Ausgabe 
13.12.1929
 
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nach schmierigen Umständen den alten Blücher auf der Terrasse sitzen, in Decken gewickelt, sich nicht zu verkühlen; auch sein Begleiter ist da, aber in einer Uniform, in der er noch gar kein alter Mann ist. Der Bürger­meister hält eine stotternde Rede, darin er kein Wort von der andern brauchen kann, und zuletzt muß der Jochen um Gnade bitten. Er tut es, indem er ins Knie fällt und auf dem Sofakissen der Bürgerineisterin dem Blücher die Meerschaumpfeife darbietet, denn so hat es der Rat beschlossen.

Aber der Marschall Vorwärts ist nicht geneigt, Krebse zu fangen, was futsch ist, ist futsch! sagt er und läßt den Bürgern von Teterow seine Pfeife, die sie seitdem im Rathaus als Reliquie bewahren. Der Stadt­diener Jochen Pitz aber, dem sie das Ding schließlich verdanken, hat nur Schelte und fast Prügel davon erfahren.

Madonna im Rosenhag.

Ein Kapitel Akaricnkunst.

Von Walther A p p e l t.

Die Maria im Rosenhag das ist einer der Stoffe biblischer Bilderkunst, mehr in Legenden und Liedern ihren Ursprung haben als in den Evan­gelien. In den Kreis der Weihnachtskunst dürfen sie dennoch einbezogen werden um so mehr, als gerade sie von jener innigen Schlichtheit er­füllt sind, die im Grunde der Weihnachtsgedanke und die Marienverehrnng haben und, richtig verstanden, über Kultur-, Glaubens- und sogar über Weltanschauungsgrenzen hinweg immer behalten können: daß diese eine Mutter Maria Inbegriff ist aller Mütter aller Zeiten, dieses Kind über das Einzelpersönliche hinaus zum Sinnbild jeden Geboren- und Behütet­seins gesteigert wird. Wenn daran glauben und davon ergriffen werden fromm {ein" heißt, dann muß im Tiefsten feiner Empfindungen jeder Mensch fromm sein, der überhaupt ein menschliches Empfinden hat und sich zu ihm bekennt.

In der italienischen Malerei find dieMadonnen im Rosenhag", die nicht immer in der Kunstgeschichte unter diesem Namen gehen, viel weniger populär geworden wie die andern, episodenreichen, in üppi­ger Ausmalung der Szene und der Szenerie schrvelgenden. Der Leb­haftigkeit und sprunghaften Sinnenfreudigkeii des Italieners hatten die mit Figuren und allegorifierendem Beiwerk überhäuften Bilder eines Filippo Lippi und gar eines Botticelli mehr zu sagen, weil sie ihnen mehr zeigten. Möglich auch, daß diese prunkende Kunst, deren Aeußerlichkeiten den wahren Gehalt nicht immer übertönen (restlos ge­lungen ist die Bereinigung der beiden, zunächst widerstrebenden Momente allerdings fast nur Raffael in seiner Sirtina) möglich auch, daß diese schwelgerische Malerei vorwiegend repräsentativen Bedürfnissen hoch- gestellter Auftraggeber entsprach. Eine Wand, ein Raum sollte geschmückt, oft wohl auch von vornherein bewußt zur Sehenswürdigkeit gemacht wer­den. Dem mußten die Bilder Rechnung tragen ... und der Sinn der breiten Masse ist immer mehr in die Breite als in die Tiefe gegangen.

Manches aber fpricbt dafür, daß daneben doch echte Frömmigkeit, der Künstler wie der Bildbetrachtenden, Werke verlangte und entstehen ließ, die Gegenstand und Ausgang stiller, hingebender Andacht fein konn­ten. Dafür spricht, beispielsweise, daß Francesco Francia eine Thronende Madonna mit Heiligen" gemalt hat, tue' in ihrer Vielheit längst kein einheitliches Bild mehr ist und daß der gleiche Künstler (Bologna, Ende 15. Jahrh.) eineMadonna in Rosen" schuf, die zwar kühl aus uns wirkt (lange nicht so kühl wie die erwähnten andern Bilder), die aber doch das Wesentliche des besonderen Stosses aufweist: glückliches Alleinsein der Mutter mit ihrem Kinde, die beide hineingestellt sind in das Blühen und Reifenwollen her Flur Leben und Lebensdrängen in der großen, sagen wir ruhig: heiligen Harmonie der Schöpfung. Weniger klar wird das in derMadonna in Rosen" des Bernardino Luini, etwa gleichzeitig entstanden, der die Rosenhecke nur Beigabe, eigentlich sogar nur Raumfüllung ist.

