Ausgabe 
13.12.1929
 
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Nummer 97

zrettag, den ^.Dezember

Jahrgang 1929

Eichener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________

Oie Stimme.

Von Anton Schnack, lieber einem Buch versunken Hör' ich eine Stimme draußen. Sind es schlammvergrab'ne Unken, Ist es nur ein Vogelsausen?

Ist es Wind, vorbeigeslogen? Kommt sie aus dem Brunnenstein, Dessen Wasser fallt im Bogen Ewig in die Nacht hinein?

Schweige, Stimme, geh' zur Ruhe, Mensch auf später Wanderschaft Löse dich von deinem Schuhe, Schlaf ist Güte, Schlaf ist Kraft!

Oder ist es, daß ich schwanke Zwischen Wachheit, zwischen Traum, Tönt mir selber der Gedanke, Den ich denke, schwer unb kaum?

Steigt die Stimme aus dem Buche, Spricht sie aus dem schwarzen Wort' Wo ich sie auch höre, suche, Immer ist sie nah und fort ...

Oie Meerschaumpfeife von Teterow.

Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer.

Als Leb recht von Blücher schon ein Jubelgreis war, will er in, Herbst von Doberan, wo er im Seebad war und lausig viel Gelb verspielt hat, zum Grasen Plessen nach Ivenack fahren: bei, Fürsten unb geliebten Fclb- marschall zu begrüßen, haben sich unterwegs Stabte unb Dörfer geschmückt. Auch in Teterow hängen bie Fahnen heraus, unb wo die Straße zur Stabt hereinkommt, zieht sich eine Girlanbe querüber mit einem Will­kommenschild: hinter der Schule stehen Mädchen mit weißen Kleibern zum Singen bereit, unb der Bürgermeister will eine Ansprache halten, den ' Ehrentrunk der Stadt anzubieten.

Damit sie in Teterow nicht durch die Ankunft Seiner Durchlaucht über­rascht werben, haben sie bei den Scheuern ber Stabt gegen Güstrow hin­aus ben Stnbtbiener Jochen Pitz als Wache mit einem Boller gestellt. Wenn er ben Blücher kommen sieht, muß er schießen; darauf sollen die andern Böller ben Salut beginnen, unb die Bürger haben Zeit, zum Rat- haus zu eilen. .... .....

So braucht nur einer zu schwitzen, statt uns allen!, hat der Bürger­meister gesagt; denn ber blaue Herbsttag ist warm, unb keiner weiß die Ankunst'des Fürsten genau. Der Jochen ist zuerst stolz auf bie Wache; er hat bie Sonntagsuniform an und späht vom höheren Straßenrand aus ben Sanbroeg entlang, ber vom Schatten der Baume quer überlegt ist wie eine Leiter. Äber als bas so eine unendliche Viertelstunde unb noch eine eine halbe unb eine ganze Stunbc gegangen ist, unb nichts kam des Weges als einmal ein Bauernfuhrwerk unb danach einer, der zwei stör­rische Pferde an ber Halster führte, wirb der Stabtbiener des Fürsten bereits ein wenig verdrießlich. Nicht einmal eine Pfeife darf er rauchen, weil er im Amt und weil es bei ben Scheuern sowieso verboten ist; unb Durst für einen Branntwein hatte er längst. Er hat sich schon em paarmal in ben Schatten gesetzt, unb zuletzt fängt er an, je hundert Schritt hm unb her zu wandern,'die er abgezählt hat; denn er muß bet dem Boller blei­ben: in seinen Gedanken reitet der Felbmarschall wie em Sturmwind, er könnte ihm unvermutet angebrauft kommen. .

Als auch bie zweite Stunde unendlich verfloßen unb bie butte bereits angebrochen ist, glaubt ber Jochen etwas zu höre», und eilig fprtngt er zurück an ben Böller, weil ihm fein Durst zu weit gegen Ort norge- trieben hat. Aber, wie er die Hände um die Augen legt, des er zu sehen ist es wieder nur eine Kalesche, die gemächlich über die Schattenleiter herab- klettert: und nun fängt er schon an zu schimpfen. Auch Fürsten sollten nicht machen dürfen, was ihnen einfällt! poltert er in feinen Sebanfin, und weil er darüber selber einen Schrecken kriegt, legt er dem Polter- gebanten rasch ein Brett zu ben Stabtvütern hinüber die irgendwo mi Schatten sitzen, gar ein Krug Bier trinken und ihn laßen sie hier in bei Hitze warten, wie cs der Bürgermeister ja selber gesagt hat.

Unterbetten ist bie Kalesche über bie letzten Sprossen der Schatten eiter herabgekommen, unb es sitzen zwei alte Männer in Mänteln barin, als ob ie bei ber Hitze noch frören. Der zur Rechten lenkt die Gäule selber, und der zur Linken raucht vergnügt seine Pfeife, und als der eine mit der Peitsche vorauszeigt, wie wenn er lagen wollte: Das ist nun Teterow, nickt der andere nur. Auch bie Pferde, bie bas mit ber Peitsche mißver­stehen unb Trab ansetzen wollen, merken gleich ihren Irrtum unb fallen wieder in ben schläfrigen Trott zurück, obwohl ihnen ber ©eifer am Gebiß hängt, als wären sie heute schon Trab gelaufen.

