das komisch verrückte Lied singend vomneuen Schubkarren, den man mit Provenceöl schmieren muß"; eisgraue Juden mit Schläfenlocken und Kaftanen hinter Holzständen, bedeckt mit abgetragenen Hosen und Uniformen; eine kurze Fahrt über den Fluß auf einer Fähre, die ein schielender stummer Fährmann rudert; alte wundervolle Paläste mit prunkhaft geschnitzten Holztoren, darauf bisweilen in Kreide geschrieben steht, daß Mclniker Rotwein aus den fürstlichen Gütern beim Haus- nreister billig zu haben sei; ausgedehnte Gärten hinter bröckelnden Mauern, die hie und da durchbrochen sind von vergoldeten Gittern. Dann in der Ferne inmitten eines verwilderten Parkes die Daliborka, der uralte Hungerturm. Ich weiß nicht, wer mich hineinführt ich glaube ein alter Mann mit einem Stelzbein, in eintönigem Singsang erzählt er mir, was ich so oft schon gehört habe:Hier in diesem zwei Meter breiten lichtlosen Raum hat einst der Ritter Dalibor als Gefangener ge­lebt, bis er geköpft wurde. Mit einem eisernen krummen Nagel hat er im Laufe der Zeit eine tiefe Höhlung in die viele Ellen dicke Mauer gekratzt, um zu entfliehen; es fehlte nur noch ein Fuß breit, da hat man es entdeckt und ihn zum Schaffott gebracht. Und hier" der Alte führt mich in einen kreisrunden Raum, in dessen Mitte ein Loch den Lichtschein der vergitterten Laterne frißt, wie ein Rachen der Erde Hier oben, gnädiger Herr, waren die Gefangenen eingesperrt, die man zum langsamen Hungertode verurteilt hatte. Die letzte, sagt man, war die Gräfin Zahradka. Sie wurde schuldig befunden, ihren Sohn vergiftet zu haben. Später wurde ruchbar, sie hätte es getan, weil er einer teuflischen ketzerischen Sekte, genannt die Asiatischen Brüder, angehört habe. Darauf­hin wurde für ihre arme Seele eine Messe drüben im Dom gelesen und die Daliborka für alle Zeiten geschlossen."

*

Ich höre kaum hin, was der Führer da spricht, nur der Name Asiatische Brüder" hallt mir im Ohre wieder.Die Gegenwart ist ewig und bringt alle Antwort unversehrt in ihrem Schoß; wer Fragen stellt nach der Vergangenheit und auch nach der Zukunft, der kann sie losen jederzeit aus den Geschehnissen der Gegenwart, so er nur die Fragen richtig stellt und sie hinüberzurufen versteht über die Schwelle des Lebens" so erinnere ich mich plötzlich, einmal in einem alten kabbalistischen Buch gelesen zu haben. Und ich beuge mich unwillkürlich vor über das Loch zu meinen Füßen, von dem Gefühl ergriffen, dort unten wisse der Moder der toten Gräfin eine Antwort auf meine halbe Frage, aber ich höre nur die eintönige Stimme des Führers hinter mir.' Ich will den Alten fragen, ob er nichts Näheres wisse über die Asiati­schen Brüder, die er erwähnt hat. Er blickt mir ängstlich auf die Lip­pen, und ich sehe, was ich bis dahin nicht bemerkt: daß er stocktaub ist und mich nicht verstehen kann.

Weshalb bin ich nur hierher gekommen? frage ich mich. Warum fühle ich mit einem Male so deutlich die unsichtbare Nähe der toten Greisin, deren Gebeine in der Tiefe längst zu Staub zerfallen sein mögen? Ihre Nähe umfängt mich deutlicher und gegenwärtiger, als alle die'Eindrücke gewesen waren, die ich vor einer Stunde noch drüben im Kafeehaus gehabt. Ich wandere zurück in die Neustadt, und an der Tür meiner Wohnung empfängt mich meine Dienerin mit der Nach­richt, ein fremder Herr warte auf mich seit ein paar Minuten drin im Zimmer in einer wichtigen Angelegenheit. Es ist ein Mann, schäbig ge­kleidet, ungefähr 50 Jahre alt, mit dem unsicheren scheuen Blick eines Geisteskranken. Er springt auf, als ich eintrete, und hält mir zur Ent­schuldigung seiner Anwesenheit eine schmutzige Visitenkarte hin und stellt sich gleichzeitig vor. Ich glaube mich verhört zu haben; er murmelt: Zahradka" und einen unverständlichen Vornamen dazu. Merkwürdig, wie tief sich dieser Name aus der Daliborka in meine Sinne einge­fressen hat! sage ich mir und werfe zur Prüfung einen Blick auf die Karte; richtig: da stehtZahradka" und darunter: Reisender der Wäsche­fabrik Weihwasser in Böhmen!" Der Mann ergießt einen konfusen Wortschwall über mich. Ich erwarte, er werde mir Waren zum Kauf anbieten. Nichts dergleichen geschieht. Er scheint den Zweck seines Hier­seins vollkommen vergessen zu haben. Statt dessen erzählt er mir ein langes und breites: daß er in früheren Jahren einmal inKattun in Indien" gereist sei, dort zufällig und aus geschäftlichen Gründen einem Orden beigetreten fei, der Sat Bhai heiße, uralten Ursprungs, in grauer Vorzeit in unbekannter Absicht auf Wanderung von je sieben seiner Logenbrüder allerorten im Westen Niederlassungen gegründet habe, die stets den NamenDie Schwelle" erhalten hätten Ich frage, ob es heut­zutage irgendwo Mitglieder dieses Ordens gäbe. Herr Zahradka bejaht und gibt mir stockend und in seiner Erinnerung mühsam grübelnd, einige Adressen in England und in Orissa in Indien an. Ob der Orden gewisse Absichten verfolge, frage ich. Er zuckt die Achseln: man Jagt, wer bei­tritt, träte damitüber eine Schwelle", was damit gemeint sei, wisse er seiber nicht oder habe es vergessen. Er streicht sich über die Stirn, lächelt verlegen und murmelt:Sie müssen entschuldigen, mein Gedächtnis hat drüben sehr gelitten". *

