„Sehen Sie, so geht es bei mir jeden Samstag zu. Manchmal kommen emch ander«. Es sind nicht immer dieselben. Es hat sich im Hause herum- gesprochen, daß ich mal Doktor war, daß ich hier oben ein bißchen Musik mache und daß es schön ruhig und warm bei mir ist. Manchmal spielen wir auch zwei oder drei Platten. Aber wenn ich Besuch habe, dann gehen g‘ schon nach der ersten. Manchmal bringt mir auch einer was mit, der ierkutscher eine Flasche Bi«r, der Packer eine Lage braunes Papier, damit ich was zum Einwickekn habe. Der hat die Flasche von seinem Wagen, der das Papier aus seinem Warenhaus. Wehe, wenn ich das nicht annähme. Ich kann auch getrost längere Zeit verreisen. Alle hier im Hinterhaus — es ist jo gar kein Gartenhaus, es heißt nur so — passen auf meine Wohnung auf, als wäre das ihre gute Stube."
Als ich die Treppe wieder hinunterging, kam mir das schauerliche Haus lange nicht mehr so schauerlich vor wie beim Hinaufsteiaen, und als ich über den finsteren Hof in den Flur des jetzt festlich erleuchteten Vorderhauses trat und beim Treppenaufgang die Aufschrift las: „Nur für Herrfchaftenl", da fragte ich mich, ob sich nicht hinter dieser Fassade weniger menschliche Dinge ereigneten als in dem „Gartenhaus", in dessen Parterrewohnung und erstem Stock man schon vom Vormittag an Licht brennen mußte.
Rückblick.
Don Eduard Mörike.
Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn, Auch wenn sie glückverheißend sich erweitert, Und du verlierst, um Größeres zu gewinnen: Betroffen stehst du plötzlich still, den Blick Gedankenvoll auf das Vergangene heftend; Die Wehmut lehnt an deine Schulter sich Und wiederholt in deine Seele dir. Wie lieblich alles war, und daß es nun Damit vorbei auf immer sei, auf immer.
Io, liebes Kind, und dir sei unverhohlen: Was vor dir liegt von künft'gem Jugendglück, Die Spanne mißt es einer Mädchenhand. Doch also ward des Lebens Ordnung uns Gesetzt von Gott: den schreckt sie nimmermehr, Der einmal recht in seinem Geist gefaßt. Was unser Dasein soll. Du, freue dich Gehabter Freuden! Andere Freuden folgen. Den Ernst begleitend; dieser aber sei Der Kern und sei die Mitke deines Glücks!
Das Erbs der Düse.
Don Robert Neumann.
Italienische Kleinstadt: eine Gegenwart, die wenig interessant und sehr schmutzig die verfteinte Einsamkeit eines adelig kühnen Riesendomes umlärmt. Am Goldstuck des alten Theatersaales kleben noch — kichert es ous den Winkeln? — die Affichen des Kinos, das gestern seinen Schattentanz hier zu End« getaumelt hat. Und heute hängt schon ein veritabler Borhang zwischen Parkett und Bühne, eine grellgelbe Leinwand, di« sich in Riesenlettern auf den poetisch rostbraunen Segeln von hundert Fischerbarken verewigt hat. Darüber, transparent beleuchtet, die Aufschrift: Teatre Düse.
Es ist das berühmte Theater der Düse, zum Teil noch di« Truppe, wie die große Tote sie zusammengestellt hat — ein wenig zerfallen zwar, ein wenig schäbig geworden, aber noch immer achtunggebietender Träger der Tradition. Soweit man Tradition haben kann, wenn man für eine Woche «ingezogen ist im Saal einer Kleinstadt, für eine Woche zwischen Florenz und Venedig und zwischen der Kinovorstellung von gestern und der BöckerversamMlung von übermorgen. Man wird sich heute in einem schmutzigen ^Bretterverschlag von Garderobe vor dem einen erblindeten Spiegel drängen, und man wird dennoch mit dem gleichen strahlenden Lächeln auf die Szene hinaustreten, das man vor ein paar Tagen zu Venedig im Teatre Fenice mitten zwischen Glanz, Pracht und Reichtum auf den Zügen getragen hat. Hat man nicht die Tradition, so hat man wenigstens doch das Blut des Theaters. Vater, Großvater, Urgroßvater des Schauspielers waren Schauspieler. Zunft ohne Scholle, ein Leben lang auf der Wanderschaft.
