Ausgabe 
15.2.1929
 
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das Christentum annehmen und seine Frau nach allen Grundsätzen unserer modernen Eheausfassung ernähren. Als derCoyote" einmal in dem Hasen log, in dem JonathansMizzi" wohnte, wäre die Sache säst zum Klappen gekommen; Jonathan blieb ohne Urlaub acht Tage von Bord fern und erschien erst wieder, als das Schiss schon die Leinen gelöst hatte. Der Kapitän, der zuerst in eine schreckliche Aufregung ge­raten war, drückte beide Augen zu, weil er grosse Stücke von Jonathan hielt und weil er seine Arbeit nicht entbehren konnte.

Es stellte sich bald heraus, daß Mizzi, eine Figur sehr zweifelhaften Charakters, den Jonathan fest an der Kandare hatte; möglich, datz sie ihn sehr liebte, jedenfalls machte sie mit ihm, was sie wollte. Jonathan gestand das nach jenem Abenteuer auch ein. Als sich derCoyote" wieder dem Hasen Mizzis näherte, zitterte Jonathan wie ein Kranker. Der Kapitän Mackendaus und Cook, die beide behaupteten, die Weiber wie ihre Westentafche zu kennen, pfiffen bedenklich durch die Zahnlücken.

Jonathan verschwand und ward nicht mehr gesehen am sechsten Tag seines Fernbleibens gingen Cook und ein Bootsmann, der wegen feiner Furchtlosigkeit und seines Weiberhafses an Bord bekannt war, aus die Suche. Sie versprächen, ihn tot oder lebendig zu demCoyoten" zu bringen.

Nach der Wohnung Mizzis brauchte man nicht lange zu suchen; Jonathan hatte sie oft genug beschrieben.

Um es kurz zu machen: sie sanden ihn in einem Zimmer, nachdem sie die Tür eingetreten hatten. Jonathan behauptete, Mizzi habe ihn hier eingefchlosfen. Sie selbst war nicht da.

Er ging mit seinen Rettern in der Richtung des Hafens zurück, je mehr sie sich aber demCoyoten" näherten, desto seltsamer gebärdete sich Jonathan und an einer Straßenecke riß er sich von Cook, der ihn am Arm gefaßt hatte, los und verfchwand im Gedränge. Es war un­möglich, ihn zurückzuholen.

Cook erstattete dem Kapitän einen ausführlichen Bericht; Mackendaus schloß sich ein. Die Leute erzählten sich später, er habe lange über seinem Briefmarkenalbum geweint.

Don Seekarten, Kohlenweibern und der Insel St. Thomas.

Bon Peter A l d i n u s.

Ingu! Ingu! läßt der junge elegante Funkoffizier den Taster -er Radioanlage licken. Ingu! ist die drahtlose Visitenkarte unseres Schisses. Im Radiokodex ist sie so überfetzt: FrachldampserRemanja", 8400 Br -Rcg.-To., Iah. gang 1918, Racic-Line, Ragusa, Jugoslawien.

Das TelegrammIngu!" anlause morgen st. thomas bunkere 100 ts. kohle!" knistert die Drähte zu den Masten hinaus und rast durch Aether- wellen davon. Radiostation St. Thomas, Virgin-Jslands U. S. 21., be­stätigt summend mit kurzlangkurz und langlangkurz den Empfang des Funkspruches.

Draußen poltern Wogen über die Back, zerschmettern ihre Kräfte an den Ankerwintschen, jagen prasselnd über das Verdeck, waschen mit Gischt die grüngeble chlen Persennings der Ladeluken und spülen durch die Abslußlicher der Reeling davon, müde, besiegt, zerschlagen an Stahl und Eisen. Dann türmen sich neue Wasserberge, wälzen sich wankend vorüber ober klatschen gegen Bug und Bordwand.

Zehn bis vierzehn Tage je nack^ Stärke des Windes, durchstampfen die Schiffe mühselig Seemeile aus «cemeite des Weges von Colon nach St. Thomas. Immer braust es von Osten und peitscht weiße Wunden in das rollende Meer. In die vom American Nautical Institut monatlich ausgeaebenen Seekarten sind rote Kurven und Schnörkel gezeichnet: Die Wege der Tornadostürme des letzten und vorletzten Jahres. Aus dem Soften blauen Feld der Karte stehtCaribbian Sea" und in den gelben leckenCuba",Haiti" oderJamaika" undPuerto Rico". Die g»Warzen Linien, die Gelb von Himmelblau scheiden, sind mit kleinen reiecken ornamentiert Lange wurde es dauern, alle zu zählen, so viele sind ihrer. Am Rand der Karte ist eine Zeichenerklärung, da steht wreck. Wrack" also. Und über alles hinweg kringeln sich die roten Tornado­bänder. Jedem Funker der Küstenradiostationen hat schon dasSOS" eines Schiffes in Seenot in den Ohren geklungen.

