meiner stillsten, aller dichtesten Begeisterung umhege. Aber auch gröblich müßte ich lügen, wollte ich verleugnen, daß mir der Ausflug alpenwärts, nordwärts mitten durchs Herz ging. Den Norden, der mich geboren hat, trage ich zuunterst im Blut, und gegen den Süden kann ich ihn so wenig austauschen, wie ich mein Blut austauschen kann oder möchte; und ich weiß, daß ich jetzt im Süden so ruhig leben kann, weil es dahinten den erregten und erregenden Norden gibt. Ich würde den Süden, den ich liebe, an dem Tag nicht mehr ertragen, an dem es den Norden nicht mehr gäbe; er brächte mich zur Berzweiflung.
Der Schwarze vom Luch.
Von Th. v. W i l d u n g e n.
Herrlich, wenn man hinausziehen kann, um sich in seinem Revier die frischgefegten Rehböcke nnzuschauen. Früher ging zwar die Jagd auf den Bock schon mit dem 1. Mai auf, der weidgerechte Jäger aber weiß, daß es in dem Lenzmonat noch nicht die rechte Zeit ist, einen guten Bock auf die Decke zu legen. Das Gehörn, namentlich bei den alten, kapitalen Burschen, ist noch nicht so blank gefegt, wie es sich gehört; die Spitzen müssen erst gelblich-weiß glänzen wie altes Elsenbein. Die Böcke haben auch noch nicht vollständig verfärbt. Im Mai lernt man seinen Rehstand wieder kennen, beobachtet die Wechsel und macht sich den „Urian" fest, den man frühestens Ende Mai oder Anfang Juni weib- werken will.
In einem prachtvollen Revier, drüben im polnischen Wald, ging ich seit Jahren einem sehr starken Bock nach. In einer etwa 30jährigen, großen Eichenschonung und darin ein ausgedehntes Moorluch mit Erlen- ftockausschlag, Binsenkaupen und Sumpfporst, teilweise noch so, daß man darin versinken konnte, war jagdlich ein Dorado und gerade dort hatte der „Kapitale" seinen Stand. Regelmäßigen Wechsel hielt der alte Geselle nicht; Sommer und Winter, dunkler im Haar als das andere Rehwild, hatte er schon im vergangenen Jahr ein vollständig graues „Geäse" und mußte auch heuer ein knuffig starkes, zurückgesetztes Gehörn tragen. Bei der vorjährigen Pirsche hatte ich den „griefen" Burschen nur zweimal sozusagen schemenhaft gesichtet, so daß an Schießen gar nicht zu denken war. Ganz außerordentlich heimlich, trat er erst aus, wenn man Korn und Kimme nicht mehr zusammenbringen konnte; versuchte man es auf der Frühpirsch, dann war er lange schon bevor das Frühlicht ein« setzte, zu Holze gezogen. Die Waldarbeiter sahen ihn zu ganz unmöglichen Zeiten, mittags, wenn sie von der Arbeit kamen, oder am lichten Nachmittag zu ihrer Kafseepause. Er hieß allgemein wegen seiner dunklen Haarfärbung kurzweg nur der „Schwarze".
Auch heute zieht es mich wieder hinaus in den Busch nach dem düsteren Luch, wo der Schwarze auch in diesem Jahre geht. Seine mir wohlbekannte, breite Fährte hatte ich dort bereits gespurt. Das Wetter ist besonders günstig, in den frühen Nachmittagsstunden war das erste Frühlingsgewitter niedergegangen. Die Luft ist so würzig rein, daß ich die Wegstunde bis zur Reviergrenze gerne zu Fuß mache. Besonders freut Jid) darüber mein brauner, deutscher, kurzhaariger Nimrod; er will sich viel lieber einmal in den Feldern zu beiden Seiten der Straße auslaufen als hinter dem Fahrrade hertraben. Nimrod hat ausgezeichneten Appell, darum darf ich es wagen, ihn auf die Pirsche mitzunehmen. Mit wohligem Behagen empfängt mich der kühlende Schatten des Buchenwaldes. Ich lade meinen Drilling, auf einen Wink geht Nimrod hinter mich, und nun wandere ich einen einsamen Pirschpfad entlang.
Welch bunte Pracht hat hier die wärmende Frühlingsfonne hervorgezaubert! Der Lenz hat die schönsten Farben von seiner Palette gemischt und auf dem schwellend grünen Waldfries hat er seine liebsten Kinder in duftigen Kleidchen von weißer, blauer, gelber, roter und lila schimmernder Farbe gemalt. Eben höre ich die ersten Kuckucksrufe erschallen. Laut und kräftig balzt der alte, liebe Frühlingsbote, und, ein wenig abergläubisch rote alle Weidmänner, klopfe ich auf meine Geldtasche, um mir dadurch, wie der Volksaberglaube annimmt, zu ständigem, klingendem Inhalt für das laufende Jahr zu verhelfen. Ueberall ist munteres Leben im Busch. Ein schwarzes Eichhörnchen schwingt sich über den grüngoldenen Schirm einer Schwarzkiefer und zeigt seine raffinierten Kletterkünste. Ein großer Buntspecht arbeitet an einer Buche, kokett leuchtet sein rotes Käppchen und emsig ist er bemüht, sich seine Abendmahlzeit zu- sammenzuklopfen. Drüben am Rande einer Fichtenschonung leuchtet eine Schleedornhecke mit grünlichweißen Blütenwellen. Weiterhin beleben den schwarzgrünen Waldrand blendend weiß geputzte, gertenschlanke Birkenstämme. Sie prunken mit ihren lichten Frühlingskleidern und lassen ihre grünseidenen Sck)ärpen in der lauen Luft wehen.
