Ausgabe 
14.1.1929
 
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Ole Sllvesterg? ockren-

BtzN Charles Dick en«.

(Fortsetzung.)

EiR schwaches Feuer brannte auf ihrem Herd» den» die Nacht war Iehr kalt. Sie stand von Zeit zu Zeit aus, um es zu schüren. Während !<* sv beschäftigt war, schlugen die Glocken halb eins, und als sie aus­getönt hatten, hörte sie ein leises Pochen an der Tür. Sie öffnete sich, «och ehe Mseg Zeit hatte, sich Gedanken darüber zu machen, wer sie «ohl zu einer }c ungewöhnlichen Stunde besuchen möge.

D Jugend und Schönheit, die ihr glücklich sein sollt, schaut hierher? D Jugend und Schönheit, die ihr selbst gesegnet seid und alles segnet, was i« euerm Bereich ist, die ihr die Absichten eures Schöpfers erfüllt, schaut hierher?

Sic sah die eintretende Gestalt und schrie auf:Lilian!"

Die Gestalt trat schnell vor, siel vor ihr aus die Knie nieder un- Mmmerte sich an ihr Kleid.

Ach Himmel, steh aus, Lilian! meine teure Lilian!"

Nie, Meg; nimmermehr! Hier! hier! zu deinen Füßen will ich mich SR dich klammern, damit ich deinen teuern Atem auf meinem Gesicht fühle!"

Süße Lilian! meine teure Lillan! Kind meines Herzens die Liebe Siner Mutter kann nicht zärtlicher [ein. Lege dein Haupt an meine Brust!"

Nie, Meg. Nimmermehr! Als ich zum erstenmal zu deinem Ge- Kcht ausblickte, knietest du vor mir. Latz mich aus den Knien vor dir sterben. Laß laß mich!"

Du bist zurückgekommen. Mein Kleinod, wir wollen wieder bei- iammenleben, miteinander arbeiten, miteinander hoffe» und miteinander sterben."

Ach, küsse mich, Weg; schlinge deine Arme um mich und drücke mich SR dein Herz? Sieh mich freundlich an aber laß mich hier liegen! Latz mich zum letztenmal dein liebes Gesicht auf den Knien betrachten!"

O glückliche Jugend und Schönheit, blickt hierher! O Jugend und Schönheit, die ihr den Zwecken eures wohltätigen Schöpfers dient, blickt hierher!

Bergib mir, Meg! Teure liebe Meg! vergib mir! Ich weiß, du tust es ich sehe, daß du es tust, aber sprich es auch aus, Meg!"

Sie sprach es aus, ihre Lippen auf Lilians Wange gedrückt. Und mit ihren Armen umschlang sie sie wußte es jetzt ein gebrochenes Herz!

Gottes Segen über dich, meine Teure. Küsse mich noch einmal? Er duldete es, daß die Sünderin sich zu seinen Füßen niedersetzte und sie mit ihren Haaren abtrocknete. O Meg, welch ein Erbarmen welch «in Mitleid!"

Als sie starb, berührte der Geist des zurückkehrenden Kindes strah­lend und unschuldig den alten Mann mit seiner Hand und winkte ihm weiterzugehen.

Eine neue Erinnerung an die gespenstischen Gestalten in den Glocken, ein unbestimmtes Gefühl, als ob letztere wieder läuteten, ein schwindeln- des Bewußtsein, den Phantomenschwarm erneut und wieder erneut ge­sehen zu haben, bis sich das Bild desselben in dem wirren Durchein­ander zahlloser Gestalten verloren hatte eine sekundenlange Erkennt­nis, obwohl er nicht wußte, woher sie kam, daß doch mehr Jahre ent­schwunden waren und Trotty stand, von dem Geist des Kindes be­gleitet, wieder vor menschlicher Gesellschaft.

Eine beleibte Gesellschaft, eine rojenwangige Gesellschaft, eine ve- «c Gesellschaft. Es waren ihrer nut zwei, aber sie waren rot genug hn. Sie faßen vor einem lustig prasselnden Feuer, zwischen sich einen kleinen, niedrigen Tisch, und wenn nicht der Duft von heißem Tee und Semmeln in diesem Gemach länger weilte als in den meisten andern, so muhte der Tisch kurz zuvor eine Mahlzeit gesehen haben. Aber die Tassen waren rein und standen an ihren Plätzen in dem- schrank; die Messingröstgabel hing in ihrem gewöhnlichen Winkel und breitete ihre vier mütz gen Finger aus, als wolle sie sich einen Hand­schuh anmessen lassen, und es waren keine weiteren erkennbaren Merk­male eines eben beendigten Mahles vorhanden als diejenigen, die sich in dem Schnurren und Bartputzen der sich wärmenden Katze und in den Leblich (um nicht zu sogen fettig) glanzenden Gesichtern der beiden Personen aussprachen.