Auf der Kommandobrücke sucht der Wachthabende abwechselnd den drahtlosen Wetterberichten ober am Horizont nach ber Konsequenz not­wendig werdender neuer Befehle für den Rudergänger. Aber immer noch bleibt loviel Zeit, die Zwischenpausen mit je nach Veranlagung naturwissenschaftlichen oder wehmütigen Betrachtungen über die aus den Wogen springenden Schwertfische zu verbringen Andere interessieren mehr die spitzen Bogenflossen lauernder Haie ober das Problem der seit zehn Tagen nassen Kleidung und ber wasserdurchfluteten Sabinen« gänge. Wieder ein anderer kann sich von den roten Bändern und den Dreiecken auf der himmelblauen Karte nicht trennen und scheint ihre An­merkungen auswendig zu lernen.Wreck" steht da undWay ok the Tornado". Ist das so schwer zu lernen?

In leinen dienstfreien Stunden hört der Funkoffizier, er ist jung und elegant, sagte ich und vergaft dabei:, blank manikürt und wohl ge­scheitelt er hört den neuesten Radio Charleston aus Neuyork, Boston ober Philadelphia. Seine Beine zucken in wildem Rhythmus lockender Saxophone, zu denen vielleicht elegante Paare, 500 Seemeilen entfernt, trockene Schuhsohlen über blank gebohnertes Parkettholz schleifen. Sie wissen nichts von den roten Kurven und den vielen Drei­ecken auf ber himmelblauen Karte des American Nautical Institut. Ja, es ist gut |o und schließlich soll man keine Vergleiche ziehen zwischen Tanzsälen ber Lurushotels und den eisernen Planken eines Salpeter« dampsers, der 45 Tage von Chile nach Alexandria unterwegs ist.

Stripes and stars" nennen die Seeleute das, was am nächsten xage von unserem Fockmast weht. Das Sternenbanner der Union und die blauweißrote Flagge Jugoslawiens grüßen die Insel 6t. Thomas.

Halb auf den Klippen vor dem Hafen liegt ein Wrack und hat noch keinen dreieckigen Nachruf in der himmelblauen Karte.Es war ein

Engländer, er Seat erst drei Tage da? Prost!" sagt der Lotse, bann gluckst goldener Dalmatinerwein durch feine Kehle. Möge er sich an ber Mixtur von U. 6. A. Prohibition und 6. H. 6. Dalmatiner nicht den Magen verderben! Aber er wird es gewöhnt sein, bugsiert er ja viele Schasse in diesen Hafen.

Wirklich viele; denn St. Thomas ist der Kohlenplatz fast aller Dampfer, die von Miitelamerika kommen, Kurs nach Osten haben. Die Insel liegt so günstig zwischen den Großen und Kleinen Antillen, fast genau auf dem Schiffahrtswege von Panama nach Europa und Afrika, daß nordamerikantzcher Busineßgeist einige Millionen Dollars fpringen lieft und sie von Dänemark kaufte.

Langsam läuftRemanja" in den HafenCharlotte Amalia" ein. Eigentlich ist er nur eine natürliche Bucht, dieser Hasen, mit einer etwas zu schmalen und darum nicht ung.sährlichen Zugangsstraße. Zum Zeichen dessen steht auch auf der Karte ein Dreieck »eben dem Eingang, da drüben an Backbord ist es in natura zu bewundern, einstmals war das ein Viermastschoner.

St. Thomas ist schön. Eine Kohlenstation zwar, ober das nur auf einer Landzunge. Die Stobt selbst ist Kurort, ein Palm-beach, wie an der Küste Floridas, ein Solberg ober Sroinemünbe ins Tropische über­tragen. Zuckerrohr wächst auf den Feldern, Ananas und Tabak. Palmen fäumen die Ufer. Und Vairum gibt's auf St. Thomas. Jenen berühmten Bairum, den Trost und Dünger für lichte Momente auf den ältlich seriösen Köpfen der haarkulturellen Welt. Hier wird sie erzeugt, die Medizin gegen beginnende Glatzen!

Hügelan liegt die Stadt; Hotelpaläste, Villen, weiße Straßen, adrett und nett; über ihnen scheint die Sonne.

Ein Schutzmann mit Cowboyhut kommt an Bord und plombiert das Alkoholreservoir.U.S. 21." steht auf den Plomben. Unser Lotse hat noch rechtzeitigProst!" gesagt.

