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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
3 chrgang <929
Freitag, den l5. Zevruar
Nummer lZ
Dom dunklen Ci-gebirge feh’n gewali'ge Schatten schwarz herab, Wie von der Urwelt Tieren, die versteint hier ruh'n im Felsengr
Wie von der Urwelt Tieren, die versteint hier ruh'n im Felsengrab und gleich, als gähnte jetzt noch tief, tief unterm Schnee die Feuerkraft So rollt ein tiefer Donner oft, daß weit das Eis in Schluchten klafft'
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Aber das half ihm alles nichts, Cook nahm ihn energisch bei den ^uerft 6nciin grausame Licht des Hinterdecks hinauf.
Zeigte sich, daß Jonathan außer einem Fetzen schmutzigen Kattuns nichts auf seinem Körper trug, was andere Menschen mit dem Namen Kleidung zu belegen pflegen. Diese Entdeckung entlockte dem ersten Dffi« P',""1" Herzen eine große Prüdigkeit hegte, schreckliche Flüche. Er schwor b« allen Teufeln der Unter- und Oberwelt, ohne eine Hofe fei em menschliches Wesen ein Greuel. 1
°bS/legten Sachen wurde indessen bald für Jonathan ein Anzug begafft; er fühlte sich dann sehr wohl und spazierte stundenlang cor Sreube grunzend auf dem Hinterdeck auf und ab. Das Unglück wollte, daß das Bordschwein Jonny ihm zwischen die Beine lief; er schlug um,
<rr un^ l^te sich auf die Planken, die gerade mit einem lre u n!2^eer,ti6er?Ufl "ersehen worden waren. Bon der Pracht der Mode blieb nicht allzuviel übrig.
Das waren aber schließlich nur kleine Zwischenfälle; die eigentliche Zivillsationsarbeit mußte erst beginnen. . ’
Cook begann eine Arbeit, die, wie er sagt, nur die Dressur eines Hundes zu vergleich-n mar. Er gab Jonathan kleine Aufträge belobte ihn, wenn er es richtig machte und schlug ihm hinter die Ohren, wenn er es nicht begriff. Die sprachliche Verständigung spielte dabei keine Rolle, sie spielte sich in Kisuaheli ab, die alle Ängestellten des Schiffes aus« gezeichnet sprachen. '
. Obwohl Jonathan sich anfangs sehr unbeholfen anstellte, schien ihm doch bald die Schule Cooks Spaß zu machen; er begriff, wie wichtig es fti, Ziv.lifation anzunedmen Die allergrößte Schwierigkeit machte das Verständnis für Reinlichkeit. Jonathan schien gegen solche Forderungen raub, bis die Matrosen ihn einmal ohne besondere Aufforderung auf dem Werberf entkleideten und in ziemlich barbarischer Weise abfeiften. Dies Ennuer schien tiefen Eindruck auf Jonathan gemacht zu haben. So wie ein Pferd, bas in vollem Lauf vor einem grellen Gegenstand stutzt, stutzte er auf per Bahn feiner Zivilisationeentwickelung einen Augenblick- um bann mit um so größerem Eifer fortzufahren. Später gehörte Jonathan zu den reinlichsten Sch fssangestellteni feine Kleider blitzten vor Sauber- keit und fein größter Schmerz blieb, daß er sich die braune Farbe feines Gesichtes nicht abwafchen konnte.
m ?^ung zum Cantn’s Boy bedurfte einer Übermenschlichen Geduld, da Vorstellungen, die uns ganz selbstverständlich sind, mühiom m dies unberührte Gehirn hineingehämmert werden mußten. Immer wieder überraschte die Gelehrigkeit, der gute Wille und das Ta'ent, mit Denen Jonathan bei Ben-cksichtig"ng aller Umstände auf dem Wege seiner Vervollkommnung voranfchritt. Das Lächeln, das eine zeitlang einer be- sorgten Fröhlichkeit Platz gemacht hatte, stellte sich wieder ein.
