Deutschland, nicht wie dieses dem harten östlichen Landklima mit seinen großen Gegensätzen verhaftet, sondern dem günstigeren mittelmeerischen. Frankreich ist ein geographisch glückliches Land.
Nur auf zwei eigentümliche, besonders eigentümliche, besonders schöne Landschaften will ich kurz eingehen. Die eine ist die von Avignon. Auf einem Felsen an der Rhone erhebt sich die schöne edelgebaute Stadt mit der gewaltigen Papstburg. Im halb engen, halb weiten Rhonetal in einer südlichen Vegetation liegen hell und bunt Landhäuser und Dörfer. Drüben auf einem Berg steht Villeneuve, die Stadt mit hohen Ringmauern des Mittelalters, genau so und das ganze Landschaftsbild so, wie wir auf alten italienischen Bildern mittelalterliche Landschaften gemalt sehen. Es ist wie lebendig gebliebenes Mittelalter. Und im Landschaftszauber der Zauber der Verse von Petrarca, der in dieser Landschaft gelebt und sie gepriesen hat. Die andere ist eine noch viel „ältere", antiquarische Landschaft, eine Landschaft mit dem Zauber der ihrer Stoffe wegen altehrwürdigen Wissenschaften, die von Les Eyzies, im Herzen Frankreichs. Aeußerlich angesehen, ist diese Landschaft des Jura mit ihren weihen Kalkfelsen und grünen Auen nicht oder kaum verschieden von den entsprechenden im deutschen Iura, etwa bei Eichstätt, aber hier in den Höhlen der Felsen und unter dem Schutz überhängender Wände wohnten die ersten Europäer. Darin spricht sich auch eine Gunst der Lage Frankreichs aus. Ganz Nordeuropa lag unter dem Eis, halb Deutschland noch bedeckte der nordische Eisschild, und in den Räumen und Streifen vor dem Gletscher war es natürlich auch nicht geheuer. Frankreich aber hat nichts vom großen Eise gesehen. Dort siedelte also vorzugsweise und in großen Massen der Mensch, dort bekämpften und überdeckten sich jene Rassen, die als erste Bevölkerung Europas anzusprechen sind. Sie jagten ihre großen Tiere und bereiteten in vieltausendjähriger Langsamkeit dis Elemente der nur ein paar Jahrhunderts alten europäischen „Kultur" vor.
Eine Landschaft — auch das muß gesagt werden — fügt sich schlecht in den natürlichen Raum Frankreichs und in den natürlich-architektonischen Kreis seiner Landschaften, die elsässische. Sie liegt jenseits des Walles der Vogesen. Alle andern liegen im natürlichen französischen Raum, dessen Konzentriertheit wir geschildert Haden; diese liegt sozusagen draußen vor den Mauern. Die französischen, namentlich die populären Geschichtsbücher sind natürlich, wie übrigens alle volkstümlichen Bücher, besonders die Schulgeschichtsbücher aller Völker, voll der populären geschichtlichen Unwahrhaftigkeiten. Aber selbst in ernsten geographischen Büchern, auch in jenem zitierten vorzüglichen, haben die Verfasser einige Mühe, die elsässische Landschaft in den Kreis der französischen einzugliedern, und sprechen davon, daß hohe Berge und dichte Wälder diese Landschaft von den benachbarten trennen, wobei übersehen wird, daß hohe Berge und dichte Wälder das sind, was man sonst als „natürliche Grenze" gern bezeichnet. Das Volk in jener Landschaft spricht angeblich eine „Mundart", aber es wird nicht gesagt, daß diese Mundart leine französische, sondern eine deutsche ist. Die Franzosen — ich habe mich durch ganz Frankreich davon überzeugen können — wissen gemeinhin gar nicht, daß im Elsaß Deutsch gesprochen wird, mögen nun gewisse Elsässer diese Sprachentatsache werten, und mag es politisch bedeuten, was es will, wir sind nicht geneigt, es zu überschätzen. Aber ich vergesse nicht den Ausruf höchsten Erstaunens einer mir bekannten Pariserin, die eines Tages ins Elsaß kam: „Conunent donc, tont le monde parle allemand?!“
Wann wird die Erde zu Mein?
Zur Frage der zukünftigen Verteilung der Menschheit.
Von Professor Dr. Sölch, Heidelberg.