Wie eigenartig zierlich die zarten lichtgrünen Nadelbüschelchen der Lärchenbäume. Die Wacholderbüsche treiben junggrüne Spitzen, die Nadelhölzer stecken frische Blütenkerzen auf. Die Amsel läutet ihr Abendlied, die Frösche stimmen die Kehlen für die nächtliche Frühlingskantate. Ueberall in Wald und Feld frisches Grün, zauberhaftes Knospen und Blühen, ein heimliches Raunen und Flüstern, ein jauchzendes Leben und Lieben von tausend Freuden und heimlicher Lust. Welche Macht ist von Gott dem Frühling in die schaffenden Hände gelegt, die dieses gigantische Wunderwerk in wenigen Sonnentagen hervorgezaubert haben. Das Herz des denkenden Menschen wird beim Empfinden und Durchleben dieser einzigartigen Frühlingsschönheiten so frisch und frei, beseligt und froh und immer wieder aufs neue jung. Die Sonne sinkt, und wie ein Symbol machtvoller ewiger Urkraft taucht der rotglühende Feuerball in das Reich der Vergessenheit. Abendliches Leuchten geht über die grün und braun getönte Waldwiese; zwei Rehe äsen vertraut darauf, doch ein Blick durch mein gutes Pirschglas sagt mir, daß dort nur ein junger Springinsfeld, ein Knopfspießer und eine alte Ricke vorübergehend Freundschaft geschlossen haben. Versunken in soviel Naturschönheit fällt mein Blick auf de» braven Nimrod. Ich nickte ihm zu: „Gelt, Alter, du mahnst, an das Weidwerk zu denken!" Als ob er mich versteht, bewegt er freudig die stummelartig toupierte Rute und folgt mir, ebenso vorsichtig pirschend wie ich, nach dem düsteren Luch. An einer entwurzelten Erle, hinter zwei hohen Wacholderbüschen, schneide ich mir meinen Ansitz zurecht und
Nimrod rollt sich hinter mir zusammen. In Frieden liegt der Wald. Der Spottvogel singt; es wird merklich kühler, das samtene Schwarzblau der Nacht zieht herauf. Da höre ich leises Brechen eines kleinen, trockenen Zweigleins und gleich banad) sehe ich, wie sich der schwarzbraune Kop eines Rehes mit grauem ©ring und zwei spielenden „Gehören" durch den mannshohen Stockausschlag schiebt. Er windet scharf nad) allen Seiten, doch ich habe meinen Platz mit gutem Winde gewählt, gaff atemlos verharre ich, rühre nicht das Auge im Kopfe, der Bock ist nut etwa 60 Schritte von mir entfernt. Jetzt erkenne ich den Kapitalen, — Donnerwetter, ist das ein Kerl! Auffallend schwarz im Haar, dicke schwarze Stangen zwischen den Gehören, nicht sehr hoch, aber ungewöhnlich stark und knuffig. Kein Zweifel, es ist der „Schwarze". Der Beck äst langsam ziehend von mir fort, ich muß mich mit dem Schießen beeilen. Lange Anschlagübungen könnte der „Schwarze" Übelnehmen und mit blitzartigem Verschwinden quittieren. Das Büchsenlicht wird schwächer, grabe zeigt mir der Bock das volle Blatt. Ich reiße den längst gestochenen Drilling hoch, und im nächsten Augenblick gellt der peitschenartige Knall von meinem Kugelschuß durch den nächtlichen Wald. Ich habe durch das Feuer gesehen, wie der kapitale Bock mit einer hohen Flucht auf den Schuß gezeichnet hat. Er hat die Kugel und kann nicht weit vorn Anschuß liegen. In aller Ruhe labe ich meinen Drilling roieber, stecke mir eine Zigarre an unb gehe auf ben Anschuß. Hier sinde id) reichlich hellroten, blasigen Lungenschweiß, ber mir sagt, baß die Kugel da fitzt, wo sie Men soll. Trotz schlechten Lichtes folge ich der Schweißspur unb nur enba 30 Schritt vorn Anschuß finbe id) bas Ziel meiner Sehnsucht. Da liegt er bereits vollkommen verendet, der „Schwarze". Mein erster Griff gilt dem Gehörn unb bieser Augenblick bes Erkennens einer wirklich kapitalen Jagbtrophäe entschäbigt mich in vollstem Maße für bie feit Jahren aufgemenbete Mühe
Am Raube ber Eichenschonung breche ich ben „Schwarzen" auf, verpacke bie Leber als bas Recht bes Schützen zwischen Eichenlaub in einem Lebersäckchen, ber Bock aber wirb im Rucksack verstaut. Dann stecke ich ben wohlverbienten Eichenbruch an meinen Hut unb trete srohgenuit mit bem treuen Nirnrob an meiner Seite ben Heimweg an.
