Oie Spulerin.
Von Alfred Bock.
Die nachfolgende Erzählung ist dem bei der Deutschen Landbuchhandlung, Berlin SW 11, soeben erschienenen Novellenbande „Wege im Schatten" entnommen.
I.
Der Werkmeister Gutermuth erstattete seinem Herrn, dem Fabrikbesitzer Valentin Dörner, in dessen Geschäftszimmer über die Wartung der Webstühle Bericht. Vor kurzem war man zum elektrischen Antrieb übergegangen. Die Webstühle konnten nun ohne Verluste, die bei Transmissionen unvermeidlich waren, mit einer großen Tourenzahl laufen. Schon jetzt erkannte man, daß die Anschaffung der Motoren sich auf die Dauer bezahlt machen würde. Die Websäle hatten nach Einführung der elektrischen Kraft ein helleres, freundlicheres Ansehen gewonnen. Die Arbeiter aber, die nicht mehr einzeln, sondern zu zweit einen Stuhl bedienten, klapperten, wie der Werkmeister sich ausdrückte, unaufhörlich Klagelieder. Aus dem einfachen Grund, weil, sie bei dem neuen Verfahren weniger verdienten.
,,3d) habe mit meinem Neffen gesprochen," sagte der Fabrikherr, „die Leute werden Zuschläge erhalten."
Der Werkmeister hob den Kopf.
„Dann wird ein anderer Wind in den Websälen wehen, und der Vorteil, Herr Dörner, ist auf Ihrer Seite!"
„Sie wissen wohl, Gutermuth, ich habe noch nie mit den Löhnen geknausert. Mein Grundsatz ist: Leben und leben lassen. Wenn jeder nur seine Pflicht tun wollte. Ich habe heute früh im Vordersaal festgestellt, daß Oeltropfen auf die Stoffbahnen fielen. Das ist skandalös! Ich kann Ihnen den Vorwurf nicht ersparen: es fehlt im Betrieb an der nötigen Reinlichkeit!"
„Ich predige den Frauenzimmern Tag für Tag," verteidigte sich der Werkmeister, „daß sie die Reibflächen sauber halten und nicht zu stark ölen. Ihre Zungen sind länger als ihre Hände. Eher hat der Rhein kein Wasser, als daß sie nicht eine Ausrede finden."
„Sie haben die Aufsicht", fuhr Dörner heraus. „Niemand wird Ihnen die Augen verbinden. Ich muß Sie für eine peinlich sorgsame Ueberwachung der Webstühle verantwortlich machen!"
Gutermuth schaute zur Seite, als fühlte er den stechenden Blick seines Herrn. Er steckte den Wischer ein. Nach einer Weile hob er an:
„Die Spulerin Feldbusch steht vor der Tür. Sie will den Herrn Dörner sprechen."
„Was hat sie?" fragte der Fabrikant.
„Das ist eine sonderbare Geschichte. Zwei Jahre ist ihr der Bäcker- gesell Dotzauer nachgestiegen. Sie hat ihn abgestrichen. Der Mensch war ganz durcheinander, ist in seiner Kümmernis nach Amerika ausgewandert. Nun fing sie eine Liebschaft mit dem Handschuhmacher Wollrab an. Das war einer von der unrechten Sorte und mächtig scharf. Ihr Verstand hatte Feiertage. Es dauerte nicht lang, und sie ging mit einem Kind. Eh' das geboren war, hatte sich der Wollrab aus dem Staub gemacht. Sie saß dann mit ihrem Bankert da. Der Dotzauer aber, den sie hatte durchplumpen lassen, schrieb ihr aus Neuyork, er könnte sie nicht vergessen; sie lüg' ihm alsfort im Sinn. Sie schrieb ihm wieder, rückte mit allem, was sie pexierj hatte, frei heraus. Er antwortete, seine Liebe hielte den Puff aus, sie sollte mit ihrem Bübchen zu ihm kommen. Er stochert in Amerika nicht im Nebel herum, er schiebt nach wie vor seine Brote in den Ofen und hat reichlich zu leben. Das Geld für die Ueber- fahrt hat er gleich mitgeschickt. Jetzt läuft die Feldbusch auf Kohlen, sieht aus wie eine Katze im Donnerwetter. Sie war schon zweimal in meiner Wohnung. In so einer Sache ist nicht leicht zu raten. Die gehört vor einen Gescheiteren wie ich einer bin. „Bitten Sie unseren Herrn um seinen Rat", hab' ich ihr gesagt. „Der weiß, wo die Zäume hängen!"
„Den besten Rat muß sie bei sich selber suchen", versetzte Dörner mit verstecktem Selbstgefühl. „Immerhin, rufen Sie das Mädchen herein!"
Der Werkmeister entfernte sich.
