Ausgabe 
13.9.1929
 
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Liefer Geschwindigkeit würde ich nicht mehr als 161 Tage brauchen, um die Mondfläche zu erreichen. Es gab jedoch viele Umstände, die mich ver- .anlaßten zu glauben, daß die durchschnittliche Geschwindigkeit meiner Reise möglicherweise 60 Meilen in der Stunde erheblich übersteigen könne, und da diese Ueberlegungen einen tiefen Eindruck auf meinen Geist machten, will ich später ausführlicher erklären.

Der zunächst zu beachtende Punkt war von viel größerer Wichtigkeit. Aus Angaben des Barometers wissen wir, daß bei Aufstiegen von der Erdoberfläche wir bei 1000 Fuß ungefähr 1/3o der ganzen Masse der atmosphärischen Luft hinter uns gelassen haben; daß wir bei 10 600 durch nahezu */s gestiegen sind, und daß wir bei 18 000 etwa der Höhe des Cotopaxi die Hälfte der ganzen Masse, oder auf alle Fälle die Hälfte der fühlbaren Masse der unsere Erde umgebenden Luftschicht über­wunden haben. Man hat auch ausgerechnet, daß bei einer Höhe, die ^100 des Erddurchmessers nicht übersteigt also 80 Meilen die Luft- Verdünnung so ungeheuer wäre, daß animalisches Leben auf keinen Fall erhalten bleiben könnte, und überdies, daß die allerfeinsten Hilfsmittel, die wir besitzen, um, das Vorhandensein der Atmosphäre festzustellen, un­zulänglich wären, um uns von ihrer Existenz zu überzeugen. Aber ich begriff auch, daß diese Berechnungen alle auf unseren erfahrungsmäßigen Kenntnissen von den Eigenschaften der Luft und den mechanischen Ge­setzen, die ihre Ausdehnung und Zusammenziehung in dem Raume regeln, den wir vergleichsweise die unmittelbare Erdnähe nennen können, beruhen. Zu gleicher Zeit wird als erwiesen angenommen, daß das ani­malische Leben unfähig ist und sein muh, sich bei irgendeiner gegebenen, unerreichbaren Entfernung von der Oberfläche zu verändern. Es können natürlich alle derartigen Schlüsse auf Grund solcher gegebenen Tatsachen einfach nur durch Analogie festgestellt werden. Die größte Höhe, zu der jemals Menschen gelangten, war 25 000 Fuß, die Messrs. Lussac und Biot bei ihrem Unternehmen im Luftschiff erreichten. Dies ist eine mäßige Höhe, sogar int Vergleich zu den fraglichen 80 Meilen; und ich mußte denken, daß der Gegenstand einen großen Spielraum für Zweifel und theoretische Betrachtungen offen ließ.

In der Tat steht aber bei einem Aufstieg zu einer gegebenen Höhe die wägbare Menge von Luft bei irgendeinem weiteren Aufstiege durch­aus nicht im Verhältnis zu der erreichten hinzugekommenen Höhe (wie aus den obigen Feststellungen klar hervorgeht), sondern in einem immer abnehmenden Verhältnis. Es ist also einleuchtend, daß, wie hoch wir auch heraufkommen, wir doch, genau gesagt, niemals an eine Grenze gelangen können, über der keine Atmosphäre mehr gefunden wird. Sie muß da sein, wenn auch vielleicht in einem Zustande unendlicher Verdünnung.

