Blutes willen, Kos' Rolf auf Ihn verströmt hatte. Da erschien auch Rolf und badete in der Ovation der Menge. Er war blutig, bleich und selig.

In diesem Augenblick erschien der Baron, der den völligen Zusam­menbruch des Hauses nur noch für eine Frage von Sekunden hielt, aus der Veranda. Er stand da mit seinem unseligen Gipsbem, hatte das Bild des Urahnen unter dem Arm und die Dienstmütze auf dem Kopf. Ein donnerndes Hoch der Rettungsmannschaften, die serne Jungens auf den Schultern trugen, brauste ihm entgegen.

Abends im Saal saßen der Baron und die Gäste. Der Brand war ge­löscht, der Baron glücklich, die Ehre gerettet, der Name unsterblich! Die Jungens waren die Sensation des Abends. Man sprach von einer Medaille. Und der Ahne an der Wand, stolz und feierlich, als hatte er niemals im Bach gelegen, sah zu, wie Rolf das erste Glas Champagner seines Lebens trank.

Dom Pilgerführer zum Baedeker.

Aus der Geschichte des deutschen Reisehandbuches.

Von Dr. Kurt Haack.

Unsere unentbehrlichen Begleiter auf der Reise sind heute jene hand­lichen Bücher, mit deren allgemeiner Einsührung und vorzüglicher Aus- aestaltuna sich der Verlag von Karl Baedeker einen Weltruhm erworben hat. Aber dieses Universalgenie der Reiseliteratur, das unserer im Zeichen des Verkehrs und der Reisen stehenden Zeit würdig ist, wäre unmöglich ohne seine zahlreichen Vorgänger, die nicht nur in älteren Auslagen, son­dern auch in den Reisehandbüchern früherer Zeiten bestehen. Der Baedeker blickt auf eine stattliche Reihe von Ahnen zuruck, die ihn an Umfang und Materialsülle oft überbieten, an praktischer Brauchbarkeit aber soweit hinter ihm zurückbleiben, wie eine Postkutsche hinter einem Auto. Wenn wir die lange Entwicklung dieser deutschen Reiseführer über­blicken, erhalten wir zugleich einen Einblick in Geschichte und Art des Reisens.

Die Reisemanie der römischen Kaiserzeit hatte auch eine große Anzahl von Jtinerarien, die Reiserouten genau beschrieben, und Aufzählungen von allerlei Sehenswürdigkeiten entstehen lassen. Ein außerordemlich schwatzhaftes, aufs Sensationelle berechnetes Reisehandbuch für Griechen­land ist uns in dem Werk des Pausanias erhalten. Im ganzen aber florierten die mündlichen Reiseführer, die an allen vielbesuchten Orten mit ihrer Gelehrsamkeit aufwarteten, mehr als die schriftlichen. Als im frühen Mittelalter durch den Verfall der antiken Kultur jede Möglichkeit des Reisens aufhörte, war es natürlich auch mit jedem Gedanken an eine Anleitung zum Reisen vorbei. Erst die sich immer stärker regende Sehn­sucht nach dem heiligen Lande und dem Grabe des Herrn, die sich in den Pilgerfahrten und Kreuzzügen äußerte, führte auch wieder zu den Anfängen einer Reiseliteratur. So sind aus dem 13. und 14. Jahrhundert Unterweisungen an einen jungen Kreuzfahrer für die Reise" undRat­schläge für eine Pilgerfahrt nach dem Orient" erhalten, in denen der einzuschlagende Weg, die günstigste Jahreszeit, die wichtigsten Stationen, die bequemsten Transportmittel angeführt werden; des weiteren werden Angaben über Proviant und medizinische Schutzmittel gegen das tropische Klima gemacht; man erfährt, was man sich in einzelnen Städten an Kuriositäten ansehen soll, wie man sich gegen die Mohammedaner und den Dogen von Venedig zu verhalten hat. Viele sagenhafte und phan­tastische Dinge treten uns hier neben praktischen Erfahrungen und wirk­lich fördernden Mitteilungen entgegen. Die Welt der Dichtung und des Wunders überwiegt dann in den großen Reisebeschreibungen, deren Repräsentant das lange Zeit verschlungene, in viele Sprachen übersetzte Buch des nach Palästina pilgernden Ritters John Maundeville war, der in schmucklos naiver Erzählung seine Erlebnisse zu Rutz und Frommen künftiger Wallfahrer aufzeichnete. Viel Tatsächliches ließ sich allerdings aus der romanhaft spannenden Darstellung nicht lernen: als praktischen Begleiter benutzte man schlichtere, knapp orientierendeWegweiser". Alle diese Werke enthielten jedoch nur Angaben für Reisen nach einem be­stimmten Ziel für einen bestimmten Zweck; sie beschränkten sich auf Pilgerfahrten und wurden ganz selten wohl auch für eine Geschäfts­reise gebraucht. n .

