Verdis Opus ist reich an ganz verschollenen Opern; die immer stek- aende Beliebtheit, deren sich der größte italienische Meister, einer der aa,n Großen aller Musikgeschichte, erfreut, hat in den letzten Jahren jen Kreis der aufgeführten Werke vergrößert. Trotzdem gibt es noch eine Menge Opern von feiner Hand, die heute völlig verges en sind, wie 2 B. „I Lombardi alla prima Crociata" („Die Lombarden aus dem ersten Kreuzzug"), deren Titel mehr an eine Doktordissertation als an eine Oper erinnert. Das Werk ist, wie man so sagt, eine wilde Sache; der Held bringt aus Versehen hinter der Szene seinen Vater um, nachdem sehr undurchsichtige und augenscheinlich auch unerfreuliche Familienverhältnisse unklar geblieben sind; plötzlich findet sich die ganze Gesellschaft in Palästina wieder — warum? „Keine Ahnung", sagt der Baron im „Nachtasyl". Dann ist auch Kreuzzug, ein Eremit tritt auf, den natürlich "das Publkum sofort als den verkleideten Helden erkennt, während alle auf der Bühne Beschäftigten mit Blind- und Blödheit geschlagen sind .. • Zuletzt wird dann gestorben — kurz, es ist höchst erquicklich. Typisch für die Art des jungen Verdi ist die Tatsache, daß eine Arie der zur Nonne gewordenen Sopranistin aus den „Lombardi", in der sie ihren gläubigen Gefühlen Ausdruck verleiht, später als — Liebeslied in die Oper „Ernani" übernommen worden ist: da es sich um ein höchst fidel-burschikoses Allegrostück handelt, patzt es für die Braut des Räuberhauptmannes auch ganz gut — aber für eine fromme Tochter des Himmels? Der manchmal sehr witzige Wiener Kritiker H a n s l i ck, der in den siebziger und achtziger Jahren eine große Rolle spielte, referiert, daß in Italien ein Männerchor „von ausgesuchter Gemeinheit Popularität erlangt" habe; wir werden also an diesem Werk ebenso wenig verlieren, wie an Verdis Oper „Stiffelio", die, in Deutschland spielend, einen Helden mit Namen Müller („Müller! O mio Müller!" singt die Geliebte — tatsächlich) und einen Jüngling enthält, der „il Klopstock" in der Hand haltend, auftritt und vermutlich den „Messias" vortragen will. Immerhin ist es'zu bedauern, wenn eine ganze Kategorie von Werken einfach ausgelöscht und unzugänglich gemacht wird, da bei der außerordentlichen Erfindungsgabe der Italiener sich auch in Rossinis, Verdis, Donizettis und gar Bellinis verschollenen Opern eine Menge der schönsten Melodien sinden, deren kostbares Gut gerade in unserer an wirklicher, nicht Kitsch- oder konstruierter Melodie bettelarmen Zeit nicht achtlos beiseite geworfen werden sollte.
Von der gesamten, völlig unübersehbaren Oprenproduktion des 17. und 18. Jahrhunderts ist so gut wie nichts übrig geblieben — einige Arien Monteverdis, Alessandro Scarlattis, Paisiellos und weniger anderer Komponisten hört man im Konzertsaal. Auch hier ist es die Banalität und Konventionalität der immer wieder komponierten, klassisch-mythologischen Texte (Orpheus", „Aeneas", „Scipio", „Iphigenie" usw.) trotz ihren manchmal sehr schönen lyrischen Arientexten — Metastasio, der Hauptautor ihrer Lebretti, war in der Tat ein bedeutender Beherrscher des Wortes — die einer Wiederbelebung im Wege stehen; musikalisch sind viele dieser Werke von außerordentlichem Reichtum, wie z. B. Marcantonio C e st i s „La Dori" oder Giovanni Legrenzis „Eteocle Polinice", um nur aufs Gratewohl ein paar Werke zu nennen. Auch hier liegen noch eine Menge ungehobener Schätze und warten auf ihre Entdeckung, die allerdings nicht immer leicht ist, da eine große Anzahl der Barockopern nur für eine Saison berechnet waren (welch moderner „Betrieb" im Venedig des 17. Jahrhunderts!) und niemals gedruckt worden sind, so daß sie nur in Handschriften der Bibliotheken oder Archive vorliegen. Der Konsum an Musikdramen war außerordentlich; in Venedig spielten acht Operntheater abendlich, und zwar mit gutem Kassenrapport!
Einige leider heutzutage verschollene Opern gibt es, deren schleunige Wiederaufnahme in das Repertoir Ehrenpflicht der großen Theater fein müßte; zu ihnen gehört in erster Linie Mozarts „Jdomeneo", ein herrliches Werk und als erster großer Wurf des genialsten aller Musiker von außerordentlicher Bedeutung. Aber auch neuere und sogar moderne Opern sollten einer unverdienten Vergessenheit entrissen werden; ich nenne nur T h u i l l e s bedeutenden „Lobetanz", W u r m - fers entzückende Pantomime „Der verlorene Sohn", Humperdincks graziöse und musikalisch sehr wertvolle Komödie „Die Heirat wider Willen" und S ch i l l i n g s' lebensvollen, witzigen und melodienreichen „Pfeifertag" — mögen sich unsere musikalischen Bühnen ihrer erbarmen!