Für diesen wie für viele andere Stoffe biblischer Legende sanden die Italiener nur tastend neben ihrer oben skizziertenoffiziellen" Kunst den entsprechenden Ausdruck. Es ist weiter nichts als eine Tatsachen­feststellung, daß dies, gleichzeitig oder schon vorher, deutschen (und hol­ländischen) Künstlern in weit höherem Maße gelang. Bon M a r t i n Schongauer haben wir eineMadonna im Rosenhag", in Colmar, die nicht so sehr von feiten der Maria als von feiten der Natur und ihrer zutraulichen Sommerlichkeit (die Rosenhecke ist schmetternd erfüllt von bunten Singvögeln) den Willen und die Bestiminung zum Einssein deut­lich macht. Das muß der Maler selbst haben ausdrücken wollen, oder hat er es ungewollt empfunden. Wenn er schon nicht auf zwei Engel ver­zichten kann, die eine Riefenkrone halten, so hat er sie doch seinem Bilde mehr an- als eingefügt. Und so gewiß diese Krone eine Marienkrone ist, läßt doch gerade dieses Bild einer Madonna im Rosenhag vermuten, daß jenen Künstlern noch ein anderer Gedanke vorgeschwebt hat, deslen reich­lich primitive, der Mystik verwandte Symbolik freilich nur aus ihrer Zeit heraus zu verstehen ist: daß die so jubelnde, lichtdurchflossene Rosenhecke letzten Endes schon auf die Dornenkrone der Passionsgeschichte hindeu­ten soll.

Die erwähnten zwei Engel Schongauers sind schon eine entscheidende Zurückdrängung dieses Bildmoments gegenüber der ein Halbjabrhundert älterenMadonna im Rosenhag" Stefan Lochncrs (München, Pinakothek). Lochner steckt noch dermaßen in Ueberlieferungen, daß er die gekrönte Maria im Bilde von Engeln umschwebt sein läßt, die ihr Rosen pflücken, wenn auch nicht aus einem Hag oder einer Hecke, sondern aus steingesaßteu Gartenbeeten. Ein Drum und Dran, bem sich bas heiter- kindhafte Marien-Antlitz nicht harmonisch einzufügen vermag.

Fast das gleiche gilt für desselben KünstlersMadonna in der Rosen­laubs" (Wallraf-Richartz-Museum, Köln), nur daß hier immerhin der Hintergrund dem Gedanken der Darstellung mehr Rechnung trägt. In ber Mitte zwischen den beiden abweichenden DarfteUungsarten Schon­gauers und Lochners, steht, etwa aus Lochners Zeit stammend, eine dritte, jetzt Im Solothurner Museum. Schongauer könnte von der Auffassung des unbekannten Künstlers ebenso beeinflußt sein wie dieser von Lochner.

Hauptsächlich auf Schongauer fußend, haben bann noch Künstler wie Dürer und andere der Wende des 15. zum 16. JahrhundertMadonnen im Rosenhag" geschaffen. Auch r ü n e w a l d s Madonnen, sowohl die vom Idenheimer Altar als die Stuppacher, werden nicht zu Unrecht h er eingeordnet. Doch haben sie, wie auch die Niederländer, neues zu dem Thema nicht mehr beigesteuert. Nicht mehr besteuern können. Weil die besinnliche, schauende Htrgabefähigkeit mt den allgemeinen Zeitströmen gen mehr und mehr einer geräuschvollen Betriebsamkeit auch in geisti­gen und geistlichen Dingen weichen mußte.

Geschichtsforschung mit Sva*en und Bohrer.

Rund um das RUtkelmeer.

Von Professor Dr. Th. Wiegand, Direktor der staatlichen Antikensammlungen, Berlin.

In seinen prachtvollenErinnerungen" bekennt Ulrich von Wila- m o w i tz - M o e l l e n d o r s erneut, was er schon vor dem Ph'.lologen- tag in Jena erklärt hatte: innerhalb der Altertumswissenschaft habe sich die Archäologie glücklicher entwickelt als die alte philologia classira, dank den Ausgrabungen, und sie habe daher das Recht auf die Führung. In der Tat ist die sprachlich-literarische und historische Seite der Altertums­wissenschaft, soweit sie auf Schriftstellern beruht, seit Jahrhunderten von großen Mechern so ausgebaut worden, daß aus den Handschriften der Bibliotheken ein bedeutender Zustrom kaum mehr zu erwarten ist. Dieser kommt vielmehr von den ausgegrabenen Inschriften und Papyri, sie brin­gen uns Überraschendes Neues oder ergänzen die Schriftsteller in höchst willkommener Weise. So wurde zum Beispiel in Wiesbaden ein römi­sches M i l i r di p l o m (jetzt im Berliner Antiquarium) ausgegraben, durch welches ein Feldzug des Kaisers Despasian auf dem rechten Rhein­user (77 n. Ehr.) bestätigt wird, den wir bisher nur durch eine kurze Erwähnung bei Tacitus kannten. Auf diesem Kriegszug wurde die be­rühmte germanische Seherin Vcleda gefangen. Mit Ergriffenheit sah ich in Didyma einen Altar dem Boden entsteigen, den Diokletian dem Orakel zum Dank sür. die Ermutigung zur Christenverfolgung gestiftet hat.

