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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1929

Freitag, den H. Juni

Nummer HS

Vor dem Spiegel im Juni.

Von Hans T h y r i o t.

In diesen Tagen, wenn die weißen Wölkchen mild wie Wattebäusche hoch am blassen Himmel schwimmen. Johanniskäfer nachts in Parkgebüschen glimmen, siehe: dann wandelt vor dem Spiegel sich dein Bild.

Die Augen werden größer und ganz blank, das Haar ist trocken, warm und knistert leis, dein Mund ist wie in Wein getaucht und heiß, dein Blut geht fiebrig und ist doch nicht krank. Das macht: du stehst in Wolken von Jasmin und weißt: bald werden sie das Korn verladen am Rhein, im Harz, in Franken, im Tessin ... dich aber wird des Sommers blauer Baldachin mir Wärme, Glanz und Fruchtbarkeit begnaden.

Süden und Norden.

Von Wilhelm H a u s e n st e i n.

Mit der elektrischen Bahn, die von Bozen nach Oberbozen und Klobenstein hinaufsährt, kommt man in einer guten Stunde mitten aus dem Süden mitten in den Norden.

Durchgefroren von einem allzu nördlichen Frühjahr, das seiner spottete, hatte ich eine wahre Sucht nach Hitze. Ich fuhr, die Arbeit im Koffer, über den Brenner und wurde zufrieden zwischen Zedern, Zypres­sen und Palmen, zwischen Reben und Mandelbäumen, im Anblick kreide­grüner Agaven und rosengelb blühender Kakteen, die an der roten Porphyrwand hinter meinem Hotel hinauf gedeihen wie das anspruchs­lose Unkraut. Die Hitze nahm ich in mich, wo überall sie war: auf Feld­wegen mittags zwischen Steinmäuerchen, auf der von Porphyrmehl staubi­gen Straße, die hinter den rasenden Autos trocken aufdampft, auf jenen sanften Promenaden mit rotem Sand, die gegen Süden, Westen, Osten, nur nicht gegen Norden gerichtet sind. So wurde ich zufrieden, so bin ich es noch, und so werde ich, wenn Gott will, noch eine Weile froh sein.

Nicht etwa Ueberdruß an einer Glut, die sich um mich schloß, wie ein heißer und weicher Arm, gab mir den Gedanken ein, nach Kloben­stein auszusahren. Absichtslos tat ich es, ja ohne einen Gedanken: es gehörte zur natürlichen Ausdehnung dieser Landschaft.

Doch da geschah mir etwas Sonderbares; etwas, auf das ich nicht gefaßt war und das mir um so tieferen Eindruck machte. Es klingt ge­lesen vielleicht nicht merkwürdig und wichtig; aber ich muß versichern, daß die Auffahrt jenes Nachmittags mir selbst zu den wesentlichsten Erfahrungen gehört, die ich gemacht habe, und daß ich des Erlebnisses mit eigentümlicher Treue eingedenk bin. Zwar ist es für mich nicht ein­mal ein neues Erlebnis gewesen: wohl Dutzende von Malen habe ich es gehabt. Auch mangelte dem Erlebnis alle Heftigkeit; es war ein stilles Erlebnis, eins von den ereignislosen, und hatte keine Betonung. Allein während zwei Wochen wohltätigen Daseins im Süden, in einem sehr bestimmten, mit voller Tatsächlichkeit ausgerüsteten Süden hatte ich vergessen, daß man das Erlebnis haben kann, von dem ich erzählen will, und daß es also auch mir wohl wieder bevorstand; und am Ende ist die Wirkung von Erfahrungen nicht immer dann am stärksten, wenn die Erfahrungen grell sind; es gibt ruhige Erlebnisse, die mehr aus­machen als ein von Leidenschaft bewegtes Drama.

Der Wagen fuhr sehr langsam bergan, und so hatte ich Zeit, mir eine zwar leise, sehr leise, aber ausführliche Rechenschaft zu geben.

