Mutter Schulzen spürte den Witterungsumschlag zeitig genug und legte zu der Bohnenstange hinter dem Ofen ein schlankes Reservestanglein Dann nahm sie ihren Gottlieb vor und wies ihm vielbedeutend die beiden Heilmittel. Aber so leicht bekehrte er sich nicht von dem, was er für Recht erachtete. Währenddessen trieb Mutter Schulzens Geiz immer sonderbarere Blüten. Aus allem und jedem suchte sie etwas herauszu- chlagen, je mehr, desto besser. Keinen Faden, keine Nadel ließ sie liegen, und ihre Augen waren scharfsichtig trotz der immer entzündeten Lider. Jedes Stückchen Kohle, war es auch noch so winzig, hob sie auf und steckte es in die Tasche; jeden Zweig, war er auch noch so dünn und grün, schleppte sie heim und legte ihn auf den Reisighaufen unter, der Dachtraufe. Ihre Gänseherde verdoppelte und verdreifachte sich in wenigen Jahren, bald stand eine zweite Kuh im Stalle neben der ersten, im Koben grunzten jetzt drei Schweine, und im Verschlag daneben meckerten drei Ziegen. Sogar einen Kaninchenhecke legte sie an. Alles nur aus Geiz.
All das Vieh schrie von morgens bis abends nach Futter. Mutter Schulzen arbeitete, als hätte sie hundert Hände.. Noch vor Sonnenaufgang war sie aus den Federn, melkte und brachte die Milch auf dem Handkarren nach der Stadt. Mit einem großen Faß Küchenabfällen war sie noch vormittags wieder daheim. Vermengt mit Schlempe, Treber und Häcksel gab das ein Futter, das zwar nicht immer empfehlenswert war, aber den Vorzug der Billigkeit hatte, und das gab bei Mutter Schulzen den Ausschlag. Die Gänse bekamen davon nichts ab, die jagte sie jeden Morgen hinaus auf den Anger, da mochten sie sehen, wie sie sich den Magen füllten. Mutter Schulzens Gänse waren deshalb auch die klügsten, listigsten und verschlagensten unter den geflügelten Zweibeinern des ganzen Dorfes. Wohl zehnmal am Tage patrouillierten sie die Dorfstraße auf und ab, und wehe, sie erspähten die offenstehende Tür eines Gemüsegartens! Fangen ließen sie sich nicht; witterten sie die Bäuerin, so flogen sie mit schrillem Gigack über alle Zäune.
Auf diese Weise machte Mutter Schulzen sogar das Gemüse, das in andrer Leute Gärten wuchs, zu Geld. Auf immer neue Profitgedanken verfiel sie. Nur durfte es nichts kosten. Schöpferischer Unternehmergeist war bei ihr nicht vorhanden. Sie raffte die Taler nur zusammen, um sie in den Strumpf zu versenken, den sie an sicherm Ort aufbewahrte. In ihrer Schlafkammer stand nämlich ein halbverfallener Kachelofen, in den eine kupferne Wasserblase eingemauert war. Dort drin verbarg sie ihren Schatz, der von Jahr zu Jahr länger wuchs und dicker schwoll.
Ihr Gottlieb aber zeigte für solches Tun nicht das geringste Verständnis. Er bückte sich nach keinem Kohlenstückchen, und ein Weidenzweig erschien ihm nur dann nützlich und des Aufhebens wert, wenn feine Rinde zu einer Flöte geeignet war. Mutter Schulzen erkannte in Gottliebs Gleichgültigkeit ganz richtig die ersten Anzeichen der lockern väterlichen Erbschaft. Aber wie oft und andauernd sie auch die Bohnenstange schwang, Gottlieb hing auch hierin mit Zähigkeit an seiner Ueber- 3eU@ine besondere Einnahme im Frühjahr verschaffte sich Mutter Schulzen durch den Verkauf von bunten Bohnen an die spiellustige Dorfjugend.
War nämlich erst der letzte Schnee weggetaut und die Erde an einigen Stellen notdürftig trocken, begann das Bohnenspiel. Ein faustgroßes Loch, die Ducke, wurde am Fuß eines Zaunbrettes in die Erde gebohrt, und Jungen und Mädel im bunten Gemisch versuchten nun nacheinander ihre Kunstfertigkeit, von einem möglichst weit entfernten Standpunkt möglichst viel Bohnen gleichzeitig in die Ducke hineinzuwerfen. Wer die meisten hineinbekam, hatte den gesamten Inhalt der Ducke gewonnen und durfte sie räumen. Da galt es nun, die kleinen Wurfgeschosse nach Gestalt und Gewicht recht zu wägen, denn je verschiedenartiger sie waren, um so weniger Lust zeigten sie, durch die Lust in geschlossener Kolonne in die enge Ducke hineinzumarschieren.