Eine größere Verbreitung gewann das Reisen erst im Laufe des 16. Jahrhunderts, als durch die großen Entdeckungen unbekannter Welt­teile der Horizont erweitert und die Sehnsucht nach fernen Ländern ent­facht wurde. Nun entwickelte sich eine ganz neue Wissenschast, die Apo- demik, d.h.die Anleitung, wie man auf Reifen das Nützliche mit dem Angenehmen und Bequemen verbinden könne". Die ersten Werke dieser Art, das des Italieners Grataroli von 1562, das den Reisenden zu Schis und zu Wagen, zu Roh und zu Fuß Auskunft versprach, die von Pic- torius und Zwinger waren lateinisch geschrieben und nur gelehrteren Kreisen verständlich. Einer dieser Reisetraktate, der des Thomas Erpenius Ueber die praktische Einrichtung der Reise nach Frankreich" war für Kavallerie bestimmt, die zur Erlangung deshöheren Schliffs" nach - demLande des guten Tons" gingen. Um 1600 find diese lateinischen Reißbücher" schon ganz eingebürgert, werden schön gedruckt und mit fein gestochenen Landkarten versehen, bald auch ins Deutsche übersetzt. Solch einAllgemeines oder General-Rayhbuch und Wegweiser" erschien 1603; es enthielt die Wege von den größeren deutschen Städten nach den vor­nehmsten Orten aller europäischen Länder, von Moskovien bis Spa­nien, und zwar, wie es auf dem Titel hieß,alles zu dienstlichem Wohl­gefallen allen Herren und Fürstlichen Abgesandten, Kaufherren, Wander- und Handwerksgesellen, Reitende und gehende Boten". Bei den einzelnen Städten waren schon auch einige historische Notizen beigefügt; so wurde etwa der Name von Hamburg auf seinen Ursprung hin mit skurriler Gelehrsamkeit untersucht und es hieß dann lakonisch weiter:Ist eine berhumte Kauffstat, und sehr vest".

Während sich solche Bücher an ein möglichst breites reisendes Publi­kum wandten und daher nur dürftige gelehrte Angaben machten, wur­den andererseits die umfänglichen lateinischen Reisebücher, die im 17. Jahrhundert sehr zahlreich waren, der Tummelplatz polyhistorischer

Launen und Ungeheuerlichkeiten. DieEntzückungen" von Frankreich uni) Spanien wurden unter einem Berge von Zitaten, einem Wust von Sagen und Legenden begraben. Ein Mittelweg zwischen diesen pedantisch- gelehrten und nüchtern-praktischen Werken mußte in deutsch geschriebenen und anschaulich belebten Darstellungen gesucht werden; ihn erprobte 1622 Heinrich Kilian Neumaier in seinerReise durch Welschland und Hispanien"; ihn beschritt darauf mit noch größerem Erfolg der Topo­graph Martin Zeiller, derBaedeker des 17. Jahrhunderts". Im Jahre 1632 erschien zu Straßburg in zwei Bänden seinReißbuch und Be- chreibung Deutschlands und angrenzender Länder", daß den Ruhm be­anspruchen darf, das erste deutsche Reisehandbuch im heutigen Sinne zu ein Andere Werke über Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien olgten. Einen Auszug aus all diesen Büchern veranstaltete Zeiller 1651 n seinem nach des Aeneas treuen Begleiter genanntenFides Achates oder getreuer Reisegefärt", der die größte Verbreitung fand. Der kennt­nisreiche Verfasser, der hübsch von seinen eigenen Wanderungen und Reiseerfahrungen plaudert, berichtet nicht immer als Augenzeuge; er hat vielerlei Quellen benutzt, neben fremden geschriebenen Reisetagebuchern, die ihm von Reisenden zur Benutzung zugesandt wurden, auch viele historische und geographische Werke. In langen Einleitungskapiteln wur­den die Geschichte, Volk, Staat und Gliederung des betreffenden Landes gründlich abgehandelt, denndie vornehmste Absicht beim Reisen ist, daß man dadurch politische Weisheit und, wie es an andern Orten her- S erfahre". Daneben aber kommt auch der beschreibende, praktische

