SietzeimZamilienblätter
Unterhalt»ng§beilage zum Gießener Anzeiger
3 il)rganö|929 Freitag, den <5. März Nummer 2[
Erste Frühlingsahnung.
Don Christian Morgenstern Rosa Wallchen überm Wald wissen noch vom Abendrot dahinter — überwunden ist der Winter Frühling kommt nun bald.
Unterm Monde silberweiß, zwischen Wipfeln schwarz und kraus fiügelt eine Fledermaus ihren ersten Kreis ...
Rosa Wölkchen überm Wald wissen noch vom Abendrot dahinter — überwunden ist der Winter.
Ein Ateiierbefuch.
Von Max Geisenheyner.
Das Haus stand in einer der großen Berliner Geschäftsstraßen. Seine Läden waren vom Glanz der Glühbirnen umzogen, die bis ins zweite Stockwerk der Architektur nachkletterten. In den Auslagen kostbare Kleider, seine Möbel, herrschaftliche Autos, leckere Delikatessen. „Gartenhaus" stand auf der Adresse. Ich tastete mich durch einen breiten Flur In einen kleinen Hof. Der war ein schwarzes, enges Loch. Die Wände gingen gleich steilen Bergzacken hoch an diesem Schacht, dessen Grundriß nicht großer war, als der einer mittleren Wohnung. Im zweiten Hostor, das einem finsteren Scheuneneingang glich, brannte eine kümmerliche Birne, nicht heller als eine Petroleumsunzel, aber trauriger von Ansehen. Eine Petroleumlampe kann nicht heller brennen als Docht und Nahrung es zulassen. Eine elektrische, verstaubte Birne, schon halb und halb am Verlöschen, deutete auf Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, Armut. Und das hinter der Fassade dieses glänzenden Hauses, In dieser lichterstrahlenden Geschäftsstraße? Die Treppen eng und steil. Die Wände kalkig und mit jenen schrecklichen Ornamenten besät, mit denen «inst eine Kompagnie von Professoren di« Geburt des zwanzigsten Jahrhunderts begrüßte.
Ich mußte sechs Treppen hinauf, aber ich merkte die Anstrengung nicht, denn ich stand aus jedem Treppenabsatz still. Beklommen von Küchenduft, Feuchtigkeit, Dunkelheit und Enge, betrachtete ich die Türen der Wohnungen. Es waren jedesmal vier auf einem Treppenabsatz. Rechts und links eine und zwei in der Mitte. Kaum eine Tür, an der nicht mindestens vier oder fünf Namen zu finden waren. Je höher ich stieg, um so ärmlicher wurden die Namensschilder. Waren sie weiter unten noch aus Messing und Porzellan gewesen, so sah man hier nur noch Pappdeckel, ai geklebte Papierfetzen oder mit verrosteten Renstiften de- ^0^ Visitenkarten. Die Treppenbeleuchtung wurde dunkler und
•. Dazu eine tödliche Stille. Kein Laut war zu hören. Mir war's, als kröche ich im Schacht eines toten Hauses umher. Als ich im sechsten Stock vor der Sttetiertür einen Augenblick stille stand, hatte ich das Gefühl, als wäre ich einen Kreuzweg mit vielen Leidensstationen gegangen.
Ich klopfte und ward eingelassen. Ein mäßig großer, viereckiger Raum, bis zur Decke mit schweren, hellgrauen Samtvorhängen ruhig umzogen. Nach der Straße ein großes Atelierfenster. Unter dem Fenster und links an der Wand, symmetrisch im Rechteck zueinanderstehend, große, gleichfalls mit grauem Rippelsamt Überzogene breite Sofas. In dem Winkel, den sie zueinander bildeten in oleiAer Höhe ein niedriger, viereckiger Tisch mit Büchern und Papieren. Der Boden mit grauem Velour ausgelegt, darauf als einziger Farbsleck ein Jndianerteppich, gelb, mit wenigen Streifen, in der Mitte von großen, roten, auf der Spitze stehenden Karos durchzogen. Zwei Tanzmas^en über einem indianischen Tuch an der Wand und in der rechten Ecke neben dem..Fenster ein Grammophon. Der Schriftsteller, ein verschwiegener, stiller Mann, sachlich, im Leben stehend, ohne Anhang, prominent von Natur und nicht durch Geste. Er hatte mich eingeladen, und so sprachen wir von diesen und jenen Dingen, die uns bewegten, in gedämpfter Rede und Gegenrede. Aber ich kam nicht von den 'Eindrücken los, die ich auf dem Treppenweg zu ihm empfangen. Ich sprach davon und mir war, als schwebte das Atelier gleich einer einzigen Wallfahrtskirche über diesem Hause und dieser Straße.
