Ausgabe 
13.9.1929
 
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von, Adel eines gesegneten Kunstgnadentums.Meine besten Ideen,' stellt in den Briefen,verdanke ich der Frau, die für meine Kunst un­entbehrlich geworden ist." Und rührende Worte der Rechtfertigung findet er als die betrübte Mutter erfahren hat, dah Nanna in kostbare Ge­wänder gehüllt ginge, während er selbst in der Kleidung und wohl auch in der Lebenshaltung vernachlässige. Das hohe Ziel, dem er sich näher und näher kommen sühlte, ging ihm in jener Periode weit über die Ansprüche und Bedürfnisse des Tages.

Es ist bekannt, daß schwerste Enttäuschung dieses glückvolle Kapitel eines Künstlerlebens beenden sollte. Nanna war keine Simonetta (Bot- ticella) und keine Fornarina (Raffael), die auch geistig das Ausmaß hatten, sich ihrer Sendung bewußt zu werden. Ja, sie hatte nicht einmal die moralischen Qualitäten, die über das Modell-Verhältnis hinaus die jubelnde Vorbehaltlosigkeit der Feuerbachschen Hingabe rechtfertigen konnten. Worte wieausgleichende Gerechtigkeit" mindern nicht die Tragik, daß sie ihn skrupellos um eines andern willen verließ, weil ma­terielle Vorteile sie lockten. Mindestens solange, wie der Bund gewährt hatte, trug Feuerbach schwer an dem schmerzlichen Verlust. Endlich über­wand er doch, sagen seine Biographen, und fand auch einen Ersatz für den Nest seiner römischen Zeit, den er im Künstlerischen wie im Mensch­lichen für vollwertig hielt. Und er fand noch mehr: die Kraft, harte Worte zu sprechen und das Weib, das er einstgegen jedermann schützen" wollte, höhnisch abzuweisen, als sie ihn nach Jahren auf offener Straße anbettelte. _ , .

Das sollte der bittere Ausklang des KapitelsNanna fein, das noch einmal seine dichterische Gestaltung finden wird. Eines von vielen, gewiß, aber doch eins der kennzeichnendsten für die himmelhochjauchzen- den und todesbetrllbten Wechselfälle im Leben und Ringen deutscher Künstler.

Ein Brief Feuerbachs an feine Mutter.

Rom, 4. Juni 1863.

Ich habe mit Absicht den Bries noch liegen lassen, weil ich hasste, durch Nachdenken in ruhigere Stimmung zu kommen. Ich habe gemüt­lich unaussprechlich gelitten und fühle heute, daß, wenn ich nicht stark und klar bleibe, wir keinen Schritt weiterkommen. Der Bries sei Dir ein Beweis, welchen Eindruck Deine Worte machen, und ein Zeugnis, daß mein Herz noch so warm für Dich schlägt wie früher, daß ich stets der­selbe treue, passionierte, heiße Mensch bin wie immer, wollte Gott, ich wäre anders, es wäre vielleicht für alle Verhältniffe besser. Den­selben Abend, als ich jenen Bries zur Post bringen wollte, hatte ich noch ein Gespräch mit Kolbs Sekretär, bei dem ich, nach seinen ängstlichen Begriffen, wieder arg in der Schuld bin. Er sagte mir, was ich zu tun gedenke, wenn ich die Pietä nicht verkaufe, dann, als er hörte, daß ich immer weiter arbeite, meinte er, was es mir helfe, wenn ich für zehn­tausend Scudi Bilder male und keinen Bajacco habe? Du kannst Dir denken, wie niedergedrückt, wie verlassen ich die Nacht zugebracht Wohl ist es eine schwere Sache, was ich tun soll, wenn ich dies Bild nicht verkaufe. Heute, nach langer Qual, fühle ich mich stark und hoff­nungsvoll. Ich sagte Dir dies, liebe, teure Mutter, daß, wenn ich nicht mir'selbst treu bleibe und die Sache groß und nobel fasse, bin ich ein Mensch, der keine zwei Jahre mehr leben wird. Ich rede zu Dir nicht als zu einer schwachen, sieh gedemütigt sühlenden Frau, sondern als zu einer wahren Freundin, die mir treu ist in allen Zweifeln und Noten, und die mein wahres Wesen vom falschen unterscheidet. Du sagst, Du fürchtest trotz der äußeren Erhaltung soviel zu verlieren, mich hast Du nicht verloren. Ich habe das hohe Vertrauen, daß alles aufgeboten wird, das Bild zu verkaufen. Dann muh ich noch zwei Jahre hier ausharren, es erfordert die Pflicht und die Ehre. Treffen meine Mittel rechtzeitig ein, so kann ich bei meinen Fvrtfchritten in zwei Jahren meine ganze Stel­lung verändern. Eine Reife jetzt würde mich gemütskrank machen, und ich würde das teuerste Gut die Arbeit einbüßen. Auch kann ich nicht wie ein Schulbube durchbrennen, sondern ich muh als Mann durch­führen, was ich begonnen. Es heißt entweder Untergang ober durch­brechen. Steigert sich mein Ansehen, steht mein Name, dann wird es nicht an nobein, vorteilhaften Aussichten fehlen, die ich bann Deinethalb gewiß nicht zurückweifen werbe.

