Damit hat er seine Latem« wieder ausgenommen und ist zur Tür tzinsusgegangen. Die beiden Alten aber hoben ihm ganz verhaft nach- gesehen und nicht gewußt, was sic von dem Fremden hakten sollten.
Dann hat es aber Dünsing-Vadder doch leid getan, daß er ihm jo unfreundlich begegnet ist, und ist ihm mit dem letzten Schluck In seiner Kümmelflasche nachgelaufen und hat gesagt: „Fische willt frommen!" Der Mond hat aber die Flasche nicht genommen und Dünsing-Vadder nur mit seiner Laterne ins Gesicht geleuchtet und ihn groß angesehen .,.
3116 Torfmoor ist er aber seitdem nie wieder herabgestiegen und wandert nun jedesmal hoch am Himmel über den Weiherberg hinweg, ^Denn der Mond," meinte die alte Großmutter, die mir das Märchen erzählte, „kummt miet herum in de Welt, un be kann stn Garn iitlmieten. wo he will un wo em dat passen beit!
Sudermanns letzte Jahre.
Von Liesbet Dill.
^Nachdruck Verboten.)
Meine Bekanntschaft mit Sudermann liegt viele Jahre zurück. Ich war von Saarbrücken nach Berlin gekommen mit meinem ersten Roman. Nn großer Verlag hatte ihn abgelehnt, weil er „in ein Familienblatt nrdjt passe. Ich sollte ihn umändern, und wußte nicht, wie man das macht. Ich fuhr von einem Verlag zum anderen, keiner wollte ihn auch nur lesen. Es schreiben jetzt so viele junge Damen Romane, sagte mir ein aanz großer Verlege^ und führte mich in einen Saal, wo mich hohe Bücherregale voller Bücher vorwurfsvoll anstarrten. Alles noch unverkaufte Romane, fügte er lächelnd hinzu. Ein anderer schickte mich zu mm Verlag, der sich „für junge Autoren interessiere". Das war mein 1Ä.fu^r öort!>in> ^er der Herr hinter dem Schreibtisch erklärte mir, ich käme zu pat, sie lösten heute gerade ihren Verlag auf. Da war mit meiner Fassung zu Ende, ich sank auf einen Stuhl und weinte . . Der Verleger suchte mich zu trösten. Er nannte mir Namen großer Künstler die akft auch jahrelang gerungen hätten, bis man sie gedruckt hatte. ^„Denken toie an Sudermann, der hat sieben 3ahre seine „Frau Sorge in seinem Schreibtisch liegen gehabt." — In diesem Augenblick der Buyne wo der Betreffende immer im rechten Augenblick erscheint, ein großer Herr das Redaktionszimmer; es war Hermann Sudermann. Und der Verleger stellte mich ihm lächelnd vor, mit einer Handberoegung „eine junge Schriftstellerin In Tränen" ... So haben wir uns kennengelernt...
Auch Sudermann hat meinen ersten Roman nicht gelesen. 3ch war damals zwanzig Jahre alt. Ich habe zwar nicht sieben Jahrs warten müssen, bis der für ein Familienblatt nicht geeignete Roman „Lo's Ehe" gedruckt wurde; aber als ich einige Jahre später in Alerisbad Frau Klara zufällig traf, freundeten wir uns an, und seitdem kennen wir uns ...
Als Sudermann fein Stadthaus in der stillen Bettinastraße im Grünewald einweihte, gab er ein schönes Fest. Es war ein glanzvoller Abend, mü rosengeschmuckten Tischen. Jeder, den man dort traf, hatte «men großen Namen, war eine Berühmtheit, eine Persönlichkeit. Was macht die Arbeit? war Sudermanns erste Frage, wenn wir uns sahen. Er war, im Gegensatz zu anderen Kollegen, immer interessiert an der Arbeit anderer. Nur Durfte man ihn nicht damit belästigen ... Als Ich ihm einmal mein fünfaktiges Saardrama „Die Grenze" vorleate. faate er: „Sehen Sie, beim fünften Akt hatten Sie anfangen müssen . “ Er arbeitete eigentlich immer. Er kam wohl auf eine halbe Stunde her- Eer Zum Tee, dann entschuldigte er sich und kehrte zu seiner Arbeit Zurück. Er arbeitete gewissenhaft, fleißig, unermüdlich, regelmäßig, ohne Vausen. Ich warnte ihn einmal im letzten Sommer: „Weshalb machen ff, e /eine Pause?" „Das kann ich nicht mehr," sagte er, „das ist ein Luxus, den ich mir mcht mehr gestatte, sonst wird nicht alles sertia, was ich noch zu sagen habe ..."
