SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1929 Montag, den 14. Oktober Nummer 80
Meiner Mutter.
Von Alfred Bock.
Wie war mein tiefstes Sein mit dir verwoben In Harmonie, die jedem Mißklang wich, Wie war mein Blick so oft zu dir erhoben Im Lebensdrang, denn du verstandest mich.
In dir war eine frühlingshafte Helle,
War einer schön gestimmten Glocke Klang, Dein Wesen ward "für mich zur Wunderquelle, Daraus mir Kraft und Mut und Friede sprang.
Wir fühlten's, daß ein heiliges Gelübde Der Kunst, der himmlisch hohen, uns verband, Ach, daß dies Glück, das reine, ungetrübte, Vom Tod zerschellt, ein jähes Ende fand.
Nun ziehn die Wolken über deinen Hügel, Mit weißen Rosen schmücke ich dein Grab, Es kommt der Tag und regt die goldnen Flügel, Cs kommt die Nacht, ein ewig Auf und Ab.
Was bleibt mir, der ich einsam um dich klage, Und ohne dich mein Boot nun steuern soll? Daß ich dein Bild in meinem Herzen trage Und deinem Namen rufe, sehnsuchtsvoll.
Daß ich mein Werk in deinem Geist vollende. Der fürder wirkt und unzerstörbar ist, Daß ich wie einst die Blicke zu dir wende und innerst spüre, daß du um mich bist!
Alfred Bock.
Zu seinem 7 0. Geburtstage.
Von Dr. Hans Thyriot.
„Alle echte Kunst ist bodenständig. Soll sie der Volksgesamtheit dienen, muß Weltgefühl in ihr lebendig sein."
Alfred Bock.
I.
Befangenheit hemmt einem die Feder, wenn man selbst noch jung ist und sich der so ehrenvollen wie verpflichtenden Aufgabe gegenüber findet, einem berühmten Manne zu seinem 70. Geburtstage nicht allein vor aller Oeffentlichkeit Gruß und Glückwunsch darzubringen, sondern zugleich auch, — wie es der Brauch ist bei solchem Anlaß — über Wesen und Werk dieses Menschen Kwas auszusagen. Zumal wenn der, welchem Gruß, Glückwunsch und Würdigung heute gelten, einem nicht unpersönlich fernsteht und nicht, wie das meistens ist, nur durch sein Werk oder etwa ein trügerisches Bild vertraut wurde, ... sondern wenn man von Angesicht zu 'Angesicht ihn kennenlernte, sein Haus oft und gern betrat und immer mit einer Fülle von Anregungen, in Erinnerung an ein belebtes Gespräch, eine schöne Melodie oder eine heitere Anekdote verließ, wenn man viele Stunden mit ihm zusammen war, ihn erzählen, vorlesen oder meisterlich musizieren hörte, — dann ist das anders als sonst, wenn man zu einem Geburtstage die Feder in die Hand nimmt.
Als ich vor vielen Jahren zum ersten Male einen Roman von Alfred Bock las, „Grete Fillunger" hieß er, da suchte ich mir, wie man das manchmal tut, wenn das Gelesene einen starken Eindruck hinterläßt, ein Bild von dem zu machen, der es schrieb. Das Bild ist fast immer falsch; so falsch wie hier war es selten. Dieser Mann, dachte ich, muß ein Bauer sein, oder ein Bauernsohn, oder ein Schullehrer oben im hohen Vogelsberg, mit braunen Händen, mit genagelten Schuhen und mit einer Pfeife im Gesicht. Die erste Begegnung und Bekanntschaft — bei der ich im Stillen übe? meine mißratene Phantasie habe lächeln müssen — warf das alles auf einmal über den Haufen.
Das Bild hat sich längst gründlich geändert. Ich weiß heute, daß hier weder von Nagelschuhen noch von wetterharten Fäusten die Rede jein kann, nicht einmal von der Pfeife; daß Bock weder auf einem Bauernhof wohnt, noch in einer kleinen, weltabgeschiedenen Schulstube das Abc an die Tafel schreibt; ... sondern daß dieser Dichter ein Weltmann und ein Philosoph ist, daß er, in einem alten und schönen Pa
trizierheim voller Kultur und Tradition zuhause, mit tiefer Liebe und außerordentlicher Begabung der Musik verschrieben ist und manchmal sagt: vielleicht hätte ich doch Musiker werden sollen, ... daß er ein großes und gastliches Haus macht, in welchem man immer interessante, geistreiche, welterfahrene, oft sehr berühmte Menschen kennenlernen kann; daß er aller Kunst, aller Weisheit und allen Rätseln der Welt fein Herz öffnen möchte, daß er, von Büchern und Bildern umgeben, weit Ö ist und vieler Menschen Städte gesehen hat, ... daß er Gustav
ig und Wilhelm Raabe, ja selbst den alten Ibsen noch besucht hat, und daß er Goethes Werk den Katechismus und Wegweiser seines Lebens nennt ... ,
II.