So ist an diesen Menschen nichts endgültig, nichts auf Dauer gestellt. Und wie ihr Leben ist auch ihre Kunst provisorisch, bleibt geniales Komödiantentum, eine Art planvoller Improvisation. Es gibt im vereinigten Italien nicht eine einzige ständige Bühn« in unserem Sinne. Kein Theater vaut und bildet fich ein Ensemble. Das Land wird sommers und winters durchzogen von Schauspielertruppen, von reisenden, reifigen Kompagnien. Der künstlerische Leiter ist zugleich auch pnmo atiore — Star-Direktor. Er ist aber oft auch nur engagiert wie die Schauspieler und der eigentliche Dirigent, dem Risiken und Chancen des Unternehmens zufallen, der Capocomico, ist meist nur Geldmann. Er zieht mit, er mietet die Säle, er sitzt oft persönlich an der Kasse, er schlägt sich mit den Lieferanten herum — und er verschwindet, wenns ihm zuviel wird. Ihm sind die Schauspieler von Karneval zu Karneval mit Kontrakt gegen fixe Gage verpflichtet. Selten finden sich Korporationen, wird auf Teilung gespielt. « Truppe beim ersten Konflikt auseinander. Keine
^Eevkasien, kein Pensionsinstitut, keine Gleichstellung in der Gesellschaft. Ich tomme einst in einen Kreis vornehmer und gebildeter Menschen, hoher Beamter, Akademiker — Verbeugungen, Vorstellung, Namen. werden genannt; auf eine Dame deutend, sagt der Hausherr: 'J. : eine Künstlerin, eine Schauspielerin. Namenlos. Sie lächelt.
Sie kennt es nicht anders.
Man ist also jahraus, jahrein auf der Reise. Nimmt Abschied, um nach drei Stunden Bahnfahrt neue Menschen kennenznlernen. Fuhrt in riesigen Koffern Garderobe mit sich — Geschmackvollstes, Kostbarstes, Modernstes. Auch hier ein Problem: eine Schauspielerin, die etwas auf
s sich halt, muß auch bei einer kleinen Truppe mindestens dreißig tadellose Toiletten besitzen: dazu Hüte und Schuhe. Jeden Abend, für jeden Akt etwas anderes. Schneider und Schuster wird man bezahlen, bis ma,i Geld hat. Inzwischen spart man am Essen, wohnt in kleinen Dachkammern zu vier Lire die Nacht und wartet auf den Ruhm.
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Das Programm dieser Wandertheater ist solchen Verhältnissen ange- paßt. Da es einen Star bei der Truppe gibt, können nur Stücke gegeben werden, deren Hauptrollen „ihm" liegen; denn daß ein anderer als der primo attore eine .Hauptrolle spielt, kommt nicht vor. In gleicher Weise wahrt die Primadonna ihr Vorrecht; so sieht man durchaus nicht selten „jugendliche Liebhaberinnen" im kanon.schen Alter. Dann: ist man gezwungen, allabendlich etwas Neues und möglichst Artverschiedenes auf- zuführen, hat man überdies nichts Nennenswertes an Dekoration, jo gibt es keine Regiekunst. Und gibt es keine Regie, so ist alles auf persönlichste, wenig vorbereitete Leistung gestellt — eben auf Komödiantentum.
Komödiantenstücke werden gespielt, Tragödien von außerordentlicher und handgreiflicher Tragik, Komödien, deren oft nicht unpoetische, ja tiefsinnige Anlage von Situationskomik und grotesker Improvisation überwuchert wird. — Die Beschäftigung m l dem Theater ist hier — trotz Pirandello — nicht Angelegenheit der Literatur.
Dennoch sind manch« dieser Komödien — im Gegensatz zu den tragischen Stücken — der Beachtung nicht unwert. Man nehme etwa Carlo Venezianis „Der Ahnherr". Der letzt« Sproß eines Ädelsgeschlechts, verschuldet, ernüchtert, moderner Stadtmensch, stößt in seinem halbverfallenen Waldkastell — er sucht es nur aus, weil er es zu Geld machen will, — auf eine verschlossene Eisentür. Er sprengt sie, — und heraus tritt der Ahnherr, der Ritter, der Gründer des Geschlechts, der dort seit neunhundert Jahren gefangensitzt.
Was sich jetzt abspieit, ist tragischer Ulk. Der Alte fragt nach Kind und Kindeskind — der Junge kennt nicht di« Namen. Der Alte fragt nach den Weltgeschehnissen — der Junge reicht ihm den „Corriere della Serra". Der Alte weiß nichts damit anzusangen; aber er gerät nicht so leicht aus der Fassung. Sein Geschlecht ist bedrängt? Geldverlegenheit? Unglückliche Liebe? — Jungfrauen rauben! Gläubiger niederstechen! Städte plündern!