Höhere Wellen schlug der Spieleifer, wenn zwei gleich Gewitzte um die gefüllte Ducke rangen. Dann vergrößerte sich bei jedem Wurf der Ab- tand um einen ganzen Sprung, daß man zuletzt kaum noch die Ducke ehen konnte. Hielten sie sich auch hier noch die Waage, dann wurde ge- chippelt. Da tnußte von einem möglichst weit entfernten Prellstein eine Bohne durch Schnellen mit dem Zeigefinger in möglichst wenig Sätzen nach der Ducke befördert werden. .
Das war ein Spiel, dem sich Jungen und Mädel mit gleicher Leidenschaft Hingaben. Ging einem die Bohnenkasse aus, lief man zu Mutter Schulzen und kaufte sich für einen Reichspfennig eine ganze Handvoll neuer Spielbanknoten. ..
Denn Mutter Schulzen hatte hinter dem Ofen einen schier unergründlichen Bohnensack hängen. Darin waren die schönsten und buntesten Bohnen der Welt: Türken, Russen, Mohren, Schwarz-, Weih- und Rotbärte, Tiger, Füchse, Eierlein, Hexebeinchen und viele, viele andre Sorten, die noch gar keinen Namen haben. Mutter Schulzen zog die wunderbaren Bohnen jedes Jahr in ihrem kleinen Vorgärtchen, auf dem Feld zwischen den Kartoffelfurchen, überall wo nur ein geschütztes Fleckchen dafür vorhanden war, sammelte sie im Herbst, wenn sie reif waren, in den riesengroßen Beutel, und jedes Frühjahr fanden sich mehr Abnehmer, als sie befriedigen konnte.
Nur Gottlieb bekam keine einzige davon. Wie er auch bettelte und flehte, Mutter Schulzen warf kein bares Geld zum Fenster hinaus. Unter strömenden Tränen erschien Gottlieb wieder bei den andern und wurde tüchtig geneckt. Das schmerzte ihn sehr, und mit gebrochenem Herzen setzte er sich wieder neben das Spielloch, um sein altes Amt als Duckenkratzer wieder aufzunehmen. Der hatte nämlich für die Sauberkeit der Ducke zu sorgen, wofür ihn nach jedem Spiel der Gewinner eine Bohne zu zahlen verpflichtet war.
Es dauerte sehr lange, bis Gottlieb so viel beisammen hatte, daß er mitspielen konnte, denn er hatte merkwürdigerweise trotz des großen Bohnensackes seiner Mutter keinen Kredit. Kam aber an ihn die Reihe zum Wurf, dann war er so aufgeregt, daß es der Zufall schon sehr gut mit ihm meinen mußte, wenn sich von seinen sauer verdienten Bohnen
eine ober gär zwei In die Ducke verirrten. Dann ließ er stets die Unterlippe hängen und schlich betrübt zum Reinigungsamt zurück.
Einmal über wollte ihm das Glück wohl. Die Taschen bauschten sich von dem schwellenden Reichtum seiner Gewinne so stark, daß er die Mütze zu Hilfe nehmen muhte, den Segen zu bergen. Er wurde übermütig und forderte seinen Hauptgegner auf eine Mützevoll zum Schippel- duell. Aber da hatte er grausames Pech, [eine Schippelbohne sprang mitten in die Pfütze, während die seines Feindes in kühnem Flug das nasse Hindernis nahm. Nach wenigen Sekunden konnte er sich wieder die Mütze auf den blonden Scheitel stülpen. Er hatte gejobbert und alles verloren. Seine Augen flackerten, sein Atem keuchte ihm zwischen den zu- sammengepreßten Zähnen hervor. Jetzt noch in das Amt eines Duckenkratzers zurückzugehen, hielt er für eine Schmach.
Auf der Ferse drehte er sich herum, lief ins Haus, langte den großen Vohnensack hinter dem Ofen hervor, schleppte ihn unter dem Jubelgeschrei aller Beteiligten auf die Straße und spielte wie toll drauf los. Je mehr die Schatten der Straßenlinden in die Länge wuchsen, desto mehr kroch Mutter Schulzens gigantischer Bohnensack unter Gottliebs schöpfenden Händen in sich selbst zusammen. Denn Gottlieb verspielte nicht nur mit einer Ausdauer sondergleichen, er verschenkte auch seiner Mutter teure Bohnen mit vollen Händen. Besonders Kathrina Krause brauchte ihn nur mit ihren roten Lippen und ihren weißen Mausezähnen anzulachen, wobei sie immer den schmalen Kopf mit den dicken schweren flachsblonden Zöpfen leicht auf die Seite neigte, da hatte sie auch schon die ganze Schürze voll.
