Ausgabe 
13.9.1929
 
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5er Dargestelkte selbst, ein nusgezeichneter Psychologe ist, so kann es nicht fehlen, daß eine gewaltige Kundgebung von diesem Lebensspiegel aus­geht, ja daß aus einer eindringlichen Vertiefung in die Selbstbildnisse bas ganze Leben Feuerbachs lebendig und verständlich werden muß. Man lieft in diesen Bildnissen wie in einem Tagebuch, in das nur Ereignisse eingetragen werden, die das ganze Seelenleben des Schreibers zutiefst verändern.

Die Form von Feuerbachs Selbstbildnissen ergibt sich aus seiner Einstellung zum Menschen überhaupt. Da für ihn das Interesse am seelischen Menschen, soweit er nicht Symbol der höchsten Formenschönheit ist, maßgebend ist, auch sein Kopf anerkannt das Eindrucksvollste an seiner eigenen Erscheinung bildete, so bestimmt sich auch die Form seiner Selbstbildnisse: Kopf- oder zur Einbeziehung der Hände Brust­bild. Die geistige Haltung der Bilder ist sowohl durch Streben nach Wahrheit als nach Erhebung gekennzeichnet. Seine Seele verlangt nach einer idealen Ausformung ihres Willens, sie will sich an der Vorzüglich­keit der ihr möglichen Entfaltung aufrichten.

So bedeuten diese Selbstbildnisse eine Beschleunigung von Feuerbachs Entwicklung in einer Richtung, die er sich selbst vorzeichnet, sie veranlassen einen Wettlauf der Wahrheit mit dem Ideal. Darum sind sie nicht nur . Urkunde, sondern ebensowohl Antrieb. Die Rücksichtslosigkeit, die das Selbstbildnis, weil es keinem repräsentativen Zweck genügen soll, ge­stattet, hat Feuerbach nur selten ausgenutzt. Ihm war es Zweck genug, vor sich selbst zu repräsentieren, es war ihm geradezu innigstes Bedürf­nis. Er befaß eine hohe Selbstachtung und edle Scham vor sich selbst.

Seine frühesten Selbstbildnisse zeigen noch die ängstliche Besorgnis des plötzlich in die Welt gestellten Siebzehnjährigen, die aber sehr schnell . in dreiste Keckheit gewandelt wird. Anselm wird sich der adligen Ge­wandtheit seines einnehmenden Auftretens bewußt und leistet sich darauf­hin manch kleine gutartige Kühnheit. In dem Knabenbildnis mit dem Hut liegen schalkhafte Spitzbüberei und gefällig posierende Ueberholung im Streite mit dem beschatteten Aufblick verhaltener Ahnung, man spürt, daß er sich gern über etwas Hinwegtäuschen möchte, das ihm kaum ver­borgen ist. Im ganzen herrscht aber doch noch liebenswürdige Naivität, der die Welt in rosigem Lichte erscheint, wenn auch einige Trübheiten darin schwimmen. Dem ahnenstolzen, zukunftsfrohen Knaben ist noch wohl in den Händen dünkelhafter Lehrmeister, er ruht am liebsten im forglichen Schoße des Elternhauses.

Der federgeschmückte Narziß von 1847 will nicht mehr als Bube be­handelt sein. Ihm ist schon etwas von der Tiefe aller Dinge aufge­gangen, er läuft Gefahr, blasiert zu werden, er liebt das Spiel mit dem Feuer. Er ist der verwöhnte schöne Jüngling, dem nichts unerreichbar ist, der so bezaubernd ist, daß man glauben kann, es würde jein Leben nichts aus ihm, ist der in Versuchung Gefallene. Er trägt die 'Auf­machung mit schwarzem Barett und Samtrock mit geschlitzten Aermeln, etwa in der Art wie er sich bald darauf in Nürnberg alsspanischer Maler" stolz und selbstbewußt, durch das allgemeine Aufsehen geschmei­chelt, in Begleitung hübscher junger Damen auf der Straße zeigt. Es ist kaum ein Kontrast denkbar, der mehr überraschen und erschüttern könnte, als die Gegenüberstellung dieses Bildes mit dem fünf Jahre später in Paris entstandenen Bildnis in der Karlsruher Kunsthalle. Es ist, als würde man aus einem Ballsaal in ein Gefängnis ober Irren­haus geführt, man möchte sich abwenden, sliehen, aber man ist wie fest­gebannt von dem scheußlich faszinierenden Blick. Schicksalhaft wie eine tragische Maske steht das Antlitz in seiner unglaublich hartnäckigen Frontalitüt da. So überwand der Jüngling alle Versuchung, peinvoll, aber siegreich. Noch stehen Zeichen entsetzlicher Anspannung auf der Stirn, noch zittert es über die dünnen Wangen, aber der Entschluß ist riefengroß: was darauf folgt, ist heilige Erfüllung. Alle Düsternis und Hoffnungslosigkeit des Selbstverleugners hat dieses Haupt gestreift, wie es einst von religiöser Ergriffenheit gotischer Menschen auf das Schweih- tuch der Veronika geprägt worden war. Unter den Selbstbildnissen der alten Kunst möchte' man es denen des greifen Rembrandt vergleichen, .desfen Blick sich ebenso am Spiegel festgesaugt hat. Aber es hatte auch einen Rembrandt gegeben, der Saskia auf den Knien getragen und das Glas geschüttelt hatte. Feuerbach hatte nur einmal elegant und hoch- . mittig gelächelt, bevor die Trübsal über ihn hereinbrach. Die Frühzeitig­keit dieser Melancholie vermehrt den tragischen Schauer.

