Ausgabe 
13.5.1929
 
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Das; seine Worte wirken möchten, ließ Vollhcirdt eine Weile

ver­

ein.

Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Vuch- und Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.

gehen, ehe er zum Thema des Abends überging.

Eine Würdigung Goethes als Lyriker leitete seinen Vortrag Indem er sich hierbei vergegenwärtigte, inwieweit das Auffassungsver- mügen der Zuhörerschaft der Materie entsprach, kleidete er in freier Rede seine gründliche Vorarbeit in eine gemeinverständliche Form. Auch die

Gedichte wühlte er mit Bedacht, sofern er nur solche las, die in ihrem Naturgefühl, in ihrer Schlichtheit und Innigkeit an die Perlen der Volks­poesie erinnern. Wenn er hie und da Erläuterungen gab, tat er dies so bewußt naiv, daß es keiner besonderen Fassungskraft bedurfte, ihn zu verstehen. Was er vorlns, kam einfach und kunstlos heraus, aber man spürte, er gab seine Seele mit. Und die Männer und Frauen aus dem Volk lauschten in andachtsvoller Stille. Ergreifend war es, zu beobachten, was sich in all' den gespannten Mienen kundgab. Die einen blickten ver­legen vor sich hin, als fürchteten sie, ihre Empfindungen zu verraten, die anderen hingen glückselig lächelnd an des Redners Lippen, diese zogen die Stirn kraus, ein Zeichen, daß ihr Denkorgan in Tätigkeit war, jene legten die Hand ans Ohr, damit der Wohllaut der Gedichte leichter den Gehörweg fände, lieber allen aber lag jene Weihe, die sich allerorten ver­breitet, wo ein hoher Genius sich offenbart.

Die Stunde verflog. Der Lehrer verließ den Saal. Noch saßen die Männer und Frauen in trauter Gemeinschaft beisammen, als scheuten sie sich, dahin zurückzukehren, wo sie das Leben mit seinen Sorgen und Nöten wieder umfing.

Arm in Arm gingen Leuchen Launsbach und Lieschen Hormann die nächtliche Straße entlang. Ein kalter Wind kühlte ihre erhitzten Wangen. Am .Himmel hing schweres Gewölk, und ein feiner Regen sprühte nieder. Die Mädchen achteten dessen nicht, ihre Seelen waren noch ganz von den Tönen erfüllt, die sie eben umklungen hatten. Auf dem Marktplatz, wo sich ihre Wege trennten, sagte Lieschen:

Ich geh' noch ein Stückchen mit dir, Lene."

Sie bogen in eine enge Gasse ein. Aus den Häusern zu beiden Seiten fiel heller Lichtschein auf das Pflaster.

Lene, die bisher geschwiegen, wurde mit einem Mal mitteilsam.

Guck, Lieschen, wann ich jetzt könnt', wie ich wollt', tät ich hüben und trüben an die Fenster klopfen. Und tüt sprechen: Da hockt ihr um euern Tisch herum und lest das Blättchen jeden 'Abend! Und hat doch deutlich dringestanden, daß der Herr Vollhardt red't. Wo habt ihr dann nur gestocken, ihr Leut? Wißt ihr, was es geben hat? Wunderherrliche Sachen! Ei, wann ihr nicht.verwergelt seid, macht euch die ander Wach' auf lind kommt!"

's ist als noch nicht bekannt genug," meinte Lieschen,sonst tät das Sülchen die Menschen nicht packen."

Lene blieb tief atmend stehen.

Ich will dir jetzt was sagen, Lieschen. Mußt nicht lachen. Wie der Herr Vollhardt vorlesen tat, hab' ich gedacht: Mein! Das kommt ja aus dir. Ich bin nicht mit der Einbildung gestraft, ober so wahr ich leb', ich hab's inwendig gehabt. Nur, daß ich's nicht so schön van mir ge­geben hält'. Die Gedichte passen auf alle unb jeden. Ich stell' mir das aus die Art vor: der Goethe hat besondere Augen gehabt, daß er in die Menschen hineingucken könnt'. Manch' einer hat sie hinten und vorn und macht's ihm doch nicht nach. Du lieber Himmel, was für ein Mann!"

Mir ist, als Hütt' ich in der Schul' was von ihm gelesen", besann sich Lieschen.

Das ist schon möglich. Wie geht's unfereinem denn? Heut' konfir­miert, morgen in die Fabrik. Das bißchen, was man gelernt hat, ist rasch

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Kinder des Volks.

Von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Hier hingesetzt und nicht gemuckst!"

Der Lange gab keinen Frieden. Da nahmen sie ihn beim Schlaffikch und beförderten ihn an die Luft.

