Nußknacker und Mausekönig.
Ein Märchen von E. T. A.$) offmann.
(Fortsetzung.)
Als dann Marie den Paten Drosselmeier in seinem gelben Röckchen erblickte, kam ihr das Bild jener Nacht, als Nußknacker die Schlacht wider die Mäuse verlor, gar lebendig vor Augen, und> unwillkürlich rief sie laut dem Obergerichtsrat entgegen: „O, Pate Droßelmeier, du bist recht häßlich gewesen; ich habe dich wohl gesehen, wie du aus der Uhr saßest und sie mit deinen Flügeln bedecktest, daß sie nicht laut schlagen sollte weil sonst die Mäuse verscheucht worden wären; ich habe es wohl gehört wie du dem Mausekönig riesest! — Warum kamst du dem Nußknacker, warum kamst du mir nicht zu Hilfe, du häßlicher Pate Droßel- meier! Bist du denn nicht allein schuld, daß ich verwundet und krank im Bette liegen muß?" — Die Mutter fragte ganz erschrocken? „Was ist dir denn, liebe Marie?" Aber der Pate Drosselmeier schnitt sehr seltsame Gesichter und sprach mit schnarrender, eintöniger Stimme: „Perpendikel mußte schnurren; — picken — wollte sich nicht schicken; Uhren Uhren — Uhrenperpentikel — müssen schnurren, leise schnurren, — schlagen Glocken laut kling klang — hink und hont und honk und honk und Hank — Puppenmädchen, sei nicht bang! — schlagen Glocklein — ist geschlagen — Mausekönig fortzujagen — kommt die Eul' in schnellem Flug — pak und pik und pik und put — Glöcklein bim bim — Uhren schnurr schnurr! — Perpendikel müssen schnurren; — picken — wollte sich nicht schicken; — — schnarr und schnurr und pirr und purr!"
Marie sah den Paten Drosselmeier starr mit großen Augen an, weil er ganz anders und noch viel häßlicher aussah als sonst und mit dem rechten Arm hin und her schlug, als würd' er gleich einer Drahtpuppe gezogen. Es hätte ihr ordentlich grauen können vor dem Paten, wenn die Mutter nicht zugegen gewesen wäre, und wenn nicht endlich Fritz, der sich unterdessen hereingeschlichen, ihn mit lautem Gelächter unterbrochen hatte. — — ,Ei Pate Drosselmeier," rief Fritz, „du bist heute wieder auch gar zu possierlich; du gebärdest dich ja wie mein Hampelmann, den ich langst hinter den Ofen geworfen." Die Mutter blieb sehr ernsthaft und sprach: „Lieber Obergerichtsrat, das ist ja ein recht seltsamer Spaß; was meinen Sie denn eigentlich?" — „Mein Himmel!" erwiderte Drosselmeier lachend, „kennen Sie denn nicht mehr mein hübsches Uhrmacherliedchen? Das pfleg' ich immer zu fingen bei solchen Patienten wie Marie." Damit setzte er sich schnell dicht an Mariens Bette und sprach: „Sei nur nicht böse, daß ich nicht gleich dem Mausekönig alle vierzehn Augen ausgehuckt; aber es konnte nicht sein. Ich will dir auch statt, dessen eine rechte Freude machen.
Der Obergerichtsrat langte mit diesen Worten in die Tasche, und was er nun leise, leise hervorzog, war — der Nußknacker, dem er sehr geschickt die verlorenen Zähnchen fest eingesetzt und den lahmen Kinnbacken cmge- renkt hatte. Marie jauchzte laut auf vor Freude; aber die Mutter sagte lächelnd: „Siehst du nun wohl, wie gut es Pate Drosselmeier mit deinem Nußknacker meint?" — „Du muht es aber doch eingestehen, Marie," unterbrach der Obergerichtsrat die Medizinalrätin, „daß Nußknacker nicht „ eben zum besten gewachsen und sein Gesicht nicht eben schon zu nennen ist. Wie sothane Häßlichkeit in seiner Familie gekommen und vererbt worden ist das will ich dir wohl erzählen, wenn du es anhören willst. Oder weißt du vielleicht schon die Geschichte von der Prinzessin Pirlipat, der Hexe Mauserinks und dem künstlichen Uhrmacher?" — „Hör' mal," fiel hier Fritz unversehens ein, „Pate Drosselmeier, die Zähne hast du dem Nußknacker richtig eingesetzt, und der Kinnbacken ist auch nicht mehr so wackelig; aber warum fehlt ihm das Schwert, warum hast du ihm kein Schwert umgehängt?" — „Ei," erwiderte der Obergerichtsrat ganz unwillig, „du mußt an allem mäkeln und tadeln, Junge! — Was geht mich Nußknackers Schwert an? Ich habe ihn am Leibe kuriert, mag er sich nun selbst ein Schwert schaffen, wie er will!" — „Das ist wahr," rief Fritz, „ist's ein tüchtiger Kerl, so wird er schon Waffen zu finden wissen." — „Also, Marie," fuhr der Obergerichtsrat fort, „sage mir, ob du die Geschichte weißt von der Prinzessin Pirlipat!" — „Ach nein," erwiderte Marie, „erzähle, lieber Pate Drosselmeier, erzähle!" — „Ich hoffe," sprach die Medi- zinalräti», „lieber Herr Obergerichtsrat, daß Ihre Geschichte nicht so graulich sein wird, wie gewöhnlich alles ist, was Sie erzählen?" — „Mit Nichten, teuerste Frau Medizinalrätin!" erwiderte Drosselmeier; „im Gegenteil ist das gar spaßhaft, was ich vorzutragen die Ehre haben werde." — „Erzähle, o erzähle, lieber Pate!" so riefen die Kinder, und der Ober- gerichtsrat fing also an:
Das Märchen von der harken Nuß.
