Das Dorf einer Königin.

Von Liesbet Dill.

Paretz, im Sommer.

Mitten in der Stadt steigt man ein. Die Musik spieltNun ade du mein lieb Heimatland". Jeder Dampfer hat seine Kapelle, das gehört dazu, das macht Stimmung. Der kleine weiße Dampfer hält oft unter­wegs, längs der Spree. Man sieht die Kulissen der großen Stadt, das morgentlich arbeitende Berlin, Häse und Kaffeegärten bis an die Spree­ufer. Der Lehrter Bahnhof, das Reichstagsgebäude, Kohlenlager und Holzplätze ziehen vorbei, Charlottenburg mit seinen -nüchternen Miets­kasernen, Spandau mit seinen Schornsteinen und Fabriken, Ruhleben mit der Trabrennbahn, Pichelsdorf mit Badeanstalten und Bootsstän­den. Dann weitet sich der Blick, wir sind aus dem Pichelssee ... Kleine Eartenhäuschen am Ufer, lustig und bunt in Liliputgärtchen, weiße Segelboote flitzen über das Wasfer, Paddler, braungebrannt von der Sonne, junge Damen in weiß, die am Steuer stehen, Motorboote, elegant eingerichtet. Der Diener serviert den Herrschaften den Tee. Villen in Gärten tauchen auf. Immer weiter wird der See, immer weiter ent­fernen sich die Ufer, bernsteingelb schimmert das Wasser. Ein Himmel blau und wolkenlos, gutes Wetter für eine Schiffahrt.

In Wannfee liegen die Badenden im Sand an dem mehrere tausend Meter langen breiten Strand, dann schwimmt die stille Pfaueninsel näher, das Teehäuschen der Königin Luise erscheint und schon sind wir von Poesie und Romantik umfangen. Sie weht von der reizenden grün­umbuschten Insel herüber, an der das weiße Schiff vorbeigleitet ... Moorlake erscheint, Potsdams Türme recken sich aus, die Gärten von Neubabelsberg, Blumen hängen von den Terrassen, Trauerweiden neigen sich ins Wasser, Möwen flattern am Strand. Rechts und links tauchen Kasfeestationen auf mit kühnen Namen, Römerschanze und Schweizer­haus. Dann wird die Gegend einsam und slach, ein Idyll von gelben wogenden Getreideseldern und Wiesen. Schilfränder an den Ufern. Still wird's hier und traurig ...

Paretz ist in den meisten Reisebüchern vergessen, ein Ort, an den es viele hinzieht. Die schöne kranke Königin Luise hat dort ihre liebsten Tage verbracht. Sie war eine mecklenburgische Prinzessin, und sicher war es die Aehnlichkeit dieses märkischen, einsamen Dorfes mit ihren heimatlichen Dorfbildern, die sie so liebte.

Vier Stunden fährt der Dampfer von Berlin bis Paretz. Wie lange mögen im vorigen Jahrhundert die schwerfälligen Kaleschen gebraucht haben, welche die Königin mit ihren Kindern nach Paretz trugen? Eine flache Umgebung, Getreidefelder wogen im heißen Sommerwind. Der Park von Paretz schwimmt näher, eine Lindenallee führt zum Schloß ... Eine sandige Dorsstraße, von grünen Hecken umzäunt, ein altes Kirchlein, gotisch, aus einem Grasplatz, eine Oberförsterei, ein paar Gasthäuser, zumGothischen Haus" und zurLuisenquelle", ein paar niedrige Dorf­hütten und das Schloß, das ist das ganze Paretz. Das Schloß, zwei­stöckig, von Efeu umklammert bis unters Dach, einfach, die Fenster wie aus der Efeuwand herausgefchnitten. Ringsum Park, Wiefen und Weiden.

Ein Storchnest auf dem Dach eines Hauses, aus dem sechs Störche schwarzweiß gucken. Um den Rasen oval gestutzte Eichen und vor der einfachen weißen Türe stehen, wie zwei Grenadiere, zwei Eichen. Pri­mitivste Einrichtung innen, kleine getünchte Vorzimmerchen, niedrig. 1797 wurde das Schloß gebaut, für die Königin. Sie hat sich diesen Platz ausgesucht. Es gab sicher landschaftlich viel schönere in der Nähe Ber­lins, aber sie wollte hier sein, einfach, ländlich, in der Stille, wo einen nichts mehr erreichte, vom Hof und der Stadt und der Politik.

Es ist ein melancholischer Besuch. Ueberall hängen welke Kränze, von den zarten Händen der Königin gewunden, an den Wänden. Die bunten Tapeten Handdruck, Pariser Farben, primitive Kamine, wie ein großes Ei in die Wände gehöhlt, ein Kupfergitter davor, ein Loch, das in den Schornstein leitet, ein paar Holzscheite liegen da. Man war nur im Sommer hier draußen.