Er lächelte etwas abwehrend, nickte ein bißchen, und dann legte er eine Grammophonplatte auf, einen Niggersong, ein Nigger sitzt am Rande des Urwaldes und ruft nach „Baby",'seiner Geliebten, die ihn verlassen will. Die Platte begann mit einer instrumentalen Einleitung, in der es von halben und Vierteltönen leise klang und rauschte. Ein Klagen im abendlichen Wald, dazwischen Tierstimmen, Vogelrufe und ganz verhalten der Bariton des Singenden. Keine Melodie, die im Gedächtnis blieb, fein Tanzrhythmus formte den wirren Fluß der Töne. Der Gesang schwebte leise und dann wieder sanft anschwellend über den Instrumenten, wand sich durch ihre Figuren und strömt« in einen klagenden Laut aus, der den Namen der Geliebten umschloß. In dieser Platte war die Seele
eines gan^n Volkes und Landes eingefangen. Mir aber schien es, als säße der Neger, der dieses Lied sang, gar nicht so sehr weit fort. Als stiege die geheimnisvolle Stimme vielmehr aus dem schweren Steinleib dieses Baues, als sei sie nur so lange eingepreßt und stumm geblieben und habe eben erst die Möglichkeit gesunden, auf der schwarzen, rotierenden Platte dieses Lied zu singen, das zugleich ein Lied von den Bewohnern des Hauses war, die da unter uns, Stockwerk um Stockwerk in kleinen Zimmern hausten. So dicht beieinander, daß sie bei jedem Gang durch die Wohnung einander berühren mußten.
Da klopfte es an die Tür. Ein kleines Mädchen kam herein. Sie schluchzte und stotterte dabei ein paar Worte, unverständlich und hastig, war zugleich in ihrem zu kurzen Kleidchen und den langen, schwarzen, wollenen Strümpfen, die oben mit Bindfaden zugebunden waren, rührend komisch anzusehen. Sie streckte ihren Finger aus, an dem ein kleiner Blutstreisen zu sehen war. Sie hatte sich geschnitten. Jetzt entsann ich mich: der Schriftsteller war einmal Arzt gewesen. „Sie kommen alle zu mir, wenn sie etwas haben," sagte er, „ich habe hier oben eine Art Sprechstunde am Samstag eingerichtet, damit es nicht die ganze Woche über so geht. Sie sind gerade zur rechten Zeit gekommen. Wir werden uns jetzt nicht mehr viel unterhalten können. Ich verschreibe natürlich keine Medizin, ich gebe nur Ratschläge und schicke die Leute, wenn es notwendig ist, zum Arzt. Aber wissen Sie, die meisten kommen gar nicht so sehr, weil sie eine besondere Krankheit plagt. Sie haben zwar alle irgend etwas, aber es ist meist gar nicht so schlimm. Sie werden bald selbst.dahinter kommen. Sehen Sie, die Kleine sitzt schon in der Ecke, hat jetzt ihr Heftpflaster auf dem Finger und nun betrachtet sie meine illustrierten Zeitschriften "
Es klopfte in der nächsten Viertelstunde niehrmals. Ein großer breiter Bierkutscher mit Lederschürze, vollem, roten Gesicht, Schnauzbart und nach hinten geschobener Schirmmütze, unter der dicke, gesunde Haare her- vorguollen, trat fröhlich herein und erklärte, während der Boden von einen Schritten dumpf dröhnte, mit heiserer Stimme: „Mein Hals ist chon viel besser, Herr Doktor, der Kamillentee war großartig. Ich lasse :,n>ar nichts aus Bier kommen, aber beim Gurgeln schluckt man es zu leicht mit runter." Dabei lachte er, daß die großen, grauen Vorhänge sich leicht wie Segel vorm Winde bewegten. Ohne Umschweife setzte er sich auf den Sofarand und blies aus seiner kurzen Pfeife mächtige Rauchwolken, guckte zu dem breiten Atelierfenster und sagte: „Schöner Abend!" Der Doktor nickte, gab mir eine Zigarre und zündete sich dann selbst einen langen, schwarzen Tabak an. Es war alles so selbstverständlich, so vor- aussetzungslos und klar. Man schien sich hier zu Hause zu fühlen, genoß Wärme und Ruhe wie in einem Cafe.
