wendet und zugleich der Wknd mngeschkagen, Habe man deukkich im Masterholz fällen gehört und aus der schnellen Folge der Schläge ge­schlossen, daß die Blaukittel am Werk seien. Man habe nun eine Weile beratschlagt, ob es tunlich sei, mit so geringer Macht die kühne Bande anzugreifen, und sich dann ohne bestimmten Entschluß dem Schalle lang­sam genähert. Nun folgte der Austritt mit Friedrich. Ferner: nachdem Brandts sie ohne Weisung fortgeschickt, seien sie eine Weile vorange­schritten und dann, als sie bemerkt, daß das Getöse im noch ziemlich weit entfernten Walde gänzlich aufgehört, stillegestanden, um den Ober­förster zu erwarten.

Die Zögerung habe sie verdrossen, und nach etwa zehn Minuten seien sie weitergegangen und so bis an den Ort der Verwüstung. Alles sei vorüber gewesen, kein Laut mehr im Walde, von zwanzig gefällten Stäm­men noch acht vorhanden, die übrigen bereits fortgeschafft. Es sei ihnen unbegreiflich, wie man dieses ins Werk gestellt, da keine Wagenspuren zu finden gewesen. i

Auch habe die Dürre der Jahreszeit und der mit Fichtennadeln be­streute Boden keine Fußstapfen unterscheiden lassen, obgleich der Grund ringsumher wie festgestampft war. Da man nun überlegt, daß es zu nichts nützen könne, den Oberförster zu erwarten, sei man rasch der ändern Seite des Waldes zugeschritten, in der Hoffnung, vielleicht noch einen Blick von den Frevlern zu erhaschen. Hier habe sich einem von ihnen beim Ausgange des Waldes die Flaschenschnur in Brombeerranken verstrickt, und als er umgeschaut, habe er etwas im Gestrüpp blitzen sehen: es war die Gurtschnalle des Oberförsters, den man nun hinter den Ranken liegend fand, grab ausgestreckt, die rechte Hand um den Flintenlauf geklemmt, die andere geballt und die Stirn von einer Axt gespalten.

Dies waren die Aussagen der Förster: nun kamen die Bauern an die Reihe, aus denen jedoch nichts zu bringen war. Manche behaupteten, um vier Uhr noch zu Hause oder anderswo beschäftigt gewesen zu sein, und keiner wollte etwas bemerkt haben. Was war zu machen? Sie waren sämtlich angesessene, unverdächtige Leute. Man mußte sich mit ihren negativen Zeugnissen begnügen.

Friedrich ward hereingerufen. Er trat ein mit einem Wesen, das sich durchaus nicht von seinem gewöhnlichen unterschied, weder gespannt noch keck. Das Verhör währte ziemlich lange und die Fragen waren mit­unter ziemlich schlau gestellt: er beantwortete sie jedoch alle offen und bestimmt und erzählte den Vorgang zwischen ihm und dem Oberförster ziemlich der Wahrheit gemäß, bis auf das Ende, das er geratener fand, für sich zu behalten. Sein Alibi zur Zeit des Mordes war leicht er­wiesen.

Der Förster lag am Ausgange des Masterholzes; über dreiviertel Stunden Weges von der Schlucht, in der er Friedrich um vier Uhr an­geredet und aus der dieser seine Herde schon zehn Minuten später ins Dorf getrieben. Jedermann hatte dies gesehen; alle anwesenden Bauern beeiferten sich, es zu bezeugen; mit diesem hatte er geredet, jenen zu- genickt.

Der Gerichtsschreiber saß unmutig und verlegen da. Plötzlich fuhr er mit der Hand hinter sich und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge.Wern gehört dies?" Friedrich sprang drei Schritt zurück. Herr Jesus! ich dachte, Ihr wolltet mir den Schädel einschlagen." Seine Augen waren rasch über das tödliche Werkzeug gefahren und schienen momentan auf einem ausgebrochenen Splitter am Stile zu haften.Ich weiß es nicht", sagte er fest. Es war die Axt, die man in dem Schädel des Oberförsters eingeklammert gefunden hatte.Sieh sie genau an," fuhr der Gerichtsschreiber fort. Friedrich faßte sie mit der Hand, besah sie oben, unten, wandte sie um.Es ist eine Axt wie andere", sagte er dann und legte sie gleichgültig auf den Tisch. Ein Blutfleck ward sichtbar; er schien zu schaudern, aber er wiederholte noch einmal sehr bestimmt: Ich kenne sie nicht." Der Gerichtsschreiber seufzte vor Unmut. Er selbst wußte nun nichts mehr, und hatte nur einen Versuch zu möglicher Ent­deckung durch Ueberraschung machen wollen. Es blieb nichts übrig, als das Verhör zu schließen.

Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit ge­spannt sind, muß ich sagen, daß diese Geschichte nie aufgeklärt wurde, obwohl noch viel dafür geschah und diesem Vorhöre mehrere folgten. Den Blaukitteln schien durch das Aufsehen, das der Vorgang gemacht und die darauffolgenden geschärften Maßregel der Mut genommen; sie waren von nun an wie verschwunden, und obgleich späterhin noch mancher Holzfrevler erwischt wurde, fand man doch nie Anlaß, ihn der berüchtigten Bande zuzuschreiben. Die Axt tag zwanzig Jahre nachher als unnützes corpus delicti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit ihren Rostflecken. Es würde in einer erdichteten Ge­schichte unrecht sein, die Neugier des Lesers so zu täuschen. Aber dies alles hat sich wirklich zugetragen; ich kann nichts davon ober dazu tun.

Am nächsten Sonntage stand Friedrich sehr früh auf, um zur Beichte zu gehen. Es war Mariä Himmelfahrt und die Pfarrgeistlichen schon vor Tagesanbruch im Beichtstühle.

Nachdem er sich im Finstern angekleidet, verließ er so geräuschlos wie möglich den engen Verschlag, der ihm in Simons Hause einge­räumt war.

In der Küche mußte sein Gebetbuch auf dem Sims liegen und er hoffte, es mit Hilfe des schwachen Mondlichtes zu finden; es war nicht da. Er warf die Augen suchend umher und fuhr zusammen; in der Kammertür stand Simon, fast unbekleidet, seine dürre Gestatt, fein un­gekämmtes, wirres Haar und die vom Mondschein verursachte Blässe des Gesichts gaben ihm ein schauerlich verändertes Ansehen.Sollte er nachtwandeln?" dachte Friedrich, und verhielt sich ganz still.Fried­rich, wohin?" flüsterte der Alte.Ohm, seid Jhr's? ich will beichten gehen."Das dacht' ich mir; geh in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter Christ."Das will ich", sagte Friedrich.Denk an die zehn Gebote: du sollst kein Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten." Kein falsches!"Nein, gar keines; du bist schlecht unterrichtet; wer

einen anbeffi Tfi M Velchke anffagl, Lek empfängt bas Sakrament un- würdig."

Beide schwiegen.Ohm, wie kommt Ihr darauf?" sagte Friedrich bann;Eu'r Gewissen ist nicht rein; Ihr habt mich belogen."Jch? fo?"Wo ist Eure Axt?"Meine Axt? auf der Tenne." Habt Ihr einen neuen Stiel hineingemacht? wo ist der alte?"Den kannst du heute bet Tage im Holzschuppen finden."

Geh," fuhr er verächtlich fort,ich dachte, du seist ein Mann: aber du bist ein altes Weib, bas gleich meint, bas Haus brennt, wenn ihr Feuertopf raucht. Sieh," fuhr er fort,wenn ich mehr von der Geschichte weiß, als der Türpfosten da, so will ich ewig nicht selig werden. Längst war ich zu Haus", fügte er hinzu. Friedrich stand beklemmt unb' zweifelnd. Er hätte viel darum gegeben, seines Ohms Gesicht sehen zu können. Aber während sie flüsterten, hatte der Himmel sich bewölkt.

Ich habe schwere Schuld," seufzte Friedrich,daß ich ihn den un­rechten Weg geschickt obgleich doch, dies l)ab ich nicht gedacht, nein, gewiß nicht. Ohm, ich habe Euch ein schweres Gewissen zu danken." So geh, beicht'I" flüsterte Simon mit bebender Stimme;verunehre das Sakrament durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den Hals, der schon Wege finden wird, ihnen das Stückchen Brot aus den Zähnen zu reißen, wenn er gleich nicht reden darf geh!"

Friedrich stand unschlüssig; er hörte ein leises Geräusch, die Wolken verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammertür: sie war ge­schlossen. Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte.

Der Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gemacht, erlosch leibet nur zu halb. Wer zweifelt daran, daß Simon alles tat, seinen Adoptiv­sohn dieselben Wege zu leiten, die er seiber ging? Und in Friedrich lagen Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten: Leichtsinn, Erreg­barkeit und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den Schein verschmähte, unb bann alles daransetzte, durch Wahrmachung des Usurpierten möglicher Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht unedel, aber er gewöhnte sich, die innere Schande der äußern vor­zuziehen. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während seine Mutter darbte.