Nun, er schickt sich auch an, danach zu verfahren. Und er zerbricht, abstrakt gesprochen, an der modernen Technik. Automobil, elektrisches Licht, Grammophon — eine Welt des Entsetzens. Er wankt, er flieht, er flüchtet vermummt ins Zimmer mit der eisernen Tür zunick.
Star-Rollen also, Star-Stücke. Man muh gesehen haben, wie Aldo Silva ni — er war zuletzt Direktor des Theaters Düse — dergleichen hinlegte. Voll adeliger Schmerzlichkeit noch in Ulk und Gelächter, in ernsten Partien immer wieder an Conrad Veidts sparsam traurige Mimik erinnernd. Man muß seine Prima attrice, die P« rbellini, gesehen haben. Vierundzwanzigjährig, seit fünf Jahren beim Theater, seit zweieinhalb Jahren an der Spitze der Truppe. Eine schöne, hochgewachsene Frau mit wunderbaren Augen und einer Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks, die frappiert und hinreißt.
Aber, andere Gesicher, Menschen, Spiele ziehen vorüber, drängen näher. Man kann, deutscher Mensch, in diesen Trubel geratend, nicht fassen, wieviel Lebenskraft und Begabung sich hier verspielt und vergeudet. Doch jeder Versuch, da festzustellen, zu ordnen, zu leiten, wäre vergeblich. Raturkraft verschwendet sich. Pirandellos jüngster Versuch, mit Hilfe des neuen Regimes drei ständige Nationaltheater ins Leben zu rufen, wird daran nichts ändern.
Deutschland? Gewiß, man achtet die deutsche Kunst. Man hat unlängst „Onore" („Ehre") von Sudermann gespielt. Andere? Gewiß. Ibsen! Welche Stücke? „Gespenster", „Frau vom Meere", „Wildente". Sonst? „Die Weber", schlägt einer vor. Aber ein anderer weiß: das ist ja von Hauptmann. Auch seinen „Detturino Henschel" l„Fuhr- mann Henschel") kennen sie. Ebenso „La Fiamma" („Die Flamme"). Aber das ist wieder von Hans Müller. — Weiter? Man kennt Molnar. Molnar kennt man genau. Der gehört selbstverstäntllich auch zu den Deutschen. Strindberg: den andern ist der Name neu. Silvani hat von ihm gehört. Einer wollte ihn übersetzen. Wedekind? Nein, der Name ist unbekannt.
Aber deutsche Schauspieler kennt man! Bor allem Alessandro Moissi. Man war in Triest mit ihm zusammen. Aber er wurde deutsch erzogen, hat nie recht italienisch gekonnt. Ob man ihn spielen gesehen hat? Nein! „Wir wollen ihn nicht", sagt die Perbellini. „Warum?^ Darüber scheint man verschiedener Ansicht zu sein. Eine Auseinandersetzung beginnt, in jenem Tempo, dem folgen zu können, man jenseits der Alpen geboren fein müßte. Ich Höne nur immer wieder das Wort „Moskau" aiis dem Stimmengewirr. Man ist bei allem Nationalistischen kosmopolitisch, man ist tolerant, man ist sogar deutschfreundlich: aber Moskau...
Andere Schauspieler? Nein. Aber doch wenigstens Reinhardt, versuche ich. Ob das auch ein Schauspieler sei? Nein, ein — (wer weiß, wie man Regisseur auf italienisch sagt?) Umständliche Erklärung. Man versteht sich nicht. Regie führt der Direktor. Ader ein Direktor, der nicht selbst spielt? Also ein Capocomico vielleicht! Aber ein Capocomico, der Künstler Ist? Ich gebe es auf.
Aber Ida Roland kennt man. Sie ist mit einem Grafen verheiratet, erzählt man mir. Sie ist die deutsche Dusel Ob das wahr ist? Da ich (bei aller Hochschätzung der Roland) ein wenig verlegen werde, kwlt man die lebte Nummer der „Comedia" herbei. Richtig, dort steht es fchwarz auf weiß: sie ist unsere Düse. Warum nicht?
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Wenn sich ein Theaterdirektor fände, der den Mut hätte, diese Leute — für wenig Geld, denn man ist in Italien gewohnt, beim Theater wenig zu verdienen — zu uns zu bringen, so wäre dos neben wirklicher Anregung und einem Kunstgenuß besonderer Art, vielleicht auch gor kein übles Geschäft. Aber dazu hat man wohl keine Zeit. Man hat alle Hände voll zu tun, „Bridri" von Robert de Farce und Camille Idiot in Szene zu setzen.


