Gustav Adolfs Page.
Novelle pou Conrad Ferdinaick» Meyer.
(3ortießung.)
Da er ungerufen blieb, sch ich er sich erst wieder zum Könige in jener Freistunde, wetcye dann zu ch^er geatzten Hälfte in gieichgu.l.guu Gespräche ueifiöß. Wenn nicht, naß der Mdnig einmal huiwats: „xüo host du d.ch heute g.gen Mittag umgetrieben, iteubeifing? Ich tief dich und du fehitest." Der -^age anuuoitete bann der Wahrheit g<.mäß: er habe Mit dem Bedü.fais, nach den erschütternden Szenen des Mo.gens freie Luft zu schöpfen, sich auf das Nah geworfen und es in der Richtung des wallensternischen Lagers, fast bis in die Tragweite seiner Kanonen getummelt. Er wollte sich einen freundlichen Verwe.s des Königs zuziehen, doch dieser blieb aus. Wieder nahm das Gespräch eine unbefangene Wendung und jetzt sch.ug die zehnte Stunde. Da hob Gustav mit einer zerstreuten Gebärde den Handschuh aus der Tasche und ihn betrachtend sagte er: „Dieser ist nicht der meinige. Hast du ihn verloren, Unordentlicher, und ich ihn aus Versehen eingesteckt? Laß schauen!" Er ergriff spielend die Urne Hand des Pagen und zog ihm das weiche Leder über die Finger. „Er sitzt", sagte er.
Der Page aber warf sich vor ihm nieder, ergriff feine Hände und überströmte sie mit Tränen. „Lebe wohl," schluchzte er, „mein Herr, mein alles! Dich behüte Gott und feine Scharen!" Dann jählings aufjpringend, stürzte er hinaus wie ein Unsinniger. Gustav erhob sich, ries ihn zurück. Schon aber erhäng der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes und — seltsam — der König ließ weder in der Nacht noch am folgenden Tage Nachforschungen anstellen. Freilich hatte er alle Hände voll zu tun; denn er hatte beschlossen, das Lager bei Nüremberg auszuheben.
Leubelfing halte den gestreckten Lauf seines Tieres nicht angehalten, btefer ermüdete von selbst am äußersten Lagerende. Da beruhigten sich auch die erregten Sinne des Reiters. Der Mond schien taghell und das Rotz ging im Schritt. Bei klarerer Ueberlegung erkannte jetzt der Flüchtling im Dunkel jenes Ereignisses, das ihn von der Seite des Königs vertrieben hatte, m.t den scharfen Augen der Liebe und des Hasses feinen Doppelgäng.r. Es war der Lauenburger. Halte er nicht gesehen, wie der Gebrandmarkte die Faust gegen die Gerechtigkeit des Königs geballt hatte? Besaß der Gestrafte nicht den Scheinklang seiner Stimme? War er selbst nicht Weibes genug, um in jenem fürchterlichen Augenblicke die Kleinheit der geballten fürstlichen Faust bemerkt zu haben? Gewiß, der Gauenburger sann Rache, sann Mord gegen das geliebte Haupt. Und in dieser Stunde unheimlicher Verfolgung und Beschleichung seines König.i hatte sich Leubelfing aus der Nähe des Bedrohten verbannt. Eine unendliche Sorge für das Liebste, was er besessen, preßte ihm das Herz zusammen und löste sich bei dem Gedanken, daß er es nicht mehr besitze, in ein beklommenes Schluchzen und dann in unbändig stürzende Tränen. Eine schwedische Wacht, ein Musketier mit schon er- greiftem Knebelbarte, der den schlanken Reiter meinen sah, verzog den Mund zu einer lustigen Grimasse, fragte dann aber gutmütig. „Sinnt der junge Herr nach ajaufe?" Leubelfing nahm sich zusammen und langsam werterreitend entschloß er sich mit jener Keckheit, die ihm die Natur gegeben und das Schlachtfeld verdoppelt hatte, nicht aus dem Lager zu weichen. „Der Kon g wird es abbrechen," sagte er sich, „ich komme in einem Regiment unter unö bleibe während der Märsche und Ermüdungen unbekannt! Dann die Schlacht!"
