Wir wissen heute, daß die beliebtesten Volkslieder der Zeit vor 1900 herabgesunkene und zersungene Kunstlieder vom Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts waren, wo sie, völlig nachgewiesen und belegt, die verschiedenen Musenalmanache zierten, oder daß' sie doch mindestens im sentimentalen, Rührung erregenden und gern schon romantischen Stile des 18. Jahrhunderts gedichtet waren, niemals aber im Stile der Kunstdichtung von 1900. Eines der weitaus beliebtesten deutschen Volkslieder der Gegenwart ist die rührselige und tränenreiche Liebesgeschichte:
Müde kehrt ein Wandersmann zurück Nach der Heimat, seiner Liebe Glück. Doch zuvor tritt er ins Gärtnerhaus Und kauft für sie noch einen Blumenstrauß usw.
Die Gärtnerin selbst ist die Geliebte; sie weint, weil sie die Treue gebrochen hat. Der Fremdling wandert wieder fort. In mancherlei zersungenen Varianten ist das Lied durch ganz Deutschland verbreitet und in Schlesien bei dem Aufrufe zur Volksliedsammlung 1909 bis 1910 allein dreihundertmal eingeliefert worden. Aber dieses "Volkslied ist nicht im Volke entstanden, sondern sein Verfasser ist Lebrecht Dreves, in dessen Gedichten, Berlin 1845, es auf Seite 180 ff. zu finden ist; sein Entstehungsjahr war 1836. Weitere der allerbeliebtesten Volkslieder der Gegenwart weisen uns in die Sphäre der Ritter- und Schauerromantik. Alles Schauerlich-Sentimentale hat die beste Aussicht, Volkslied zu werden. Es kommt" nicht so sehr darauf an, die einzelnen Kunstlieder aus den Musenalmanachen usw. zu eruieren, als vielmehr darauf, zu erkennen, daß eine ganz bestimmte Schicht der Kunstdichtung jetzt volkstümlich geworden ist und ein ganz bestimmter Stil.
Es ist niemals anders gewesen. Auch im 17. Jahrhundert bringen die allerdings stark volkstümelnden Lieder der Kunstpoesie in die Volksliedersammlungen ein. Lieder von Rist, Simon, Dach, Zesen u. a. stehen im „Venusgärtlein" neben älteren Volks- und Gesellschaftsliedern — ein typisches Bild! Die Lieder sind populär geworden, geraten in die Sammlungen und werden Volkslieder. Andere entstehen neu — in ihrem Stil. Sie sind das Vorbild. Das Volkslied des 14. und 15. Jahrhunderts zeigt zwar den freieren Blick und frischeren Geist dieser Form und Bindung sprengenden, langsam Persönlichkeit entwickelnden Jahrhunderte, aber im Grunde ist es doch nach Stil, Form, Stoffen und Motiven die gefundene ritterliche Standespoesie des 12. und 13. Jahrhunderts. Was im 14. Jahrhundert jener vielzitierte aussätzige Barfüßermönch vom Maine sang und was sofort Volkslied wurde — die Limburger Chronik überliefert uns davon ein Paar Notizen und Verslein — zeigt in Diktion, Inhalt und Form die Züge des Minnesangs. In der Technik der ritterlichen Poesie geformt, vom Standpunkt des ehemals ritterlichen konventionellen Liebesempfiudens gedichtet, sind diese Liebeslieder Volkslieder geworden, die man überall sang und pfiff. Das Liebeslied der Volkspoesie stammte eben vom Minnesang her. Die zwischen Minnesang und Volkslied bestehenden engen Beziehungen sind nicht anders als durch Abstammung des Volksliedes vom Minnesang zu erklären. Der Natureingang als unentbehrliches Requisit, der Liebestraum mit der Enttäuschung beim Erwachen, das verschlossene, verwundete, gefangene und brennende Herze, die Liebe als Krankheit, die Institution der bösen Merker, Neider und Klasser, die in dem niederen Milieu gar keine so notwendige Berechtigung hat, ganze poetische Gattungen wie das Tagelied, das Motiv vom gezähmten Falken und das Motiv von der Liebe als Jagd: diese und andere Dinge im Volkslied zeigen dessen Ursprung in der ritterlichen Standespoesie. In dem bekannten norddeutschen Springeldanzlied auf dem 17. Jahrhundert „Dat gelt hier jeden den Samer, jegen de leoe Samertiet" lebt Neidharts höfische Dorfpoesie weiter. Und noch fortdauernd sind dann Lieder kunstmähig gebildeter Männer, wie jener Barfüßermönch offenbar schon ein solcher war, Lieder von Schulmeistern, Meistersingern und von Geistlichen volksläufig geworden. Von einem historischen Volkslied spricht man am besten nicht. Jene Lieder historischen Inhalts, die wir so zu nennen pflegen, rühren von berufsmäßigen Literaten her und sind niemals volksläufig geworden; wurden sie doch volksläufig, so verloren sie alsbald jede historische Beziehung.