Dann schwätzt er noch eine Weile verworrenes Zeug; steht plötzlich, auf die Uhr sehend, auf und eilt hinaus. Mir Wäsche ober dergleichen zum Kauf anzubieten, unterließ er. Wäre ich ihm spät r nicht noch oft auf der Straße begegnet, wer weiß, vielleicht hätte sich in mir die Ver­mutung festgesetzt, alles das nur geträumt zu haben Als ich mich über ihn erkundigte, hieß es, er fei nicht richtig im Kopf und ein Säufer und bilde sich ein, ein Nachkomme der legendenhaften Gräfin Zahradka zu fein, die in der Daliborka zum Hungertod verurteilt wurde.

*

Als ich sodann an die Adressen in England und Orissa schrieb, er­fuhr ich, daß die Angaben des verrückten Wäschereisenden auf Wahrheit beruhten. Es gibt heute noch einen Orden dort, der den Namen Sat Bhai und Sikha führt; auch in Prag soll noch im Jahre 1760 eine Loge exi­stiert haben, deren letzter Großmeister ein Graf Spork war Das Logen­gebäude stand in Prag dort, wo jetzt die Hauptpost steht. Mitglieder waren auch Cola Rienzo und Petrarka. Auch ein Graf Zahradka ist

in den alten Annalen verzeichnet. Als ich eines Tages durch die sog, Opatowitzer Gasse ging, sah ich über dem Portal eines ehrwürdigen Primatorenhauses in Stein gehauen das Wappen der Sat Bhai der Asiatischen Brüder, seltsamerweise war eine Papstkrone darüber angebracht. Ob jemals zu Tag kommen wird, was es damit für eine Bewandtnis hat?

Wilde Tiere als Patienten.

Von Ludwig Zukowfky.

Die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft der vierbeinigen und ge­flügelten Pfleglinge in den Tiergärten ist manchen Unpäßlichkeiten, Ver­stimmungen und Krankheiten unterworfen, die auf die Einflüsse des hiesigen Klimas und auf die veränderte Lebensweise, nämlich den Futter­wechsel und den Mangel an Bewegung, zurückzuführen sind. Andererseits aber können bakterielle Erreger gelegentlich die Ursache komplizierter Erkrankungen sein oder auch Unglücksfälle die größtenteils kostbaren, aus fernen Ländern stammenden Insassen unserer Tiergärten befallen. Es ist ohne weiteres wohl verständlich, daß sich eine zur Beseitigung des lästigen Uebels eingeleitete Behandlung bei gefangen gehaltenen wilden Tieren wesentlich schwieriger gestaltet als bei den Haustieren, zumal oft genug vom Tierarzt kaum die richtigen Diagnosen gestellt werden können und die teilweise äußerst bewehrten und kräftigen Tiere nur gefesselt eine Untersuchung zulassen und diese bei größeren Raub­tieren und anderen gefährlichen Tieren nur durch das Gitter vor sich gehen kann. Kenntnis und Methode sind bei der Behandlungsweise wilder Tiere die Grundbedingung und ein enges Zusammenarbeiten zwischen Tierarzt und Zoologen ist ein notwendiges Erfordernis. Außerordent­lich schwierige Aufgaben stellen besonders die Operationen von wilden Tieren in der Gefangenschaft an den behandelnden Veterinär. Stets wird es sich für notwendig erweisen, den Patienten und den zu behan­delnden Teil an eine bestimmte Stelle zu fixieren, um dem Arzt die schwierige Tätigkeit zu ermöglichen. Bei allen Fesselungsarten ist natür­lich in erster Linie darauf zu achten, daß dem zu behandelnden Tier kein Schaden zugefügt, sondern größte Schonung zuteil wird; außerdem sind durchaus zuverlässige und erprobte Leute notwendig, um einen guten Verlauf dieser Manipulation sicherzustellen.