Das Schloß hat Kaiser Friedrich dem Prinzen Heinrich von Preußen geschenkt und dessen Sohn Adalbert hat es geerbt, sagt die Kastellanin. Er besucht es öfters und wohnt tagelang hier in den einfachen Fremden­zimmern oben im ersten Stock.

Da steht der Schreibtisch der Königin, ihre Ledermappe liegt da, ihr Tintenfaß aus Alabaster, ihr Nähkörbchen, ein Rohrgeflecht mit ge­sticktem Rand, ihr Spinett, ein Billardzimmer, in dessen Wänden ein Kranz hängt aus Eichenblättern, die wie Schaumgold wirken, den die Königin flocht, als sie Paretz zum letztenmal vor ihrem Tode besuchte...

Englische, bunte Kupferstiche bedecken die Wände. Nichts ist kost­bar, alles ärmlich, aber vornehm und geschmackvoll. Preußen war ja da­mals so arm. Auch Königinnen konnten sich keinen Luxus erlauben. Nirgendwo ein Bad, nirgendwo sieht man einen Waschtisch ... Das Schlafzimmer mit dem Ehebett, grüne vermottete Seidendecken, einge­sunken und alt geworden, das ist alles. Unter einem grauverstaubten weißen Himmel von Musselin. Alle Fenstervorhänge sind noch da, sonnen- verschossen, wenn man dran rührt, riefelt Staub ...

In diesen drei einfachen Zimmern hat einst Zar Alexander gewohnt... Vor den erblindeten, zusammengesetzten Spiegeln Vasen aus Milchglas, Pit bunten Blumensträußen bemalt. In jenem Kabinett sind die könig­lichen Prinzen ausgewachsen, die Wände mit bedrucktem Kattun bespannt, Sanapes mit blumiger Kretonne bezogen. Der Toilettentisch der Königin Einfach und armselig, weißer Tupfenmull umspannt den kleinen Tisch. Das Bild ihres Vaters, des Herzogs von Mecklenburg, hängt über einem ®ofa, die Wände der Gänge und Vorzimmer sind gelb getüncht. Aus oieje Holztreppe stieg sie ost hinaus, die Königin, müden Schritts, schwer - mmend schon ... Oben ist ihr Schlafzimmer. Da steht der große gelbe Wandschirm noch, für den sie mit ihren Kindern Bilder ausfchnitt und >hn beklebte. Lustig sieht das aus, kindlich, reizend, naiv, etwas chinesisch mutet es an. An der Wand gepreßte Sommerblumen unter Glas, auf »en Wiesen gesammelt und zum Strauß vereint.

Niedrige Decken. Brette Fledermausfenster lassen uns die Ebene üdev> schauen. Das Weiherchen, das Teehäuschen, den Park mit seinen Schlän­gelwegen, den man in fünf Minuten durchwandert hat. Weihe Wand­schränke auf der Diele. Im Arbeitszimmer Kaiser Wilhelms, einer Man­sarde nach dem Park, steht ein einfacher Schreibtisch. Ein Pastell von Schroeder von Luise hängt da, das ihr am ähnlichsten sein soll, unge­schmeichelt, etwas hart, nur Prosil und die schönen Schultern, das blonde, geknotete Haar ... Poetisch, wie alles, was diese Frau umgab ... Ein abgeschabter Ledersessel, gestickte Teppiche, Sommermöbel, kein Prunk, keine Seide, kein Gold, eine kleine Pendule unter Glasstur), Tapeten hängen in Fetzen von der Wand, weiß gescheuerte Dielen, so ländlich und gesund alles ...

Das Kinderzimmer der Prinzessin Charlotte, dieser reizenden Frau, die später Zarin von Rußland wurde, die kleine Kanone, mit der die Prinzen mit den Paretzer Bauernjungens gespielt haben, das Garten­zimmer mit gemalten bunten Wänden und Runddiwans. Aus dem runden Tisch im chinesischen Saal liegt noch das Spielzeug der Prinzen^ eine Mühle, ein Schach, ein Lotto, Tischtennisschläger und Reifen ...» Das kleine Wohnzimmer der Königin in Blau mit Bildern ihrer Lieb­lingspferde, eine Seidenstickerei hängt da, welche dieVergänglichkeit" darftellt. Eine Sanduhr, ein Totenkopf, eine brennende Kerze und Blumen, die welken ...lieber das Loos des Vergänglichen erheben dich Königin deine Tugenden."

Im Arbeitszimmer des Königs steht eine spaßhafte Karikatur des Königs von Hannover mit Lord Gloster. Ein von der Königin gestricktes Tuch hängt über einem Stuhl aus braungrünen Streifen, mit Satin ge­füttert, das sie morgens im Garten trug. Eine bescheidene kleine Biblio­thek, Lafontainesmoralische Erzählungen", französische und englische Reifebücher. In einer Kammer an der Wand die Jagdgewehre des Königs. In der Ecke steht ein vermottetes Fähnchen, das die Dorf­jungens einst dem Kronprinzen Wilhelm zum Geburtstag anbrachten. Wir prefentieren die Armee und tun dir gratulieren, aber wenn du uns willst kommandieren, mußt du zuerst uns salutieren ..."