So kommt bie Kalesche dem Jochen nicht eben ansehnlich vor unb gewiß nicht wie ein Sturmwind. Daß sie ihn enttäuscht hat, nimmt er ben 3m assen Übel, baß sie Überhaupt bcs Weges baherkornmen, ber für ben Felb- rnarfchall bestimmt ist, noch mehr. Unb weil er nicht ber ober jener, sondern der Stabtbiencr, also gewohnt unb von Amts wegen bestellt ist, Ungehörig­keiten zu rügen unb Uebertreter in Strafe zu bringen (biefer Mann aber raucht, was ihm doch selber verboten ist), hebt er ben wohlbeklcibeteii Arm bcs Gesetzes mit den blanken Knöpfen unb ruft Halt!

Nu wat denn? fragt ber mit ber Peitsche unb braucht nicht an ben Zügeln zu rupfen, weil die Pferbe schon selber vernünftig genug sind, unter biesen Umständen stehen zu bleiben.

Wer zwischen ben Scheuern von Teterow raucht, dekretiert Jochen, dem die Stimme von ber Hitze rauh unb heiser geworben ist: dem kostet es die Pfeife! Darüber fängt der mit ber Pfeife laut an zu lachen, als ob es em Spaß fein sollte, unb will bie Pferde wieder in Gang bringen. Aber nun hat ber Stabtbiener von Teterow feine ganze Stimme zurück: mit all ihrer Möglichkeit brüllt er ein zweites Halt! unb ist bereits tollerig rot geworden. . ..

Wirklich? fragt ber anbere, unb nimmt die Pjeife aus bem Munb, bie von Meerschaum unb schön angeraudjt ist. Da haben sie dir also gefangen! wirft ihr noch einen wehmütigen Abschiebsblick zu und gibt sie dem Jochen. Eine nette Geschichte. Gott straf mir! seufzt er noch hinterher unb schüttelt ben Kopf; ber andere, als er feinen Galgenhumor sieht, schüttelt ben Kopf unb sagt auf eine stichelige Art: Also vorwärts! . ,

Unb während der Stabtbiener von Teterow bie Straße freigibt, trotten bie Gäule mit ben beiben Männern, bie unter die Obrigkeit gefallen sind, weiter gegen ben Ort, unter ber Girlanbe mit bem Willkornrnenschilb her, durch die fahnengefchmückten Straßen am Rathaus mit bem Ehrentrunk vorbei aber er steht noch im Keller der Kühle wegen; unb ivieber hinaus auf Ivenack zu. Wo sie vorbeiklappern, fahren die Köpfe ans Fenster, um enttäuscht ins Dunkel zurückzufallen, baß es nur eine alte Kalesche ist, inbefjen sie auf ben Felbmarschall warten.

Sic müssen noch lange unb schließlich vergebens warten, wie ber Jochen mit ber beschlagnahmten Meerschaumpfeise auch, benn als endlich nach einer weiteren halben Stunbc ein Wagen mit zwei wackeren Rossen kommt, daraus bie betreßten Diener sitzen, ist es der Gepäckwagen des Fürsten, unb als der Jochen auch ihm, aber diesmal mit Respekt anhalt: Ob der Felbmarschall balb nachkäme? fragen bie Diener verwunbert zuruck: Ob Seine Durchlaucht beim nicht angehalten habe? Er falle doch in Teterow begrüßt werden, und sie wollten indessen füttern! Da sagte ber Stabtbiener kopfschüttelnd: Seine Durchlaucht haben weder angehalten noch sind sie diirchgckommen! Läßt den Gepäckwagen passieren unb wartet verdrießlich über 'bie fürstliche Unpünktlichkeit weiter; nur ist er ivieber auf ben Grabcnrand gestiegen. . f .. _.

Den Stabtvätern freilich geht ein anberes Licht auf, als bie Diener nach ber Vereinbarung abfüttern unb tränten wollen. Der Bürgermeister, der Rn großer und schwerer Mann ist, stampft mit bem Absatz, daß ber Stein Funken spritzt, unb ein Knabe soll den Stabtbiener holen, dem er bas Donnerwetter machen will: ber Fürst fei längst da und durch! Der Jochen als er das Stichwort hört, springt an den Böller, nicht lange, so tut csben vereinbarten Knall, unb bie Tcterower fangen an, Seiner Durchlaucht, den Fürsten von Wahlstatt Salut zu schießen, indessen er längst auf ber Straße nach Ivenack ist, und sie haben nur noch feine ' Dienerschaft ba mit feinem Gepäck. . ,, .

Das Gepäck unb die Mecrfchaurnpseife, beim als ber verbutterte Jochen endlich heran geschrien ist: warm» er nicht zur rechten Zeit ge­schossen habe? zeigt er das bräunlich angerauchtc Ding als Beweis daß ber in ber Kalesche gar nicht ber Felbmarschall, fonbern ein Uebertreter bcs Gesetzes gewesen sei, ber zwischen ben Scheunen geraucht habe.

Da konnten die Böller noch einmal losgegangen fern, fo tobt der Bürgermeister, so rot unb blaß werben die Ratsherrn, und so lachen die Diener. Weil aber bie Lächerlichkeit nicht auf Teterow liegen bleiben bars, ivirb eine rasche Ratsversammstmg abgebalten unb ber Beschluß gefaßt, daß noch zur selben Stunde eine' Deputation nach Ivenack muß, bem Felbmarschall bie beschlagnahmte Pfeife zu bringen. Die Frau Bürger­meister gibt ihr Sofakissen leihweise her, unb ber Jochen muß mit auf ben Leiterwagen, darauf sic gleich nach Mittag bie heiße Bußfahrt beginnen.

Es ist schon spät am Nachmittag, als sie nach ihrer verrinn pelieit Fahrt in Ivenack ankommen unb den Gang ins Schloß wagen, tote finden