Es ging zuerst durch Weinberge, zwischen denen hin und wieder schlank, dicht und dunkel Zypressen aufstachen. Vor gekalkten Winzer- häufern von antiken einfachem Schnitt standen Oleander, die einen be­täubenden Geruch wie von Vanille ins offene Wagenfenster sandten, und der Geruch war warm. In Bauerngärten standen viele blühende Blumen: große Sterne und Kelche und Bäusche von tiefer, entschiedener und deut­licher Farbigkeit und samtigem oder seidigem Ansehen.

Der Staub, so fiel mir mit einem Male auf, hatte aufgehort. Zypres­sen, die drunten im Tal von unten bis oben dick bestäubt waren hier waren sie rein: Ihr schwarzes Grün hatte seine reine Tiefe. Der Staub war fort; und so war ein Element des Südens fort, des Südens, ja, zu dessen Wesen die lagernde Dichtigkeit des Staubs gehört, die gipstge Patina des Staubs ... .

. Und gar: der standfeste Süden fing zu wanken an er selbst, im einzelnen und ganzen! Die alten romanischen Bergkirchen, deren schönste Schönheit ihr einfach-lotrechtes Stehen ist, schienen plötzlich bergwärts geneigt; meinem Auge standen sie schief, wie aus dem Lot sinkend lauter schiefe Türme von Pisa, bereit, langsam zu fallen. Und das u.al m der Tiefe, das Tal um Eijack und Etsch begann, aus der Wagerechten

zu weichen; die weiten Flächen hoben sich, lagen breit geneigt oder stan­den breit aufwärts. Ich wußte: es war die Täuschung meiner Augen, meines von der schrägen Rittnerbahn wie von einem Karussell ver­wirrten Gefühls. Jedoch es mutete symbolisch an so ungefähr, als set der Süden selbst im Begriff, aus den Senkrechten, den Wagerechten und den Fugen zu taumeln ...

Und dafür stand nun mit zunehmender Gewißheit der Norden auf. Dies waren schon die letzten Maronenbäume; über den schlanken, ge­zackten und blanken Blättern blühten sie noch in langen weißen Raupen­blüten; im Juli taten sie es, als wäre Mai! Wir waren schon hoch. Das Grüne ringsumher wurde Heller und Heller; schier ein wenig blaß im Vergleich mit den schwergrünen Tinten der Tiefe drunten. Keine Zypres­sen und Zedern mehr; der Stil eines Camposanto, der von diesen dunkel­grünen, ja trauerschwarzen Bäumen allem Süden gegeben wird, war versunken. Eichen fingen an, am Bahnsaum zu stehen, Buchen auch mit salatgrünem Laub, Birken mit silberweißen Stämmen, wahre Bäume des Nordens, und Lärchen mit dem mildgrünen Flor ihrer weichnadeligen, ein wenig sentimentalen Zweige! Und dies war wohl das rechte Wort: die Landschaft, vorhin schwarz oder brünett, wurde blond; die heroische Sinnlichkeit des südlichen Tales war in der süßeren Sinnlichkeit dieser blonden Höhen vergessen. Ich selbst, sonst ein Liebhaber des Dunklen, wurde mit einem Male ein Liebhaber des Blonden, das minder feier­lich ist, aber duftiger und zärtlicher ... Nur eins betrübte mich: daß nun auch keine Reben mehr da waren; denn mehr als alle Landschaft ent­zückt mich der Anblick von Rebbergen und Weinäckern.

Kiefern kamen, und schon waren sie zwerghaft klein. Sie rochen nach der Wärme des harzigen Holzes und der öligen Nadeln.