Andererseits wußte ich auch, daß es nicht an Beweisen für die Exi­stenz einer wirklichen und bestimmten Grenzlinie der Atmosphäre fehle, über der absolut keine Luft irgendwelcher Art mehr sein soll. Aber ein Umstand, der von denen, die für eine solche Grenze kämpfen, außer acht gelassen wurde, schien mir zwar keine Widerlegung dieses Glaubens, wohl aber der Untersuchung wert zu sein. Beim Vergleich der aufein­anderfolgenden Erscheinungen des Enckeschen Kometen bei seiner Sonnennähe zeigt sich, daß, wenn man auch in genauester Weise alle Störungen berücksichtigt, die durch die Anziehungs­kraft der Planeten entstehen, doch die Perioden allmählich kleiner wer­den; nämlich die größere Halbachse der Kometenellipse wird kürzer, in langsamer aber ganz regelmäßiger Abnahme. Das ist nun genau was sich ereignen müßte, wenn wir annehmen, daß der Komet von einem außerordentlich dünnen ätherischen Medium, das den Raum seiner Bahn durchdringt, Widerstand erführe. Denn es ist klar, daß ein solches Medium, wenn es die Geschwindigkeit des Kometen aufhält, feine Zentri­petalkraft verstärken muß, während es feine Zentrifugalkraft schwächt. Mit anderen Worten, die Anziehungskraft der Sonne würde dauernd größere Gewalt gewinnen und der Komet bei jeder Drehung näher an- gezogen werden. In der Tat gibt es keinen anderen Weg, diese Ab­weichung zu erklären. Aber ich wiederhole: Man hat beobachtet, daß der wirkliche Durchmesser der Nebelhülle des Kometen sich rasch zu­sammenzieht, wenn er näher an die Sonne kommt, und sich ebenso rasch ausdehnt, wenn er sich in Richtung der Sonnenferne bewegt. War ich also nicht berechtigt, mit Valtz anzunehmen, daß diese sichtbare Zu­sammenziehung des Volumens ihren Ursprung in der Zusammenpressung desselben ätherischen Mediums hat, von dem ich vorhin gesprochen habe, und deflen Dichtigkeit im Verhältnis zu seiner Sonnennähe steht? Das linsenförmige Phänomen, das man auch das Zodiakallicht nennt, war auch ein beachtenswerter Gegenstand. Dieses Licht, das in den Tropen sehr gut sichtbar ist und mit keinem Meteorschein verwechselt werden kann, erstreckt sich schräg aufwärts und folgt int allgemeinen der Rich­tung des Sonnenäquators. Es schien mir entschieden eine dünne Atmosphäre zu sein, die von der Sonne aus mindestens durch die Bahn der Venus, und wie ich glaube, unendlich weiter sich erstreckt*). In der Tat konnte ich nicht annehmen, daß dieses Medium auf die Bahn des Kometen oder auf die unmittelbare Nähe der Sonne beschränkt sei. Es war im Gegenteil leicht, sich vorzustellen, daß es das ganze Gebiet un­seres Planetensystems durchdringe, in das, was wir die eigene Atmo­sphäre der Planeten nennen, gedrängt, und vielleicht bei einigen durch irgendwelche lediglich geologischen Beweggründe abgeändert, d. h. ver­ändert, und in seinen Verhältnissen (ober in seiner absoluten Natur) abweichend durch Dinge, die von den betreffenden Himmelskörpern verflüchtigt sind.

Nachdem ich diese Auffassung der Sache angenommen hatte, hegte ich nur noch wenige Zweifel. Da ich es für sicher hielt, daß ich bei meiner Fahrt Atmosphären begegnen werde, die eigentlich der Atmosphäre der Erdoberfläche gleich sind, war ich überzeugt, daß ich vermittelst des sehr scharfsinnig ausgedachten Grimmschen Apparates in der Lage sein werde, sie in genügenden Mengen zum Zwecke der Atmung zu kondensieren.

*) Das Zodiakallicht ist wahrscheinlich was die AltenTrabes" nennen. Emicant Trabes quos docos vocant. Plinius, 2. Buch, S. 26.

Dieses wurde das hauptsächliche Hindernis für eine Reise nach dem Monde aus dem Wege räumen. Ich hatte in der Tat einiges Geld und viel Arbeit auf die Anpassung des Apparates zu dem beabsichtiqten Zweck verwendet und sah einer erfolgreichen Anwendung zuversichtlich entgegen, wenn es mir möglich wäre, die Reise innerhalb einer anae- messenen Zeit auszuführen. Dieses bringt mich wieder auf die moa- liche Schnelligkeit der Reise zurück. a

Es ist richtig, daß Ballons im ersten Teile ihres Aufstieges von der Erde mit einer verhältnismäßig geringen Geschwindigkeit in die Höhe gehen. Nun liegt die Kraft des Aufsteigens vollständig darin, daß die Gravität der atmosphärischen Luft größer ist als die des Gases in dem Ballon, und es scheint zunächst nicht wahrscheinlich, daß der Ballon wenn er aufsteigt, und infolgedessen nach und nach in atmosphärische Schichten von rasch abnehmender Dichtigkeit kommt, ich sage, es scheint nicht aiinehmbar, daß bei dieser Aufwärtsbewegung die ursprüngliche Schnelligkeit zunehmen solle. Andererseits war mir nicht bekannt, daß bei irgend einem der bekannten Ballonaufstiege eine Abnahme der ab­soluten Aufstiegsgeschwindigkeit wahrgenommen wurde; wenn dies aber der Fall gewesen wäre, dann durch nichts anderes als durch Gasaus- stromung aus schlecht gebauten Ballons, die mit keinem besseren Stoffe als gewöhnlichem Firnis überzogen waren. Es scheint also, daß die e Ausströmung nur genügte, um die Wirkung der vergrößerten Schnellia- keit durch die abnehmende Entfernung des Ballons vom Schwerpunkte auszugleichen. Ich überlegte nun, daß vorausgesetzt, daß ich bei meiner Fahrt auf das angenommene Medium stieße, und vorausgesetzt, daß es ausschließlich der Stoff wäre, den wir atmosphärische Luft nennen, es verhältnismäßig wenig ausmachen könne, in welchem äußersten Zustande von Verdünnung ich es fände, d. h. in bezug auf die Kraft meines Aufstieges, denn das Gas im Ballon würde nicht nur selbst einer ähn­lichen Verdünnung unterworfen sein (im Verhältnis zu welchem Vorkommen ich eine Ausströmung von soviel ertragen könnte, wie zur Vermeidung einer Explosion nötig wäre), sondern so wie es ist, würde es weiter spezifisch leichter bleiben als irgend eine Zusammenstellung von Nitrogen und Wasserstoff. So bestand eine Aussicht, ja tatsächlich eme große Wahrscheinlichkeit, daß zu keiner Zeit meines Aufstieges ich einen Punkt erreichen würde, wo das vereinigte Gewicht von meinem riesigen Ballon, dem unwahrnehmbar dünnen Gas darin, der Gondel und ihrem Inhalt dem Gewicht der Masse der verdrängten umgebenden Atmosphäre gleich wäre, und das hätte, wohl verstanden, die einzige Bedingung fein können, unter der mein Aufwärtsflug aufgehalten würde. Aber selbst wenn dieser Punkt erreicht wäre, könnte ich noch Ballast und anderes Gewicht von fast 300 Pfund abstoßen. Inzwischen würde die Schwerkraft fortwährend abnehmen int Verhältnis zu den Quadraten der Entfernung, und so würde ich mit wunderbar vergrößer­ter Geschwindigkeit schließlich in fernen Regionen ankommen, wie die An­ziehungskraft der Erde von der des Mondes aufgehoben wird.