Dieses behäbige Paar (augenscheinlich verheiratet) hatte das Feuer «zwischen sich geteilt und sah den sprühenden Funken zu, die in ost sielen, bald ein wenig einnickend, bald wieder auswachend, wenn etwa ein ungewöhnlich großes glühendes Fragment prasselnd niederkam, als wollte ihm das Feuer nachfolgen.

Es lief jedoch nicht Gefahr, bald zu verlöschen, denn es erglänzte nicht nur in dem kleinen Zimmer, an den Glasscheiben in der Tür und an dem darüber gezogenen Vorhang, sondern auch in dem kleinen Laden draußen. Ein kleiner Laden, zum Ersticken vollgestopft mit dem Ueberfluh seiner Vorräte ein wahrhaft gefräßiger kleiner Laden mit einem Magen io beauem und voll wie der eines Haifisches. Käse, But'ter, Brennholz, Seife, Pökelfleisch, Schwefelhölzer, Speckseiten, Tafelbier, Echnurrkreifel. Eingemachtes, Papierdrachen, Hanf amen, kalter Schin­ken, Birkenbesen, He-dsteine, Salz, Weinessig, Stiefelwichse, Heringe, Schreibmaterialien, Schweinefett, Champignonsauce. Schnürbänder, Brot­laibe, Federbälle, Eier u.nd Schieferstifte alles war Fisch, was in das Netz dieses gierigen kleinen Ladens kam, und alle diese Gegenstände be­fanden sich in seinem Netz. Was für andere kleine Waren noch vor­handen waren, würde sich schwer aufzählen lassen, aber da be­fanden sich noch Vindsadenrollen, Zwiebelreihen, Lichierbündel, Knhlnetze und Bürsten, die traubenförmig wie eine außerordentliche Frucht von der Decke niederhingen, während versch'edene Büchsen, denen ein aro­matischer Duft entströmte, den Wahrheitsbeweis der Ausschrift über der Ladentllr lieferten, die dem Publikum kundtat, daß der Jnbaber dieses Kramladens auch ein privilegierter Tee-, Kaffee-, Tabak-, Pfeffer- und Schnupstabakshändker fei.

Diese Artikel, die in dem Licht des Feuers und in dem weniger sied- sichen Glanze zweier rauchender Lampen unterscheidbar wurden, welche düster in dem Laden brannten, als wenn ihnen dessen Vollblütigkeit schwer aus den Lungen löge, und dann ein Blick auf eines von den beiden Gesichtern bei dem Stubenfeuer ließen Trotty leicht die stämmige alte Dame Frau Eh'ckenstalker erkennen. Sie hatte stets zur Korpulenz geneigt, schon in den Tagen, als er sie gekannt und ein kleines Pöstchen in ihren Büchern stehen hatte.

Die Züge ihres Gesellschafters waren ihm nicht so vertraut. Da« große breite Kinn mit Falten, groß genug, daß man einen Finger hin- einlegen konnte; die erstaunten Augen, die sich selbst Vorwürfe zu machen schienen, daß sie immer tiefer und tiefer in das nachgiebige Fett seine« schwammigen Gesichts einsanken; die Rase, die mit jener Funktions­störung behaftet war, die man in der Regel Stockschnupfen nennt; den kurzen, dicken Hals und die asthmatische Brust mit andern derartigen Schönheiten konnte Trotty, wie sehr sie auch geeignet sein mochten, sich dem Gedächtnis einzuprägen, anfangs niemand zuschreiden, den er ge­kannt hatte, obschon es ihm vorkam, als hätte er alles dies schon gesehen. Endlich aber erkannte er in Frau Eh'ckenstalkers Lebens- und Handels- asfociö den vormaligen Portier des Sir Joseph Bowlen eine apoplek­tische Unschuld, die in Trottys Geist vor Jahren schon in eine Beziehung zu Frau Ehickenstalker getreten war, weil sie ihm Zutritt zu dem Herrenhaus gegeben, wo er seine Verbindlichkeiten gegen diese Dame bekannt und sich dadurch einen so ernsten Vorwurf auf sein unglück­liches Haupt geladen hatte.

Nach den Veränderungen, die Trotty bereits gesehen hatte, inter­essierte er sich wenig für einen derartigen Wechsel; indes sind die Ideen- Verknüpfungen doch bisweilen sehr stark, und er sah unwillkürlich hinter die Stubentür, wo gewöhnlich die Posten der borgenden Kunden aufge­kreidet waren. Sein Name war nicht mehr dabei. Es standen einige Namen da, doch waren sie Trotty fremd und außerdem in beträchtlich geringerer Anzahl als in früherer Zelt, woraus er schloß, daß der Por­tier die Barzahlung bevorzuge und daß er bei seinem Eintritt ins Ge­schäft den säumigen Kunden ziemlich scharf zugesetzt haben mußte.