Welch ein Staunen aber darüber, daß es auf einmal wieder Wiesen gab Wiesen, Helle Wiesen und Kornfelder dazwischen und darumherl Di« Getreidegründe standen in verschiedenen Graden der Reife, je nach Saat und Gattung: tiefgoldgelb die einen, andere falb, fast sandfarben, einige noch fahl bläulichgrün mit champagnerfarbenem Schimmern, kaum von erster Reife angegilbt. Hin und wieder standen im schnittreifen Korn rüstige Tiroler Bauernmädchen mit hochglühenden Backen unter den weißen Kopftüchern und schoben große Stücke Schwarzbrot in den Mund und tranken aus Blechflaschen oder banden Garben. Auf der Schatten­seite lag am Abhang ein Roggenfeld, das eben sich anließ, reif zu wer­den. Leichte blaue und rote Flecke waren wie hineingewischt mit Korn­blume und Mohn. Es waren verwehte Flecke ohne Stoff und Umriß und auch daran begriff ich wieder etwas vom Norden. Denn wie der Süden in der gleichsam mechanischen Schärfe der Konturen und in der gewichtigen Gestalt der Farben besteht, so regt sich nördliche Landschaft unendlich im atmosphärischen Fluß der Umrisse. Der Süden hat die Kraft der Form und der Entschiedenheit der Farbe. Der Norden hat den Zauber des Tons, und Form und Farbe scheinen darin zu ver­gehen wie im Grenzenlosen. Jenes Kornfeld mit Kornblumen und Mohn war wie eine Malerei des Renoir. Und eines stimmte sich zum andern. Der purpurblaue Himmel des Etschtales war nicht mehr, nun war der Himmel lavendelblau; er war der süße, duftige Himmel des Nordens mit Blaßblau, Lila und Silber.

Ich war oben. Wiesen gab es jetzt auch um meine Sohlen und unter ihnen: Wiesen mit veilchenfarbenen Glockenblumen, mit goldgelber Ar­nika, mit dottergelbem Hahnenfuß, mit weißem Kälberkraute und wei­ßen, auch violettroten Kleeblüten. O diese Kleeblüten, die nach Honig riechen: ihre" zarte Unscheinbarkeit, köstliches Gleichnis des Nordens, hätte mich bald zu Tränen gebracht.

Im Föhrenwald war es kühl, gar gegen Norden. Es roch kräftig nach dem harzigen Schweiß der Bäume. Ich witterte Heimat, meinte die Wälder meines Schwarzwaldes zu riechen. Ich lag am Hang, sah vor mir den Schlern; den breiten Rücken, den steilen Sturz umspielten rosa und fliederfarben die Halbtöne der Lust. Ich dachte heimwärts, an den Feldberg, an die Vogesen. Freilich stand der Schlern mit seinem steilen Aufstieg und der breiten, flachen Plattform ein wenig exotisch da; er war ein absurder Dolomit, und auch die porphyrroten Erdpyramiden des Ritten waren wunderlich gewesen. Aber die lateinischen Kirchen hatten aufgehört, und statt ihrer drehten sich mit der barocken Willkür und Absonderlichkeit des Nordens jetzt bizarre Turmzwiebeln in die Luft, ochsenblutrot vor dem feinen Lilablau des Himmels, bizarr auch sie mit ihrem Barock, aber so sehr vertraut dem Auge und dem Herzen seit Jahrzehnten, wie ich es gar nicht aussprechen kann.

Gröblich würde ich lügen, wenn ich verleugnen wollte, daß ich die Würfel der lateinischen Landkirchen, die primitiv geschlossenen Kegel und Pyramiden ihrer Glockentürme und die Zedern und Palmen, die Zy­pressen und die Magnolien mit den anbetungswürdigen weißen Riesen­blüten, die nach Zitrone und Tuberose riechen daß ich alle diese schweren, festen und klaren Schönheiten liebe, so sehr ich lieben kann; daß ich die Rebberge liebe, die jetzt blau oxidiert sind mit Vitriol, und daß ich den roten Porphyr, der Agaven und Kakteen trägt, mit

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