Es gab aber noch eine andere kleine Schwierigkeit, die mir einige Unruhe verursachte. Es ist beobachtet worden, daß bei Ballonaufstiegen in einigermaßen erheblicher Höhe außer den Atmungsbeschwerden sich auch starke Schmerzen, im Kopf und im Körper einstellen, oft begleitet von Nasenbluten und anderen beängstigenden Symptomen und im Ver­hältnis zu der erreichten Höhe zunehmend und unangenehmer werdend**). Dies war eine einigermaßen erschreckende Ueberlegung. War es nicht wahrscheinlich, daß diese Symptome so lange zunehmen würden, bis der Tod selbst einträte? Ich glaubte schließlich, daß cs anders sein müsse. Die Ursache war in der allmählichen Abnahme des gewohnten Luftdruckes auf den Körper zu suchen und in der daraus entstehenden Ausdehnung der an der Oberfläche liegenden Blutgefäße, nicht in irgendeiner Zer­rüttung des Systems, wie im Falle der Atembeschwerden, wo die atmo­sphärische Dichtigkeit nicht chemisch ausreichend ist für die Bluternene- rung in einer Herzkammer. Außer dem Mangel dieser Erneuerung konnte ich keinen Grund finden, weshalb das Leben nicht auch in einem vacuum erhalten bleiben könnte. Denn die Ausdehnung und Einziehung der Brust, die man gewöhnlich Atmen nennt, ist lediglich eine Muskel- beroegung, und die Ursache, nicht die Wirkung der Atmung. Mit einem Wort, ich nahm an, daß, da der Körper sich an den Mangel an atmo­sphärischen Druck gewöhnen würde, diese Schmerzempfindungen nach und nach abnehmen mühten, und ich verließ mich vertrauensvoll auf meine eiserne Widerstandskraft, um sie zu ertragen, solang sie anbauerten.

Hiermit, Ew. Exz., habe ich Ihnen einige, wenn auch längst nicht alle Erwägungen, die mich dazu führten, eine Reise nach dem Mond zu planen, vorgetragen. Ich werde jetzt dazu übergehen. Ihnen den Er­folg eines scheinbar so kühnen und auf alle Fälle in den Annalen der Menschheit beispiellosen Unternehmens zu unterbreiten.

Nachdem ich die vorerwähnte Höhe erreicht hatte, d.h. 3$ Meilen, warf ich eine Anzahl Federn aus der Gondel und erkannte, daß ich noch immer mit genügender Schnelligkeit aufftieg; also bestand keine Not­wendigkeit, Ballast auszuwerfen. Ich war froh darüber, denn es lag mir daran, soviel Gewicht wie ich tragen konnte, mitzunehmen, aus dem einleuchtenden Grunde, daß ich weder über die Schwerkraft, noch über die atmosphärische Dichtigkeit des Mondes sicheres wußte. Bis jetzt litt ich nicht unter körperlichem Unbehagen, atmete mit größter Freiheit und fühlte keinen Kopflchmerz. Die Katze lag sehr gemütlich auf meinem Ueberrock, den ich abgenommen hatte, und betrachtete die Tauben mit Gleichgültigkeit. Diese waren am Bein angebunden, um sie an der Flucht zu verhindern, und pickten eifrig einige Reiskörner, die ich für sie auf den Boden der Gondel gestreut hatte.

(Fortsetzung folgt.)

**) Seit der ursprünglichen Veröffentlichung von Hans Pfaall habe ich gefunden, daß M. Green, der durch den Nassau-Ballon bekannt wurde, und andere spätere Aeronauten die Behauptungen von Humboldt in die­ser Beziehung widerlegen und von abnehmenden Beschwerden sprechen, also übereinstimmend mit der hier geäußerten Theorie.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Derr«g: DrWHI'sch« Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Vketzen.