Nach vier Wochen konnte Cook dem Kapitän Mackendaus den Neger Jonathan in seiner Eigenschaft als Captn’s Bov übergeben. Mit der Zeit entwickelte Jonathan immer neue Talente; während er sich im Anfang auf die grobe Arbeit beschränken mußte, (er reinigte die Kabine des Kap tans^ machte fein Bett und staubte die Schränke ab) nahm er später allerlei Fertigkeiten in fein Repertoir auf, von denen niemand wußte, wie er sie sich beigebracht hatte. So entwickelte er sich langsam zu einer perfekten Näherin, er stopfte Strümpfe und setzte alten Hofen Flicken auf. Einmal, als der „Coyote" Pech hatte (in der Maschine platzte ein Dampf- rohr und man glaubte, man müsse „aussteigen") und alles zu den Rettungsgürteln stürzte, rettete Jonathan die Briefmarkensammlung des Kap tuns. Er ließ als noch ni-mgnb wußte, was er tun sollte, in die Mackendaus sche Kabine und zerrte das kostbare Buch aus dem Schrank. Ms sich herausstellte, daß die Not nicht so groß war und man das Unheil w--der gutmachm konnte, 1 eß Mackendaus feinen Boy vor die versammelte Mannschaft treten und hielt ihm eine lobende Ansprache so wie ein Heerführer einen Offizier nach glücklicher Schlacht belobt
Jedenfalls war Mackendaus mit Jonathan sehr zufrieden; Jonathan hatte sich im Laufe der Jahre vollkommen zivllisiert; er sprach deutsch und enolisch, trug moderne Anzüge, gelbe Schuhe, rasierte sich und bewegte sich in Hamburg oder Southampton ebenso sicher wie ein Europäer.
Das Unglück begann damit, daß J'onathan in einem europäischen Hafen ein weißes Mädchen kennenlernte, die ihm eine Photographie schenkte und von der er behauptete, sie sei feine Braut, er saote, er werde sie unter allen Umständen heiraten. Zuerst lachte man darüber, da man sich ja erinnerte, daß Jonathan erst seit wenigen Jahren dem Dschungel entlaufen war und weil man sich nicht vorstellen konnte, was eine weiße Frau mit einem Halbwilden machen wollte.
Aber es kam anders: Jonathan entwickelte detaillierte Pläne, wie er sich seine zukünftige Che zu gcftnUen dachte. Er wollte eine Stellung an Land annehmen, Kellner, Schuhputzer oder Zeitungsträger werden.
3m (Eismeer.
Von Hermann Lingg.
Im höchsten Nordmeer liegt ein Schiff an Schollen Eises festgeschraubt. Die Mannschaft auf dem Decke schläft, der Schnee liegt über ihrem Haupt Wie gellend auch der Nordwind pfeift, die Segel hängen eisumftarrt; Kem Mast und keine Planke stöhnt, kein Tau und auch kein Ruder knarrt. Doch jede Nacht das Nordlicht scheint und leuchtet in den weißen Tod Die hohlen Augen glühen hell, die bleichen Wangen werden rot. Es malen sich ins Segeltuch Eisblumen riesig, tropengroß, Kristallne Blüten, geisterhaft, kalt, unbewegt und düstelos.
Der Neger Jonathan.
Von Richard Huelsenbeck.
