EiehenerKmiilienblätter
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang $929
Freitag, -en $5. November
Nummer 89
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Erfüllung.
Ton Leo Sternberg.
Hat sich Gott das Letzte Vorbehalten? Oder hat er mir dein Herz gewährt, weil es bis ins urgeheime Walten dunkler Menschensehnsucht mir willfahrt?
In der Schöpfung blinde Nebelgründe zieht mich deines Blutes leises Lied. Alle Schleier fallen. Zwischen Sünde und Verzückung ist kein Unterschied.
Abgeströmt Gestalten nach Gestalten. Ließest jeden Traum an dir geschehn ... Hat sich Gott das Letzte Vorbehalten oder dursten wir schon mit ihm gehn?
Llrania.
Bon Wilhelm Schäfer.
Als die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats E. T. A. Hoffmann wieder einmal in ihrer Weinstube bei Lutter und Wegener in Berlin saßen, es ging zum Ende des Monats, und ihr Dasein war stark in der Kreide, kam von der Straße ein ältlicher Herr, der mit dem rechten Fuß hinkte und sich darum bei jedem linken Schritt in die Brust warf, sonst aber in seinem Rotweingesicht keinen Trübsinn zur Schau trug. Er schien gar nicht zu wissen, in was für einen höllischen Winkel ihn der nasse Oktoberwind wehte; wie einer sich, zu den Seinigen heimkommend, kurzweg an den Tisch setzt, nahm er den Stuhl ein, den der geschäftige Hitzig gerade verlassen hatte, weil ihn ein Brief aus Breslau abrief. So sahen die Brüder in ihrer Runde ganz unvermutet einen Neuling dasitzen, der fröhlichen Auges die kleine Gesellschaft abmusterte und nur sein Genick steifte, als er den spähenden Vogelblick des Kammergerichtsrats an seiner Weste gleichsam die Knöpfe abzühlen sah. Er hielt, seiner Tadellosigkeit sicher, den Blick aus, bestellte mit allem Umstand seiner gepflegten Natur einen Roten, prüfte die Wärme und kostete erst mit rollender Zunge, bevor er den ersten befriedigenden Schluck nahm.
Der aber, so ohne Ahnung seiner Gesellschaft, und trotz ihrer erstaunten Gesichter der eigenen Würde gewiß, mit den Serapionsbrüdern am neunten Oktober zu Tisch sah, war kein Geringerer als der Bürgermeister von Oranienburg an der Havel, der am selben Abend seinen Geburtstag zu feiern gedachte und diese Dienstreise nach Berlin mit Vorbedacht eingelegt hatte, seine Junggesellenschaft ein höheres Dasein schmecken zu lasten als den Honvratiorentisch seiner Kleinbürgerstadt. Weder von seiner Würde noch von solchen Absichten wußten die Serapionsbrüder vorläufig das geringste. Sie sahen nur einen Landbürger an ihrem Tisch einen röteren Tropfen trinken, als sie ihn selber in ihren untätigen Gläsern dahatten. Aber sie gönnten jedem das Seine; und da ihnen andere Dinge am Herzen oder doch auf der Zunge lagen als dieses rasierte Rotweingesicht, fuhren sie bald wieder fort, mit boshaften Witzen, hartem Gelächter, mit höhnischen Seufzern und wehmütigen Augenauf- schlögen die gewohnte Fuchsjagd zu machen. Rur dem Kammergerichtsrat schien eine gallige Laune an der Leber zu hacken. Wie ein struppiger Geier saß er mit seinem Vogelgesicht da, und wenn er sich über den wirren Kopf strich, wobei er den langen Hals reckte, fielen die weißen Zipfel an seinem Hemdkragen auseinander, als ob es wirklich zwei Halsfedern wären.
Von all ihren Gesprächen verstand der Mann aus Oranienburg nur einzelne Sätze, die anscheinend bei diesen Herren einen anderen Sinn hatten als sonst in der vernünftigen Welt. Es kam ihm recht albern vor, wie sie den Worten die Hälse verdrehten und bei den verrücktesten Dingen großmächtig die Arme verschränkten. Aber es fiel ihm doch auf, daß von den Tischen am Fenster und sonst in den Ecken, wo die anderen Gäste gleichsam als Abfall der Tafelrunde dasaßen, neugierige Blicke und horchende Ohren an seinen Herren etwas Besonderes fanden. Und wo sich etwa ein Glas hob, einen von ihnen mit einem Schluck zu begrüßen, war fast ein wenig Ehrfurcht dabei. Bald begann den Bürgermeister die Neugierde zu kitzeln, bei wem er dasäße, vielleicht aus höheren Kreisen? So fpitzte er selber die Ohren und sandte die Augen rundum im Gefühl besonderer Dinge. Vor allem der mit dem Vogelgesicht reizte ihn sehr, der, aller Gegenwart scheinbar abwesend, mit hohlen Blicken dasaß; und danach der mit dem blanken Schädel daneben, der um so emsiger zuhörte, doch selber kein Wort sprach, auch nie eine Miene verzog, wie wenn dies alles nicht an seine Gelastenheit rührte. Irgendwie kam es dem Mann aus Oranienburg vor, als ob die anderen nur Spaßmacher wären für
bte}e bewen; und weil er selber als Bürgermeister zu fragen nicht unge- wohnt war, legte er schließlich seinem Nachbar zur Linken leise die Hand auf den 8lrm, indessen sein Finger unter der Tischkante gegen den Geierkopf zeigte: ob es erlaubt sei, zu fragen, wer dieser Herr wäre?