Trotty fühlte ein solches Herzweh und trauerte so sehr um die Ju­gend und die Aussichten seines armen Kindes, daß es ihm sogar leid tat, keinen Platz mehr in Frau Ehickenstalkers Schuldbuch einzunehmen.

Was ist'« für eine Nacht, Anna?" fragte der vormalige Portier de« Sir Joseph Bowley, indem er seine Beine vor dem Feuer ausstreckte und sie so weit rieb, als er mit seinen kurzen Armen reichen konnte, während seine Miene deutlich zu sagen schien:Ich sitze da, wenn'« schlecht ist, und verlange nicht auszugehen, wenn's gut ist."

Es stürmt, graupelt und droht mit Schnee", entgegnete feine Fra«. Dunkel. Und sehr kalt."

Es freut mich, daran zu denken, daß wir Wecken hotten", sagte der vormalige Portier in dem Ton eines Mannes, der sein Gewissen zur Ruhe gebracht hat.'s ist eine Nacht, wie für Wecken gemacht; auch für Pfannkuchen und Teegebäck."

Der ehemalige Portier brachte die Namen dieser aufeinander folgen­den Leckerbissen vor, als ob er nachdenklich seine guten Taten auf zählte. Dann rieb er sich wieder seine fetten Beine, drehte sie in den Kniege­lenken vor dem Feuer, um die strahlende Hitze auch den bisher un­gerösteten Teilen zuzuführen, und lachte, als ob Ihn jemand gekitzelt hätte.

Du bist ja recht heiter, mein lieber Tugby", bemerkte seine Frau.

Die Firma hieß jetzt Tugby, vormals Ehickenstalker.

Nein." versetzte Tugby,nein. Nicht besonders. Bin nur in etwa« gehobener Stimmung. Die Wecken kamen so gelegen!"

Da kicherte er, bis er ganz schwarz im Gesicht war, und hatte so viel Not, wieder eine andere Farbe zu kriegen, daß seine fetten Beine die seltsamsten Exkursionen in die Luft machten. Auch wollten sie erst wieder einigermaßen Vernunft annehmen, als Ihn Frau Tugby heftig auf den Rücken geklopft und wie eine große Flasche geschüttelt hatte.

D du grundgütiger Himmel über diesen Mann!" schr>e Frau Tugby entsetzt.Was er nur treibt!"

Herr Tugby wischte sich die Augen und wiederholte mit matter Stimme, daß er sich ein wenig in gehobener Stimmung befinde.

Na, sei so gut und laß es in Zukunft bleiben," versetzte Frau Tugby, wenn du mich mit deinem Zappeln und Herumfechten nicht zu Tode erschrecken willst!"

Herr Tugby erklärte, ir» nicht mehr tun zu wollen. Aber seine ganze Existenz war ein Fechtgang, bei dem er, wenn man nach seinem stets kürzer werdenden Atem und dem tiefen Purpur feines Gesichtes urteilen durfte, immer den kürzeren zog.

So stürmt'» also und graupelt» und droht'» mit Schnee; ist'» dunkel und sehr kalt, meine Liebe?" sagte Herr Tugby, indem er nach dem Feuer sah und wieder auf die Ursache und den Kern feiner mo­mentanen gehobenen Stimmung kam.

Bei Gott, ein rauhes Wetter", erwiderte feine Frau, den Kopf schüttelnd.

Ja, ja!" sagte Herr Tugby.Jahre sind in dieser Hinsicht wie die Christen: Einige von ihnen sterben schwer, und bei andern geht es leicht ob. Das gegenwärtige hat nicht mehr weit hin und wehrt sich deshalb; aber es gefällt mir dafür nur um so besser. Es ist ein Kunde da, meine ,Liebe!"

Frau Tugby hatte das Knarren der Tür bereits vernommen und sich erhoben.

Run, was foü's?" fragte die Dame, in den kleine« Laden hinauo- gehend.D! ich bitt' um Verzeihung, Sir; wahrhaftig, ich wußte nicht, daß Sie es waren."

Diese Entschuldigung gatt einem Gentleman in Schivarz. der mit zurückgeschlagenen Aermeln, den Hut ieitwäris auf den Kopf gedrückt und die Hände in feinen Rocktaschen, rittlings auf dem Tafekbierfäßchen saß und ift' eniHegennickte.

Das ist eine schlimme Geschichte da oben, Frau Tugby", sagte der Gentleman.Der Mann kann nicht leben"