerechnet." Er nötigte mich, zu sitzen, räumte auf, legte hin, sah einigemal verlegen im Zimmer herum, ergriff dann plötzlich einen auf einem Tische neben der Stubentür stehenden Teller und ging mit demselben zu jener hinaus. Ich hörte ihn draußen mit der Gärtnersfrau sprechen. Bald darauf kam er wieder verlegen zur Türe herein, wobei er den Teller hinter dem Rücken verbarg unb heimlich roieber hinstellte. Er halte offenbar Obst verlangt, um mich zu bewirten, es aber nicht erhalten können. „Sie wohnen hier recht hübsch", sagte ich, um seiner Verlegenheit ein Enbe zu machen. „Die Unorbnung ist verwiesen. Sie nimmt ihren Rückzug durch die Türe, wenn sie auch derzeit noch nicht ganz über die Schwelle ist." — „Meine Wohnung reicht nur bis zu dem Striche", sagte der Alte, wobei er auf die Kreidenlinie in der Mitte des Zimmers zeigte. „Dort drüben wohnen zwei Handwerksgesellen." — „Unb respektieren biefe Ihre Bezeichnung?" — Sie nicht, aber ich", sagte er. „Nur die Türe ist gemeinschaftlich." — „Und werden Sie nicht gestört von Ihrer Nachbarschaft?" — „Kaum", meinte er. „Sie kommen des Nachts spät nach Hause, unb wenn sie mich da auch ein wenig im Bette aufschrecken, so ist dafür die Lust des Wiedereinschlafens um so größer. Des Morgens aber wecke ich sie, wenn ich mein Zimmer in Ordnung bringe. Da schelten sie wohl ein wenig und gehen."
Ich hatte ihn währenddessen betrachtet. Er war höchst reinlich gekleidet, die Gestalt gut genug für seine Jahre, nur die Seine etwas zu kurz. Hand und Fuß von auffallender Zartheit. — „Sie sehen mich an," jagte er, „unb haben dabei Ihre Gedanken?" — „Daß ich nach Ihrer Geschichte lüstern bin", versetzte ich. — „Geschichte?" wiederholte er. „9dj habe keine Geschichte. Heute wie gestern, und morgen wie heute. Uebermorgen freilich unb weiter hinaus, wer kann das wissen? Doch Gott wird sorgen, der weiß es." — „Ihr jetziges Leben mag wohl einförmig genug fein," fuhr ich fort; „aber Ihre früheren Schicksale. Wie
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es sich fügte" — „Daß Ich unter die Musikleute kam?" fiel er in bie Pause ein, bie ich unwillkürlich gemacht hatte. Ich erzählte ihm nun, wie er mir beim ersten Anblicke aufgefallen; den Eindruck, den die von ihm gesprochenen lateinischen Worte auf mich gemacht hätten. „Lateinisch" tonte er nach. „Lateinisch? bas habe ich freilich auch einmal gelernt ober vielmehr hätte es lernen sollen unb können. Loqueris latine?" („Sprichst du Lateinisch?") wandte er sich gegen mich, „aber ich könnte es nicht fortfetjen. Es ist gar zu lange her. Das also nennen Sie meine Geschichte? Wie es kam? — Ja so! da ist denn freilich allerlei geschehen; nichts Besonderes, aber doch allerlei. Möchte ich mir’s doch selbst einmal wieder erzählen. Ob ich's nicht gar vergessen habe. Es ist noch früh am Morgen", fuhr er fort, wobei er in die Uhrtasche griff, in der sich freilich keine Uhr befand. — Ich zog die meine, es war kaum 9 Uhr. — „Wir haben Zeit, und fast kommt mich die Lust zu schwatzen an." Er war während des letzten zusehens ungezwungener geworden. Seine Gestalt verlängerte sich. Er nahm mir ohne zu große Umstände den Hut aus der Hand unb legte ihn aufs Bette; schlug sitzend ein Bein über bas anbere und nahm überhaupt die Lage eines mit Bequemlichkeit Erzählenden an.