lieber Gottlieb war der Rausch des Schenkens gekommen, wahllos warf er seine Schätze umher. Seine Wangen glühten rot wie die Abendsonne, die hinter dem Dorfe zwischen den beiden ersten der schlanken Pappelbäume mitten im Straßenstaube saß. Und vor diese liebliche goldne Sonne schob sich plötzlich unbemerkt von der nahen Seitengasse her, drohend wie ein Gespenst, Mutter Schulzen mit ihren trägen Kühen, die den beladenen Wagen zogen. Im Augenblick überschaute sie die Größe des Unheils, das über ihren geliebten Bohnensack hereingebrochen war. Mit einem Schrei durchbrach sie den Kinderknäuel, riß den leeren Satt vom Boden auf, schlug ihn mit Windeseile dem verblüfften Gottlieb ein halbes Dutzendmal um die Ohren und stürzte sich wie ein hungriger Geier auf die Bohnenräuber. Mit einer Gewandtheit sondergleichen haschte sie die Kinder, immer zwei auf einmal, und säuberte ihnen die gestrafften Taschen von unrechtem und rechtem Gut. Die Kinder wagten weder zu fliehen noch sich zu widersetzen, denn das böse Gewissen lähmte sie. Nur Kathrina Krause entsprang ihr lachend über den tiefen Graben und rannte wie ein Wiesel davon, daß der Staub unter ihren nackten Fußsohlen aufwirbelte und ihr die Rocksäume um die braunen Knie flatterten.
Ein schmerzensreiches Strafgericht ergoß sich hernach über den armen Sünder. Die erste Bohnenstange hatte bald genug und brach mitten durch, die zweite handhabte Mutter Schulzen etwas vorsichtiger. Gottlob biß die Zähne zusammen und hielt aus. Als er bann hungrig ins Bett marschieren mußte, freute er sich sogar darüber, daß Kathrina Krause ihre Bohnen gerettet hatte. Er rieb sich bann noch einige hervorragend schmerzliche Stellen, schlief darüber ein und erwachte am andern Morgen mit feiner alten guten unverwüstlichen Laune. Er stellte keine tiefsinnige Betrachtungen an, warum er eine solche starkhändige Mutter habe und warum manches so viel anders sei, als es eigentlich hätte sein sollen. Er nahm, was ihm das Leben brachte, Schmerz und Lust mit vollen dankbaren Händen, und die Harmonie der Welt war ihm schon längst in seinem frohen Herzen aufgegangen. Er verstand die Kunst, sich über ein Nichts zu freuen, und alle Maßnahmen, die seine Mutter traf, um ihm das auszutreiben und ihn zu ihrer grämlichen und hastenden Lebensanschauung zu bekehren, scheiterten an seinem Lächeln, bas nach jeder Trauer reiner und schöner wiederkam. Aber Mutter Schulzen bekämpfte den Leichtsinn ihres toten Fernands in feinem Sohne mit Ausdauer und manchmal bis aufs Blut. War Gottlieb ins Wasser gefallen, hatte er auch nur eine Viertelstunde in nutzlosem Spiel verbracht oder den Kaninchen, deren Beaufsichtigung ihm zugewiesen war, zuviel Futter gegeben, immer hatte die Bohnenstange freies Tanzen. Und es ist wohl begreiflich, daß Gottlieb weiterhin die weise Vorsicht gebrauchte, in die beängstigenden Bohnenstangen hinter dem Ofen ein paar tiefe, aber unauffällige Einschnitte zu machen.
Doch er blieb dabei nicht stehen. Mit jedem Millimeter, der ferner Kürze zugelegt wurde, ohne daß er darum sorgte, wuchsen auch seine List und Schläue, mit denen er Mutter Schützens klappernder Erziehungsmühle das Wasser abzugraben versuchte.
Hinter Mutter Schützens Häuschen dehnte sich ein großer, wohige- pflegter Obstgarten aus. Er war eine der ergiebigsten Geldquellen jur bas strumpsene Sammelbecken in ber kupfernen Ofenblase. Mitten drin ftanb Mutter Schulzens größter Stolz: ber Vutterapfelbaum. Er Hane breiunbzwanzig Aeste, und jeher Ast hatte mindestens eine Stütze. Blühte er, so sah er von weitem aus wie eine Riesenmütze aus weißem Pudelfell. Doch dafür hatte Mutter Schulzen keine Augen. Daß er aber seine Blüten trieb, wenn die andern Bäume noch schliefen, daß feine Aepfel von einer märchenhaften Süße und Mildhejt waren und fdjon m« den Kirschen reiften, und daß er diese konkurrenzlosen uni) barum begehrten Früchte mit zäher Beharrlichkeit in unzählbaren Mengen trug, bas allein waren bie Grünbe ihres Stolzes. Sobald sie anflngen z reifen, und das geschah kurz vor den großen Ferien, verfiel Mum Schulzen in eine fieberhafte Tätigkeit. Morgens trabte sie mit U)‘ • Wägelchen nach dem städtischen Markte, brachte ihre Naturschätze an Hausfrau, sammelte die Küchenabfälle und quietschte mit ihrer so wieder heim, denn aus Sparsamkeitsgründen bekamen die vier au ■ schwachen Räder keinerlei Fettstoffe als Schmiere zu riechen, gefa)1® denn zu schmecken. Nur Wasser wurde ihnen gespendet, aber nur, w sie reichlich ausgetrocknet waren und auseinanderzufallen drohten.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerf itäts-Duch- und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.