Mutter Schulzen.
Erzählung von Ewald Gerhard S e e l i g e r.
(Nachdruck verboten.)
So arg wie die Hexe im Psesferkuchenhäuschen sah sie nicht aus. Klein von Statur, den Rücken gekrümmt, die Augen rotgerändert, zwei bedeutende Warzen im Gesicht, die eine unterhalb des rechten Mundwinkels, die andre mitten aus der Stirn, diese in schwarzen, jene in grauen Härlein ausstrahlend, die braune lederartige Haut voller Risse und Runzeln, wie ein Gletscher, der über ein paar Hügel kriecht, die hakenförmige Nase scharf nach unten gezogen; das gab ein Bild, weder verlockend noch anziehend. Wer aber besser zusah und tiefer schürfte, mußte bald einsehen, daß Mutter Schulzen gar nicht anders aussehen konnte. Um diese körperlichen Eigenheiten schloß sich ihre Kleidung als würdiger Rahmen. Der glockenförmige Rock hatte längst die erste Jubelfeier hinter sich, Flicken saß an Flicken von den abenteuerlichsten Farben und Formen: hing er des Abends zum Trocknen am Ofen, sah er aus, wie eine Wandkarte vom alten Deutschland. Auf der Schürze überwog her Flächeninhalt der Löcher den des noch vorhandenen Stoffes fast 'mmer um die Hälfte. Die formlose Jacke, die ihr um den schmächtigen "w schlotterte, verriet nur aus einer ganz bestimmten Entfernung und unter einem ganz bestimmten Beleuchtungs- und Beobachtungswinkel etnen leisen Schimmer des gelbgrünen quadratischen Musters, das in vergangenen Jahren ihr Stolz gewesen war. Mutter Schulzens Leder- nhuhe kamen nur bei sehr feierlichen Gelegenheiten ans Tageslicht. In der Stube schlich sie auf Strümpfen, deren Löcher sie mit groben Seinem
fegen zuflickte; auf der Schwelle aber standen stets ein Paar gewichtig? Holzlatschen, mit denen sie im Kuhstall und im Freien herumpaniofselte. Das Merkwürdigste aber war ihr wollenes Kopftuch. Das freundliche Hellblau seiner Jugend hatte sich unter der Witterung allmählich in ein schmutziges Aschgrau verwandelt. Kein Mensch hatte es jemals anderswo als auf Mutter Schulzens Frisur gesehen. Dicht an die niedrige Stirn schloß es sich, fiel mit langem Zipfel bis auf den Rücken und wurde unter dem spitzen Kinn zusammengehalten durch einen starken Knoten, dessen beide Enden ihr wehmütig auf die Busengegend zu- baumelten.
An diesem Kopftuch zupfte die Neugier der Dörfler schon jahrelang herum, doch es wich nicht von seinem Platze. Daß Mutter Schulzen damit zu Bett ging, stand historisch fest. Aber den Grund dafür, daß sie an schrecklichem Ohrreißen litte, wollte ihr niemand abnehmen. Die schöne Nachrede, daß Mutter Schulzen einen Kahlkopf hätte, wurde bald darauf durch einige grauweiße Haarschwänzchen, die unter dem Rückenzipfel bervorzüngelien, als elende Verleumdung gebrandmarkt. Dann wurde der Verdacht laut, sie wolle ihren Kamm schonen, was immerhin möglich schien, denn Mutter Schulzen liebte die Sparsamkeit fo sehr wie sie die übertriebene Reinlichkeit verabscheute. Als sich mit den Jahren die Anzeichen mehrten, daß Mutter Schulzen geizig sei, da baute man aus das unschuldige Kopstüchlein die kühnsten Behauptungen. Eine ihrer Gevatterinnen, die sich mit ihr entzweit hatte, war sogar bombenfest davon überzeugt, daß Mutter Schulzen jeden Sonntagmorgen die Feder- fetzchen, die sich die Woche über in dem geheimnisvollen Tüchlein gegangen hatten, sorgsam zusammenlas und einzeln ins Kopskissen wieder hineinbesörderte, aus dem sie entschlüpst waren.
Mutter Schulzen kümmerte sich nicht darum. In ihr eignes Leben lieh sie sich von niemand hineinreden. Sie arbeitete und schuftete Woche ein und Woche aus, Winter und Sommer mit gleicher Ausdauer und Rührigkeit. Trotz ihres Alters waren ihre Bewegungen rasch und zu- sahrend, manchmal hatten sie geradezu etwas Rattenhaftes an sich. Darin .unterschied sie sich von der behaglichen und schwerfälligen Art ihrer Nachbarn. In ihrer unermüdlichen Betriebsamkeit und Betätigungswut lebte sich ihr unruhiges Zigeunerblut aus, mit dem sie einer ihrer Vor- sahren, ein dunkler Ehrenmann, beglückt hatte, und das sich schon in der merkwürdigen Form ihres Gesichts, besonders ihrer Nase anmeldete.