, W nun alles fertig geworden? Hat er alles, was er sagen wollte, gesagt? Man weiß es picht ... Dar Buch des „Steffen Tromhold" war ein Bekenntnis, mit dem er sich frei geschrieben hat. Für die, die ihm fern standen, brachte es Ueberraschungen, den anderen war es erschüt- ternd M lesen .. Mit einer fast grausamen Offenheit hat er Stück seines Lebens preisgegeben, ohne Schminke, ohne Retusche . Die Er- innerungen aus seinem Leben" schließen leider bereits mit feinem geht es nicht weiter?" fragte ich ihn. „Weil die meisten die spater in meinem Leben vorkamen, heute noch leben", sagte L "S^e würden vielleicht gekränkt sein, daß Ihr Porträt so - ähnlich ip ... Der zweite Band soll 30 Jahre nach seinem Tode erscheinen.
Buch noch in den „Fahnen", im Liegestuhl in der Sonne, 2 !l ,ü“n «nb uE^roebi 00n Schmetterlingen, unter den alten Parks ... Ww waren die Abendstunden schön auf Schloß Blankensee, seinem Sonnenschloh in der Mark, wenn der Herbstroind draußen die letzten Blätter zusammenfegte. der Regen gegeii die Scheiden prasselte, in der Halle das Saminfeuer brannte und Sudermann chw mor as' aus einem neuen Schauspiel, ein un gedrucktes
Roman im Manuskript. Vor Tisch pflegte er eine Sttinde in ^ahn nach dem stillen, schilfumstandenen „Schwarzen See" hin (5anik erzählte er aus seinem Leben, und sagte: Das ist «twas für Sie. Daraus können Sie eine Novelle machen " Ich »>-aote Stoenfc fie täte? Ach, das liegt mir nicht", ÄÄ
Ichenre sie Ihnen. Er konnte reizend erzählen mit ioviel Aumnr
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Mjen Gang durch Ne Violettschimmernden WStder ., Er hatte einen
Kanarfenirogek „Hänschen", Ser immer ■ neben ihm faß. Morgens stand sein Kas.g neben dem Frühstückstisch; Punkt halb neun Uhr mußten wir alle unten fein, in dem großen Speisesaal mit dem alten grünen Kachelofen und den dünnen Beinen und der grünen Flamme. Manch- mal war Hänschen seinem Käfig entflogen, dann mußten wir ihn ta«9e«- Einmal im Sommer kam ich an und fand den Käfig teer. Hänschen war gestorben und lag begraben im Park. Sudermann war sehr traurig darüber. „So verläßt uns ein Freund nach dem anderen."
Seine Gattin Klara, die blonde Königsbergerin, hat er als Witwe geheiratet. Sie brachte drei Kinder mit in die Ehe: eine Tochter, die sich spater mit einem Amerikaner verheiratete, einen Sohn, den jetzigen Dramatiker Rolf Lauckner, der mit einer Malerin verheiratet ist: das dritte Kind verunglückte ganz jung in Dresden. Sudermann hat nur eine eigene Tochter, die mit einem Major Frentz verheiratet ist.
Frau Klara vechand es, ein großes Haus zu machen und Kameradin eines berühmten Dichters zu fein. Es war nicht immer leicht. Mit Schwierigkeiten, wie mancher andere Künstler, hatte sie nicht zu kämpfen, aber sie hatte, einen Mann, der gefeiert, oft nervös, ein Künstler war.
Kimmungen abhängig ... Wenn er sich in fein Studierzimmer zu- ruckzog, durfte keine Storung ihn davon abhalten. Und alles hielt sie ihm ab, feine Frau. ’ '
Er hatte das Gut Blankenfee vom Herrenhaus und dem Park abgetrennt, und bewohnte nur das alte Haus während des Sommers. Manch- mal verbrachte er auch ein paar Winterwochen in verschneiter Einsamkeit dort. „Einsamkeitsraufch, wissen Sie, was das ist?" jagte er einmal ... „Wenn alle Lampen brennen, alle Feuer flackern und man allein ift Sana allem, in einem großen, totstillen Haufe, um das der Schnee toe,V.‘,; • Er hatte den verwilderten Park mit Plastiken und blumem gefüllten Vasen die er von seinen italienischen Reisen mitbrachte, ge- chmuckt; die Allee schloß ein wundervolles Alt-Würzburger Tor ab; er ammette Bilder, antike Möbel; er hatte Kunstsinn und Geschmack; in feiner Umgebung war nichts unschön oder wertlos ... Der Park hatte soviel Stimmung soviel Poesie ... Er führte ein Tagebuch, worin er peinltd) genau jeden Tag einschrieb, was sich ereignet hatte. Er las uns öfter daraus vor. Es war sehr amüsant... „Wozu Sie alles Zeit haben" sagte ich. Aber er „machte sich Zeit". Er las wenig. Wenigstens keine moderne Literatur. Das start mich. Das lenkt mich ab, meinte er. Er batte tue „Rheingrenze", stellten wir einmal fest. Da, wo mein „Stoff- gebiet beginnt — Frankfurt am Main, am „Tor zu dem Westen" endete das feine. Ihre westlichen Stoffe liegen mir nicht, jagte er.