was ich hier erzähle, weiß ich von Mister Cook, dem enten Offizier des „Coyoten", mit dem ich viele Reisen gemacht habe. Mister Cook ist ein schweigsamer hagerer Mann, der feine Pfeife nicht aus dein Munde laßt und ungeheuer weit spucken kann. Er wird nur gesprächig wenn man ihn zu einem Whisky einlädt, wobei das Wort „einem" natürlich [ehr mit Vorsicht zu nehmen ist. An Bord des „Coyoten" fuhr ein Kap.tän, der den Namen Mackendaus fein eigen nannte und aus Mecklenburg gebürtig war; es gab alle Nationen der Windrose auf diesem Schiss und Mackendaus war bei weitem nicht der Schlechteste. Die Leute nannten ihn einen zarten Riesen; Mackendaus erreichte ungefähr eine Große von zwei Meier, seine Schultern zeigten die Breite eines ^"’sbojers und von der Kraft feiner Fäuste erzählte man sich Wunder-
Dabei trug er in sich das Herz und die Seele eines kleinen Kindes; wenn der Wind zu hm en begann und die See hohl und böse wurde zog sich Mockendaus in feine Kabine zurück. Er liebte es, sich stundenlang mit seiner Briefmarkensammlung zu bekräftigen ober Patiencen zu legen. Man behauptete auch, hin und wieder sitze er nur in feinem Sessel und weine.
. Jonathan tat die Dienste eines Captn’s Boy; er war ein Neger aus hem Gebiet des Kifuahelisprachstamms, groß, kräftig, mit einem gut- muhgen verschmitzten Gesicht. Cook behauptete, man habe ihn eines Tages bei einer Jagdexpedition in Mosch! gefangen. Jemand habe ein Kudu mit einem Lasso fangen wollen und durch einen Zufall fei nicht das Kudu, sondern der vorwitzige Jonathan in der Schlinge geblieben.
Cooks Erzählung übertreibt natürlich; man entsinnt sich nicht mehr so recht, wie Jonathan aufs Schiff gekommen ist; jemand hat ihn mit- georacht und lange Wochen, «he man überhaupt von ihm Notiz nahm, hat er unten im Raum irgend etwas gearbeitet. Erst später zog man ihn unb feine überraschenden Fähigkeiten ans Licht. Mackenbaus entdeckte ihn anläßlich einer Jnsvektionsreise in der Box des Storekeepers, dem er half, Instrumente unb Werkzeuge zu putzen.
Jonathan stellte sich dabei so geschickt an, seine braunen Finger liefen i° schnell und sicher, daß es dem Kapitän auffiel. Die Hauptüberraschung roar aber Jonathans Gesicht: hier war zweifellos die einzige Person an ^ard, die ununterbrochen lachte. Für den „Coyoten", wo jeder mit sich and dem lieben Gott zerfallen war, bedeutete bas etwas Außerordentliches. Da Mackenbaus genau wußte, wie tief ihm selbst die Melancholie and die Langeweile im Blut saß, bedeutete Jonathans Gesicht für ihn eine Offenbarung. Hier — zwanzig Meter unter der Sonne des Prome- nabenbecks, in dem verftaubteften unb dreckigsten Winkel des Schiffes — gab ss einen Menschen, der lachte unb pfiff. Wirklich eine Sache, die öwang, längere Zeit nachzudenken.
. Das tat Mackendaus weidlich, und er kam schließlich zu der Ent- schech-ung, es fei notwendig, die optimistischen Kräfte Jonathans für fein etgenes seelisches Wohlergehen zu verwenden. Er gab Cook den Befehl, Jonathan aus der Maschine zu holen und ihn zu einem Captn’s Boy zu Mehen. Er stellte vier Wochen Frist — man segelte gerade mit acht «noten in der Stunde durch den indischen Ozean — bis das Erziehungs- wer? vollendet sein müsse.
, Eook war natürlich von einem solchen Auftrag nicht sehr erbaut; er Hatzte die Schwarzen und überhaupt alle andersfarbigen Menschen. Er mochte sie schon deswegen v'cht, weil er behauptete, ohne sie gäbe es keine fremden Erdteile und ohne fremde Erdteile wäre er nickt Seemann geworden und hätte einen anständigen Beruf an Land; er haßte die See- fahrerei wie den Tod.
Befehlsgemäß kroch er zu dem Storekeeper hinunter unb suchte nach Jonatha in (Die Matrosen hatten den Schwarzen so genannt, als er an l


