Ausgabe 
15.11.1929
 
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bte einzige leere der anderen nur raffend, fing ein Verständnis an, in den höflich abwartenden Augen zu lächeln. Stur der Kammergerichts­rat hatte die Arme verschränkt, aber die Nüstern blähten sich leise, und wie einen schwarzen Strahl fühlte der Bürgermeister die unheimlichen Augen zum drittenmal auf sich gerichtet. Aber kurz und bestimmt, wie er seines Amtes zu walten gewohnt und geübt war, stand er zum andernmal auf, sich wiederum höflich nach beiden Seiten verbeugend, und fing noch einmal mit raschem Blick zählend in froher Gemessen­heit an, die Gläser zu füllen.

Das letzte war voll, alle vortrefflich gemessen, und der Löffel lag wieder still in die Bowle versenkt irgendwo knarrte ein Stuhlbein vergebens- den Bann der Erwartung zu brechen als der seltsame Spender sein Glas nahm und mit Respekt über den kurzen Fuß auf sein linkes Standbein zurücktrat: Meine Herren! sagte er schlicht und verbeugte sich wieder, als wollte er eine Rede beginnen; aber er fand nur noch ein einziges Wort, gegen den Dichter gleichsam hinkniend, weil er auf seinen kurzen Fuß vortrat, dem stillen Mann mit dem leuchten­den Schädel sein Gals einen Schritt näher zu bringen: Urania! sagte er nur und ließ das U und das O in einem erklingen; und als sie ihn alle noch schweigend anstarrten, weil keiner das Rätsel begriff sie spürten die Ehrfurcht, dachte er stolz und beglückt schwang er sein Glas in einem zierlichen Bogen, die ganze Runde zu begrüßen, trat vor den Meister, ihm tief ins versonnene Auge zu blicken, und trank sein Glas mit Innigkeit leer bis auf den Grund.

Solange war um sein seltsames Tun eine lächelnde Stille gewesen, weil niemand den komischen Herrn und seine Verzückung verstand. Jetzt fuhr ein pfeifender Laut in das Zimmer. Wie die Katze aus eine Maus springt, hatte der Kammergerichtsrat sein Glas in der chand, und die anderen standen ihm bei wie auf der Mensur, nur der vermeintliche Dichter blieb sitzen, weil ihm der Kammergerichtsrat die Krallenhand auf den blanken Kopf legte: Wir wüßten die Ehre höher zu schätzen, sagte er dünn und war aus einem Geier ein Kater geworden, der gebuckelt und schnurrend dastand, wenn wir Uranias Auftrag wüßten.

Vor dem höhnischen Mann zerbrach dem Spender das Wort und die Würde. Der Bürgermeister von Oranienburg bittet die Herren, sagte er rauh, mit ihm seinen Geburtstag zu feiern! Er ließ das 0 und das U noch einmal einfältig klingen, er senkte zum anderenmal sein leeres Glas gegen den Dichter, der seine Gelassenheit unter der Kralle des Kammer­gerichtsrats in einem hämischen Grinsen verlor, er schwenkte noch ein­mal den zierlichen Bogen gegen die Runde, aber das Echo, das er sich träumte, blieb aus. Als ob ein Unheil die Männer erstarrte, standen sie da mit vollen Gläsern und grübelnden Stirnen. Sollte der Reid, so fuhr ein letzter Gedanke dem Bürgermeister durch sein Gehirn, mir meine Stunde zerstören? Dann übermannte auch ihn die Erstarrung.

Nur der Kammergerichtsrat ließ wieder den pfeifenden Laut hören, die Katze hatte die Maus: Urania, sagte auch er und senkte sein Glas gegen den Dichter, indem er die Hand von seinem Kopfe ließ: Urania! und schwenkte dann den zierlichen Bogen, mit gellendem Hohn die Runde zu begrüßen; aber dann brach ihm der Spott in Innigkeit um, als ob nun auch ihn der seltsame Zauber des Wortes befiele: Urania, sagte er still und trank sein Glas leer bis auf den Grund.

So hatten die stummen Serapionsbrüder zwei Verzückte statt einen, und die Bowle stand auf dem Tisch, im Kerzenlicht blinkend zu einer : Feier, die keiner verstand. Einige hatten zu lachen versucht und andere die Köpfe geschüttelt. Nur der vermeintliche Dichter saß ganz ohne Ge­lassenheit da: Daß der Teufel dem Tiedge seine papierne Urania hole! sagte er wild und hieb sein Glas auf den Tisch, daß der Wein spritzte. Der Bürgermeister von Oranienburg fühlte seine Geburtstagsfeier in Hohn und Beschämung versinken; aber auch er wußte nicht mehr als die anderen, bis der Kammergerichtsrat zum drittenmal aufstand.