Von unseren alten Volksballaden sind heute nur noch wenige lebendig und kommen zu den oben erwähnten Volksliedern der Gegenwart als alte Erbstücke hinzu: so die „Linde im Tal", der „Graf am Rhein", das „Schloß in Oesterreich"; das alte Ullingerlied von „Ulrich und Aenncheu" ist zum Kinderliebe „Mariechen faß auf einem Stein" geworden. Auch diese ältere Volksballade an sich hat mit dem Volke zunächst nichts zu tun, sondern stammt aus höheren Sphären; darum auch sind die älteren Fassungen allemal die inhaltlich und formal schönsten und wertvollsten. Wir müssen eine ritterlich-höfische Ballade postulieren, wie sie für Dänemark belegt ist, und diese als das erste Ouellgebiet der Äolks- ballade betrachten. Und wieder, wie beim Minnesang, handelt es sich dann zunächst einfach um eine Uebermittlung von Formen und Motiven — mitsamt dem höfischen, mit dieser Dichtungsart verbundenen Reihentanz — an das Volk. Es gelangen durch dieses ritterliche Medium sogar Stoffe des alten Heldenliedes in die Volksballade, in die Gottfcheer Ballade von der „schönen Meererin" das Gudrunmotiv, wie früher in den „Jäger aus Griechenland" Motive aus hypothetischen Wolfdietrichsliedern; und so stehen die inzwischen ausgestorbenen „Volksballaden": das jüngere Hildebrandslied und „Konink Ermenrikes bot" mit bem erhaltenen älteren Hilbcbrandslieb unb ben ebdifchen Hambirstrophen in Parallele. Zieht man das Dänische zu Hilfe, so ergeben sich zuweilen alle drei Stilformen eines Motivs: Der Wiedergänger in den Schlußstrophen des alten Heldenliedes von Helgi und Sigrun, in der ritterlichen dänischen Ballade von Herrn Aage und in der verbürgerlichten deutschen Volksballade vom „Vorwirt". Spuren ritterlicher Motive und ritterlichen Milieus sind auch in der deutschen Volksballade noch lange vorhanden, Nachklänge ritterlicher Kreuzzugs- und Heimkehrmotive, ritterlicher Abenteuer und Minne; aber aus den Rittern werden Landsknaben, böse Fähndriche und Soldaten allmählich, unb jebes Verstänbnis für Hoch
herzigkeit unb Edelmut geht verloren. Goldene Ketten, die !m Minnedienst empfangen waren, machen gestohlenem Gelb Platz, für bas ber Knabe gehängt wird (Schloß in Oesterreich); die Sphäre von Schloß unb Burg weicht ber Wirthaussphäre, und aus den adeligen Abenteuern werden die Verbrechen des täglichen Lebens, Morde, Müllertücke, Stiefmutter- und Kindesmörderinmotive. Da die dänische ritterlich-höfische Val- lade das fortdauernde Interesse der Aristokratie auch an mythischen Stossen zeigt und dieses dänische Bild nur ein Abglanz eines zu postulierenden deutschen ist, so nimmt es nicht wunder, wenn auch die Volksballade gelegentlich mythische Stosse zeigt, freilich nur solche ber nieberen Art, wie Verwandlungen, Wechselbalgglaube und ähnliches. Aber man muß mit dieser Kategorie sehr vorsichtig umgehen: in der Ballade „Es blies ein Jäger wohl in sein Horn" handelt es sich weder um den wilden Jäger noch um die Holzweiblein, sondern um das ehemals ritterliche Motiv von der Liebe als Jagd. — Träger der Volksdichtung ist die Unterschicht der Kulturnation, die ihr Überkommene Gedichte alsbald zu Liedern macht und die Lieder alsbald zu Chorliedern, womit sie dem Gemeinschaftsgeiste Rechnung trägt. Gewiß können auch Angehörige dieser Unterschicht selbst, also „Leute aus dem Volke", nicht nur Träger, sondern auch Dichter von Volksliedern sein; aber -um Volkslieder handelt es sich dann nicht deshalb, weil ihre Verse von Leuten aus dem Volke sind, sondern es handelt sich um Volkslieder auch hier nur wieder in dem Fall, daß wirkliche Volksläufigkeit vorliegt. Es werden uns gelegentlich Wirte, Soldaten, Dorfmusikanten, junge Burschen, Gänsemädchen, Mägde, Waldarbeiter als Volksliederdichter genannt; besonders aus dem Böhmerwalde sind solche Volksdichter bekannt geworden. Aber diese Leute dichten ihre Lieder nach ihnen bekannt gewordenen literarischen Mustern, sie dichten sie im Stile der vorangegangenen unb nunmehr gesunkenen Kunstdichtung, natürlich nicht etwa im Stile der Kunstdichter ihrer Zeit, sonst wären sie Kunstdichter wie die Arbeiterdichter unserer Tage. Diese Volkslieder werden sich deutlich unterscheiden von den Kunstdichtungen unserer Arbeiterdichter auf der einen Seite, und sie werden sich deutlich unterscheiden vom primitiven Gemeinschaftslieb auf ber anbern. Sie stammen vom Kunstlied ab, aber vom Kunstlied vergangener Tage. Sie sind Jndividuallieder, wenigstens ursprünglich, nicht Gemeinschaftslieber.
