Kreuz und quer durch die Camargue.
Bon Prof. Dr. Walter Bombe.
An der Rhonemündung erstreckt sich ein seltsames Stück Land, das iedes Jahr wächst, und aus dem vielleicht dermaleinst ein zweites Holland erstehen wrrd, wie es ein solches an der Mündung des Rheins gibt, die Camargue. In ganz Frankreich, wie weit man auch Umschau halten maq, findet sich kein einsameres Erdenfleckchen als diese vom Rhonedelta gebildete Insel. In nächster Nähe der von der Natur so überreich gesegneten französischen Riviera mit ihrer dichten Besiedlung dehnen sich hier endlose öde Steppen, an die römisch« Campagna gemahnend, und, wie diese, von rauhen Pferde- und Rinderhirten bewohnt, die halbwilde Stiere und Pferde vor sich hertreiben und in dieser schwermütigen und menschenfeindlichen Landschaft ihr Leben verbringen. Gewiß kein beneidenswertes Leben, aber sie hängen mit leidenschaftlicher Liebe an ihrer Scholle. Es find wahre Prachtgestalten von hohem Wuchs und wildem, selbstbewußten Aussehen, diese Vertreter der „Nazioun Gordiano", den Kataloniern stammverwandt, am Hergebrachten hängend, ihre eigene Sprache redend, die ein seltsames Gemisch von altfranzösischen, spanischen und italienischen Elementen ist. Sic sind wie die Katalonier, von einem unbezähmbaren Drange nach politischer und kultureller Selbständigkeit beseelt. Selten in meinem Leben sah ich einen schöneren Menschenschlag. Namentlich bei den Frauen, die ja Rasseneigenschaften immer in größerer Reinheit bewahren als die Männer, ließen sich deutlich die drei Haupttypen der ursprünglichen Siedler unterscheiden: zwei von ausgesprochen klassischem Gepräge, der zierlichere und schlanke der Griechin, der majestätischere der Römerin ^und der orientalisch anmutende, dunkelhäutige der Sarazenin. Das weiße Spitzentuch aus dem braunen oder schwarzen Haar, das voll und reich den Kopf umrahmt, trägt noch dazu bei, den phantastischen Eindruck dieser schönen Frauen zu erhöhen. Ein starkes und eigenartiges Volkstum hat sich hier, dem sonst in Frankreich alles gleichmachenden Pariser Boulevard-Typus den Zutritt verwehrend, durchzufetzcn vermocht.
Die berühmten Stiere der Camargue sollen unmittelbar von den alten Chaldäern als Gottheiten verehrt worden sein. In einem besonders schönen Stier lebt der Apis der alten Aegypter und der von den Römern adoptierte Mithras fort, so hört man die Bewohner der Camargue ost sagen, und wenn der Apis- oder Mithrasstier stirbt, so findet sich ein anderer, aber niemals finden sich ihrer zwei. Sie werden in den meist unblutig verlaufenden Stierkämpsen der Provence gebraucht An Geschicklichkeit nehmen die Hirten der Camargue es mit jedem spanischen Stierkämpfer auf. Ich habe gesehen, wie sie dem wütenden Stier in rasendem Laus eine Kokarde von der Stirn nahmen und wie sie den jungen Stier einmal hoch zu Roß und dann zu Fuß umwarfen, während die Frauen und Mädchen das Tier durch Zurufe und Tücherschwenkon reizten und mit bewundernden Blicken dem unb'utigen Kampfe folgten. An demfelben Tage hatte ein wütender Zuchtstier seinen Rivalen aus die Hörner genommen und getötet — die beiden Kämpfer zu trennen, war unmöglich. Solche Eisersuchtsdramen sollen sich oft ereignen.
Stundenlang bin ich durch die Einsamkeit der Camargue gewandert, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen, nur hier und dort am Wege bemerkte ich ein Tier, das sich sein armseliges Futter suchte. Wildes Gestrüpp von Ginster, Heidekraut und Moos, selten eine Pinie mit breitem Schirm ober eine düstere Zypresse, auf öden Dünenhügeln des Strandes Meerhafer und Seegras. Der angeschwcmmte, sumpfige, von Salzlachen und toten Flußarmen durchzogene Boden ist zwar durch Deiche gegen Ucberschwemmungen geschützt und wie In Holland an einzelnen Stellen In fettes Marschland verwandelt, aber wenig angebaut, ein Fieberherd im Sommer. Namentlich gegen Süden, und an den Küsten, wo die Strand- feen 210 Quadratkilometer einnehmen, ist der Boden noch vielfach morastig. Unzählige Wasservögel nisten hier ungestört, auch Biber kommen noch vor. Hoher Baumwuchs ist selten, an seiner Stelle tritt das un° durchdringllche Gestrüpp der Macchia, des Buschwaldes, hervor, mit vielen stark duftenden Würzkräutern. Diese Macchia ersetzt die einst reichen Wälder, ober, besser gesagt, sie stellt das noch verschont gebliebene Unterholz dieser Waldungen dar. Mastixsträucher, Terebinthen, bis zu vier Meter hohe Baum-Erika und der Erdbeerstrauch mit seinen gelben Früchten verleihen der Macchia einen unbeschreiblichen Reiz.