Ist es Dein sehnlicher Wunsch, mich zu sehen, bann sollen alle Rück­sichten fallen, doch weiß ich nicht, wie ich es ehrenvoll durchfuhren kann, ohne Mittel und ohne mich selbst zu zerstückeln. Es ist gerade das jetzige Wesen meiner Kunst, was mich bekannt macht, wenn ich ihm treu bleibe. Der einzige fchwarze Punkt ist die stete Seelenangst was be­ginnen, wenn dies ober jenes sehlschlägt, wie jetzt, wo alle Hoffnungen aus einer Karte stehen! Das ist falsch, ganz unbegriinbet, zu jagen: Und wenn Sie auch so fortmaten unb nicht verkaufen" »sw. Das suhlt jeder selbst, wie stark man sich fühlt bei der Arbeit, unb wie a**es loten wäre, wenn man sich hängen läßt, auch macht der Künstler Fort­schritte, es steigern sich Ehre, Ruhm Geld zuletzt. ßtebe, gute

Mutter, ich könnte noch stundenlang sortplaudern. Nein, ich will mich nicht selbst aufgeben, sondern stark bleiben im Glauben an das, was ich für groß unb schön halte in der Kunst. Eine freundliche Lösung bereuet das Schicksal allen, denen es ernst ist. So wird auch die Stunde des Wiedersehens schlagen, nur macht mir das Herz nicht allzu schwer, denn ich brauche alle Kräfte und Stärke, um mich den widerlichen Tages­fragen gegenüber auf der Höhe zu halten. Ich habe mich hier nie in das Künstlertreiben eingelassen, man verliert mehr, als man gewinnt. Man würde glücklich fein, mich fortgebiffen zu haben, aber solange ich Hand, Kopf und Arme habe, will ich ihnen den Triumph nicht gönnen. Dein Bild umschwebt mich immer, und wenn ich die innerste Ueber- zeugung hätte, Dir draußen nützlicher fein zu können, so wurde ich morgen packen, aber mein Wesen ist noch nicht kalt, gereift genug, um in irgendeiner Anstellung es nur aushalten zu können. Noch bin ich zu passioniert, zu überzeugt vor dem richtigen Weg, als daß ich mich beugen könnte. Ich stehe ganz einsam da, ganz allein, muß all Freud' und Leid in mir selbst verarbeiten, die Welt ist bloß Interesse,

und doch darf man sich nicht In ihr verbittern. Meine Hoffnungen für bas, was man Leben heißt, sind begraben: Illusionen habe ich nicht mehr, unb in allen Kämpfen war es immer die innere Stimme, die mich ausrechthielt: bleibe dir selbst treu unb treu deiner Kunst. Ich will deshalb nicht Märtyrer werden, nein, ich möchte hinaufkommen, um andern helfen zu können. Ich hätte soviel zu sagen. Hätte man den Reichtum meines Wesens früher erkannt, so hätte ich die kindliche Liebenswürdigkeit des Wesens und Charakters mir erhalten ,und noch jetzt möchte ich einen Stein herumkriegen, wenn es sich der Mühe lohnte. Ich hoste, durch den Verkauf der Pietä allen Verpflichtungen nachzu- kommen und mir noch ein ruhiges Jahr der Kunst zu schaffen. Es kann sich viel ereignen, und wenn ich mich heiter fühle, arbeite ich so rasch und glücklich. Meine Position ist gegenwärtig sehr kritisch, unb dennoch will ich Dir nur Liebes und Aufmunterndes sagen, und so soll's bieiben immerbar. Das Leben ist kurz, die Liebe aber ewig.

Ich bleibe, weil es im Augenblick aussehen würde, als fliehe ich und werfe die Fahne hin. Soll ich Dir meinen innersten Herzenswunsch sagen: ich bin müde und möchte kein großer Mann werden, die Not­wendigkeit bringt meinen Namen in aller Munde, und ich möchte so gerne zurücktreten und still für mich leben, auch ohne die Kunst doch kann ich nicht, und das macht mich leiden. Ich beschließe diesen Brief, möge er Dir eine freundliche Stunde bereiten, er kommt aus der Seele und ist so hingeschrieben, wie es mich drängt. Ich leide im Gemüt, ich kann's nicht leugnen, aber ich will stark unb fest bleiben, alt kann ich nicht werben, und bas ist ein Glück, wenn die Laufbahn kurz ver­zeichnet ist.

