HelmaigefühL

Von Clemens Br« n iaisL

Wie Hinget die Wellet Wie wehet ein Wind!

O selige Schwelle, wo wir geboren finb!

Du himmlische Bläuel Du irdisches GrÜnI Boll Lieb' und voll Treue wie wird mein Herz jo kühn!

Wie Reben sich ranken mit innigem Trieb, jo, meine Gedanken, habt hier alles lieb!

Da hebt sich kein Wehrn, da regt sich kein Blatt, ich kann draus verstehen, wie lieb man mich hat.

Ihr himmlischen Fernen, wie seid ihr mir nah!

Ich griff nach den Sternen hier aus der Wiege ja!

Treib' nieder und nieder, du herrlicher Rhein!

Du kommst mir ja wieder, läßt nie mich allein!

D Vater, wie bange war mir es nach dir, horch' meinem Gesänge, dein Sohn ist wieder hier!

Du spiegelst und gleitest im mondlichen Glanz, die Arme du breitest: Empfange meinen Kranz!

Der Freiherr von Malepartus.

Don Th. v. W i l d u n g e n.

Noch ist es tiefe Winterszeit, wenn auch mittags die Sonne bis­weilen schon ihre verjüngte Kraft beweisen will und den Freigeborenen von der Sippe Reineke mollig aus den Balg brennt. Schmuck schaut er aus, der Freiherr aus der Burg Malepartus in [einem hochzeitlichen Kleide, das ihn gerade zur Winterszeit in vollendeter Schönheit schmückt. Dicht und voll ist das schöne, rotbraune, mit Schwarz verbrämte Pelz- wams, dusch g und vollrund die lange Lunte, an deren Ende kokett eine weiße Spitze leuchtet, und in der Sonne glänzt und gleißt das starke Fuchshaar, wie von einem ersten Haarkünstler behandelt und gekräuselt. Biel hält er sich um diese Zeit heimisch in seiner stolzen Burg, dort ver­mögen ihm Kälte und Nässe, Wind und Wetter wenig anzuhaben. Er hat diese wohnliche Behausung einst seinem Vetter Grimmbart, dem Dachs, auf wenig seine Art abgelistet. Der Bau ist sehr aufwändig her- gerichtet und in mehreren Etagen übereinander angelegt. Der Haupt- wohnraum, der Kessel, ist lief in den gewachsenen Boden eingelassen, dort werden die Bewohner von den winterlichen Unbilden nicht berührt, wenn die Kälte auch noch so grimmig wird. Auch drei Notröhren hat der weiße Vetter Grimmbart schon in die Burg eingebaut Sehr wichtig, Man kann nie wissen, und vorgebaut ist besser als zu spät bedacht.

Zur Zeit beherbergt Ritter Reinhard sehr willkommenen Besuch in feinem Schloß. Eine bildhübsche, schlanke, junge Fähe, die er sich in ritterlichem Turnier mit einem Raufbold von jungem Rüd erstellten Hot, teilt seine winterliche Einsamkeit. Harten Kampf hat es gegeben um oie stolze, spröde Schöne, aber jetzt, hojotoho, ist Ranzzeit, Hochzeit bei ber roten Sippe Reineke, und nur wenn ihn der Hunger heraustreibt aus seiner Burg, trennt sich der alte Sünder von seiner jungen Minne. Schlimm muß es kommen mit der Freßlust, sonst schläft es sich auch dicht aneinandergeschmiegt in der wohnlichen Kemenate tief unter der Erde ganz ausgezeichnet.

Lange hat er sich heuer heimisch halten lassen, es war gar zu wohlig bei der jungen, schönenBetze". Heute morgen aber drückt ihn, den Ritter, das hochnotpeinliche Gefühl des Hungers gar zu sehr, und auch Madame merkt eine unangenehme Leere in ihren Eingeweihten. Beide beschließen, ihr Hoflager zu verlassen. Von der Sippe Reineke wird es niemand wagen, dem Freiherrn von Malepartus, einem der Stärksten feines Geschlechtes, die junge Gemahlin streitig zu machen. Darum er­scheint dem reisigen Rüden eine kurze Trennung von der schmucken Fähe nur von nebensächlicher Bedeutung. Die Minne muß heute vor dem durch die Freßlust stark in den Vordergrund gedrängten, glühenden Aagdeiser zurücktreten.