pi^Eich' war Frühaufsteher, lebte ganz pedantisch, arbeitete b Ä» 4 "br und ging früh schlafen, Um zehn Uhr mußten die Lampen im Salon ausgedreht werden in Blankensee. Das Schloß hafte kein Gas und kein elektrisches Licht. Nur Spirituslampen. Im Kriege, als es an Licht mangelte, lud er mich nach Blankensee ein. Ich ri'fiern' fürchtete mich aber sehr im Dunkeln". „Keine Angst, schrieb er aus Heiligendamm, „kommen Sie nur, ich spare schon Kerzen für Sie." ' '
Seine Gesellschaften waren immer reizend und anregend. Es war das gastfreieste Haus, das ich kenne. Sudermann war sehr anspruchsvoll Beziehung; er war nobel ritterlich, umgänglich und liebenswürdig. Frau Klara war eine großartige Hausfrau, von der man nur lernen konnte. An ihrem letzten Geburtstage hatte sich nur ein kleiner intimer Kreis um sie versammelt. Damals war sie schon schwerkrank, aber fie sprach nicht davon. Sie sprach überhaupt selten von istch. Sie lebte nur für ,'hren Mann. Eie hat selbst sehr feine Novellen geschrieben. „tJber mir bleibt ja dazu keine Zeit", sagte fie. Sie las feine Korrek- turen, besprach feine Entwürfe mit ihm, er las ihr vor; und wenn sie seiner Arbeit auch mehr bewundernd als kritisch gegenüberstand, so mußte sie doch jederzeit für ihn bereit sein. Sie stellte ihre eigene Persönlichkeit ganj zuruck jur ihn. Und eines Tages, nachdem sie schon lange heimlich gegen ein Herzleiden gekämpft hatte, löschte ste still aus. Ich erfuhr es eines Morgens in Verdun ... Jemand rief es mir über den Tisch zu: Frau sudermann ist tot — Ich habe viel an ihr verloren.
.^Sudermann hafte sich schon seit dem Tode feiner Frau ganz von oe» Geselligkeit zurückgezogen. Er ging nur noch selten zu einem guten yfeu.„ö Diner; man sah ihn vor.gen Winter zuweilen noch tanzen. Die Vorstudien zum „Purzeichen", seinem letzten Buche ... Aber er war im letzten Jahre nervös, nicht mehr „fertig zu werden". Er kam wohl noch einmal vorbei auf einem Gang durch den Grünewald, setzte sich und plauderte, aber er kam nie mehr zu einem Tee-Empfang zu mir. „Die vielen Menschen, das vertrage ich nicht mehr", sagte er. Er sah dabei ftisch aus wie ein Fünfziger. Er lebte sehr regelmäßig und mäßig, achtete mimer auf seine Gesundheit und — auf fein Herz, das in letzter gelt nicht mehr intakt war .. Im letzten Sommer zog er sich, statt große Rei en zu machen, auf jein stilles Blankensee zurück, in die Mark, die er f ebte roie seine ostpreutzifche Heimat. Aber er lud keine Gäste mehr zu sich ein, wie sonst. Rur wenige besuchten ihn doch dort .. In diesen ^ayen vor einem Jahr gab er noch feine zwei letzten großen Diners. Auf langen blumengeschmückten Tafeln flimmerten kleine Christbäum- Gen, und im Wintergarten brannte ein riesiger Lichterbaum. Noch ein- mal versammelte er seine Freunde um sich, aber ihr Kreis hatte sich stark gelichtet in den letzten Jahren. Es waren viele neue, junge Frermde darunter ....
, . Blankensee feierte er am 30. September vorigen Jahres zum letzten Male seinen Geburtstag. Aber er feierte Ihn ganz still, er lud niemano dazu ein; Privatbriefe las er kaum noch in der letzten Zeit. Er wollte mcht mehr gratuliert werden. Kurz darauf bekam er den ersten Schlaganfall die l-.nke Seite war gelähmt. Er ließ sich ins Sana.
fahren, sein Befinden besserte sich scheinbar, aber der zweite Schlag folgte bald; nun wollte er nach Berlin zurück. Wurde ins Fran- ziskuskrankenhaus übergeführt, und bekam eine Lungenentzündiina, an der er gestorben ift ...