Zur Zeit der Ersüllung höchster Künstlerschaft tritt das Selbstpor­trät im engeren Sinne zurück, die Selbstdarstellung indessen bleibt und gewinnt an vergeistigender Abstraktion. Sie wirft sich in ein eindrucks­volles Kostüm und verwirft das N u r individuelle zugunsten einer ideali­sierten Erscheinung. Das Werk übermannt den Künstler, die Vortrefflich­keit feiner Leistung zieht den Blick von seinem selbstischen Innern ab. Das, was in ihm Aufruhr stiftete, wird überstimmt, zur Unterwerfung gebracht, nur was fördert, kann ihm der Beachtung wert fein. Nicht nur, daß er alsMandolinenspieler" einer Frau huldigte, die ihm römische Schönheit und Mütterlichkeit verkörpert, dem Gedanken nach bringt er sich selbst auch in den idealen Gestalten das Paris, der durch den Anblick der Göttinnen in ein Trauerreich entrückt wird, des Agathon, der strahlende Eleganz und philosophische Würde um sich ver­eint, zur Darstellung. Die schwerste und dröhnendste Aeußerung über sein Schicksal enthält die große PietL der Schackgalerie. Schon während der Wanderjahre betrachtete Heuerbach seinen Beruf als einen heiland- ähnlichen. Er verkündete eine Lehre, die an untauglichen Ohren abglitt, an der mit Aufrichtigkeit festzuhalten, für die er zugrunde zu gehen ge­sonnen war. Ein Wissen um das Ziel seiner Sendung zog in ihm auf: Statt des erträumten Lorbeerkranzes fühle ichs oft wie eine Dornen­krone auf dem Haupte." Die Gestalt des ausgelittenen, von allem physischen Schmerz entbundenen, entseelten Christus steht schon früh in seinem Geiste; der heilige Schmerz derer, die ihn schon zu Lebzeiten verstanden, ist ihm ein berauschender Trost.

Aber fein Palmsonntag, da die Welt noch einmal Anstalten machte, ihn durch die Berufung an die Wiener Prosefsur zu Ehren zu erheben, stand noch aus. Sie trug ihn hoch und schien ihm eine irdische Voll­endung in Aussicht zu stellen, und Feuerbach glaubte in erflehter Selbst­

betörung daran, er sah sich zu ungehemmter Entfaltung seiner geistigen Größe auch von außen her ermutigt. Mit dem Idealismus der Münchener Pinakothek setzt die Ueberslügelung des künstlerischen Werkes durch das Persönlichkeitsinteresse erneut ein. Die dramatische Kurve seines Lebens ist wieder zu der Höhe, die etwa dem Abschluß des Rin­gens der Wanderjahre entspricht, herabgesunken. Dazwischen liegt unter wohltätigem Hinmiel das Hochland verklärten Künstlertums.

Niemand würde aus Feuerbachs groß gewollten Selbstbildnissen zu erkennen wagen, daß er von kleiner Statur gewesen fei. Und doch ist dem so. Sein Körperbau war schwächlich und zart, zierlich wie seine Handschrift, was mit den Jahren immer mehr hervortrat. Das bestätigt auch die fchöne Beschreibung, die gerade aus jener Wiener Zeit der Kunstkritiker Friedrich Pecht' von Feuerbachs Person gibt:Ausfallend fchön, wenn auch klein von Figur, hat Feuerbach ganz das, was die Damen an dem Künstler vorzugsweise zu bezaubern pflegt, jenes gewisse ideale Wesen, das sich in unergründlichen Augen und reichen Locken über einer freien Stirn aussprechend, ihnen am verständlichsten wird. Um so mehr, wenn es sich noch mit einer sehr vornehm gemessenen, fast ge­heimnisvollen, nie sich hingebenden und doch vollkommen freien, fast fürstlichen Haltung verbindet, die ebensowenig dem Verdacht irgendeiner Roheit als unmännlicher Schwäche Raum läßt und sofort die lieber« zeugung einflöht, man habe es mit einer ungewöhnlichen, ebenso feinen als auch leicht erregbaren und deshalb allzunaher Vertraulichkeit durch­aus aus dem Wege gehenden aristokratischen Natur zu tun, die aber für das, was ihre Ueberzeugung ist, nötigenfalls mit unerschütterlicher Festigkeit einzutreten weiß, ihre Gesetze wie ihre Antriebe nur dein eigenen Inneren entnimmt und wie Cäsar lieber im letzten Dorf der Erste, als in Rom der Zweite wäre."