Sonnenuntergang.

Von Friedrich Hölderlin.

Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir Von aller deiner Wonne: denn eben ist's, Dah ich gelauscht, wie, golbner Töne Voll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die noch ihn ehren, hinweggegangen.

Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaatt.

Von Edgar Allan Poe.

(Fortsetzung.)

Es dauerte ziemlich lang, bis ich soweit zu mir kam, um die übliche Bedienung des Ballons zu besorgen. Dann aber untersuchte ich ihn auf­merksam und fand ihn zu meiner großen Erleichterung unbeschädigt. Meine Geräte waren alle heil, und glücklicherweise hatte ich auch weder Ballast noch Vorräte verloren. Diese waren so gut an ihren Plätzen ver­wahrt, daß ein solches Geschehnis ja auch außer Frage stand. Meine Uhr zeigte die sechste Stunde. Ich flieg noch immer rasch, und bas Baro­meter vermerkte eine Höhe von 3| Meilen. Scharf unter mir lag ein kleines rechteckiges schwarzes Ding im Ozean, ungefähr von der Größe eines Dominos und auch sonst diesem Spielzeug sehr ähnlich. Als ich das Teleskop darauf richtete, stellte ich deutlich ein englisches Vierundneun­ziger Kanonenboot sest, das dicht am Wind, mit der Nase nach WSW durch die Wellen stampste. Außer diesem Schiff sah ich nichts mehr als Meer und Himmel und die Sonne, die längst aufgegangen war.

Es wird nun höchste Zeit, daß ich Ew Exz. den Zweck meiner Reise erkläre. Ew. Exzellenz werden in (Erinnerung haben, daß unglückliche Umstände in Rotterdam Selbstmordgedanken in mir erweckt hatten. Nicht als ob mir das Leden an unb für sich zuwider gewesen wäre, sondern die unseligen Begleitumstände meiner Lage hatten mich über das Maß des Erträglichen aufgerieben. In diesem Gemütszustände, da ich zwar zu leben wünschte, und doch des Lebens überdrüssig war, hatte die Ab­handlung in dem Buchhändlerstand, verstärkt durch die willkommene Entdeckung meines Vetters in Nantz, meiner Einbildungskraft eine Zu­flucht eröffnet. So raffte ich mich schließlich auf; ich beschloß zwar fort­zugehen, aber doch zu leben; die Welt zu verlassen, aber doch weiter zu existieren kurz, um die Rätsel beiseite zu lassen ich beschloß, möchte kommen was da wolle, den Weg zum Monde zu erzwingen. Nun, um nicht für noch verrückter gehalten zu werden, als ich tatsächlich bin, will ich auseinanderletzen, welche Erwägungen mich dazu führten, zu glauben, daß ein Unternehmen dieser Art wenn auch zweifellos schwierig und gefährlich doch für einen kühnen Geist nicht ganz jen­seits der Grenzen der Möglichkeit sei.

Zunächst mußte die augenblickliche Entfernung des Mondes von der Erde berücksichtigt werden. Nun ist der mittlere oder durchschnittliche Ab­stand zwischen den Mittelpunkten der beiden Gestirne 59,9643mal den Aequatorradius der Erde, d. h. nur ungefähr 237 000 Meilen. Ich sage der mittlere ober durchschnittliche Abstand, es ist aber zu erwägen, daß, da die Bahn des Mondes eine Ellipse ist, deren Exzentrizität nicht weni­ger als 0, 05484 der größten Halbachse der Ellipse selbst beträgt, und der Mittelpunkt der Erde in ihrem Brennpunkte liegt, der eben erwähnte Abstand erheblich vermindert werden könnte, wenn es mir gelänge, den Mond in seiner Erdnähe zu treffen. Aber ohne einstweilen mehr von dieser Möglichkeit zu sagen, war es auf alle Fälle sicher, daß ich von den 237 000 Meilen den Erdradius, also 4000 Meilen, und den Mond- tabius, also 1080, zusammen 5080, abziehen könnte, so dah eine tatsäch­liche (Entfernung von 231920 Meilen unter durchfchittlichen Umstanden zu überfliegen bliebe. Dies war nun, überlegte ich, keine außergewöhn­liche Entfernung. Reifen zu Lande sind wiederholt mit 60 Meilen Ge­schwindigkeit in'der Stunde vollbracht worden; und tatsächlich rann eine noch viel größere Schnelligkeit vorausgesehen werden. Aber selbst bei