Der Erdboden ist der beste Konservator. Man sollte ihn gar nicht öff­nen, wenn man nicht ganze und sorgfältige Arbeit macht. Noch vor 50 Jahren waren hastige und oberflächliche Grabungen nicht selten. Das erste große Beispiel einer erschöpfenden Ausgrabung des ganzen Objeits, mit sorgfältigster Aufnahme auch der architektonischen Ergebnisse liegt vor in der 1875 begonnenen Erforschung von Olympia. Wilhelm Doerpfeld ist cs, der von da ab der gesamten Archäologie den Weg praktisch-methodischer Beobachtung gewiesen hat.

Es läßt sich in einem kurzen Aussatz gar nicht aussprechen, wie ge­waltig die neuen Erkentnisse sind, die von den Ausgrabungen ausgehen. Italien steht voran, schon weil alle Vodensorschung dort von Italien selbst geleitet wird. Da entsteigen dem Nemi-See, dessen Spiegel um zehn Meter gesenkt werden mußte, die reich verzierten Neste des versunkenen Prachtschiffes des Kaisers Tiberius. Die Kosten der Hebung werden auf acht Millionen Lire geschätzt, die zum größten Teil von Privaten getra­gen werden. M u f f o I i n i 5 Energie hat sich sogar an das alte Hercula­neum gewagt und die neuesten elektrischen Bohrmaschinen sind an der Arbeit. Ueberaus verfeinerte Methoden der Konservie­rung feiern in den neuen Grabungen zu Poinpei überraschende Triumphe. Selbst die verkoblten Balken oberer Stockwerke, die Balkong, Holzläden und Türen werden roiebergeroomten; die von den Wurzeln einstiger Bäume in den Ziergärten hinterlassenen Hohlräume werden mit Gips ausgegossen, man erkennt dann an der gewonnenen Form alsbald die Gattung des Baumes, der einst hier stand, und nun sind neue Pla­tanen, Ulmen, Fruchtbäume an derselben Stelle gepflanzt, wo diese Arten vor 2000 Jahren standen. Ganze Stadtquartiere des heutigen Rom fielen der Spitzhacke zum Opfer, weil sie der Aufdeckung des TrojansforumS', des Augustustempels und des Marcellustheaters im Wege standen.

lieber das Mittelmeer hinüber zur neuerworbenen Kolonie Tripolis ist italienische Liebe zu den großen Zeugen antiker Vergangenheit ge­wandert; Lepti's Magna, die Vaterstadt des Kaisers Septimus Se­verus und von diesem aufs herrlichste geschmückt, ist dem Wüstensand ent­rissen worden, die Säulen der Basiliken und Thermen sind wieder auf­gerichtet. Ungleich bedeutsamer noch stellt sich die Aufdeckung von Kyrene dar, denn dies ist der Boden einer altdarischen Kolonie, altertümliche Architektur und Bildkunst paart sich mit römischen Prachtbauten, deren einer die vielbewunderte Aphrodite im Nationalmuseum zu Rom ge­spendet hat. Auch hier eine reiche Ausbeute wichtigster historischer In­schriften.

In Griechenland hat Professor Georg Karo die Forschungen im T i r y n s wieder aufgenommen und das Ergebnis ist die Auffindung einer zu Füßen des Herrscherpalastes ausgebreiteten Festlandstadt. Aus der Insel Acgina ist einer der geschicktesten jüngeren Archäologen, Dr. Gabriel Welter, in die tiefsten Schichten der hellenischen Vorzeit ge­drungen und hat überaus wertvolles neues Material für die Beurteilung der ältesten Keramik gefunden; soeben kommt überdies die Nachricht, daß ihm die Entdeckung einer reichen mykenischen Nekropole geglückt ist. Sehr wichtig wird für die älteste Chronologie die von dem schwedischen Gelehr­ten P e r f f o n unter Teilnahme des schwedischen Kronprinzen geleitete Ausgrabung in Asine (Peleponnes) mit ihrer Fülle keramischer Funde. Auf'der Insel Samos setzt das Deutsche Archäologische Institut die von mir begonnene Ausgrabung im Bezirk des Heratempels fort und hat die Arbeit auch auf Stadt und Burg des Polykrates ausgedehnt. In Akarnanien (Mittelgriechenland) zieht die alte Stadt Kalydon neuer­dings die Aufmerksamkeit auf sich, weil dort in dänisch-ariechifcher Zu- fammenarbeit wichtige Entdeckungen, namentlich auf dem Gebiet der älte­sten Tempelarchitektur mit ihrem reichen Terrakottaschmuck gemacht werden.

Außerordentlich uinfassend gestaltet sich nach dem Kriege die arrl)äo= logische Tätigkeit auf dem Boden Kleinasiens. In Angora unternahm M. Schede mit D. Krencker neue baugeschichtltche und epigraphische Untersuchungen am Augustustempel, dessen Wände bekanntlich das Testa-