In einer Ecke des Parks, der jetzt verwildert und unkrautdurchwachsen ist, steht ein chinesischer Tempel, in dem die Königin Nachmittags ihren Tee trank. Man überschaut hier das stille Land. Verschlossen sind die blahblauen Läden, unterhalb dieses Tempels, eine Grotte, die von Kinder­händen gewundene Kränze schmückenGedenket der Abgeschiedenen".

Unnötige Mahnung. Der Geist der schonen Königin schwebt noch überall, in den einfachen stillgewordenen Zimmern, in diesem kleinen mückenverseuchten Park ... Paretz ... Einige Schisse kommen angezogen wie weiße Schwäne und landen.hier. Man trinkt Kafsee unter schattigen Bäumen, man geht auch in das stille, schmale Kirchlein, setzt sich in die engen Bänke. Durch einen roten Vorhang fällt blutrot die Sonne und erfüllt die Kirche mit feurigem Licht. Der einzige Schmuck der Wände, einige Tafeln mit den Namen der Paretzer Jugend, die fürs Vaterland fiel ...

In Schönheit sterben ..." Ich bin keine große Frau, werde nie berühmt fein, sagte Luise einmal von sich. Nein, aber ihre Bilder, ihre Briese, ihre Erinnerungen verblassen nicht, sie leuchten uns immer, sie umschweben diese Stätten, die ihr schöner Fuß betrat, und sie sind da selbst in dem stillen einsam gelegenen Dorf Paretz ...

Die Iudenbuche.

Ein Sittengemälde aus dem gebirgigsten Westfalen.

Von Annette v. Droste-Hülshofs.

(Fortsetzung.)

In diesem Augenblicke trat Johannes Niemand in die Kammer; dünn und lang wie eine Hopfenstange, aber zerlumpt und scheu, wie wir ihn vor fünf Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich. Friedrich," stotterte er,du sollst sogleich zum Ohm kommen; er hat Arbeit für dich; aber sogleich." Friedrich drehte sich gegen die Wand. ,^ch komme nicht," sagte er barsch,ich bin krank."Du mutzt aber kommen," keuchte Johannes;er hat gesagt, ich müßte dich mlt- b ringen."

Friedrich lachte höhnisch auf:das will ich doch sehen!"Laß ihn in Ruhe, er kann nicht," seufzte Margret,du siehst ja, wie es steht." Sie ging aus einige Minuten hinaus; als sie zurückkam, war Friedrich be­reits angekleidet.Was fällt dir ein?" rief sie,du kannst, du sollst nicht gehen!"Was fein muß, schickt sich wohl," versetzte er und war schon zur Tür hinaus mit Johannes.Ach Gott," seufzte die Mutter,wenn die Kinder klein sind, treten sie uns in den Schoß, und wenn sie groß sind, ins Herz!"

Die gerichtliche Untersuchüng hatte ihren Anfang genommen, die Tat lag klar am Tage; über den Täter aber waren die Anzeichen so schwach, daß, obschon alle Umstände die Blaukittel dringend verdächtigten, man doch nicht mehr als Mutmaßungen wagen konnte. Eine Spur schien Licht geben zu wollen: doch rechnete man aus Gründen wenig daraus. Die Abwesenheit des Gutsherrn hatte den Gerichtsschreiber genötigt, auf eigene Hand die Sache einzuleiten. Er saß am Tische; die Stube war gedrängt voll von Bauern, teils neugierigen, teils solchen, von denen man in Ermangelung eigentlicher Zeugen einigen Aufschluß zu erhalten hoffte. Hirten, die in derselben Nacht gehütet, Knechte, die den Acker in der Nähe bestellt, alle standen stramm und fest,' die Hände in den Taschen, gleichsam als stillschweigende Erklärung, daß sie nicht einzu­schreiten gesonnen seien. ,

Acht Forstbeamte wurden vernommen. Ihre Aussagen waren völlig gleichlautend: Brandis habe sie am zehnten abends zur Runde bestellt, da ihm von einem Vorhaben der Blaukittel müsse Kunde zugekommen fein; doch habe er sich nur unbestimmt darüber geäußert. Um zwei Uhr in der Nacht seien sie ausgezogen und auf manche Spuren der Zer­störung gestoßen, die den Oberförster sehr übel gestimmt; sonst fei alles still gewesen. Gegen vier Uhr habe Brandls gesagt:Wir sind an­geführt, loht uns helmgehen." Als sie nun um den Bremerberg ge-