„Sie haben" — hob er an — „ohne Zweifel von dem Hosrate — gehört?" Hier nannte er den Namen eines Staatsmannes, ber in ber Hälfte bes vorigen Jahrhunderts unter dem bescheidenen Titel eines Bureauchefs einen ungeheuren, beinahe ministerähnlichen Einfluß ausgc« übt hatte. Ich bejahte meine Kenntnis des Mannes. „Er war mein Vater", fuhr er fort. — Sein Vater? des alten Spielmanns? des Bettlers? Der Einflußreiche, der Mächtige, fein Vater? Der Alte schien mein Erstaunen nicht zu bemerken, sondern spann, sichtbar vergnügt, den Faden seiner Erzählung weiter. „Ich war ber mittlere von drei Brüdern, die in Staatsdiensten hoch hinaufkamen, nun aber schon beide tot sind; ich allein lebe noch", sagte er und zupfte dabei an feinen fadenscheinigen Beinkleidern, mit niedergeschlagenen Augen einzelne Federchen davon herab- lesend. „Mein Vater war ehrgeizig unb heftig. Meine Brüder taten ihm genug. Mich nannte man einen langsamen Kopf; und ich war langsam. Wenn ich mich recht erinnere," sprach er weiter, unb babei senkte er, seitwärts geroanbt, wie in eine weite Ferne hinausblickenb, ben Kopf gegen die unterstützende linke Hand, — „wenn ich mich recht erinnere, so wäre ich wohl imstande gewesen, allerlei zu erlernen, wenn man mir nur Zeit und Ordnung gegönnt hätte. Meine Brüder sprangen wie Gemsen von Spitze zu Spitze in den Lehrgegenständen herum, ich konnte aber durchaus nichts hinter mir lassen, unb wenn mir ein einziges Wort fehlte, mußte ich wieder von vorne anfangen. So ward ich denn immer gedrängt. Das Neue sollte auf den Platz, den das Alte noch nicht verlassen hatte, unb ich begann stockisch zu werben. So hatten sie mir bie Musik, bie jetzt bie Freude und zugleich der Stab meines Lebens ist, geradezu verhaßt gemacht. Wenn ich abends im Zwielicht bie Violine ergriff, um mich nach meiner Art ohne Noten zu vergnügen, nahmen sie mir bas Instrument unb sagten, das verdürbe bie Applikatur (d. h. Fingersatz), klagten über Ohrenfolter unb verwiesen mich auf bie Lehr- ftunbe, wo bie Folter für mich anging. Ich habe zeitlebens nichts unb niemand so gehaßt, als ich damals die Geige haßte.
„Mein Vater, aufs äußerste unzufrieden, schalt mich häufig unb drohte, mich zu einem Handwerke zu geben. Ich wagte nicht zu sogen, wie glücklich mich bas gemacht hätte. Ein Drechsler ober Schriftsetzer wäre ich gar zu gerne gewesen. Er hätte es ja aber doch nicht zugelassen, aus Stolz. Endlich gab eine öffentliche Schulprüfung, der man, um ihn zu begütigen, meinen Vater beizuwohnen beredet hatte, den Ausschlag. Ein unredlicher Lehrer bestimmte im voraus, was er mich fragen werde, unb so ging alles vortrefflich. Endlich aber fehlte mir — es waren auswendig zu sagende Verse des Horaz — ein Wort. Mein Lehrer, ber kopfnickend unb meinen Vater anlächelnd zugehört hatte, kam meinem Stocken zu Hilfe und flüsterte es mir zu. Ich aber, ber das Wort in meinem Innern und im Zusammenhänge mit dem übrigen suchte, hörte ihn nicht. Er wiederholte es mehreremal; umsonst. Endlich verlor mein Vater bie Gebuld. .Cachinnum' (b. h. Gewieher, Gelächter), so hieß das Wort, schrie er mir bonnernn zu. Nun war's geschehen. Wußte ich das eine, so hatte ich dafür das übrige vergessen. Alle Mühe, mich auf die rechte Bahn zu bringen, war verloren. Ich mußte mit Schande aufstehen, und als ich, der Gewohnheit nach, hinging, meinem Vater die Hand zu küssen, stieß er mich zurück, erhob sich, mochte der Versammlung eine kurze Verbeugung und ging. ,Ce gueux" (dieser Lump) schalt er mich, was ich damals nicht war, aber jetzt bin. Die Eltern prophezeien, wenn sie reden! Uebrigens war mein Vater ein guter Mann. Nur heftig unb ehrgeizig.
„Von diesem Tage an sprach er kein Wort mehr mit mir. Seine Befehle tarnen mir durch die Hausgenossen zu. So kündigte man mir gleich des nächsten Tages an, daß es mit meinen Studien ein Ende habe. Ich erschrak heftig, weil ich wußte, wie bitter es meinen Vater kränken mußte. Ich tat den ganzen Tag nichts als meinen unb dazwischen jene lateinischen Verse rezitieren, die ich nun aufs Und wußte mit ben vorhergehenden und nachfolgenden dazu. Ich versprach, durch Fleiß den Mangel an Talenten zu ersetzen, wenn man mich noch ferner die Schule besuchen ließe, mein Vater nahm aber nie einen Entschluß zurück.
„Eine Weile blieb ich nun unbeschäftigt im väterlichen Hause. Endlich tat man mich versuchsweise zu einer Rechenbehörde. Rechnen war aber nie meine Stärke gewesen. Den Antrag, ins Militär zu treten, wies ich mit Abscheu zurück. Ich kann noch jetzt keine Uniform ohne innerlichen Schauder ansehen. Daß man werte Angehörige allenfalls auch mit Lebensgefahr schützt, ist wohl gut und begreiflich; aber Blutvergießen unb Verstümmelung als Stanb, als Beschäftigung. Nein! Nein! Nein! Unb babei fuhr er mit beiden Händen über beide Arme, als fühlte er stechend eigene und fremde Wunden.
(Fortsetzung folgt.)
sche Univers itätS-Duch» und Etelkdruckerei, A. Lange, Gießen.