Pirlipats Mutter war die Frau eines Königs, mithin eine Königin, und Pirlipat selbst in demselben Augenblick, als sie geboren wurde, eine geborene Prinzessin. Der König war außer sich vor Freude über das schöne Töchterchen, das in der Wiege lag; er jubelte laut auf, er tanzte und schwenkte sich aus einem Beine und schrie einmal über das andre: „Heisa! — hat man was Schöneres jemals gesehen als mein Pirli- paichen?" — Aber alle Minister, Generale und Präsidenten und Stabsoffiziere sprangen wie der Landesvater auf einem Beine herum und schrien sehr: „Nein, niemals!" Zu leugnen war es aber auch in der Tat gar nicht, daß wohl, solange die Welt steht, teilt schöneres Kind geboren wurde als eben Prinzessin Pirlipat. Ihr Gesichtchen war wie von zarten, lilienweißen und rosenroten Seidenflocken gewebt, die Aeugelein lebendige funkelnde Azure, und es stand hübsch, daß die Löckchen sich in lauter glänzenden Goldfaden kräuselten. Dazu hatte Pirlipatchen zwei Reihen kleiner Perlzähnchen auf die Welt gebracht, womit sie zwei Stunden nach der Geburt dem Reichskanzler in den Finger biß, als er die ßineamente näher untersuchen wollte, so daß er laut aufschrie: „O jemine!" Andre behaupten, er habe „Au weh!" geschrien; die Stimmen sind noch heutzutage darüber sehr geteilt. Kurz, Pirlipatchen biß wirklich dem Reichskanzler in den Finger, und das entzückte Land wußte nun, daß auch
Geist, Gemüt und Verstand in Pirlipats kleinem engelschönen Körperchen wohne.
Wie gesagt, alles war vergnügt; nur die Königin war sehr ängstlich und unruhig, niemand wußte warum. Vorzüglich fiel es auf, daß sie Pirlipats Wiege fo forglich bewachen ließ. Außerdem, daß die Türen von Trabanten besetzt waren, mußten — die beiden Wärterinnen dicht an der Wiege abgerechnet — noch sechs andere Nacht für Nacht ringsumher in der Stube sitzen. Was aber ganz närrisch schien und was niemand begreifen konnte: jede dieser sechs Wärterinnen mußte einen Kater auf den Schoß nehmen und ihn die ganze Nacht streicheln, daß er immerfort zu spinnen genötigt wurde. Es ist unmöglich, daß ihr erraten könnt, warum Pirlipats Mutter all diese Anstalten machte; ich weiß es aber und will es euch gleich sagen.
Es begab sich, daß einmal an dem Hofe von Pirlipats Vater viele vortreffliche Könige und sehr angenehme Prinzen versammelt waren, weshalb es denn sehr glänzend herging und viel Ritterspiele, Komödien und Hofbälle gegeben wurden. Der König, um recht zu zeigen, daß es ihm an Goldu nd Silber gar nicht mangle, wollte nun einmal einen recht tüchtigen Griff in den Kronschatz tun und was Ordentliches daraufgehen lassen. Er ordnete daher, zumal er von dem Oberhosküchenmeister insgeheim erfahren, daß der Hofastronom die Zeit des Einschlachtens angekündigt, einen großen Wurstschmaus an, warf sich in den Wagen und lud selbst'sämtliche Könige und Prinzen — nur auf einen Löffel Suppe ein, um sich der Ueberraschung mit dem Köstlichen zu erfreuen. Nun sprach er sehr sreundlich zur Frau Königin: „Dir ist ja schon bekannt, Liebchen, wie ich die Würste gern habe." — Die Königin wußte schon, was er damit sagen wollte; es hieß nämlich nichts andres, als sie selbst solle sich, wie sie auch sonst schon getan, dem sehr nützlichen Geschäft des Wurstmachens unterziehen. Der Oberschatzmeister mußte sogleich den großen goldenen Wurstkessel und die silbernen Kasserollen zur Küche abliefern, es wurde ein großes Feuer von Sandelholz angemacht; die Königin band ihre damastene Küchenfchürze um, und bald dampften aus dem Kessel die süßen Wohlgerüche der Wurstsuppe. Bis in den Staatsrat drang der anmutige Geruch; der König, von innerem Entzücken erfaßt, konnte sich nicht halten. „Mit Erlaubnis, meine Herren!" rief er, fprang schnell nach der Küche, rührte etwas mit dem goldenen Zepter in dem Kessel und kehrte dann beruhigt in den Staatsrat zurück.