Doch auch diesem neuen, richtigeren und wirklicheren Bilde aus größerer Blicknahe fehlt mancher Zug und letzte Rundung, — wie könnte es anders fein. Selbst die persönliche, freundschaftliche Annäherung und Vertrautheit wird nicht jenes unbestimmbare, feinste Fluidum zu durchdringen vermögen, das die Persönlichkeit umgibt, jene leise letzte Fremdheit und Unberührbarkeit: nicht des berühmten Mannes — „berühmt" sind heute manche —, sondern eines bedeutenden Menschen. Immer bleibt ein kleines Geheimnis, ein großes Rätsel, eine unausgesprochene Frage oder eine lächelnde Verwunderung zurück. Wenn man diese Empfindungen auf Alfred Bock beziehen will, so kann man sie vielleicht am ehesten als die fast bei jeder neuen Begegnung sich wiederholende, tiefe Betroffenheit über die Wesensunterschiede zwischen dem Dichter und einem Werk umschreiben. Man kann sich oft kaum vorstellen, wie ein olcher Mensch ein solches Werk hatte schaffen können; die Spanne zwi- chen seiner Persönlichkeit und seinen Gestaltungen scheint fast unüberbrückbar — und dennoch sind beide, Mensch und Dichtung, echt, wahr, in ihrer Lebendigkeit bestätigt und beglaubigt, sind atmende, wirkende Natur beide, Schöpfer und Geschöpf.
III.
lieber das Werk nun als solches ein Wort vorzubringen, erscheint fast als Wagnis angesichts der Fülle dessen, was bereits darüber gesagt und seit langem anerkannt ist — gut, gründlich, genau und aus berufenem Munde. In der autobiographischen Skizze „Blick auf meinen Lebensweg" (die man in der vorliegenden Nummer abgedruckt findet) ist zu lesen: „Mit dem Wort „Heimatkunst" wird gar häufig Mißbrauch getrieben" ..., und Alfred Bock hat es allezeit (mit Recht) abgelehnt, als „Heimatdichter" im landläufigen, oberflächlichen Sinne eingeordnet und — unterschätzt zu werden; am ehesten hat er, und wir mit ihm, eine Formulierung seiner künstlerischen Natur gelten lassen, die der Franzose Buriot-Darsiles geprägt hat*): „le M6rim6e ou le Mau- passant hessois". Nun ist gewiß nicht zu bestreiten und durch die Verleihung des Staatspreises an Alfred Bock gewissermaßen auch amtlich besiegelt worden, daß er seit langem der repräsentativste Dichter des Hessenlandes ist, daß er dieses Land und seine Leute recht eigentlich in die Literatur eingeführt und ihnen ihren Platz in der Geschichte der deutschen Dichtung angewiesen hat.
Niemand wird leugnen mögen, daß Vocks Romane und Novellen, bereit man sich heute in ganz Deutschland erinnert, dem Boden seiner hessischen Heimat tief verwurzelt sind. Er selbst hat bekannt: „Alle echte Kunst ist bodenständig". Immer waren und sind noch heute seine schlichten und unpathetischen Helden und Heldinnen hessische Bauern und Kleinbürger, und sie reden alle ihre kernige und saftige Muttersprache. Aber reiht man Roman an Roman, Erzählung an Erzählung, und läßt man ihre Gestalten auftreten allesamt als eine große Familie in Glück und Leid, in Feindschaft und Freundschaft, von der Schelmensonne beschienen und vom Schicksal ihres Lebens beschattet: die Pflastermeisterin und die Fillungerin, den Flurschütz und den Olemotz, den alten Bar- barino und den „Napoleon", die Oberwälder und die Pariser, den Meister Fabri und die Annekett, den Elmedritschel und den Füsilier Stolzenberger, die Gritt und die Lene, die Mimet und die Bartet und wie sie alle heißen ..., dann sieht man sie vor sich mit Haut und Haar, mit Kind und Kegel, in all ihrem „Brast" und all ihrer „Erwet", mit ihrem Päckchen auf dem Buckel und mit ihrem Schalk im Nacken, mit ihrem „Gebabbel" und ihrem „Geschneubel", mit ihrem Glauben und ihrem Aberglauben, mit ihren Liedern und ihren Redensarten, mit ihrem Fluchen und ihrem Gebet, mit ihren Tränen und ihrem Gelächter ... sie passieren Revue in langer buntscheckiger Reihe, und jeder sieht und hört und fühlt, daß das alles hessische Menschen sind; aber auch über Hessenland wölbt sich der Himmel der Welt, und der Dichter legte in einer Schilderung stets auf beides Wert und Gewicht, auf das Hef- Kunb auf das Menschliche; er sah in seiner kleinen Welt stets ld und Spiegel jener größeren, die uns alle mit ihren Gesetzen und unter ihren Gestirnen regiert.
*) In einem ausgezeichneten Auffaß der „Revue de l'Enseigtie- ment des Langues Vivantes"; Heft 4, 1926.


