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Unterhasinngsbellage zum Eichener Anzeiger

Kummer 29

Montag, den t5. April

Jahrgang |929

April.

45on Theodor Storm.

Das ist die Drossel, die da schlägt, Der Frühling, der mein Herz bewegt, Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen. Das Leben fließet wie ein Traum Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

Dsr Schuster von Görlitz.

Von Hermann Hesse.

Seit dem Ende des Mittelalters finden sich in unserer Geschichte nur noch sehr selten Berichte von Männern, in deren Leben die geistige Be­rufung zum Außerordentlichen in deutlich schöner Bilderschrift wie in den Legenden aus den alten Heiligenzeiten sich ausdrückt, so daß wir ein wunderbares Märchen zu hören meinen, in welchem die Dinge unseres gewohnten Lebens verwandelt und in neuen strahlenden Bedeutungen auferstehen. Ein solches seltenes Beispiel ist das der Berufung des Philosophus teutonius", des todjufters Jakob Boehme in Görlitz, wie sie in den Aufzeichnungen des Abraham von Fraiickenberg be­richtet wird. t r ri m ,

Mehrmals trat Boehme, diesem schlichten und sanften, von Natur be­scheidenen und schüchternen Manne, der Ruf zu feiner hohen geistigen Aufgabe in Vorzeichen und Erlebnissen entgegen, welche ihn ermutigten und schließlich zwangen, seinem Stern zu folgen und sich einem magtzch- frommem Denken zu ergeben, dessen Früchte oft in schwer zu lesender Sprache und seltsamem Kleide, in den Schriften des erleuchteten Schuh­machers niedergelegt sind und noch heute von manchen Gläubigen mit Eifer gelesen werden. . ....... .

Jakob Boehme kam zur Welt in Alt-Seidenberg bet Gorlttz in der Ober-Lausitz als das Kind armer braver Bauersleute. Als kleiner Knabe mußte er das Vieh auf dem Felde hüten. Da verlockte ihn einstmals beim Hüten eine Stimme, daß er vom Vieh und von feinen Dorskame- raden weglief und einen Berg in jener Gegend, die Landeskrone genannt, beftica. Hier in der Einsamkeit und Oede aber fand er im rohen, roten Gestein ein Tor offenstehen, da ging er mit kindlichem Vertrauen alsbald hinein und sah im Innern der Höhle einen Schatz verwahrt, nämlich eine große Bütte voller Gold, worüber ihn ein Grausen ankam, daß er nichts davon anrührte und eilends wieder hinaus und davonging. Ob er nun wohl später zu mehreren Malen mit andern Hütejungen den Berg hinanstieg und die Stelle suchte und fand, wo ihm das Wunder­liche begegnet war, es war doch kein Tor und Eingang mehr bajekßt und alles wild und verschlossen. Dies war der erste Ruf aus der andern Welt, der an ihn ergangen ist als Vorzeichen dessen, daß er, ein Schatz­gräber, in verborgene Höhlen bringen und herrliche Schätze des Geistes hervorheben werde.

Zum andern, da er einige Jahre älter und als Lehrbube bei einem Schustermeister war, begegnete ihm etwas Sonderbares. Er war eines Tages ganz allein in der Werkstatt, und weder Meister noch Meisterin zu Hause, da trat ein Fremder in den Laden, schlicht aber anständig ge­kleidet, der verlangte ein Paar Schuhe zu kaufen. Der Knabe Jakob aber, da er dazu nicht Vollmacht hatte, getraute sich nicht, das Verlangen des Mannes zu erfüllen, und weigerte sich. Der Fremde aber drang so ernstlich in ihn und hatte soviel Macht im Blick und Wesen, das er ihm endlich doch willfahren muhte. So gab er ihm dann ein Paar Schuhe, doch verlangte er, um ja den Meister zufriedenzustellen und keinen Fehler zu begehen, für die Schuhe einen außerordentlich hohen Preis, welchen der Fremde sofort und ohne Widerrede erlegte. Darauf ging der Mann davon, aber in einer gewissen Entfernung vom Hause blieb er stehen und rief mit lauter und ernster Stimme:Jakob, komm heraus!" Darüber erschrak der junge Boehme im Herzen, daß ihn em Unbekannter, der ihn nie zuvor gesehen, mit seinem Taufnamen anrufe, raffte sich aber zusammen und kam zu ihm auf die Gasse hinaus. Da nahm der Fremde, mit freundlich-ernstem Gesicht und licht funkelnden Augen Boehms Hand, blickte ihn stark und durchdringend an unb'tagte: .Zakob, du bist klein, aber du wirst groß und gar ein anderer Mensch Und Mann werden, daß sich die Welt über dich verwundern wiro. Darum, so sei fromm, fürchte Gott und ehre sein Wort, insonderheit lies gerne in Heiliger Schrift, darinnen du Trost und Unterweisung hast, denn du wirst viel Not leiden, und du bist Gott lieb, und er ist dir gnädig. Worauf der Mann ihm die Hand drückte, ihm abermals stark m die Augen sah und seinen Weg dahinging. Boehme aber blieb bestürzt und befangen zurück und behielt diese Mahnung sein Leben lang tm Gemüt, unb wurde von Stunde an in all seinem Tun ernsthafter unb aufmerk­samer.