Herbst.
Von Theobor Fontane.
Schon mischt sich Rot in ber Blätter Grün, Reseben unb Astern finb im Derblüh'n, Die Trauben geschnitten, ber Hafer gemäht, Der Herbst ist ba, bas Jahr wirb spät.
Und boch (ob Herbst auch) die Sonne glüht — Weg brum mit ber Schwermut aus beinern Gemüt! Banne die Sorge, genieße, was frommt, Eh' Stille, Schnee unb Winter kommt.
Oer arme Spielmann.
Erzählung von Franz Grillparzer.
(Fortsetzung.)
In der Gärtnergasse, hatte der alte Mann gesagt, wohne er. „Ist Hier in der 2kähe eine Gärtnergasse?" fragte ich einen kleinen Jungen, der über den Weg lief. „Dort, Herr!" versetzte er, indem er auf eine Querstraße hinwies, die, von der Häusermasfe der Dorstadt sich entfernend, gegen das freie Feld hinauslief. Ich folgte der Dichtung. Die Straße bestand aus zerstreuten einzelnen Häusern, die, zwischen großen Küchengärten gelegen, die Deschäftigung der Bewohner und den Ursprung des Aamens Gärtnergasse augenfällig darlegten. In welcher dieser elenden Hütten wohl mein Original wohnen mochte? Ich hatte die Hausnummer glücklich vergessen, auch war in der Dunkelheit an das Erkennen irgendeiner Bezeichnung kaum zu denken. Da schritt, auf mich zukommend, ein mit KÄhen- gewächsen schwer beladener Mann an mir vorüber. „Kratzt der Qtlte einmal wieder", brummte er, „und stört die ordentlichen Leute in ihrer Dachtruhe." Zugleich, wie ich vorwärts ging, schlug der leise, langgehaltene Ton einer Violine an mein Ohr, der aus dem offenstehenden Bodenfenster eines wenig entfernten ärmlichen Hauses zu kommen schien, das, niedrig und ohne Stockwerk wie die übrigen, sich eben durch dieses in der Umgrenzung des Daches liegende Giebelfenster vor den andern auszeichnete. Ich stand stille. Ein leiser, aber bestimmt gegriffener Ton schwoll bis zur Heftigkeit, senkte sich, verklang, um gleich darauf wieder bis zum lautesten Gellen emporzu- steigen, und zwar immer derselbe Ton mit einer Art genußreichem Daraufberuhen wiederholt. Endlich kam ein Intervall. Es war die Quarte. Hatte der Spieler sich vorher an dem Klange des einzelnen Tones geweidet, so war nun das gleichsam wollüstige Schmecken dieses harmonischen Verhältnisses noch ungleich fühlbarer. Sprungweise gegriffen, zugleich gestrichen, durch die dazwischen liegende Stufenreihe höchst holperig verbunden, die Terz markiert, wiederholt. Die Quinte darangefügt, einmal mit zitterndem Klang, wie ein stilles Weinen, ausgehalten, verhallend, dann in wirbelnder Schnelligkeit ewig wiederholt, immer dieselben Verhältnisse, die nämlichen Töne. — Und das -nannte der alte Mann phantasieren! — Obgleich es im Grunde allerdings ein Phantasieren war. für den Spieler nämlich, nur nicht auch für den Hörer.
Ich weiß nicht, wie lange das gedauert haben mochte unb wie arg es geworben war, als plötzlich bie Türe bes Hauses aufging, ein Mann, nur mit bem Hemde unb lose ekngeknöpften Beinkleibern angetan, von ber Schwelle bis in bie Mitte ber Straße trat unb zu bem Giebelfenster


