stehengeblieben und zurückgeblieben in einer Vergangenheit, die ihm Ge­setz und Richtung seines Daseins gab, sondern er hat, mitlebend und mit- erlebend, Schritt gehalten mit den Jahren nachher, und er nennt unsere der Jüngeren Gegenwart auch die seine und bekennt sich zu ihr.

Gern ist er von ihnen, den Jungen und Gegenwärtigen, umgeben, und es ist eine Freude, zu empfinden, wie er an allen ihren Sorgen und Nöten teilnimmt und an den vielfältigen Fragen und Problemen, die so ganz anders beschaffen sind als jene, die zu seiner Zeit die Ge­müter bewegten. Ihm kann man alles vortragen, was irgend mit un­serer Gegenwart geistig oder menschlich zusammenhängt; er wird auf alles eingehen, bereit zur Erörterung und Auseinandersetzung nicht aus Nachsicht oder gesellschaftlicher Verbindlichkeit, sondern aus echter > Anteilnahme heraus, weil er sich zu uns gehörig fühlt und zu den Dingen, die uns am Herzen liegen; deshalb geht er nicht nur auf alles J ein, was ein jüngeres Geschlecht ihm zuträgt, sondern er findet zu ihm ; immer wieder den Weg von sich selber, aus jung gebliebenem Herzen und Geist, voller Güte, voller Verständnis und niemals versagender Hilfsbereitschaft.

Das tiefste, innerste Wesensbild eines Menschen und eines Künst­lers zumal wird immer auch zu den großen Geheimnissen der uns umgebenden Welt gehören, wie die mancherlei alten und überkommenen Menschheitsfragen, denen der Dichter selbst in stillen Stunden nachhängt, und die, wie er oft im Gespräch bemerkt hat, kein erschasfner Geist ergründen werde allem Triumph und Fortschritt unserer aufgeklärten Zeit zum Trotz. So haben wir uns zu bescheiden, und wir sind uns wohl bewußt, wie sehr diese Zeilen, soweit sie um eine Würdigung bemüht waren, Versuch oder Andeutung bleiben müssen; was aber Gruß und Glückwunsch betrifft zur Vollendung dieser gesegneten sieben Jahrzehnte, so kommt beides aus freudigem Herzen, und wir sind gewiß, daß beides heute weithin im Hessenlande und darüber hinaus im ganzen Reich ein vielstimmiges Echo finden werde.

Tagebuchblatt.

Von Alfred Bock.

Mit Goethe stehe ich auf, mit Goethe lege ich mich nieder. Einzig dem Studium seiner Werke verdanke ich jene innere Freiheit, die der Meister seinen Jüngern verheißt. Ich verstehe darunter eine ruhige, klare Welt- r,

betrachtung, die bedingungslose Anerkennung der Schranken, die unserm Dasein gesteckt sind, den festen Willen, nicht nach Idealen zu trachten, die unerreichbar sind, das unablässige Bemühen, unsere Gesühle sich zu Fähig­keiten entwickeln zu lassen, endlich Wahrhaftigkeit gegen sich und andere, f kurz, jene starke Geistesgesundheit, jene vielbesprochene und doch so wenig verstandene Goethische Objektivität.

Blick auf meinen Lebensweg. .

Von Alfred B o ck*.

Ich bin in Gießen, der Hauptstadt Oberhessens, geboren, wo meine Familie seit 150 Jahren ansässig ist. Ich besuchte das Gymnasium meiner Vaterstadt. Die Persönlichkeit der Lehrer war es, von der mein Interesse für die verschiedenen Unterrichtsgegenstände abhing. Wenn man der Schule in bezug auf die Charakterbildung eine größere, wirkende Kraft £ beimißt, muß man die Einschränkung gelten lassen: der Mensch entwickelt, was ihm angeboren ist; in seiner Gemütsart liegt sein Schicksal verankert.

Alle Gefühls- und Willensakte hängen im letzten, tiefsten Grund von der 'i individuellen Bestimmtheit der Seele ab. Ich glaube, daß die Schule mancherlei helfen, doch nicht als entscheidender Faktor eingreifen kann.