Gleich darauf trat die Spulerin in das Zimmer, eine blaßwangige Blondine, um deren Augen tiefe Schatten lagerten.
Der Fabrikherr, dessen Miene bekundete, daß er nicht viel Federlesens machen würde, richtete an seine Arbeiterin das Wort.
„Wie lang Sind Sie in unserm Betrieb?"
„Fünf Jahre", antwortete sie leise.
„Ihre Mutter ist die Nähfrau Feldbufch in der Mainzer Gasse.
„Jawohl."
„Bei der sind Sie?"
„Ja."
„Auch ihr Kind?"
Sie senkte den Blick.
„Auch mein Bübchen."
„Der Werkmeister hat mir alles erzählt. Sind Sie sicher, daß Ihr alter Verehrer es ehrlich mit Ihnen meint?"
Sie schlang die Hände ineinander.
„Ja, das glaub' ich."
„Und er verdient in Neuyork so viel, daß er eine Familie ernähren kann?"
„Seinen Briefen nach, ja."
„Dann wär's eine große Torheit von Ihnen, wenn Sie nicht Ihre Siebenfachen packten und mit Ihrem Frühbirnchen nach Amerika gingen."
Sie holte tief Atem.
„Ich häng' als noch am Vater von meinem Kind", preßte sie hervor. Der Fabrikherr reckte den Kopf steif aus dem Nacken.
„An dem Garstvogel hängen Sie noch, der feine Vaterpflicht abge- fchoben und sich abscheulich gegen Sie benommen hat? Bringen Sie nicht so ausgetüftelte Schrullen aufs Tapet, wo Ihnen der Zucker in den Kessel fällt. Merken Sie sich ein für allemal: was nicht mit Vernunft geschieht, hat keinen Bestand in der Welt."
In ihren Augen standen Tränen.
„Meine Mutier sagt ja auch, ich sollt' den Dotzauer nehmen. Ich setz' den Fall, wir werden drüben kopuliert, den Wollrab, wenn er sich auch durch die Aest' gemacht hat, hab' ich ewig.gern!"
„Sie haben gehört, wie ich über die Sache denke", sagte der Fabrikherr rauh, „Gefühlsduseleien auszupacken, ist hier wirklich nicht der Ort."
„Großen Dank, Herr Dörner, lispelte sie und ging.
Der Fabrikant, ein hoher Vierziger mit stark gewölbter Stirn ünd ein wenig gebogener Nase, nahm fein Kalkulatiansbuch zur Hand, legte es aber bald beifeite und stützte nachdenkfam das volle Kinn auf die fleischigen Finger. Das Leben warf mit Komödien um sich wie der Schmied mit Funken. Einen Garstvogel hatte er eben den Verführer der kleinen Spulerin genannt. Vor zwanzig Jahren, wenn er der Wahrheit die Ehre geben wollte, hatte er selbst zu dieser Gilde gezählt. Freilich war er mit der Lina Schlinkmann im Badergäßchen glimpflicher umgegangen wie der Handschuhmacher mit der Spulerin. Auf den Rat seines Vaters, dem er Farbe bekannte, zahlte er dem Mädchen fünftausend Mark. Damit kam seine Liebesgeschichte zu Ende. Der Haarkünstler Wiffler heiratete die Lina Schlinkmann und bewährte sich als guter Ehemann. Begegnete Dörner der ehemaligen Freundin, erwiderte sie feinen Gruß mit großer Höflichkeit. Sie hatte ein Trüppchen Kinder, dessenungeachtet sah sie noch merkwürdig frisch, fast konnte man sagen, mädchenhaft aus. Dörner zog die Oberlippe breit, lächelte wie jemand, der mit Behagen an ein angenehmes, wenn auch weit zurückliegendes Erlebnis denkt. So eine alte Liebe rostete nicht, mochte sie zwanzig Jahre im Schornstein hängen.
