Ausgabe 
14.1.1929
 
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SietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

I rhrgang <929

Montag, den 14. Januar

Nummer 4

Nachtlied.

Von Manfred H a u s m a « n.

Der Nachtwind weht so scharf und dünn Ich streue den »kernen Futter hin. Da schießen alle die Sterne Matt? nieder auf meine Fenstert»curk. schlucken die Körner, picken die Same», sängen auch ihre Halden Namen, fingen und springen ohne Ruh und schwingen sich plötzlich dem Himmel zu. Lieg' ich allein in meinem Bett, ich schreie nach dir, ich beiße ins Brett. Aber auf meinen weinende« Schrei kommen drei Butzemänner herbei, packen mich an und ziehen mich lang, rupfen mit einer eisernen Zang' mir alle zehn Fingernägel aus.

Springen zehn Blutbrunnen gleich heraus. Dann wälzen sie mich ins Fenstereck, rumpeln zur Tür und gehen weg.

Das Uhrwerk rauscht, es knistert im Schrank, da sitzt der Mond auf der Fensterbank. Der Mond guckt traurig in mein Gelaß. Der Mond ist kühl, kühl, kühl und blaß. Er trinkt meinen Wein, er ißt mein Gemüs' er sagt ein altes Märchen süß.

Dann hebt er sich non ungefähr hinter den blanken Sternen her.

Wer kraspelt denn da an meiner Tür? Wer trägt denn da eine Lampe herfiir? Lieb'« Herz, nun bist du ja doch gekommeni Haft dich doch nicht am Weg übernommen? ziu bist jo tot, du bist so bleich ...

Ja, ja, was sprachen wir denn gleich? Da stehst du nun, gib mir dein Tuch, ich friere, ich habe so selten Besuch. Sieh doch, sie haben mir was getan. Rein, rühre bitte nicht daran!

Blas, blas! Wie gut das tut ... Ach bin |» müde, du bist so gut ..

Das Märchen vom Monde.

Von Wilhelm Scharrel mann.

Es ist eines der lustigsten Märchen, dis ich kenne. Eine alte Groß- nufter im Teuselsmoor bei Worpswede hat es mir erzählt, und die weiß auch, daß es wahr ist. ,, , ,,L

Einmal, vor vielen Jahren es ist zur Winterszeit gewesen, »st eine große Ueberschwemmung im Teafelsmovr gewesen, daß das ganze Land blank gewesen ist von Wasser. Die Häuser haben wie kleine Inseln in einem großen See gelegen, und das Wasser hat bis an die Tur= chwelleii gestanden. Ja, als des Nachts für den Mond die Zeit ge­kommen ist, unterzugehen, hak er keine Stelle gesunden, wo er trocknen Fußes hat aus die Erde herabkommen können, so daß ihm zuletzt nichts anderes übriggeblieben ist, als ins Wasser hinabzusteigen und pitsche, patsche, zum H mmelsrand zu gehen.

Wie er dabei an dem großen Zuggraben entlanggeht und seine Laterne in die Höhe hebt, damit er nicht unversehens vom Wege ab und in den Graben gerät, wachen die junge» Birken, die da stehen über einem hellen L'cht aus ihrem Winterschlaf auf, und weil (te noch halb vom Traum umfangen sind, wundern sie sich nicht wenig und rufen:

Was ist das für ein Fischersmann Hat filberbianfe Stiefel an.

Darüber hat der Mond lachen müssen und gesagt:Ja, das ift ein guter Einfall. Ich will eine Mahlzeit Fische .sangen! und wirst jein Netz aus Silberfäden aus, das er auf feinem Rücken tragt, imd als er es wieder aus dem Wasser zieht, hat er so viele Fische gefangen, daß man eine Kompagnie Soldaten damit hätte speisen können. , ,

Die soll der alte Dünsing haben, da drüben am Stau , jagt der Mond und freut sich.Ich weiß, die beiden letzten Fuder Torf, die er zu Weihnachten in die Stadt bringen nx>((te, hat das Wasser durchnäßt, und NUN hat er nichts zu essen für feine Kinder, und sie haben heute abend bunorifl ins müssen."

Er tappt also pitsche, patsche, pitsche patsche auf das Haus zu, klopft an das Fenster und ruft:He, Dünstng-Vadder, steht auf und sagt

Eurer Frau, daß sie den Topf zu Feuer kriegt. Ich habe eine Mahlzeit Fische gefangen und will mit Euch zu Abend essen!"

Aber der alte Dünsina hat einen schweren Schlaf gehabt, meint, daß ihn jemand narren will und sagt auf plattdeutsch:Macht, daß ihr hinkommt, wo der Pfeffer wächst!" dreht sich auf die Seite und schläft weiter.