'zu seinem vollen Recht. Zeillers Anordnung und Schilderung mutet hier merkwürdig modern an. Ganz wie von unserm Baedeker werden wir in die äußerst beschwerlichen Paß- und Zollverhältnisse eingeweiht, mit den Beförderungsmitteln bekannt gemacht, auf bestimmte Herbergen hm- qewiesen, in denen man gute Unterkunft findet; ja sogar über Preise erhält man Fingerzeige. Freilich, auch Zeiller war ein Sohn seiner Zell. Wer in seinen Büchern nach Hinweisen sucht auf Schönheiten der Natur, auf heute gefeierte Kunstwerke, der wird eine bittere Enttäuschung er­leben. Nach seiner Meinung kann man z.B. sämtliche Sehenswürdig­keiten Roms in vier Tagen absolvieren, wobei aber von Raffael und Michelangelo Nicht die Rede ist. Das ästhetische und auf schöngeistig-künst­lerische Kenntnisse gerichtete Bildungswesen des 18. Jahrhunderts tritt schon deutlicher hervor in dem von vielen Deutschen auf der Pariser Tour benutzten Buch von Joachim NemeitzSejour de Paris oder getreue Anleitung, welchergestalt Reisende von Kondition sich zu verhalten haben ..." (Straßburg 1717.) Winkelmann bediente sich auf seiner Ita­lienfahrt, die den Deutschen ein neuesgelobtes Land" erschließen sollte, noch englischer Reisebücher. Sein Plan, eine mustergültige Anleitung zum Besuch Italiens zu schreiben, kam zwar nicht zur Ausführung, aber der klassische Führer aller der großen Italien-Reisenden, eines Lessing und Goethe, wurde der Hamburger I. I. Volkmann in seinenhistorisch- kritischen Nachrichten aus Italien" (1770), einem inhaltsreichen über­sichtlichen Werke, das freilich vielen Reisenden von heut zu gelehrt er- scheinen dürfte, in dem aber schon die Begeisterung für die Kunst glüht. Nur für die Schönheiten der itaüenifdjen Natur hatte der Freund Winkelman noch kein Auge.

Die Wunder der Natur werden erst durch eine Reihe von Reifehand­büchern entdeckt, die sich mit einer Gegend beschäftigt, der sich damals die Neigung zuzuwenden begann: der Schweiz. Das Musterhandbuch für die Schweizer Reifen wurde I. G. Ebels 1793 zuerst erschieneneAn- leitung, die Schweiz zu bereisen". Ebel ist der erste, der einen Sremben. ström in die Alpengegenden gelockt, der eigentliche Begründer des Welt­ruhms der Schweiz; in einer längeren Einleitung führte er aus, daß Reisen und Aufenthalt in der Schweizdie körperliche und moralische Gesundheit" fördere, gab Anweisungen überMilch-, Molken- und Bade­kuren", über die Reisekosten, Ausrüstung usw. Ferner unterrichtete er über Geschichte, Geographie, Naturgeschichte, Handel, Künste, Munz- sorten, über deutsch-schweizerische Ausdrücke, über die romanische und speziell die rätische Sprache u. a. m. Alles im ersten Band seines Werkes. In drei weiteren Bänden folgen die Beschreibungen der einzelnen Städte, Täler, Berge usw. DerEbel" war also etwasschweres Geschütz , aber von unerreichter Gründlichkeit. Nicht so ausführlich, aber aicht minder beliebt und über ganz Europa verbreitet waren die Reisehandbücher des Gothaer Geheimen Kriegsrats H. A. O. Reichard, eines viel gereiften und noch mehr belesenen Mannes. SeinHandbuch für Reisende aus allen Ständen" erschien zuerst in Leipzig 1785; es ward später von ihm zu einzelnen französisch geschriebenenGuides des voyageurs en Europe umgearbeitet, von denen jeder Band ein Land behandelte und die überall benutzt wurden. Noch handlicher und übersichtlicher war seinPassagier auf der Reise nach Deutschland und den angrenzenden Ländern, der innerhalb von 30 Jahren sieben Auflagen erlebte. ReichardsPassagier ist wohl von seinen großen Nachfolgern Murray und Baedeker injbt nauigkeit der Angaben und Anpassung an moderne Bedürfnisse ub«= flügelt worden, aber durch seine treffliche Anordnung und systematiW Verarbeitung des Stoffes, Muster und Grundlage aller späteren Beists Handbücher geblieben. Reichardts Beispiel ahmte der Londoner Buch­händler John Murray nach, als er seineroten Bücher" herausgab, oi seitdem mit dem Bilde des reisenden Engländers verknüpft sind, weim Handbooks kor travellers" bringen alles, was die Apodemik von: Zei- ler bis Reichard den Reifenden' vorgesetzt; sie stellen jedoch noch em anderes Ideal auf; unbedingteste Zuverlässigkeit, die sich nur auf bi sichersten Gewährsmänner verläßt. Karl Baedeker aber, der aufurr) weiterbaute, steckte sich sein Ziel noch höher: er wollte alles mit eigen Augen sehen! So waren denn seine Handbücher, die sich juno^lt ' strohelben Gewände präsentieren, noch exakter und gtaubwuroigr als die englischen. Was die Reklame von Murray sagte:Von Peter- bürg bis Sevilla, von Ostende bis Konstantinopel erblaßt jeder GastY r besitzer bei dem Namen Murray!", das traf»für Baedeker wirklich 3' und so wurde er der rechte Reiseführer unseres Volkes, das stets e Sehnsucht nach fremden Ländern gehabt und im Reisen eines der vef Bildungsmittel, einen der edelsten Genüsse erkannt hat.