Es kamen nach und nach noch vier Leute. Darunter eine vergnügte Frau, die ein Kind auf dem Arm trug. Sie war kurz nach der Geburt des Kindes bei ihrer Schwester auf dem Lande gewesen und wollte es nun durchaus dem Do'tox zeigen, damit er sähe, wieviel es zugenommen habe. Dann kam ein junger Mensch, «in Packer aus einem Warenhaus, der sich Sportzeitschriften durchsah, und darauf «in uralter, fast mumienhafter Kerl, der in einer Dachkammer neben dem Atelier wohnte, und sich gleich dicht neben dem Gasofen hockte, weil es bei ihm drüben fo entsetzlich kalt sei.
So saßen wir in dieser merkwürdigen Runde, in der jeder mit sich selbst beschäftigt schien. Aber es war, als warteten alle auf etwas, und der Atelierinhaber lachte auch schon seltsam und «in bißchen verschmitzt. Er zog den kleinen Mund an der Seite ein wenig hoch, und di« grauweißen Bartstoppeln rirng um die Lippen bekamen «inen Lichtschein vom Fenster. Er stand auf, und während ihm alle Blicke folgten, ging er bedächtig zu in Grammophon. Wie? Wollte er den Leuten etwa die traurige Negerplatte vorsnielen? Was würden Sie wohl dazu sagen? War das nicht grausam? Wollte er Studien an ihren Gesichtern machen?
Ich wollte gerade ausstehen und Weggehen, da schnurrte auch schon die Nadel in feinen, kratzenden Tönen. Nicht der traurige Neger klagte um seine Baby! Jazzmusik, scharfer Rhythmus, fröhliche Clownstimmen dazwischen, Quieken und Quaken, schwellende und ebbende Saxophoniöne.
Die Leute schienen die Platte zu kennen: sie lachten und nickten. Der Bierkutscher hob die schweren Deine mit den Stiilvenstiefeln beim Sitzen wie eiserne Stempel. Di« Frau mit dem Kinde stand in der Mitt« des Ateliers, wiegte sich hin und her und präsentierte das Kind im Takte wie ein Gewehr, küßte es bei den verführerischen Stellen und streckte ihm bei Quietschern die Zunge heraus. Der junge Mann las weiter in feinen Sportzeitschriften, aber er lächelte dabei, und seine Augen schweiften hin und wieder von dm Zeilen, ohne daß er die Kopfhaltung cindmte, zu dem Avparai. Dao Kind in der Ecke ftatf+te in Ne Hönde. Der Alte am Ofen schnarchte. Eine phantastisch« Gesellschaft! Als aber die Platte zu Ende ging, erhoben sich alle, als wär« das so verabredet, und gingen. Das Kind' und der Packm bekamen eine Z-eits^rift mit, die Frau erhielt einen freundschaftlichen Klaps, worüber her Bierkutscher so laut lachte, daß der Akte am Ofen aufwachte, erschreckt um sich sah und dann auch verschwand.