Der Mond, der alle Sprachen der Erde versteht, hat aber ganz gut begriffen, was ihm der alte Torfbauer geantwortet hat, weckt darum Die Flau und sagt:Steht auf und kriegt Euer» Torf zu Feuer. Ich habe eine Mahlzeit Fische gefangen und will mit dir und Deinen Kindern zu Abend essen."

Die Frau wacht auf, meint aber, sie hätte nur geträumt, und denkt: So etwas kann einem nur im Mondschein begegnen", dreht sich auf die Seite und schläft weiter.

Da weckt der Mond das älteste der Kinder das ist ein Mädchen gewesen von elf Jahren und sagt:Steh' auf und krjeg zu Feuer. Ich habe eine Mahlzeit Fische gefangen und will mit euch Kindern zu Abend essen!"

Das Mädchen, das vor Hunger nur leicht geschlafen Hai, ruf, was ihm geheißen ist, steht auf, schürt das Feuer auf dem offenen Herd an der Diele und will den Topf darüber hängen, in dem die Mutter fonft zu Mittag kocht.

Da kommt der Mond durch die Seitentür herein und fagt:Nimm den großen Kessel, der kleine langt nicht."

Das Mädchen tut wieder, wie ihm geheißen wird, und sogleich kocht das Wasser in dem großen Kessel, als hätte es schon eine halbe Stunde über dem Feuer gestanden und nur daraus gewartet, und der Mond hebt sein silbernes Netz über den Herd und schüttet die Fische in das brutzelnde Wasser.

Das Mädchen macht keine kleinen Augen, als es die vielen Fische sieht, und das Wasser läuft ihm im Munde zusammen.

Wie schäl' ich nun so schnell die Kartoffeln zu de« vielen Fischen?" fagt es.

Gib sie mir nur her", fordert der Mond es. auf, fetzt sich auf die Bank im Beifchlag unter das Fenster und fängt an, die Kartoffeln zu schälen, und es geht ihm so flink von der Hand, daß er im Handum­drehen damit fertig ist.

Weck' nun deine Geschwister", fagt der Mond.

Das tut das Mädchen auch, kann sie aber nicht wachkriegen, nimmt darum nur das Kleinste aus feinem Bett, fetzt es an den Tisch im Beischlag, hol! Gabel und Teller herbei, füllt auf und will offen. Das Kleine aber, weil er fo unvermutet aus dem Schlaf genommen ist und nun den fremden Mann erblickt, fängt an zu meinen.

Da nimmt der Mond das silberne Horn, das er bei sich trägt, und beginnt eine so feine Musik darauf zu machen, daß das Kleine darüber still wird und mitißt.

Wie sie nun zu dreien miteinander fitzen und offen und mit den Tellern klappern, wacht der Bauer darüber drinnen in der Koje auf und ruft:Wal klappert da buten an ujen Disch?"

Da antwortet das Mädchen in seiner Freude:Sind twee Pund Kar­toffeln un söbenhunnert Fisch!"

Da meint Dünsing-Vadder von neuem, es narre ihn etwas, steht diesmal aber auf und kommt auf die Diele heraus. Da steht er den fremden Mann in seinem blinkenden Kleid und fragt:

Gott» Dübel, wat i» denn bat sor een, mit 'n silbernen Mutz un scheebe Been?

Das hat der Mond nicht gern gehört, denn wenn er auch schiefe Beine mitbekommen Hal, hat er doch immer ausgezeichnet darauf lausen können, nimmt sein Netz wieder auf den Rücken und jagt:

Heeb ick de Fisch for bin Kinaer fangen, wahr bin Wär un wahr bin Tun gen i

Da kommt auch die Frau aus der Koje, macht ebenso große Augen wie ihr Monn, kriegt ober einen Schreck, als sie die Kartoffeln auf dem Tisch dampfen sieht,' und sagt:

I, du ole Huckepuck,

frißt us de letzten Kartusfeln up?

Da wird der Mond noch ärgerlicher als vorhin, droht ihr mit dem Finger und brummt wieder:

Heb söbenhunnert Fisch for dln Ketek fungen, wahr din War un wahr bin Tungeni

Das Mädchen dageg-n will ihm etwas recht Liebes sagen, steht asm Tisch auf, geht zum Mond und fragt:

Wie keemst du over bat blanke Moor, -

in füldern Steebeln un Rockelor? #

Da muß der Mond lächeln und antwortet ihm:

Wa gah ick hen, wo kam ick her?

Ick top wall um do ganze ffierl