Wohl aber sind die Eindrücke, die das Kind in der häuslichen Umgebung empfängt, Fanale, die weit hinaus in sein Leben leuchten. Meine Eltern erzogen mich nicht in der Furcht, sie ehrten des Werdenden Eigenart und führten sein Streben so weit, bis es zu eignem Leben erwachte. Mein Vater war Klavierkünstler von bedeutender Meisterschaft. Daß das Musi­kalische mir im Geblüt liegt, verdanke ich ihm. Meiner Mutter war ge­geben, eine Fülle von Daseinsfreude in sich zu erzeugen und ihre Um­gebung damit zu beglücken. Sie dichtete; leicht flössen ihr die Verse zu. Sechzehnjährig schrieb sie in ihr AlbuM die Worte Schillers:Ehe noch die Wahrheit ihr siegendes Licht in die Tiefen der Herzen sendet, sängt die Poesie ihre Strahlen auf, und die Gipfel der Menschen werden glän­zen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern liegt." Mein Elternhaus war ein Sammelpunkt geistiger, insbesondere musikalischer Interessen. Ge­lehrte, Künstler gingen darin ein und aus. In solcher Atmosphäre ausge­wachsen, muhten Eindrücke mannigfaltigster Art auf die Seele des Knaben wirken. Indem all die Menschen, die sich meinen Eltern verbunden fühl­ten, geneigt waren, mir Liebes und Gutes zu erweisen, mich zu belehren und zu fördern, begann etwas in mir zu schwingen, das mich über den Alltag hinaus auf eine goldene Ferne wies. An der hessischen Landes- universität studierte ich Philosophie und Literaturgeschichte. Meines Vaters Wunsch war, daß sein Sohn sich frühzeitig in der Welt umsehen sollte. So gab er mir schon in jungen Jahren die Mittel, die deutschen Lande zu bereisen. Mein erstes Versbüchlein in der Tasche, suchte ich Gustav Freytag auf, von dem beseligenden Gedanken erhoben, mich fortan ganz den Musen zu weihen. Gustav Freytag sah meine Gedichte durch und sprach:Die Dame Lyrik ist sehr launisch, auch hat sie ihre hundert­jährige Geschichte, und es ist sehr schwer, darin etwas Neues zu bringen. Was Sie jetzt schaffen, ist meist der Nachklang, die Nachwirkung irgend­einer Lektüre. Nach einigen Jahren lyrischen Herumwanderns werden Sie ohne festen Beruf der Unzufriedenheit verfallen. Erst der Beruf, der Sie mit dem Menschen und dem Leben zusammenbringt, kann Ihnen Festig-

* Aus dem im Verlage der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stistung m Hamburg - Großborstel erschienenen NovellenbandeSchicksale und Schelme".

Bocks Kunst, im Zeichen des europäischen Naturalismus geboren und großgeworden, hat sich im Laufe der Jahre stets weiter von den Grundprinzipien dieser einst mächtigen Strömung entfernt;.ihm war es nie um photographischen Abklatsch oder um den Fanatismus der Natur- treue zu tun, der vor lauter Wirklichkeit und Genauigkeit an der Ober­fläche kleben bleibt und nur ein kühles Außenbild vermittelt; er sah Wilhelm Busch zum Trotz allezeit die Weste und das Herz; er ver­gaß über Kleid, Dialekt und Umwelt nie das Eigentliche und Innere, nie über den Ereignissen deren seelischen Ursprung und Antrieb. Und wenn er sagte:Alle echte Kunst ist bodenständig", so setzte er sogleich hinzu:Soll sie der Volksgesamtheit dienen, muh Weltgefühl in ihr lebendig sein."

IV.

Dieses Weltgefühl strahlen alle bedeutenden Dichtungen Alfred Bocks aus, und es rückt auch alle seine Gestalten und Ereignisse aus ihrem engen, bodenständigen Bezirk ins Allgemeine er selbst würde viel­leicht sagen: ins Kosmische, und gibt ihnen so Maß und Wert, Be­ziehung und Rechtfertigung. Sein Weltgefühl ist im tiefsten Grunde ethisch, ist Glauben an eine sittliche Ordnung auf Erden, ist Güte, Ver­söhnlichkeit und, im goetheschen Sinne, Harmonie.Wer meine Gestalten unbefangen betrachtet, dem kann es nicht entgehen, daß vom schlechtesten noch ein Steg zum Guten hinüberführt." Bock hat allezeit ja gesagt zu seinen Geschöpfen, er hat sie nicht besser und nicht schlimmer gemacht, als sie sind, und er ist auch keinem Konflikt und keiner Tragik aus dem Wege gegangen; aber er hat keinen Konflikt um seiner Wirkung willen, sondern aus Notwendigkeit gestaltet, und seine Tragik ist menschlich be­gründet und bestimmt vom Gesetz eines unverrückbaren Weltregimentes.