Dieses Anspruchsvolle, Gebieterische, seine Kraft Ueberschätzende druckt sich auch in dem Münchener Bildnis aus. Und fehr bald schon zeigt sich in den folgenden, daß die Katastrophe in Wien über den Empfindsame» hereingebrochen ist. Feuerbach litt unter einem inneren Zwang, er wollte Unmögliches. So stürzte er sich in die Brandung, aber sein zarter Leib zerschellte an den Widerwärtigkeiten des Lebens. Krank und gebrochen trug man ihn ans Gestade, man heilte seine Wunden. Das Karlsruher Selbstbildnis von 1877 zeigt ihn zum ersten Male sitzend, kraftlos, matt,so wie er nach Überstandener Krankheit in der Säch- sifchen Schweiz als Kurgast weilte. Aber sein Körper genas wieder foweit, daß man das liebet äußerlich für überwunden anfeljen konnte. Die beiden Bildnisse von 1878 zeigen wieder die Weichheit seiner ge­glätteten Züge, es ist kein Unterschied zu dem Jdealporträt. Der einsache glatte Nock, der freie lose Kragen sind dieselben, auch die Zigarette ist da. Und doch ist alles ganz und gar verändert, das machen die Augen, aus denen alle Schärfe getrocknet ist, die mild und tränenbenetzt ge­worden find, von einer Überirdischen Sehkraft, die an einer andern Welt hangen, Augen, die den Himmel offen sehen. Feuerbach war mit seinem Leben zu Ende, eine fünfte, heilsame Müdigkeit senkte sich auf ihn herab, eine Abendstimmung von unbeschreiblicher Schönheit umlagerte sein Gesicht. Ein reiches, geduldiges Anschmiegen an die Unendlichkeit ließ alle feine Gefühle in eine frohe, beruhigte Muhe versickern. Aller Drang war gestillt, eine rührende Bescheidung bereitete ein unmerkliches Hin- Übergleiten in die Welt des Friedens vor. Feuerbachs Sterben war so schön wie fein Leben niemals gewesen war. Leise schmolz seine Seele unter der Sonne der Ewigkeit dahin.

Feuerbach und Nanna.

Glück und Tragik einer Modellgeschichle.

Bon Walther Appell, Plauen.

Von wenigen Künsilermodellen ist soviel geredet worden und wird immer soviel geredet werden wie von Anselm Feuerbachs N a n ii a. Zu den schönsten seiner Bilder war sie ihm Modell. Die wahrhaft klas­sische Erscheinung dieser einfachen Römerin war um so edler durch die Unbewußtheit und natürliche Selbstverständlichkeit, die sie weihte. Schon vor Feuerbach hatte die Schustersfrau Anna Risi (das war ihr eigent­licher Name) Künstlern Modelldienste geleistet, aber keiner war durch ihre Person und Körperlichkeit so in seiner Schasfenskrast bereichert worden wie der künstlerische Rompilger aus Süddeutschland, lieber die erste Begegnung schreibt er in einem der vielen, ehrlichen und arrfschluh- reichen Briese in die Heimat:Eine Erscheinung von geradezu imponie­render Hoheit, strenge, von einem melancholischen Ausdruck gemilderte Züge ..." Sein Freund und Biograph A l l g e y e r schildert aussiihrlich die Szene:Die Frau stand, ein Kind im Arm, unter einem offenen Fenster, dessen Rahmen den natürlichsten Abschluß zu diesem Vorwurf für eine Madonna größten Stils bildete." Wenig später kann der Maler fchan Heimberichten, er sei im Besitz des schönsten Modells von ganz Rom.

Die Folge erwies, daß es sich um mehr handelte als ein ebenso er­regendes wie rasch verblassendes Erlebnis: die schone Römerin sollte aus Jahre hinaus die Muse der Feuerbachschen Kunst werden, und sollte auch in den Gang seines Lebens bestimmend eingreifen. Es kam bald dahin, und mußte wohl dahin kommen, daß sie ihren Mann und ihre Kinder verließ, um Feuerbachs Häuslichkeit zu teilen. Der Maler selbst war sich am klarsten über die Ergebnisse, die der Schaffens- und Liebes­rausch dieses Zusammenseins für seine Kunst hatte, und schaute zum ersten Male dankbar und srohgemut in die Zukunst. Die Jdealgestalt, die er sich aus den edlen Göttinnenprosilen der klassischen Plastik und aus den erdentrückten Madonnenleibern der Renaissance erträumt batte, war ihm blutvolle und immer gegenwärtige Wirklichkeit geworden. laut) ist er in seinem Stolz, sich von allen um dies Vorbild beneidet zu wlsN'U, gegen gutgemeinte Mahnungen und Warnungen. Auch die flehentlichen Bitten der Mutter, aus Ahnungen und vertraulichen Freundesbriesen boren, weist er im Triumph des herrlichsten Besitzes überlegen zurna- Und tatsächlich reifen in rascher Folge Schöpfungen, die viele noch 9e11 als seine wertvollsten ansehen. Ob sie nunIphigenie" heißen oder,,v>' krezia Borgia",Madonna" oderMutter und Kind",Römerin oo> Silanna" alle tragen die gleichen Züge. Aber alle sind auch erst)