Kaum eine halbe Stunde von Malepartus entfernt, am Wakdrande neyt die Riedmühle. Von dort hört der rote Ritter schon oft in der Frühe die. Hähne ihr Morgenlied fingen. Einer von den seiften Gockeln des Müllers, das wäre so gerade das rechte Fressen für seinen leeren Wagen heute. Gierig lugen seine listigen Seher aus der Hauptröhre

Seiner Burg in den fnifferfaften, ff ar en ge&ramnorww. Eins starke Heue hat es in den letzten Tagen gegeben. Wenig patzt der Neuschnee Sür seinen heutigen Raubzug, doch das hllft nichts. Hunger tut weh. Einige Augenblicke sichert er vorsichtig nach allen Seiten und streckt sich in den Fesselgelenken. Dann erreicht er mit einem eleganten Satz eine dicht verschneite Schonung und schnürt, immer zwischendurch verhaltend und lauschend, der Riedmühle zu. Es ist zeitiger Vorrnlltag. Eben schnellen einige goldene Pfeile der höher steigenden Morgensonne durch den winterlichen, weihen Wald. Unter den Rosenfingern des strahlenden Jrühlichtes flimmern die Schneekristalle wie Goldgejchmeide in flammen­den Lichtresiexen Meister Reineke, wenig berührt von den Schönheiten des im Sonnenglast liegenden, schneeumfangenen Winterwaldes, trollt dem Hühnerhof des Riedmüllers zu.

Was ist das, ein Rascheln im dichten Unterholz, der Schnee staubt in dicker Wolke von dem Dornengebüsch. Reineke setzt zum Sprunge an, bei seinem Hunger braucht es nicht unbedingt Hühnerbraten zu sein, auch ein Mäuslein wäre nicht zu verachten. Doch zu (pät, ichon erkennt er den rostbraunen, kleinen Kletterkünstler, einen Eichkater, auf der höchsten Spitze einer Weihtanne, weiter in kühnem Schwünge hin­aufklimmend in das grüngolden durchleuchtete 'JlaDelgeroirre einer mächtigen Kiefer. Der rote Freibeuter schaut dem Akrobaten sehnsuchts­voll nach. Schade, auch dieser Eichkater wäre nicht schlecht gewesen, wenigstens für den ersten grimmigen Hunger. Na, denn nicht. Reineke schlägt ärgerlich mit der Lunte in den weichen Neuschnee, und weiter geht es in schnürendem Trab. Von der Mühle klingt das klappernde Tick tack der Dreschsiegel. Reineke ist jetzt an dem Zaun, der die Ried­mühle einschließt. Er erblickt bas Hühnervölkchen mit zwei stolzen Rasse- Hähnen, natürlich in der Nähe der Scheunentenne herumpickend, denn dort fällt ihnen beim Dreschen so manches Korn zu. Hier ist vorläufig nichts zu machen, überlegt der Listige, mit den Dreschflegeln möchte er trotz des wühlenden Hungers ungern Bekanntschaft machen. Aber was nicht ist, kann noch werden, das Dreschen hört auch einmal auf und im Dunkeln ist gut Munkeln. Diese Philosophie erscheint ihm zur Zeit die beste Taktik. Schleunigst sucht er den schützenden Wald wieder auf und stillt seinen ärgsten Hunger an den dort unter dem Schnee reichlich verstreut liegenden Bucheckern. Em Mäuslein flitzt über eine vom Sturm gefällte und kahl gefegte Buche, um sein schützendes Obdach zu erreichen. Diesmal war Reineke schneller. Schon hat er die Mons zwi­schen dem Gehege seiner Zähne und verspeist sie mit Wohlbehagen. Dabei kommt ihm em neuer Plan, und er nimmt seinen Wechsel hinaus aus dem Walde. Drüben jenseits der Waldheide schlängelt sich der Mühlen­bach durch angesumpfte Wiesen. Mit warmen Quettormen durchsetzt, gibt es dort immer offene Wasserblänken, die auch bei strengem Frost nie ganz zufrieren. Ein Dorado für die Wildenten im Winter Das weih der freigeborene Herr von Malepartus. So manchen Entenbraten hat er sich dort schon geholt. Doch die Gegend erscheint ihm so verändert. Wohin ist nur der schone Echilsgürtel von der Sumpfwiese, durch den man sich so günstig heranpirschen konnte an die offenen Wasserblänken? Ja, das war einmal. Das Schilsrohr hat der Riedmüller für das schadhafte Dach seiner Scheune geschnitten. Da ist es nun natürlich selbst für einen neun­mal gesiebten Erzgauner sehr schwierig, sich an die freiliegenden Wild­enten heranzumachen. Schon eräugt er einige von den Vögeln, die luftig auf dem Wasser herumplustern. Wie eine Schlange windet sich jetzt der Rote, jede Binsenkaupe, ja, die kleinste Deckung geschickt ausntitzend, um den delikaten Wildenten nahe zu kommen. Bis auf etwa dreißig Schritte ist er heran, da hat ihn aber bereits ein alter, heimlicher Erpel gesichtet. Mit fchraad-fchraab erhebt er sich warnend vom Wasser, und sofort folgen ihm vier andere starke, fette Enten. Ein einsames Flaumsederchen riefelt aus der Lust herab, bas ist alles, was dem roten Gauner von dem Schoos Enken geblieben ist. Künstlerpech, kein Fangtog heute, denkt Reineke mürrisch, na, jetzt bleibt nur noch der Hühnerhof.