Nicht viel später, während seiner Wander- unb Gesellenzeit, als er ernstlicher nach der Wahrheit zu forschen begann, da fiel ihm einst der Spruch im Evangelium Lukas ins Auge:Der Baker im Himmel wirb den Heiligen Geist geben denen, die ihn darum bitten." Da faßte er sich, fühlte sich im Innersten wie erweckt und tat wörtlich nach dem Spruch, bat Gott um seinen Geist, und fand sich alsbald in einen heiligen Sabbat und in eine Klarheit unb Ruhe ber Seele versetzt, daß ermit göttlichem Lichte umfangen sieben Tage lang in höchster göttlicher Be­schaulichkeit und Freudenreich gestanden."

Jrn Jahre 1600, nachdem Boehme in Görlitz Meister und auch Ehe­mann geworden war, wurde er abermals vom göttlichen Licht ergriffen. Es fiel ihm zu einer Stunde unversehens ein zinnernes Gefäß ins Auge, darin sich das Licht spiegelt. Beim Anblick des Gefäßes unb des darin gespiegelten Lichtes riß ihm plötzlich ein Schleier vor feiner inneren Welt, und der Geist führte ihn bis ins innerste Herz und Geheimnis ber Natur. Unb als er, zum Zweifel geneigt, um sich diese vermeintliche Phantasie aus dem Kopfe zu schlagen, vor dem Tore ins Grüne hinaus wandelte, da zeigte sich seinem inneren Blick je länger je klarer die ganze Schöpfung, wie in Bildern, in Sineamenten, Figuren und Farben gleichwie durchsichtig bargeftellt und erklärt. Dies war die Stunde sei­nes endgültigen Erwachens. Mit Freuden überschüttet, schwieg er stille, lebte Gott und trug freudig sein Licht in sich dahin, ohne jemandem da­von zu sagen.

Erst zehn Jahre später aber, im Jahre des Heils 1610 unb im 35. Jahr seines Alters, erneute sich dieses Berührtwerden von Gottes Licht in ihm so stark, daß er, um niemals wieder dessen zu vergessen, den Inhalt seiner ersten Erleuchtungen in einem Buche aufzuschreiben begann. Und vollendete im Jahre 1612 sein erstes Buch, das nannte er Morgenröte im Aufgang".

Das unsichtbare Prag.

Von Gustav Meyrink.

In uralter Zeit, lange vor der Regentschaft Königin Libuschas, die um das Jahr 700 Prag gegründet haben soll, sind sieben Mönche aus dem Innersten Asiens, dem Herzen der Welt, gewandert gekommen unb haben wie sie auch sonst noch an anderen Orten der Erde zu ge­heimnisvollem Zweck gepflogen auf einem Felsen auf der linken Seite der Moldau, dort, wo jetzt ber Hradschin, die Burg Prags, auf- ragt, ein Reis gepflanzt so geht die Sage in Böhmen Es heißt im Volksmund, das Reis fei ein Zwergwacholder gewesen, jener in phanta­stischen Formen wagrecht hinwachsende Strauch, der aussieht, als fege ein für unsere Sinne nicht fühlbarer Sturmwind beständig darüber hin; das mag wohl auch der Grund fein, weshalb man in vergangenen Zeiten behauptete, dort, wo solche Pflanzen gediehen, bräche in Inter­vallen der Orkan großer Kriege aus der Erde.

Seltsam ist, daß, wie ich viel später erfuhr, die Sage von den sieben wandernden Mönchen sich auch an die indische Stadt Allahabad knüpft. Allahabad trägt noch einen zweiten Namen: Prag!, unb heißt wie Praha (die tschechische Benennung für Prag) auf deutsch also wie: die Schwelle.

*

Ich kenne keine Stadt, die wie Prag, wenn man in ihr wohnt unb mit ihr geistig verwittert ist, einen so oft und in so merkwürdig zauber­hafter Art lock, die Orte ihrer Vergangenheit aufzusuchen. Es ist, als riefen die Token uns Lebenden hin an die Stellen, wo sie einst ihr Dasein verbracht, um uns zuzuraunen, daß Prag nicht umsonst den Namen dieSchwelle" führt daß es in Wirklichkeit eine Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits ist, eine Schwelle viel schmaler als an anderen Orten. *

Dann geht man hin wie unter einem Zwang, man sieht unb hört nichts, was man nicht schon wüßte, aber ein Gefühl, das man nie mehr vergessen kann bis ins späteste Alter, trägt man heim ein eigen­tümliches Empfinden, irgendwie über eine Schwelle getreten zu fein.

*

Eines Tages es mag ungefähr 40 Jahre her fein packte mich wieder, wie so oft schon, unvermittelt die gewisse unsichtbare Hand und zerrte mich unwiderstehlich fort von einer Partie Schach in einem Kaffeehaus hinüber über die Moldau auf das alte Klemfetteviertel, als harre meiner dort ein ungewöhnliches Erlebnis. Ich wußte genau, daß nichts dergleichen sich begeben würde, dennoch konnte ich das Ende ber Partie kaum erwarten. Zuerst zogen wie Schemen einer Gegenwart die keine war so wenig paßten sie in den Hauch der immer unheimlichen Stadt Bilder des täglichen Lebens an meinem Auge vorbei: Dbftftänbe mit großen Schirmen, behütet von uralten Weiblein, die im Schoße heimlich Rosenkranzperlen zählen und zugleich mit geifernden Lippen zwetschenstehlende Kinder der Gasse verscheuchten; böhmische Mädchen mit schwarzen Glutaugen und feingefchwungenen Livpen. auf Gitarre»