Die Fabrikfchelle schrillte. Es war Mittag. Alsbald stellten die Motoren ihr Surren ein. Auf den Flurgängen trällerten Arbeiter und Arbeiterinnen hin und her. Einige, die vom Land in die Fabrik kamen, begaben sich in den Speiseraum. Die meisten gingen in die nahe Stadt, das Mittagbrot bei ihren Angehörigen zu verzehren. Auch der Fabrikherr machte Schicht. —
Nach der Unterredung mit ihrem Brotherrn hatte Hermine Feldbusch, die Spulerin, sich noch lange bedacht, wie sie ihr künftiges Leben ein- richten sollte. Endlich faßte sie den Entschluß, dem Rufe ihres Verehrers und Freiers, des Bäckers Dotzauer in Neuyork, zu folgen. Der Kaufmann Rombach am Markt, der sich neben feinem Kolonialwarengeschäft als Agent für Auswanderer betätigte, verschaffte ihr die nötigen Unterlagen, vor allem die Einreiseerlaubnis in die Vereinigten Staaten. Der Tag, an dem Hermine Feldbusch mit ihrem Bübchen in Bremerhaven an Bord gehen sollte, war festgesetzt. Eines Abends lud sie die Spulerinnen aus der Weberei Valentin Dorners, die im selben Saal mit ihr schafften, zu einer Abfchiedsfeier in die Wohnung ihrer Mutter. Aus der Nachbarschaft fand sich der Bäcker Gimborn ein, bei dem Dotzauer sieben Jahre den Teig geknetet hatte. Hermine Feldbusch setzte ihren Gästen Kaffee und Kuchen vor, danach ein Glas Lagerbier. In der elften Stunde kam der alte Wingeroth, der im Häuschen der Nähfrau zwei Stuben innehatte. Er war Siebziger, aber von einer erstaunlichen Rüstigkeit. Fragte man ihn, wodurch er sich so jung erhalten, antwortete er: „Durch Bewegung, Ruhe und Mäßigkeit. Macht rnir's nach, und ihr werdet so alt wie Methusalem!" Sohn eines städtischen Beamten, hatte er in Marburg Philologie studiert, war dann, ohne ein Examen bestanden oder den Doktorgrad erworben zu haben, nach Amerika ausgewandert, wo er an deutschen Schulen unterrichtete. Während des Weltkriegs kehrte er völlig abgebrannt nach Deutschland zurück und gab in seinem Heimatstädtchen Nachhilfestunden. Sein Versuch, eine Reihe von Vorträgen über „Pioniere des Deutschtums in Amerika" zu halten, scheiterte an »der Gleichgültigkeit der Bürgerschaft. Er führte ein stilles, .einsiedlerisches Leben. Als ihm der Drogenhändler Offergeld einmal scherzhaft vorhielt: „Herr Wingeroth, man sieht Sie in keinem Wirthaus, Sie spielen keinen Skat, Sie sind nicht normal!", erwiderte er gelassen: „Das stimmt, ich denke, Sie erlauben mir, daß ich in meinem Hirnkasten bleibe." Hermine Feldbusch, für die er eine Vorliebe hatte, deren Bübchen fein Hätschelhans war, eine kleine Abschiedsrede zu halten, betrachtete er als feine Pflicht. Es dauerte denn auch nicht lange, da klopfte er an fein Glas, neigte den kräftigen Kopf mit dem straffen weißen Haar ein wenig vor und sprach:
„In wenigen Tagen, liebe Hermine, werden Sie mit Dampsesmacht das Meer durchpflügen. Die Treue des guten Dotzauer leuchtet wie ein himmlisches Licht über das große Wasser. Erwartung auf ein üppiges Leben treibt Sie, die fleißige Arbeiterin, nicht von uns fort. Was «sie suchen, ist Glück und Zufriedenheit an der Seite eines braven Mannes. Ich will von Dotzauer eine Geschichte erzählen, die für feine Gemütsart bezeichnend ist. Er hatte von der verstorbenen Witwe Schüßler, die sich auf Krücken stützte und mit bitteren Sorgen quälte, eine Truhe im Stil des achtzehnten Jahrhunderts gekauft. Die schaffte er in feine Stube. Wie er sie öffnete und säuberte, entdeckte er unter allerlei Plunder einen schön gebundenen alten Folianten. Obwohl er keinen Augenblick im Zweifel war, daß Frau Schüßler das Alleinrecht darauf hatte, brachte er mir, ehe er es zurückgab, das Buch. Ich erkannte sogleich, daß es sehr wertvoll war. Mit Zustimmung der Frau Schüßler verkaufte ich es an einen Antiquar in Frankfurt. Der zahlte so viel, daß die arme Witfrau mit dem Betrag ihre rückständige Miete decken konnte. Ich sehe noch das strahlende Gesicht des guten Dotzauer vor mir. Er war so vergnügt, als hätte er selbst das große Los gewonnen. Sie dürfen rnir’s glauben, liebe Hermine, Sie bekommen einen prächtigen Mann. Ich behaupte keineswegs, daß Sie als Ehefrau mit dem Pantoffel knarren. Die Gewißheit haben Sie, Sie können Ihren Ehegnoffen an einem Zwirnsfaden leiten. Eins leg’ ich Ihnen ans Herz: Ihr Junge mag drüben feine natürlichen Anlagen entwickeln, mag dem Land, das ihn aufnimmt, treulich dienen. Ihre Mutterpflicht ist: halten Sie den deutschen Sinn in ihm wach. Liebe Hermine, meine Wünsche für Sie wollen hoch hinaus. Dreimal Heil und glückliche Fahrt!"
(Schluß folgt)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhrtvt — Druck und Verlag: Drühl'sche AniversitSts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, «Dietzen.