Es ist milder geworden, die Sonne hak grau-schwarzen Februar­wolken Platz machen müssen, es nieselt, und Matschwetter entwickelt sich aus der schönen weißen Neuen. Alte gekröpfte Weiden mit häß­lichen Struwwelpeterköpfen starren schwarz in den griesgrämlichen Spätnachmittag. Roch keine Spur von neuerwachendem Leben ist an den Weidenzweigen zu erblicken, nicht das geringste grüne Spitzchen will sich zeigen. Reineke hat sich wieder in das dichte Unterholz des Waldes zu­rückgezogen. Die nasse Witterung ist wenig nach seinem Geschmack, wie­der plagt ihn die bohrende Freßlust. Sein ganzes Dichten und Trachten ist jetzt aus die Hähne des Riedmüllers eingestellt. Aber nicht nur das nagende Hungergefühl quält ihn, nein, auch seine Ehre steht auf dem Spiel. Wie soll er bestehen heute abend vor der jungen, schönenBetze" in seiner Burg, wenn er ohne Beute heimkehrt, er der ränkeuolle rote Ritter, der Freiherr von Malepartus? Ah, da steigt ihm lieblicher He­ringsduft in den Windfang. Dreimal geht er herum um den lockenden Brocken, aber noch hak er sich in der Gewalt, er nimmt ihn nicht auf, den Leckerbissen. Als er vor Jahresfrist einen solchen lecker duften­den Heringskopf verschlingen wollte, da wurde es ihm elend, üb ei und schwarz vor den Lichtern. Damals glaubte er, fein letztes Stündb-tn wäre gekommen. Rur mit Mühe und großer Rot konnte er den vergifteten Brocken wieder herauswürgen. Rein, er ist klug und weise und kann sich wohl bezähmen.

Jetzt ist die Dämmerung hereingebrochen, die höchste Zeit für den Besuch auf dem Hühnerhof in der Riedmühle. Ganz vorsichtig schnürt und schleicht er mit Mordgedanken im Herzen dem Tatort zu. Drei Schritte nur trennen ihn von der Mühle. Merade rwll er in die ihm wohlbekannte Lücke der Weißdornhecke einsch'iefen, da ^sähri ihm ein scharfer, feuriger Strahl über die Lichter. Es reißt ihn "zur Seite: un­fähig, sich zu rühren, liegt er da und fühlt sein Ende nahen. Roch einmal gedenkt der Herr von Malepartus in Liebe feiner Minne mit der jungen, schlanken Fähe, dann streckt er zitternd die Läuse und haucht seine schwarze Seele aus. Des Müllers Sohn halte die frische Fährte von Reineke im Neuschnee mittags gespürt und richtig mit dessen Freßgier und seinem Wiederkommen gerechnet.