Der Nachbar hatte gerade die Hände breit auf den Tisch gelegt, sich herzhaft auszulachen, und die Tränen standen ihm noch in den verknif- fenen Augen, als er sich artig ihm zuwandte: Das eben fei der Herr Ernst Theodor Amandeusl
Mit dieser Vornamenfülle war aber dem Bürgermeister wenig gedient: er horte über die Wichtigkeit in dem Flüsterton fort, drehte die Augen noch Mecker nach links und fragte, als ob nach dem Nebenbei min die Hauptsache tarne, mit gerunzelter Stirn nach dem Manne mit dem Schädel.
Der andere ist Tieck! sagte der Nachbar. Und weil ihm einer gerade öen Rest aus der Flasche in sein längst leeres Glas schenkte, schob er den Arm fort, mck Andacht den letzten Tropfen zu trinken. So sah er nicht, daß dem Frager der Mund offen blieb vor Ehrfurcht und Staunen. Der Bürgermeister von Oranienburg konnte nicht wissen, daß dieser Tieck gar nicht Ludwig, der Dichter, sondern Friedrich, sein Bruder, der Bildhauer, war. Außerdem hatte er Tiedge verstanden und das war freilich ein Name berjemem Gluck das Spundloch aufschlug. Denn Tiedge mit seiner ,„Ura- nia war feiner Bildung der ragende Gipfel. Er achtete sonst das Poetenvolk nicht, und er hatte das Buch nur gekauft, weil er in dem Namen Urania ein Geheimnis feiner Stadt Oranienburg suchte. Und ob er darin getaujdjt war, so viel Weisheit in so schönen Worten beisammen gedruckt, hatte er nicht für möglich gehalten. Und wie es so geht, in den Fahren, ba er bas Buch fast auswendig lernte, mit seinen Versen manche bestickend, irgendwie war ihm das U und das O in dem Namen einfältig geworden, so, daß er nicht von der Urania sprach, ohne sich selber als ihren Bürgermeister zu fühlen, und nicht von Dranienburm ohne in einer besonderen Sphäre der Bildung zu fein.
Und nun war ihm das Gefühl widerfahren, den Dichter so schöner Worte, das Füllhorn all seiner Weisheit leibhafttg zu sehen. Die Augen wurden ihm feucht, und fast hätte er unter dem Tisch die Hände gefaltet Uber solch ein Geburtstagsgeschenk. Ja, er pries mit innigen Worten, die ihm inwendig wie Perlenschnüre abrollten, die Fügung,' daß er der nneren Stimme so beharrlich gefolgt war. So mußte der Dichter aus- ehen! dachte er dann und legte nachdenklich die flache Hand auf den Tisch o daß der Geier den Kopf hob: Dieser gewaltige Schädel! Diese ver- annenen Augen! Dieser apollinische Mund! Und weil ihm bei diesem Wort eine Erinnerung kam, hob er fein Glas und trank es mit einem innigen Blick auf den Dichter leer bis auf den Grund.
Darüber geschah es, daß der Bürgermeister von Oranienburg sich seiner selbst schämte, und diese ihm peinliche Scham begann mit dem Schrecken daß er bas Glas seines Dichters schon lange leer sah, indessen er selber den bräunlichen Rotwein genoß. Das sollte nicht fein, klagte die innere Stimme, unb er hörte ihr leibmütig zu, daß der Dichter im Leeren da- sitzt, indesien wir Bürger die Fülle haben! Und weil er gewohnt war für seine Bürger zu denken, ging fein Entschluß sogleich in die Vorsehung em: Ich muß seinen Stolz schonen! sagte er fest und fing mit sich selber ein rasches Zwiegespräch an; und ob er die Köpfe rafch zählte und einer Bowle den Vorzug gab unter so vielen, war das fein geringer Bedacht, nur die Vernunft, der Stunde würdig zu sein.
Und so säumte er nicht: kurz und bestimmt, wie er feines Amtes als Meister der Burger zu walten gewohnt und geübt war, zog er den Rock glatt, einen Gang aus der Stube zu tun. Sie werden mich anders vermuten! dachte er schmunzelnd, als er sich draußen im Flur gleich nach links zur Anrichte wandte, den Wirt vertraulich zu sprechen. Der hatte Verständnis, wie er es brauchte; nicht länger, als die Vermutung Zeit nötig hatte, und alles war schon nach seinen Wünschen geordnet. Der einzige, dachte er wieder, indem er den Stuhl nahm, sich leise nach beiden Seiten verbeugend, der einzige, dem ich den Zufall dieser für mich so schonen Begegnung mißgönne, ist neben dem Dichter der Mann mit dem Vogelgestchi! Aber er soll — unb nun war er mit seiner Würde ganz im Reinen — mir keinen Augenblick mein schönes Geburtstagsfest stören! Mit einem vollen Blick sah er den lauernden Störenfried an.
Wie ein kleines Faß schwer, und mit dem Löffel verheißungsvoll klirrend, kam die Bowle herein, vom Wirt mit Anstand selber getragen und mit einem höflichen Seufzer ob ihrer Schwere, auch einem diskreten Blick gegen den Spender, den Serapionsbrüdern vor ihre schnuppernden Nasen gestellt. Sie muß noch ziehen, sagte der Wirt und sah in die Runde, als kenne er keinen Besteller, rührte noch einmal vorsichtig um und ließ die Hand von dem Löffel, sich siegesgewiß zu empfehlen.
Es war still in der Stube geworden. Von den Tischen am Fenster und sonst in den Ecken sah erstaunende Ehrfurcht den dicken Porzellanbauch im Kerzenlicht blinken. Und erst als der Aufwärter tarn mit der klirrenden Platte voll Gläser, jedem pfiffig zunickend, als er die halb- volle Flasche des Bürgermeisters mit einer tiefen Verbeugung abräumte,