Besonders interessant gestatten sich erklärlicherweise die durch Un­glücks- oder Krankheitsfälle sich als notwendig erweisenden Operationen an großen, wehrhaften Tieren. So müssen beispielsweise gelegentlich Krallenoperationen von Löwen, Tigern, Leoparden und Bären vorge­nommen werden. Eine zu stark einwärts gerichtete Kralle oder ein ver­wachsenes Zehengtted sind hier die Erzeuger von bösartigen Entzündun­gen, Geschwüren und Eiterungen. Je nach Art und Umfang der in Mit­leidenschaft gezogenen Stellen muß dann die Kralle beschnitten, abge­nommen oder gar das Krallengtted amputiert werden. Sind die Opera­tionen schwerer Natur und von großer Dauer, so versucht man den Patienten zu betäuben. Da natürlich eine allgemeine Betäubung durch Chloroform aus naheliegenden Gründen nicht gut möglich ist, greift der Tierarzt, nachdem sein Patient 24 Stunden gedurstet hat, zum Chloral- Hydrat, das dem Trinkwasser in bestimmter Menge zugesetzt wird. Das Tier verfällt nach dem Genuß dieses Mittels in einen merkwürdigen Dämmerzustand und wird oftmals völlig betäubt. Häufig verweigert aber auch der Patient die Annahme des Chloralhydrats, und es ist guter Rat teuer. Bei kleineren Operationen werden örtliche Betäubungen mit No­vocain herbeigeführt.

Ist es in der Regel verhältnismäßig schwierig, den Raubtieren ein Betäubungsmittel einzugeben, so betäuben sich die größten unserer Land- [äugetiere, die Elefanten, leicht durch das Einnehmen größerer Mengen von Rum, Kognak oder Arrak. Wenn einer dieser grauen Rüssetträger mehrere Liter Alkohol in seinem Magen aufgenommen hat, so legt er sich behäbig auf den dickhäutigen Bauch, um feinen Rausch auszuschlafen; bei dieser Gelegenheit ist das Tier leicht auf die erforderliche Weise zu fesseln und die Operation, die sich bei den Elefanten meist auf die Stoßzähne, die Hufe und die Haut erstreckt, kann erfolgen. Aber nicht immer gehen die Operationen an Elefanten fo glimpflich ab; es sei nur an den Fall im Zoologischen Garten zu Rom erinnert, bei dem der Tierarzt seinen Tod fand.

Zu den gelegentlich vorkommenden Unglücksfüllen gehören die Knochen- zapsen- und Rosenstock- oder Bastgeweihbrüche bei Hirschen. Das Ge­weih der Hirsche ist besonders im Baste sehr empfindlich, wenn das Blut der Hauptschlagader durch die noch weiche, unfertige Anlage zirku­liert, die trotz der Empfindlichkeit oft genug durch Dummscheu oder Angst ihrer Träger gebrochen wird. Die danach erfolgende Blutung ist gewöhnlich sehr stark, und es muh als Hauptaufgabe des Tierarztes gelten, die Stange wieder in der natürlichen Lage auf der Rose zu be­festigen, was durch Umwicklungen mit reichlich von Holzteer getränkten Mullbinden erzielt wird. Ist der Rosenstock, der Ursprung und Nährboden des Geweihs, verletzt, so können monströse Wachstumsbildungen nicyt vermieden werden, und es bleibt abzuwarten, in welcher Gestatt sich der Aufbau des Kopfschmuckes vollzieht. Eine häßliche Unart langschwänziger Tiere, besonders der Affen und Kleinbären, veranlaßt sie, vornehmlich bei Wunden am Schwänze, die Schwanzspitze resp. die Wunde zu nagen und nach und nach abzubeißen. Wenn diese Tiere nicht rechtzeitig durch Bestreichen der wunden Teile mit Stinkessenzen oder im vorgeschrittenen Stadium durch Wegnahme einiger Schwanzglieder, Ausbrennen der Wunde, Bestreichen mit Holzteer usw. behandelt werden, wird die Folge ein allmähliches Weiterfressen der unartigen Träger sein. Interessant ist, daß Assen sehr schwierig zu operieren sind, sich äußerst ungebärdig be­nehmen und jeden Verband in der kürzesten Zeit zu entfernen wissen. Zu den speziellen Fällen von Tieroperationen gehört die in den Tier­gärten sehr häufig vorgenommene einseitige Amputation der Finger­glieder von Stelz- und Schwimmvögeln, nämlich derjenigen Knochen, an welchen die äußersten, sog.Handschwingen" befestigt sind, dusch bereu Verlust der Vogel das Flugvermögen verliert. Aus diese -uset|e macht man die Tiere für eine Haltung im Freien geeignet, ohne W