Jetzt gewahrte er einen Oberst, welcher die Lagerstraßen wachsam abritt. Das Lickst des Mondes war so kräftig, daß man einen Brief dabei hätte entziffern können. So erkannte er auf den elften Blick einen Freund seines Vaters, denselben, welcher dem Hauptmann Leubelfing in dem für ihn tödlichen Duell sekundiert hatte. Er trieb seinen Fuchs zu der Linken des Schweden. Der Obeist, der in der letzten Zeit meist auf Vorposten gelegen, betrachtete den jungen Reiter aufmerksam. „Entweder ich irre mich," begann er dann, „oder ich habe Euer Gnaden, wenn auch auf einige Entfernung, als Pagen neben dem Könige reiten sehen? Wahrlich, jetzt erkenne ich Euch wieder, ob Ihr auch etwas uiondenblaß und schwermütig aueschaut." Dann, plötzlich von einer Erinnerung überrascht: „Seid Ihr ein Nüremberger," fuhr er fort, „und mit dem Seligen Hauptmann Leubelfing verwandt? Ihr gleichet ihm zum Erschrecken, oder eigentlich seinem Kinde, dem Wildfang, der Gustel, die bis in ihr sechzehntes Jahr mit uns geritten ist. Doch Mondenlicht trügt und hext. Ste.geu wir ab. Hier ist mein Zelt." Und er übergab sein Roß und' das des Pagen einem ihn erwartenden Diener mit platt- gedruckter Nase und breitem Gesichte, welcher seinen Gebieter mit einem gutmütigen stupiden Lächeln empfing.
„Mache sich's der Herr bequem", lud der Alte den Pagen ein, ihm einen Feldstuhl bietend und sich auf seinen harten Schrägen niederlassend. Zwei Windlichter gaben eine schwankende Helle.
Jetzt fuhr der Oberst ohne Zeremonie mit seiner breiten ehrlichen Hand dem Pogen durch das Haar. Auf der bloßgelegken Stirnhöhe wurde eine alte, aber ticfeingeschnittene Narbe sichtbar. „Gustel, du Narre," brach er los, „meinst, ich hätt's vergessen, wie dich das ungrische Fohlen, die Hinterhufen aufwerfend, über seinen Starrkopf schleuderte, daß du durch die Luft flcgest und wir dreie dich für tot auflasen, die heulende Mutter, der Vater blaß wie ein Geist und ich selber herzlich erschrocken? Ein perfekter Soldat, der selige Leubelfing, mein bester Hauptmann und mein Herzensfreund! Nur ein bißchen toll, wie du es auch fein wirft, Gustel! Alle Wetter, Kind, wie lange schon treibst du dein Wesen um den König? Schaust übrigens akkurat wie ein Bube! Hast dir das blonde Kraushaar im Nacken wegrasiert, Kobold?" und er zupfte fie4 „Mach' dir nur nicht vor, du feiest das einzige Weibsbild im Lager! Sieh' dir mal den Jakob Erichson an, meinen Steril" Der
Beran wortirch: L)r. Hans Thyriot. — Druck und 'S erlag: Brühl
Bursche Irak eben mit Flaschen und Gläsern ein. , Ein Mann wie du! Keine Ängst, Gustel! Er hat nicht ein deutsches Wort erlernen können. Dazu ist er viel zu dumm. Aber ein kreuzbraves, gottesfürchtiges W ib! Und garstig! Uebrigens die einfachste Geschichte von der Welt, Gustel: Sieben Schreihälse, der Ernährer ausgehoben, sein Weib für ihn e n- hetenb. Der denkbar beste Kerl! Ich könnte ihn nur gar nickst mehr entbehren!"
Der Page betrachtete das brave Geschöpf mit entschiedenem Widerwillen, während der. Oberst weiterpolterte. „Alle Wege ein starkes Stüch Gustel, neben dem Könige dich einzunisten, der die "Weibsen in Manns- tracht verabscheut! Hast eine Fabel gespielt, was sie auf den Bänken von Upsala ein Monodrama nennen, wenn eine Person für sich mutterseelenallein jubelt, fürchtet, verzagt, empfindet, tragiert, imogmiert! Und hast dir Gott weiß wieviel darauf eingebildet, ohne daß eine sterbliche Seele etwas davon wußte oder sich einen Deut darum bekümmerte. Du blickst unmutig? Hall gefährlich, Kind, war es gerade nicht! Wurdest du entlarvt: „Pack dich, dummes Ding!" hätte er dich gescholten und den nächsten Augenblick an etwas anderes gedacht. Ja, wenn dich die Königin demaskiert hätte! Puhl Nun sag' ich: man soll die Kinder nicht küssen! So'n Kuß schläft und lodert wieder auf, wenn die Lippen wachsen und schwellen. Und wahr ist's und bleibt's, der König hat dich mir einmal von den Armen genommen, Patchen, und hat dich geherzt und abgeküßt, daß es nur so klatschte! Denn du wärest ein keckes und hübsches Kind." Der Page wußte nichts mehr von dem Kuß, aber er empfand ihn wild errötend.
„Und nun, Wildfang, was soll werden?" Er sann einen Augenblick. »Kurz und gut, ich trete dir mein zweites Zelt ab! du wirst mein Galopin, gibst mir dein Ehrenwort nicht auszureißen und reitest mit mir bis zum Frieden. Dann führ' ich dich heim nach Schweden in mein Gehöft bei Gefle. Ich bin einzeln. Meine zwei Jüngern, der Axel und der Erich —" er zerdrückte eine Träne. „Für König und Vaterland!" sagte er. „Der überbliebene Aelteste Lebt mir in Falun, ein Diener am Wort mit einer fetten Pfründe. Da hast du dann die Wahl zwischen uns beiden." Page Leubelfing gelobte seinem Paten, was er sich selbst schon gelobt hatte, und erzählte ihm darauf sein vollständiges Abenteuer mit jenem Wahrheitsbedürfnis, das sich nach lange getragener Larve so gebieterisch meldet, wie Hunger und Durst nach langem Fasten.