Die Sonne ging schon zur Rüste, als ich ein schönes Bauernmädchen sah, das mit seinen Schafen heimkehrte. Es trug das malerische Kostüm der Camargue, und der Wind blähte seinen Rock. Als es mich freundlich begrüßte, konnte ich mich nicht enthalten, .qm Thöophile Gautiers Verse zuzurufen: „Dites, la jeune belle, oü vouiez-vous aller? — La voile ouvre son alle, la brise va souffler.“ Die Brise wehte vielleicht sogar etwas zu heftig, aber das Mädchen verstand mich nicht, weil für die Gardianerin Französisch eine fremde Sprache war.
Die einzig nennenswerte Ortschaft aus der Insel selbst, die einen Flächeninhalt von etwa 750 Kilometer aufweist, ist Saintes-Maries de la mer, ein vielbesuchter Gnadenort. Hier ist der Legende zufolge im Jahre 45 n. Ehr. Maria Magdalena, die Büßerin, mit den beiden anderen Marien gelandet, um die Provence zum Christentum zu bekehren. An zwei toten Armen der Rhone, außerhalb der Camargue, aber noch zum Departement Gard gehörig, liegt das stimmungsvolle Aigues-Mortes, die »Stadt der toten Wasser", umgeben von Salzsümpfen, mit wohlerhaltener mittelalterlicher Etadtbesestigung und einem Standbild König Ludwigs des Heiligen, der von hier aus 1248 und 1270 feine Kreuzzüge angetreten hat.
Die „Nazioun Gardiano" ist stolz darauf, in dem riesigen Pont du Gard den König aller römischen Aquädukte zu besitzen. Ein gewaltiges, unversehrt erhaltenes Werk! Eine dreifach übereinander getürmte Bogenreihe von fünfzig Meter Höhe spannt sich über das tief eingeschnittene Kalk- felfental des Gard. Unten zählen mir sechs, in der, Mitte elf, und oben fünfunddreißig Bogen, fast ganz aus Kalksteinquadern aufgetürmt, nur oben Ziegelmauerwerk. Durch einen zwei Meter tiefen Kanal ist feit den ^Wen des Kaisers Augustus das Wasser der Eure und des Airon nach RImes geflossen, 41 Kilometer lang war die Leitung, und in der Rich
einen dicken graugrünen Flausrock hineinge- feine Mütze vom Riegel und einen Pikenstock
schlaf hielt.
„Stör' dich nicht gern um diese Zett, Kunicke; Schlaf ist mir allemal heilig, und nun gar deiner! Aber es hilft nichts, wir müssen hinaus. Der Friedrichsauer Amtsrat war eben da und sagte mir, daß ein Fuhrwerk in der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wäre!"
„Wird wohl," gähnte Kunickc, dem der Schlaf noch in eßen Gliedern steckte, „wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören, als ich ihm gestern Abend sagte: „nicht so früh, Szulski, nicht so früh Denke doch bloß voriges Jahr, wie die Post 'runter fiel und der arme Kerl von Postillon gleich mausetot. Und der kannte doch unfern Damm! Und nu solch Pohlscher, jolch Bruder Krokauer. Na, wir werden ja sehen."
Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe Bruchstiefel und dann in <■*--" 2'.....
fahren. Und nun nahm er seine Mütze vom aus der Ecke.
„Komm!" _
Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die treppen- rampe hinaus.
Der Wind blies immer stärker, und als beide, jo gut es gmg, von oben her sich umsahen, sahen sie, daß Schulze Woytasch, der schon anderweitig von dem Unglück gehört haben mußte, die Dorfstraße hnunterkam. Er hatte seine Ponys, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr, aller Polizeiregel zum Trotz, über den aufgeschütteten Gangweg hin, was er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durst er sich mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunickes Rampe heran war, hielt er und rief beiden zu: „Wollt auch hinaus? Natürlich. Immer aufsteigen. Aber rasch." Und im nächsten Augenblicke ging es auf dcm aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orths Gehöft und die Mühle zu. Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor Gasthaus und Kramladen.
Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm ansteigende Schrägung. Oben war der Weg etwas bester, aber immer noch schlecht genug, so daß es sich empfahl, dicht am Dammrand
tung auf die Stadt setzt sie sich in einem mehrere hundert Meier durch den grauen Kalkfeljcn getriebenen Tunnel fort.
Auch Arles, die Hauptstadt des Departements der Rhonemündungen, hat ihren römischen Aquädukt. Dazu kommt noch eine römische Arena, ein antikes Theater, ein Obelisk und die bedeutenden Reste eines, Palastes Kaiser Konstantins des Großen, der Arles sogar zu seiner Residenz erheben wollte. Ohne unmittelbar am Meere zu liegen, war Arkes durch zwei Arme des Rhone-Deltas Mit der See verbunden. Schon in Römerzeiten lag draußen an der Via Aureliana eine große Begräbnrsftelle, die der heilige Trophime, der Schutzpatron der Stadt, in einen christlichen Friedhof verwandelte. Aber als er die Bischöfe der NackbarWbte zu- sammenrief, wagte keiner von ihnen aus übergroßer Bescheidenheit, die Weihung vorzunehmen. Da erschien Christus selbst, so sagt die Legende, und segnete die Begräbnisstätte. In der Folge war es ein Wunsch aller frommen Christen des Landes, in den Alyscainps, den elysäifchen Gefilden von Arles, bestattet zu werden; inan sandte aus weiter tyerne die Toten hierher, lud sie sogar, mit einem Obolus versehen, auf Kahne und ließ sie die Rhone hinabtreiben. Die frommen Arleser über fischten die Leichen aus und gaben ihnen ein christliches Begräbnis. Dante, öer Arles einst besuchte, vergleicht in seinem Inferno die Menge der Grüber mit dem Felde der glühenden Särge in der Hölle.
Das spätere Mittelalter hat die Gräber vernachlässigt, und danach waren die Sarkophage der Alyscainps lange ein Gegenstand des Kunst- Handels. Als dann gar seit 1848 die Eisenbahn durch die Alyscamps hindurchgelegt wurde,' bot dieser uralte Begräbnisplatz ein Bild völliger Zerstörung; erst in den letzten Jahrzehnten hat man die noch vorhandenen schlichten steinernen Särge gesammelt und zu beiden Seiten der Allee des Tombeaux wieder ausgestellt, so daß sie nun wie eine Arleser Via Appia anmuten. Eine überaus malerische und melancholische Gräberstraße dehnt sich jetzt da, beschattet von hohen Pappeln und Zypressen.
Auf den Trümmern des römischen Prätoriums erhebt sich die romanische Kirche St.. Trophime, dem ersten Bischof und Schutzpatron von Arles, einem Jünger des Apostels Paulus aus Ephesus geweiht. Ihr reiches Portal mit dem Weltgericht und zahlreichen Apostel- und Heiligenfiguren gehört zu den bedeutendsten Biidhauerwerken des zwölften Jahrhunderts in Frankreich. In dem zugehörigen Kloster ist der prachtvolle Kreuzgang bemerkenswert. Berühmt von altersher ist die Schönheit der Frauen von Arles. Ihre eigenartige Volkstracht — Krawatte mit großer Schleife — fiel mir als besonders reizvoll auf, als ich an einem Sonntag den Kirchgang der Arleserinnen anzusehen Gelegenheit hatte. Die Arleser sind alle ohne Ausnahme leidenschaftliche Naturfreunde. Jeder hat, wenn er es sich irgend leisten kann, draußen in der Camargue feine Bestide, das Wochenendhaus, ober wenigstens seinen Cabonon, wo er die Jagd ausüben kann, denn die Camargue ist mit ihrem Reichtum an Wasservögeln und Feldhühnern ein wahres Iägerparadies.
Unterm Birnbaum.
Von Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
„Gott im Himmel, ist es möglich! Aber wollen der Herr Amtsrat nicht bei Schulze Woytasch mit vorsahren?"
„Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner Graf erwartet mich und habe , mich schon verspätet. Und zu helfen ist ohnehin nicht mehr, so viel hab' ich gesehen. Ader alles muß doch seinen Schick haben, auch Tod und Unglück. Adieu ... Vorwärts!"
Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einMbringen.
Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch, während er selbst zu Kunicke hinüberging, der eben feinen Mittags-