Liebe Serapionsbrüder! begann er und verwies seinem Nachbarn zur Rechten den zornigen Lärm, wenn die Götter sich einen Spaß machen wollen, schlüpfen sie listig in unsere Seelen. Wir denken das Beste zu tun, aber schon dreht ihre Tücke uns sanft das Genick um. Ein ein­ziges Wort, tückisch verändert, hat es vermocht, daß wir mit dieser ge­segneten Bowle zu ihrem Gelächter dasitzen! Als dieser Mann aus Ora­nienburg, dem die Götter den Spaß und wir die Bowle verdanken, unseren Freund Contessa beiläufig fragte, wer doch dieser Herr mit der Denkerstirn sei, hatten die Götter ihm auch schon die Schlinge gelegt. Wie kann man Tieck heißen, ohne der große Ludwig zu sein! Und wie kann man ein Dichter sein, ohne Tiedge zu heißen! Dessen Urania hat es dem Bürgermeister mehr angetan, will es mir scheinen, als unserem Freund Tieck, der nur ein Bildhauer ist und dem wir dennoch die Bowle verdanken.

Soweit hatte der Kammergerichtsrat mit Sanftmut gesprochen, als der vermeintliche Dichter ausstand und sein Glas gegen den Mann aus Oranienburg senkte: Urania, sagte auch er und schwenkte sein Glas, mit dem Wort im zierlichen Bogen die Runde zu grüßen: Urania, und trank dann sein Glas mit Gelassenheit leer bis auf den Grund. Da brach der Lärm aus Serapion los, und die vielerfahrenen Wände der Weinstube hielten kaum das Jubelgeschrei aus, das den todblassen Bürgermeister umtoste.

Aber der Kammergerichtsrat blieb der Kapellmeister in dem Hollen­lärm stehen: Ruhe, Serapionsbrüder! rief er und hob den Löffel als Taktstock. Und als sie darüber von neuem losbrachen, ließ er sie tosen, um danach weiter zu sprechen: Da habt ihr nun, Freunde, gesehen, was unsere Unsterblichkeit heißt! Wir holen die Engel und Teufel aus un­serer Seele herauf, Musik, Worte, Bilder und Steine daraus für die Menschheit zu bilden; wir stellen sie stolz vor das Publikum hin und machen den Leuten noch unsere Verbeugung dazu, wenn sie klatschen. Aber die Leute dies, meine Freunde, wollen wir nicht mehr vergessen hören Oranienburg, wenn wir Urania sagen! Denn die Leute sind Bürger und haben den Werkeltag ihrer Geschäfte, indessen wir durch das Stoppelfeld unserer Windvögel springen. Wenn sie am Sonntag die gute Stube der Bildung aufmachen, sehen wir durch die Fenster hin­ein; aber wir müssen artig die Mützen abnehmen.

Einmal ihr Freunde wißt es wie ich schwebte der Geist über den Wassern, aber nun schwimmt er dem Menschen auf der Suppe, und die Fettaugen sind wir, meine Freunde! Dem Leser zu schmecken, ist unser Zweck, darum müssen wir sanft sein wie Mandelöl, wohlriechend wie Majoran, süß wie Feigen und Sahne. Denn nicht Nahrung sind wir, nur das Gewürz für die Suppen und Saucen, Braten und Schaum­speisen, wie sie das Leckermaul liebt. Wollten wir selber die Speise vor­stellen, würden sie sich schütteln und es würde ihnen übel werden. Darum, meine Freunde, hat uns der Tiedge in seine Pastete getan, die Hefe der Weisheit, die Milch der sanften Gefühle, Rosinen und Man­deln in nahrhaften Mehlteig gerührt und alles im Fett der edlen Ge­sinnung gebacken. Urania hat er die braune Pastete geheißen, und dieser Mann aus Oranienburg sagt euch, wie schmackhaft sie ist!

Urania aber war jene Muse, die der Kunst den Sternhimmel brachte. Und dieser Sternhimmel ist vergeht das nicht, meine Freunde das einzige Sinnbild der Ewigkeit, das auch der Bürger erblickte. Laßt ihm, ich bitte euch sehr, das braune Gebäck! Denn seht, er kann ja nur essen; was soll ihm der Himmel, den er nicht verdaut! Wir zwar, wir können ihn trinken, und manchesmal waren wir trunken in seiner unendlichen Tiefe. Dann konnten wir fliegen, wie die dunkeln Nachtfalter tun; und die Sternbilder waren die Blüten der Welt, mit unseren Rüsseln daraus das Gericht und Gewürz unserer einzigen Nahrung zu saugen. Nun seht: hier bringt Urania uns wieder, was wir ihr raubten. Dem Leser die braune Pastete, uns aber hat der brave Tiedge die liebliche Bowle in ihrem Namen bereitet. Riecht doch hinein in den Topf! Birgt er nicht mehr als nur Getränk für den Magen? Ist er nicht Geist? Hat sich die braune Pastete nicht herrlich verwandelt? Und ist es kein Sendling des ewigen Rings, uns wiederzubringen, was die Urania in einer Pastete gebacken ihm nach Oranienburg brachte? Denkt an den tückischen Gott, der in die Seele von diesem redlichen Mann hier geschlüpft ist, und dankt ihm, indem ihr fröhlich mit ihm seinen Geburtstag zu feiern be­ginnt! Hebt euer Glas und senkt es mit mir vor dem Spender: Urania lebe! Und schwenkt es mit mir in der Runde, darin nun Urania weilt, und leert es bis auf den Grund auf diesen Herrn Bürgermeister, der Uranias Sendling aus Oranienburg ist.