Der Alte dachte sich seine Sache und crluftigte sich dann besonders an dem Vetter Leubelfing, dessen Konterfei er sich von dem Pagen entwerfen ließ. „Der Flachskopf," philosophierte er, „kann mcksts dafür, eine Memme zu fein. Es liegt in den Säften. Auch mein Sohn, der Pfarrer in Falun, ist ein Hase. Er hat es von der Mutter."
Von Sommerende bis nach beendigter Lese und bis an einem frostigen Morgen die ersten dünnen Flocken über der Heerstraße wirbelten, ritt Page Leubelfing in Züchten neben seinem Paten, dem Obersten Ake Tott, in die Kreuz und Quer, wie es die Wechselfälle eines Feldzuges mit sich bringen. Dem Hauptquartier und dem Stönige begegnete er nicht, da der Oberst meist die Vor- oder Nachhut führte. Aber Gustav Adolf füllte die Augen seines Geistes, wenn auch in verklärter und unnahbarer Gestalt, jetzt da er aufgehört hatte, ihm durch die Locken zu fahren und der Page den Gebieter nachts nicht mehr an seiner Seite, nur durch eine dünne Wand getrennt, sich umwenden und sich räuspern hörte. Da geschah es zufällig, daß Leubelfing feinen König wieder mit Augen sah. Es war auf dem Marktplätze von Naumburg, wo sich der Page eines Einkaufs halber verspätet hatte und eben seinem Obersten nachsprengen wollte, welcher, dieses Mal die Vorhut befehligend, die Stadt schon verlassen hatte. Von einer immer dichter werdenden Menge mit seinem Roß gegen die Häuser zurückgedrängt, sah er auf dem engen Platz ein Schauspiel, wie ein ähnliches nur eist einmal menschlichen Augen sich gezeigt hatte, da vor vielen hundert Jahren der Friedestlster auf einer Eselin Einzug hielt in Jerusalem. Freilich saß Gustav auf seinem stattlichen Streithengst, von geharnischten Hauptleuten auf mutigen Tieren umringt; aber Hunderte von leidenschaftlichen Gestalten, Weiber, die mit beiden gehobenen Armen ihre Kinder über die jubelnden Häupter empor- hielten, Männer, welche die Hände streckten, um die Rechte Gustavs zu ergreifen und zu drücken, Mägde, die nur feine Steigbügel küßten, geringe Leute, die sich vor ihm auf die Knie warfen, ohne Furcht vor dem HufschÄg seines Tieres, das übrigens sanft und ruhig schritt, ein Volk in kühnen und von einem Sturm der Liebe und der Begeisterung ergriffenen Gruppen umwogte den nordischen König, der ihm seine geistigen Güter gerettet hatte. Dieser, sichtlich gerührt, neigte sich von seinem Rosse herab zu dem greifen Ortsgeistlichen, der ihm dicht vor den Augen Geubelfings die Hand küßte, ohne daß er es verwehren konnte, und sprach überlaut: „Die Leute ehren mich wie einen Gott! Das ist zuviel und gemahnt mich an mein Ende. Prediger, ich reite mit der heidnischen Göttin Viktoria und mit dem christlichen Todesengel!"
Dem Pagen quollen die Tränen. Als er aber gegenüber an einem Fenster die Königin erblickte und ihr der König einen zärtlichen Ab- schied zuwinkte, schwoll ihm der Busen von einer brennenden Eifersucht.
Kaum eine Woche später, als die schwedischen Scharen auf dem flachen Feld von Lützen sich zusammenzogen, marsch'erte Ake Tott seitwärts unweit des Wagens, darin der König fuhr. Da erblickte Leubelfing einen Raubvogel, der unter zerrissenen Wolken schwebend auf das Hartnäckigste sich über der könig'ichen Gruppe hielt und durch die Schüsse des Gefolges sich, nicht erschrecken und nicht vertreiben ließ. Er gedachte des Gauenburgers, ob seine Rache über Gustav Adolf schwebe. Das arme Herz des Pagen ängstigte sich über alles Maß. Wie es frühe dunkelt- wuchs feine Angst, und da es firster geworden war, gab er, (ein Ehrenwort brechend, dem Rosse die Sporen und verschwand aus den Auge« des ihm „Treubrüchiger Bube!" nachrufenden Obersten.
(Schluß folgt.) ’_______________
'sche Untversitäts-Buch» und Steindruckerei. B. Lange, Gießen.