Eben war nun der wichtige Punkt gekommen, daß der Speck in Würfel geschnitten und auf silbernen Rosten geröstet werden sollte. Die Hofdamen traten ab, weil die Königin dies Geschäft aus treuer Anhänglichkeit und Ehrfurcht vor dem königlichen Gemahl allein unternehmen wollte. Allein soivie der Speck zu bra'ten anfing, ließ sich ein ganz feines, wisperndes Stimmchen vernehmen: „Von dem Brütlein gib mir auch, Schwester! — will auch schmausen, bin ja auch Königin, — gib mir von dem !Brab (ein!" — Die Königin wußte wohl, daß es Frau Mauserinks war, die also sprach. Frau Mauserinks wohnte schon seit vielen Jahren in des Königs Palast. Sie behauptete, mit der königlichen Familie verwandt und selbst Königin in dem Reiche Mausolien zu sein; deshalb hatte sie auch eine große Hofhaltung unter dem Herde. Die Königin war eine gute, mildtätige Frau; wollte sie daher auch sonst Frau Mauserinks nicht gerade als Königin und als ihre Schwester anerkennen, so gönnte sie ihr doch von Herzen an dem festlichen Tage die Schmauserei und ries: „Kommt nur hervor Frau Mauserinks! Ihr möget immerhin von meinem Speck genießen. Da kam auch Frau Mauserinks sehr schnell und luftig hervorgehüpft, sprang auf den Herd und ergriff mit den zierlichen kleinen Pfötchen em Stückchen Speck nach dem andern, das ihr die Königin hinlangte. Aber nun kamen alle Gevattern und Muhmen der Frau Mauserinks hervorgesprun- aen und auch sogar ihre sieben Söhne, recht unartige Schlingel; die machten sich über den Speck her, und nicht wehren konnte ihnen die erschrockene Königin. Zuin Glück kam die Oberhosmeisterin dazu und verjagte die zudringlichen Gäste, so daß noch etwas Speck übrigblieb, weicher nach Anweisung des herbeigerusenen Hofmathematikers sehr künstlich aus alle Würste verteilt wurde.
Pinken und Trompeten erschallten; alle anwesenden Potentaten und Prinzen zogen in glänzenden Feierkleidern zum Teil auf weißen Zeltern, zum Teil in kristallenen Kutschen zum Wurstschmause. Der König empfing fic mit herzlicher Freundlichkeit und Huld und setzte sich bann, als^Landes- lierr mit Kron' und Zepter angetan, an die Spitze des Tisches. Schon in der Station der Leberwürste sah man, wie der König immer mehr und melir erblaßte, wie er die Augen gen Himmel hob — leise Seuszer ent flohen feiner Brust — ein gewaltiger Schmerz schien in seinem Innern zu wühlen! Doch in der Station der Blutwürste sank er laut schluchzend und ächzend in den Lehnsessel zurück; er hielt beide Hände vors Gesicht, er jammerte und stöhnte. — Alles fprang auf von der Tafel; der Leibarzt bemühte sich vergebens, des unglücklichen Königs Puls zu erfassen; ein tiefer, namenloser Jammer schien ihn zu zerreißen. Endlich, endlich, nach vielem Zureden, nach Anwendung starker Mittel, als da sind gebrannte Federposen und dergleichen, schien der König etwas zu sich selbst zu kommen; er stammelte kaum hörbar die Worte: „Zu wenig «peck! Da warf sich die Königin trostlos ihm zu Füßen und schluchzte: „O, mein armer unglücklicher königlicher Gemahl! — O, welchen Schmerz mutzten Sie dulden! — Aber sehen Sie hier die Schuldige zu ihren Fußen, — strafen, strafen Sie hart! — Ach! — Frau Mauserinks mit ihren sieben Söhnen, Gevattern und Muhmen hat den speck aufgefressen und ... — damit fiel die Königin rücklings über in Ohnmacht. Aber der König sprantz voller Zorn auf mid rief laut: „Oberhosmeisterin, roie ging das zu?" Die Oberhosmeisterin erzählte, so viel sie wußte, und der König beschloß, Rache zu nehmen an der Frau Mauserinks und ihrer Familie, die ihm den speck aus der Wurst weggefressen hatten.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts'Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