Punkt acht Uhr trat der Lehrer in den Saal. Da er die Anwesenden begrüßte, kamen noch zwei Nachzüglerinnen: Lene Launsbach und ihre Arbeitsschwester, Lieschen Hormann.

Vollhardt begab sich an seinen Platz. Im Augenblick herrschte völlige Stille. Und nun begann er:

Ich freue mich, daß heut abend so viele Frauen und Mädchen ge­kommen sind. Da will ich denn gleich ein paar Worte sagen, die mir schon lang auf dem Herzen liegen. Ihr wißt's aus eigener Erfahrung, die Zeiten sind vorbei, da der Frau als einziger Wirkungskreis das Haus und die häusliche Arbeit überlassen war. Heutigen Tags das tägliche Brot verdienen, erheischt einen harten Kampf. In diesem Kamps steht die Frau an der Seite des Mannes als Helferin, als Mitstreiterin. Millionen Frauenhände regen sich auf vielen Gebieten des Erwerbs. Die Frau, die als des Mannes ebenbürtige Genossin den Unterhalt des Lebens mit- erringt, darf billigermaßeu fordern, daß ihr Leben auch einen meuschen- roürbigcn Inhalt habe. Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Das heißt von meinem Standpunkt aus: Wir sollen der Frau Gelegenheit geben, über das Einerlei der Berufsarbeit hinaus ihr Wissen, ihre Bildung zu er­weitern. Der Mann muh kein Herz im Leib haben, der seine Frau stumpf­sinnig neben sich hertrotten läßt. Er selbst hat das größte Interesse daran, daß die Kräfte geweckt werden, die in ihr schlummern. Ein reger Ge­dankenaustausch zwischen Mann und Frau führt beide enger zusammen. Auf gegenseitigem Verstehen beruht das Glück der Ehe und der Familie. Das schreibt euch hinters Ohr, ihr Männer. Und nun, ihr Frauen und Mädchen, was ich euch hier gebe, ist nicht viel. Immerhin wird's seine Früchte tragen, wenn ihr recht bei der Sache seid. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das Gemüt braucht auch seine Nahrung. Die möcht' ich euch bieten. Wer einmal reines Wasser getrunken hat, verlangt nicht mehr nach schmutzigem. Wenn ihr Durst habt, halt' ich den Becher parat. Der Brunnen schöpft sich so bald nicht leer."

verzammeli. Und nu fein Buch mehr und kein Rix. So dosselt man fein Leben lang hin."

Ja, ifts am End' nicht besser so? Da ist man jetzt himmelfrvh qe. wesen. Wie lang dauert's? Noch ein paar Stund', und das Elend acht wieder los. Aisfort der Brückner, der eklige Rilps, und die Kienholcen mit ihrem Gekrisch. Hu! 's schaupert mich."

Ein Neugieriger öffnete sein Fenster, die Mädchen drunten zu be­lauschen. Lene ergriff der Kameradin Hand und zog sie mit sich fort. 1

Lieschen, hast du dann nicht gehört, was der Herr Vollhardt zu uns I Frauensleut gesprochen hat?"

Versteht sich."

Und läßt gleich wieder die Flügel hängen? Guck, Lieschen, da bin ich I anders drin. Ich könnt' mich bätschen, daß ich die Zeit her nicht bei beit Vortrügen war. Mir ist diesen Abend so artlich gewesen. Mußt' erst gar nicht wie. Hernach hab' ich mir's zurechtgelegt. Und jetzt reißt keine Masche mehr."

Ihre schlanke Gestalt hob sich empor. Von ihren Augen ging ein Leuchten aus. Do sie weitersprach, klang ihre Stimme kraftvoll und sicher.

All' mein' Lebtag' bin ich dumm gewesen. Hab' geglaubt, Plagen und Tragen, weiter güb's nix für unsereins. Heut ist mir ein Licht cmf- gegangen.s gibt doch noch was für die armen Leut. Der Mensch lebt nicht Dom Brot allein. Das Gemüt braucht auch seine Nahrung, hat der Herr Vollhardt gesprochen. Und wer nur will, der kann sie haben. Euch Lieschen, seit heut abend weiß ich, ich will!"

6.

Der Lehrer sitzt an seinem Schreibtisch und korrigierte Hefte. Wahrlich nicht die Lichtseite seiner Berufstätigkeit. Fünfundvierzig Diktate, dar­unter unglaublich fehlerhafte. Die Arbeit rückt nur langsam voran, aber Vollhardt ist mit Geduld gewappnet. Er weiß, die Volksschule kann ihre Schüler nicht auswählen, sie muß mit allen Elementen rechnen, hart bis an die Grenze der Geistesschwachen. Das macht das Lehramt doppelt verantwortungsvoll.