Verbittert vom Leben und verschlossen, vermochte sie nur nach zwei Seiten hin ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Wurde sie gereizt, dann zog sie alle Schleusen, und wie ein Wolkenbruch schlug es über dem Unglücklichen zusammen, der ihr gerade in den Wurf kam. Bedauerte sie jemand, dann ergoß sich ein Strom zustimmender Wehklagen durch das Lückengehege ihrer Zähne. War sie allein, so konnte sie stundenlang murmelnd und brummend vor sich hin schelten.
Und sie hatte auch wirklich genügend Grund dazu.
Jeden Groschen, den sie auf die hohe Kante legte, nahm „Fernand", ihr Mann und Vater ihres einzigen Jungen, von dort herunter und wechselte ihn in der Schenke gegen „Korn mit Rum" ein. Fernand war ein nachgiebiger Mensch, nur in diesem einen Punkte war er widerspenstig und hartnäckig. Er muhte trinken, weil er sich in her Nüchternheit die Welt nicht zusammenreimen konnte. Im Rausch gelang es ihm bis auf seine Frau, die wollte auch dort hinein nicht passen. Deshalb trank er auch manchmal bis zur Besinnungslosigkeit. Ohne die Flasche wäre er ein musterhafter Staatsbürger und Familienvater gewesen, denn vor der Arbeit hatte er sich noch nie gefürchtet. Mutter Schulzen sah sich's eine Weile an, dann schritt sie mit gewohnter Energie dagegen ein. Fernand, den das Feuerwasser immer sehr weichmütig und fügsam stimmte, mußte sich in der nahgelegenen Stadt in einer Fabrik Arbeit suchen. Da er nur Nachtschicht bekam, verschlief er den Tag und trat seiner Frau nicht mehr unter die Augen. Sein Bild von der Welt wurde dadurch bedeutend geklärt. Er verdiente mehr Geld. Auch vermittelte ihm die neue Umgebung immer wieder neue und tiefere Widersprüche des Lebens, die er durch eingehendere Versenkung in die Flasche zu ergründen strebte. Hatte er einmal eine freie Nacht, so verschlief er sie nicht, um nicht aus der Ordnung zu kommen, sondern beschäftigte sich bis zum Morgen mit seinen geistigen Problemen. Er verlor die Haare, wurde schnell alt, setzte Fett an und sand die Harmonie der Welt in einem leichten Tod.
Mutter Schulzen weinte nicht, die Trennungsschmerzen hatte sie schon vor Jahren überwunden, sondern wirtschaftete mit Fleiß und Emsigkeit weiter in Stall und Garten und Feld. Sie blieb mit ihrem Gottlieb allein, der sich bei seines Vaters Begräbnis die erste Hofe zerrissen hatte. Mit einer immer feuchten Stumpfnase und zwei wasserblauen Aeuglein beschaute er sich fröhlich die Welt, mit deren Ergründung sich sein Vater ein ganzes Leben geplagt hatte. Konnte Fernand, der Vater, immer trinken, konnte Gottlieb, der Sohn, immerfort essen, und bei Mutter Schulzens sehr sparsamer Haushaltung gedieh sein Appetit immer prächtiger. Bald lernte er über Zäune und auf Bäume klettern, wobei er feine zweite Hose zerriß. Dafür bekam er zum Abendbrot nur eine hölzerne Bohnenstange zu schmecken, die Mutter Schulzen als erstes und hauptsächlichstes Erziehungsmittel hinter dem Ofen handgerecht aufbewahrte. Gottlieb mußte darauf wegen Hofenmangels drei Tage lang das Bett hüten, was feine Laune nicht im geringsten beschädigte. Ein Siegen« bocksell von ansehnlicher Stärke und Widerstandsfähigkeit vertrat seitdem bei ihm die Stelle des Hosenbodens. Das hob feinen guten Mut außerordentlich. Damit zog er auch in die Schule ein und polierte feinen Platz auf das säuberlichste.
Er lernte die ersten beiden Jahre mit Andacht. Dann aber wendete sich seine Aufmerksamkeit Dingen zu, die nicht auf dem pädagogischen Stoffplan standen. Die Rechenkunst und besonders das Einmaleins fand er durchaus ungenießbar. Dafür tummelte er sich.gern auf dem großen, weiten Anger hinter dem Dorse, war hinter allem Getier her, was Flügel und Beine und Flossen hat, und im Spiel der „Ritter und Räuber" steigerte sich fein und feiner Genossen Tatendrang zu Kampfszenen, die bas ganze Dorf in Aufruhr brachten. Ohne ein Dutzend blutiger Nasen und Ohren lief es selten ab.