Mir scheint sehr charakteristisch in diesem Zusammenhang ein unver­gessenes Gespräch mit Alfred Bock in kleinem Kreise: es wurde ein aus dem täglichen Leben nächster Gegenwart gegriffener Konsliktsstoft (wel­cher dem Wesen und der künstlerischen Eigenart Bocks sehr fern liegen mußte) als literarisches Thema zur Diskussion gestellt; die möglichen Lösungen des Problems sollten erörtert werden. Wir waren da be­troffen nicht sowohl von der pointierten Endgültigkeit und Rundung, von der literarischen Eleganz seines Vorschlages, als vielmehr von der Selbstverständlichkeit, mit welcher er eine durchaus harmonische Entwir­rung und einen ganz versöhnlichen Ausklang sand, während den anderen nicht einmal von ferne die Möglichkeit einesguten" Endes aufge­taucht war.

V.

Es hieße freilich Eulen nach Athen tragen, wollte man es hier unternehmen, noch einmal das Lebenswerk Alfred Bocks, wie es heute von uns liegt, vom ersten Gedichtbuch bis zum eben erschienenen No- vellenbandeWege im Schatten", von derPflastermeisterin" und dem Gymnasialdirektor" bis zu den jüngsten, noch unvollendeten Roman­manuskripten, Band für Band zu besprechen und zu werten. Wir haben versucht, das Werk in seiner Gesamtheit zu deuten und es aus seiner geistigen Einheit und seinen metaphysischen Wurzeln zu bestimmen.

Auch über die dichterische Konzeption und den eigentümlichen Stil, in dem alle Bücher Alfred Bocks geschrieben sind, ist kaum ein Wort zu verlieren. Es sei denn dies: daß seine Schöpfung nie aus dem heute so glatt und geschäftig gewordenen Literaturbetrieb erwächst, nie aus der Eitelkeit und der Sucht desArrivierten", alljährlich im Herbst oder zu Weihnachten eine Neuerscheinungauf den Markt zu werfen". Bock hat es weder nötig noch ist er leichtfertig genug, seinen künstlerischen Ruf durch falsch verstandene Aktualitäten, durch Halbfertiges, Unausgereiftes oder Ueberflüffiges in Mißkredit zu bringen.

Und er laßt sich auch was andere oft ihr ganzes Leben lang nicht lernen auf keinerlei Experimente mit sich selber ein; in der landschaftlichen ober thematischen Begrenzung seiner Stoffe und seines Motivkreises liegt zugleich seine Stärke und Sicherheit, auch sein äußerer Erfolg beschlossen; Bock weiß ebenso genau, was er kann, was vielleicht außer ihm niemand kann, wie er instinktiv alles ablehnt, was ihm nicht liegt ober was ihm mißlingen könnte; bas klingt sehr simpel und selbst­verständlich, aber es gibt so viele Beispiele für gegenteilige Fälle, baß es vielleicht erlaubt ist, einmal barauf hinzuweifen.

Sprache unb Stil entsprechen ber oben angebeuteten künstlerischen Gesamtentwicklung. Bocks Stil ist aus ber Anschauung geboren, aus bem lebenbigen Bild von Mensch und Ding. Dabei hat er nie die Vollständig­keitswut ober bie (oft lächerlich wirkende) Priizisionsmanie einer über­holten naturalistischen Schule; er begnügt sich mit Beispiel und Andeu­tung; er kann ber Restlosigkeit in ber Schilderung entraten, weil sie Treff­sicherheit besitzt. Unb außerdem soll, wie er selber gesagt hat, ber Phan­tasie bes Lesers noch etwas zu gestalten übrigbleiben. Er arbeitet nicht langsam, oft überraschend schnell, stets aber mit einer wachen Bebacht­samkeit, bie nichts Ungeglättetes aus ber Werkstatt entläßt. Jeber Satz ist mit einem sehr empfindlichen Gefühl auf feine rhythmische Gültigkeit ge­prüft, ehe er gutgeheißen wird. So entsteht dieser ungemein prägnante, knappe Stil, die ganz unverwechselbare Diktion seiner Erzählungen, die kräftige, anschauliche und volkstümliche Sprache, deren Schöpfer, nach Luthers weiser Regel, der Mutter int Hause und dem gemeinen Mann auf dem Markte aufs Maul gesehen hat.

VI.

Jenes Gespräch, an das wir uns vorhin erinnerten, scheint auch für einen anderen Wesenszug des Dichters sehr bezeichnend und beispiel­haft zu fein, dessen man gerade heute, zum 70. Geburtstage, gedenken sollte: für die immer wieder überraschende Jugendlichkeit nämlich, die sich ber Dichter bis zur Stunde bewahrt hat; sie scheint sich am vor­nehmsten zu bestimmen in allen, oft ganz impulsiven Steuerungen sei­nes stets wachen, ledhasten, anregenden und angeregten Geistes. Alfred Bock ist, obwohl weltanschaulich und generationenmäßig tief in der Zeit vor dem Kriege wurzelnd, unb in biefer Zeit auch zu seiner eigent­lichen menschlichen und künstlerischen Wesensform herangereift, nicht

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