Längsseits tackt ein asthmatisches Motorboot. Aus ihm redet ein ver­trockneter Greis zu uns heraus. Seines Faltengesichts schütterer Bart wippt den Takt in seiner Rede, setzt die Kommas, die Punkte und die Gedankenstriche. Ausaefranste kniefreie Hosen trägt der alte Herr, ein geflicktes Hemd mit steifem Ecken kragen und einen Tropenhelm ältesten Formats. Er verkauft Knöpfe, Hosenträger, Zahnbürsten usw. und ist ehemaliger russischer General. Die Stürme ber Revolution haben ihn hierher verschlagen, ein Wrack aus ihm gemacht, gleichsam wie der Tor­nado Schiffe verschlingt und sie an diesen Küsten stranden läßt.

Neger kommen an Bord, die Nachkommen ber Sam und Tom un­serer Jugendromane aus dem westindischen Sklavenbasein. Aber sie tragen nicht mehr rotweiß gestreifte Hosen und bunte'Hemden, sondern Khakianzüge, und sie handeln mit riesigen Seesternen, Korallenästen, Schildpatt und Kakteen. Große Muscheln haben sie schauerlich mit sturm- umwogten Schiffen bemalt und mit englischen, dänischen, deutschen ober amerikanischen Fähnchen. Je nach Rationalität des einlaufenden Damp­fers werden nun die entsprechenden Muscheln angeboten. Aber Jugo­slawiens Farben sind nicht unter denkunstgewerblichen" Arbeiten. Business ist auch bei den Negern nur Business und Dollar heißt ihr Prophet.

Frauen und Kinder kommen mit Früchten herbei. Mangos, Papeya« (eine melonenartige süße Frucht), Ananas und Bananen werben verhandelt, Bairumstaschen und Camel-Zigaretten.

Dann wird Kohle gebunkert. In knapp zwei Stunden muß das er­ledigt fein, denn die Börse in London will, daß wir es eilig haben. Aber ro i e es erledigt wird, ist ein trauriges, beschämendes Kapitel. Da kommt eine Schar Menschen zum Kohlenplatz, hager, zermürbt und elend. Und diese Menschen sind Ncgerweiber! Alte, junge, kräftige, schwache, gesunde und kranke. Der Frohn ihres Tagewerks hat feine bitteren Runen in harte Gesichter geschnitten. Aus ihren Köpfen schleppen sie die Kohlenkörbe über den Laufsteg! Hintereinander! Immer im Trab! Drei Cent für die Kiepe! Schleppen, traben, unermüdlich, Kohlenstaub mischt sich mit Schweiß, macht die Gesichter mit den Tonpfeifen und den breiten Negernasen zu fürchterlichen Fratzen, aus denen das Weiß ber Augen blitzt, der Augen., von denen man meint, daß sie nur onflagenb auf uns und unsere Kultur zu schauen vermögen. Schleppen, schuften, traben. Drei Cent für die Kiepe! Was kümmert's die United States, daß es alte brüchige Weiber find. Wer fragt nach dem Leben eines Negers in Westinbien! Jeber Amerikaner auf St. Thomas kennt die Kohlenweiber. Ist keinem, nicht einem einzigen, die Schamröte ins Ge­sicht geschossen, als er sie hat arbeiten sehn? Wo bleibt hier Freiheit und Kultur und Menschenrecht ber neuen Welt, und vor allem, wo bleibt dabei die Ehre der weiften Rasse?

Ein Kran ist noch in Tätigkeit und schüttet in Minuten mehr Kohlen in den Bunker, als die Weiber in einer Halden Stunde. Weit ab, vor Staub geschützt, steht der Inspektor des Hafens, schaut zu und verkör­pert so das amerikanische Kolonialbewufttsein, das Bewufttsein in Tropen­helm und weißem Leinenanzug.

Drüben an der Palm-beach tummeln sich unzählige Josephine Bakers in flachem Wasser.Welcome!" grüßt ein Plakat aus einem Landungs­steg, fast genau wie daheim in Wannfee ober Grünau. Auf Liegestühlen erdulden amerikanische Ladies Foltern der Langeweile und wippen mit eleganten Fußspitzen ober Sonnenschirmen in die wimmernden Vanjo- melobien eines schlanken Niggerboys. Ein alter Mann reiht rote Ko­rallenstäbchen zu einer Kette.

Zwei Stunden sind schnell verronnen. Wir fahren davon müde Kohlenweiber glotzen uns nach. Schon rollt die beginnende Dünung den ersten Brecher über das Deck. Die Insel versinkt im Meer.

Freunde in ber Heimat werden bald Briefe erhalten, auf denen der PoststempelSt. Thomas" steht, in den Kabinen liegen die erhandelten Seeungeheuer und Korallenäste herum, von denen man roch nicht genau weiß, wie man sie unbeschädigt In die Heimat transportieren soll; in den Taschen klimpern Münzen, die man nie mehr gebraucht und die im Raritätenkasten eines Ncssen aus der Untertertia ein geruhsames Sn^e finden werden. Und die Erinnerung bleibt an eine schöne Insel und oh elende schwarze Weiber ...