So sprach der Kammergerichtsrat und hatte den Löffel längst in die Bowle gesenkt; so taten dankbar die Serapionsbrüder mit ihm. Und die von den Fenstern und aus den Ecken traten herzu und senkten die Gläser und schwenkten sie zierlich, die Runde zu grüßen, und tranken sie leer bis auf den Grund. Dem aber die Ehre geschah, er hatte den Spott und die Preisung gehört wie das U und das O, und alles war ihm aus Wirrsal in Einfalt verklungen. Ihm lief eine Träne mit in sein Glas, welch eine Ehrung Urania ihm auf den Geburtstagstisch legte: Wenn die in Oranienburg wüßten! dachte er stolz, und trat auf sein Standbein zurück und neigte sich höflich nach links und rechts, bevor er sich setzte.

Wie entstand das Volkslied?

Von Professor Dr. Hans Naumann.

Eine der erfreulichsten Erscheinungen im musikalischen Leben unserer Zeit ist die Wiederentdeckung des Volksliedes; wo heute in Deutschland gesungen wird, da ertönen auch die alten und doch immer neuen Weisen, die ost schon vor Jahr­hunderten 3um erstenmal erklangen. Die nachstehenden Aus­führungen dürften deshalb unsere Leser besonders inter­essieren; wir entnehmen sie dem ausgezeichneten Buche Grundzüge der deutschen Volkskunde" des Frankfurter Germanisten Prof. Naumann. 2. Auflage. 151 Seiten. Gebunden 1,80 Mark. Verlag Quelle & Meyer, Leipzig.

Vom historischen Standpunkt aus zeigt sich der Inhalt des Begriffes Volkslied genau so wechselnd wie etwa der der Begriffe Volksbuch ober Volkstracht. Das Volkslied der Gegenwart ist ein anderes als das der Vergangenheit, und wir dürfen genau wie beim Volksbuch diesen Be­griff natürlich nicht nur auf die Vergangenheit beziehen. Weil die Kultur der Oberschicht sich ändert, ändert sich auch das aus ihr gespeiste Volksgut. Die alte Klage über Schwinden und Untergang des Volksliedes beruht zum Teil auf jenem romantischen Pessimismus, der sich scheut, den Be­griff Volkslied konsequent auch auf die neueren und neuesten volks­läufigen Lieder anzuwenden, zum Teil auch auf den unausgebildeten Sammelmethoden der früheren Forscher. Wahrend Goethe im Elsaß 12 Lieder zusammenbrachte, konnten ein Jahrhundert später viele Hun­derte gesammelt werden; während Hruschka und Toischer aus Deutsch- Böhmen 2000 Lieder herbeibrachten, konnten unter Hauffens Leitung bis 1906 über 12 000 bisher ungedruckte Lieder und Sprüche gesammelt werden. Aelteres Gut hat sich namentlich in den vom Geistesleben der Natur weniger berührten deutschen Sprachinseln Gottschee in Kram, Lusern, Siebenbürgen, im mährischen Kuhländchen erhalten. Aber auch darunter befinden sich gelegentlich Banalitäten und Obszönitäten, die mir natürlich gleichfalls nicht willkürlich ausschließen dürfen. Das Volkslied muß weder alt noch schön sein, wie die ältere romantische Forschung glaubte, noch auch besonders langlebig, wie man gelegentlich noch heute glaubt. Es geht nicht an, sondern fälscht das wissenschaftliche Bild, wenn man das inhaltlich Anstößige ober Kurzlebige einfach ausscheidet und unter dem BegriffGassenhauer" sammelt.

Gassenhauer" bezeichnet vielmehr gerade so recht die Volks- laufigkeit, auf die es in erster Linie ankommt. Nicht das Alter, nicht die Schönheit, nicht das Ethos sind für die Begriffsbestimmung des Volksliedes irgendwie stichhaltig oder maßgebend, auch nicht die Her­kunft und die Verfasserschaft. Es hat daher auch keinen Zweck, den Be­griffvolkstümliches Lied" nebenVolkslied" zu gebrauchen, man wolle denn das doch noch nicht gesungene Volkslied damit bezeichnen, das vielleicht noch wieder aus dem Repertoire des Volkes verschwinden kann, ohne je die Stufe derZersungenheit" zu erreichen. Aber die Zerjungen- heit selbst ist ein veränderlicher und relativer Begriff.