Wer zollt dem Volksschullehrer Anerkennung? Die Kinder, die er erzieht und bildet, wissen sie ihm Dank dafür? Kaum, daß sie in den Lebenskampf getreten, ist die Erinnerung an die Schule verblaßt. Und doch bauen alle auf dem Grund, den die Schule in sie legt. Was der Volksschullehrer in mühevoller Arbeit schafft, bringt nicht hinaus in die Oeffentlichkeit. Gewinn und Ehren warten seiner nicht. Die Anerkennung, die ihm die Welt versagt, muß er in sich selber finden. Und ist es nichl i etwas Herrliches, vom Glauben an den Fortschritt der Menschen beseelt, Gesittung und Bildung ins Volk zu tragen? Der Volksschullehrer, der cs ! ernst mit seinem Berufe meint, braucht niemand um Amt und Würden I zu neiden, er wirkt an einer vornehmen Stätte, der Bildungsstätte des Volks.--

Das letzte Heft war abgetan. Vollhardt schob den Pack beiseite und lehnte sich bequem zurück. Wie stets in traulicher Abendstunde ließ cr die Geschehnisse des Tages an sich vorübergleiten.

Aus der Residenz war ein Brief vom Lehrer Schmittborn gekommen. Der schrieb, er habe die Redaktion desSchulwart" übernommen. Seiner bekannten Gesinnung gemäß solle das Blatt eine andere Richtung er­halten, solle als unabhängiges Organ den wahren Interessen der Lehrer­schaft dienen. Er bitte den Kollegen um seine Mitarbeiterschaft.

Vollhardt bedachte, in welchem Sinne er zu antworten habe. Der neue Redakteur, der auch im Landtag saß, war ihm sympathisch. Ohne eine Verpflichtung einzugehen, würde er sich bereit erklären, demSchulwart" Beiträge zu liefern. Das bedeutete einen Entschluß für ihn, denn er Halls sich bisher jeder Meinungsäußerung in Fachblättern enthalten. Nicht, als ob er den großen Fragen, die seine Berufsgenossen in Atem hielten, teil­nahmslos gegenüber gestanden hätte in Stunden stiller Betrachtung hatte er längst seine Gedanken darüber niedergeschrieben, allein als abtrünniger Theologe, der in der Not zum Lehramt gegriffen, hatte ihn sein Feingefühl zurückgehalten, sich in der Bewegung der Volksschullehrer vorzudrüngen. Darüber waren Jahre vergangen. Nun kam der Antrag aus der Residenz und obendrein von einem Manu, an dessen Freimut nicht zu zweifeln war. Da mußten die alten Bedenken schwinden. Die Manuskripte lagen druckbereit. So bot sich ihm Gelegenheit, als Schul­mann öffentlich Stellung zu nehmen und damit der guten Sache zu nützen.

Er erhob sich und trat ans Fenster. Cs war Martini. Drangen wir­belten die ersten Flocken. Eine alte Bauernregel besagte:

Kommt Bischof Martin mit weißem Bart, Dann wird der Winter lang und hart.

Nicht ohne Sorge sah er dem Winter entgegen. Die Mängel der Woh- nung machten sich geltend. Mit Ausnahme des Arbeitsstübchens ließ sich kein Zimmer ordentlich Heizen, und der Hausbesitzer, ein großer Filz, war nicht gewillt, darin Wandel zu schaffen. Im Haushalt war nicht viel zu tun. Immerhin war's im Winter doppelt beschwerlich, das Wasser vier Treppen hoch hinauf zu schleppen. Die Belloffen hatte den besten Willen; allein ihre Körperkräfte versagten. Sie war jetzt häufig bett­lägerig. Statt ihrer kam die Lene Launsbach, das Notwendigste zu leisten. Die hatte ihre Fabrikstunden einzuhalten und stahl die Zeit sich förmlich ab.

Mit dem Mädchen gings ihm seltsam. Er wußte, sie war immer auf dem Sprunge. Dennoch hielt er sie zurück und plauderte mit ihr. Wenn er sie ansah, mußte er an die Worte des Erlösers denken:Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge gesund ist, so hat dein ganzer Leib Licht." Aus dem' Auge des Mädchens strahlte eine Kindlichkeit, der ihre Erlebnisse scheinbar widersprachen. Er blies mit den Philistern nicht in ein Horn, die da sagten, sie ist eine Gefallene. Ein Schurke hatte he betört. Trotzdem war sie rein geblieben. Bei all ihrer Herzenseinfmt offenbarte sie Gedanken, die einen in Erstaunen setzten. Erst diesen Vor­mittag hatte er sich über eine kluge Antwort gefreut, die sie feinem Buben gegeben. Das Gespräch der beiden war ihm frifch im Gedächtnis.

(Fortsetzung folgt.) ___