Verschollene Opern.
Lebendige Klange — tote Texte.
Von Dr. Anton Mayer.
Toscanini, der weltberühmte Dirigent der Mailänder Scaia, brachte mit dem Ensemble und dem Orchester des italienischen Opernhauses während der Berliner Festspielwochen einige musikdramatische Werke zu Gehör; unter diesen befand sich, neben allgemein bekannten Stücken wie „Troubadour", auch Donizettis „Lucia di Sammer* moor", eine einstmals außerordentlich berühmte Oper, die auf unserem Repertoir feit Jahrzehnten nicht mehr erschienen und fo gut wie verschollen ist. Wenn mid) mein Gedächtnis nicht trügt, so ist sie Mitte der neunziger Jahre bei Kroll anläßlich eines Gastspiels Marcella Sembrichs ober einer ähnlichen Gesangsgröße zum letzten Mal gegeben worden. Es war sehr interessant, ihre Wirkung zu erproben: denn das Urteil des Publikums hat sich selten einem Komponisten gegenüber derart gewandelt wie in bezug auf den erst allgemein bis zur Ekstase vergötterten, dann als „Dudelsack-Donizetti" verachteten Neapolitaner, dessen komische Opern, ber burch Caruso roieber bekannt gewordene Liebestrank", der bezaubernde „Don Pasquale" und die etwas banal französierende „Regimentstochter" immer wieder auf dem Spielplan zu finden sind.
Lustspiele sind vergänglicher als ernste Dramen; mit dem Musikwerk verhält es sich umgekehrt. Komische Opern Aubers, Rossinis, Boildieus, Lortzings und anderer älterer unb neuerer Tonsetzer leben noch zum großen Teil ober erscheinen wenigstens ab unb zu auf bem Repertoir, währenb bie ernsten ober gar tragischen Werke ber klassischen unb romantischen Epoche bis auf einige zeitlose Meisterleistungen — Mozart, Beethoven, Weber — so gut wie völlig verschollen sinb. Die Erscheinung ist aus be.n fast stets unmöglichen, nur noch unfreiwillig komisch wirkenben Texten zu erklären; bazu kommt, bah auch in musikalischer Hinsicht bie Komponisten, vor allem auch die begabtesten Italiener, bie schaurigsten Szenen, bie tragischsten Momente in einen Koloraturgeschmückten, luftig hüpfenben Dreiachteltakt zu hüllen pflegen, besten liebenswürdige Melodie man am liebsten behaglich lächelnd mitfummen möchte, während auf der Bühne Väter ihre Töchter vergiften, grausame Nebenbuhler den edlen Liebhaber mit dem hohen C den greulichsten Foltern (nicht nur musikalischen) unterziehen ober holde Mäbchenblumen an gebrochenem Herzen sterben — grabe bas letzte tief« beklagenswerte Geschehnis pflegt, noch bei Verdi, unter den heitersten Walzermelodien vor sich zu gehen. Irrsinn und Verbrechen beherrschen die Bühne, Verschwörer-Flüsterchöre, eine besondere berüchtigte Eigentümlichkeit der alten großen Oper, erzählen in zischendem Pianissimo die indiskretesten Dinge über verruchte Anschläge auf sonst allgemein beliebte Fürsten und Statthalter, die gewöhnlich ein vorn links hinter einer Seitenkulisse stehender „Getreuer" voller Entsetzen mit anhört, aber, anstatt durch sofortige Meldung das Unheil abzuwehren, es vorzieht, einen effektvollen Kontrapunkt zu dem verräterischen Gebaren des Chores zu fingen — denn die ultima ratio tenoristischen Geschehens ist nicht die Logik, sondern ein paar wirksame hohe Töne, die, heldenhaft mit Bruststimme geschmettert ober vergehen!) mit Kopfstimme gesäuselt, ihren Einbruck auf bie Sentiments der Zuhörerschaft niemals verfehlen. Die Musik solcher Schauermären muß schon ganz ungewöhnlich gut sein, wenn bas betreffenbe Werk fick) halten sollwie z. B. bie Komposition bes „Troubabour", besten bestehenbe Weltgeltung ein Beweis für die Genialität seiner Vertonung ist, ba bie Hanblung gerabezu ein Musterbeispiel für bie Häufung unverstänblicher Gräßlichkeiten ist, unb noch niemanb begriffen hat, welches Kinb nun eigentlich gestohlen unb nicht verbrannt, ober verbrannt unb nicht gestohlen ist, ober in welch lästerlichem Verhältnis wahrsagenbe Zigeunerinnen mit tiefer Altstimme zu solch unglücklichen Geschöpfen zu stehen pflegen.