Diese unglückliche Wendung seines Charakters war indessen das Werk mehrerer Jahre, in denen man bemerkte, daß Margret immer stiller über ihren Sohn ward und allmählich in einen Zustand der Verkommen­heit versank, den man früher bei ihr für unmöglich gehalten hätte. Sie wurde scheu, saumselig, sogar unordentlich, unb manche meinten, ihr Kopf habe gelitten. Friedrich ward desto lauter; er versäumte keine Kirch­weih ober Hochzeit, und da ein sehr empfindliches Ehrgefühl ihn die geheime Mißbilligung mancher nicht übersehen ließ, war er gleichsam immer unter Waffen, der öffentlichen Meinung nicht sowohl Trotz zu bieten, als sie den Weg zu leiten, der ihm gefiel. Er war äußerlich ordentlich, nüchtern, anscheinend treuherzig, aber listig, prahlerisch unb oft roh, ein Mensch, an dem niemand Freude haben konnte, am wenig­sten seine Mutter, und der dennoch durch seine gefürchtete Kühnheit unb noch mehr gefürchtete Tücke ein gewisses Uebergewicht im Dorfe erlangt hatte, das um so mehr anerkannt wurde, je mehr man sich bewußt war, ihn nicht zu kennen und nicht berechnen zu können, wessen er am Ende fähig fei. Nur ein Bursch im Dorfe, Wilm Hülsmeyer, wagte im Be­wußtsein seiner Kraft unb guter Verhältnisse ihm bie Spitze zu bieten; und da er gewandter in Worten war als Friedrich, unb immer, wenn der Stachel saß, einen Scherz daraus zu machen wußte, so war dies der einzige, mit dem Friedrich ungern zusammentraf.--

Vier Jahre waren verflossen; es war im Oktober; der milde Herbst von 1760, der alle Scheunen mit Korn und alle Keller mit Wein füllte, hatte seinen Reichtum auch über diesen Erdwinkel strömen lassen, unb man sah mehr Betrunkene, hörte von mehr dummen Streichen als je. Ueberhaupt gab es Lustbarkeiten; der blaue Montag kam in Aufnahme, und wer ein paar Taler erübrigt hatte, wollte gleich eine Frau dazu, die ihm heute essen und morgen hungern helfen könne. Da gab es im Dorfe eine tüchtige, solide Hochzeit, und die Gäste durften mehr er­warten, als eine verstimmte Geige, ein Glas Branntwein unb, was sie an guter Laune selber mitbrachten. Seit früh war alles auf den Seinen; vor jeder Tür wurden Kleider gelüftet, und B. glich den ganzen Tag einer Trödelbude. >

Es war sieben Uhr abends unb alles in vollem Gange: Jubel unb Gelächter an allen Enden, die niederen Stuben zum Ersticken angefüllt mit blauen, roten und gelben Gestalten, gleich Pfandställen, in denen eine zu große Herde eingepfercht ist. Auf der Tenne ward getanzt, bas heißt, wer zwei Fuß Raum erobert hatte, drehte sich darauf immer rundum und suchte durch Jauchzen zu ersetzen, was an Bewegung fehlte. Das Orchester war glänzend, die erste Geige als anerkannte Künstlerin prädominierend, die zweite und eine große Baßviola mit drei Saiten von Dilettanten ad libitum gestrichen; Branntwein unb Kaffee in Ueberfluß, alle Gäste von Schweiß tricfenb, '

Friedrich stolzierte umher wie ein Hahn, im neuen himmelblauen Rock, und machte fein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die Gutsherrschaft anlangte, faß er gerade hinter der Baßgeige und strich die tiefste Saite mit großer Kraft und vielem Anstand.

Johannes!!" rief er gebieterisch, und heran trat sein Schützling von dem Tanzplatze, wo er auch seine ungelenken Beine zu schlenkern unb eins zu jauchzen versucht hatte. Friedrich reichte ihm den Bogen, gab durch eine stolze Kopfbewegunq seinen Willen zu erkennen und trat zu den Tanzboden.Nun luftig, Musikanten: den Popen von Istrup!" Der beliebte Tanz ward gespielt und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft, daß die Kühe an der Tenne die Hörner zurück- zogen und Kettengeklirr und Gebrumme an ihren Ständen herlief. Fuß­hoch über die anderen tauchte sein blonder Kopf auf und nieder, wie ein Hecht, der sich im Wasser überschlägt; an allen Enden schrien Mädchen auf, denen er zum Zeichen der Huldigung mit einer raschen Kops­bewegung sein langes Flachshaar ins Gesicht schleuderte.

(Fortsetzung folgt.) ___

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Buch« und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.