Durch die Auswirkungen des Weltkriegs und der Nachkriegszeit ist die Frage neuerdings stark belebt worden, was für eine Höchstzahl an Menschen die Erde überhaupt zu tragen vermöge und ob ihr die zur Verfügung stehende Gesamtnährfläche nicht über kurz oder lang (bei der gegenwärtigen Lebenshaltung) zu knapp werden müßte. Diese Frage hat schon früher die Wissenschaft beschäftigt, endlich die Sozialwissenschaften und die Geographie.
Wenn nun auch allen diesbezüglichen Schätzungen zahlreiche Fehlerquellen und Unsicherheiten anhaften und wir vor allem nicht in der Lage sind, die zukünftigen Leistungen der Menschen irgendwie voraus- zusagen, so stimmen die meisten von ihnen darüber überein, daß bei weiterem Anwachsen der Bevölkerung nur in^ den letzten 200 Jahren und bei dem gegenwärtigen höchstmöglichen Stand der Teck)nik kaum mehr als 6 bis 8 Milliarden Menschen auf der Erde Platz finden könnten. Heute beträgt die Gesamtzahl knapp 1,9 Milliarden. Die Frage ist: wo werden sich für sie neue Nährslächen finden? In den Tropen, soweit es gelingt, an Stelle der dortigen Urwälder in großem Ausmaße Kulturen von Brotfrüchten einschließlich Reis zu fetzen; in den hauptsächlichsten Trockengebieten, soweit sie gute Böden haben und diese künstlicher Bewässerung zugänglich gemacht werden können; ob auch in den Wüsten selbst, deren Böden ost weithin viel besser sind, als man erwarten würde, ist mehr als fraglich. Es wird sicher auch nock) gelingen, die Ergiebigkeit der Ackerfluren wesentlich zu erhöhen. Man wird ferner vielleicht daran denken, Fluren, die heute der Viehzucht dienen, für Getreidebau zu übernehmen, so weit sie sich überhaupt dazu eignen. Dagegen muß man wohl der Verwendung künstlicher Nährstoffe auch für die Zukunft mit größter Zurückhaltung begegnen. Schon nach wenigen Generationen dürfte also das Problem der Uebervölkerung einzelner Teilgebiete, wie es heute besteht, in seiner ganzen Schärfe lebendig werden. Wenn wir uns also nick)t auf den Standpunkt stellen wollen, daß uns alles, was später einmal sein wird, gleichgültig bleibe, 1° enussen wir so bald wie möglich die ganze Frage nach allen Richtungen hin untersuchen und auf Mittel sinnen, den bedrohlichen Zeit- ?schlt der beginnenden Uebervölkerung der Erde möglichst hinauszu- Ichieben.
Der Blick auf eine Dichtekarte der Erde zeigt sofort, daß Me größten Menfchenballungen von zweierlei Art sind. Die einen knüpfen sich an die Reisländer Monsunasiens und deren Nachbarschaft, die anderen knüpfen sich an die großen Industriegebiete der abendländischen Kultur. Diese gehen uns unmittelbar an; wir sind ja selbst nicht nur die Nutznießer, sondern auch die Leidtragenden der unerträglichen Volks- verdichtung, die ihren stärksten Ausdruck in den modernen Riesenstädten Europas und Nordamerikas, in geringerem Ausmaße auch bereits in denen anderer. Erdteile findet. Ihre Entwicklung wäre nicht möglich gewesen ohne die Entfaltung der modernen Industrie, des modernen Verkehrs, der modernen Arbeitsorganisation und des modernen Kapitalismus. Alle diese Erscheinungen der modernen Kultur haben aber, soweit sie auch in verwickeltster Wechselwirkung begriffen sind, ihre Voraussetzung in der Ausnützung der Kohle als Kraftstoff bzw. in der Verwertung der Dampfkraft. Mit Recht spricht man geradezu von der „Kohlenzivilifation", die aus den verschiedensten Gründen das Zusammenballen der Industrien und damit das der Menschen, und nach dem Gesetz der Selbstverstärkung abermals der Industrien und der Menschen begünstigt und auch dem geistigen Leben ihr Gepräge aufgedrückt hat. Vielfach unbekümmert um die Werte der benachbarten Nährfläche hat die Riesenstadt ihr Umland verschlungen und auf dessen Menschen aus seinem weiteren Umkreis an sich gelockt. Dem Aufblühen der Industrie und dem Wachstum der Großstadt stehen der Rückgang der landwirtschaftlichen Fläche und die Landflucht der Bevölkerung gegenüber. Die Riefenstädte ernähren sich nicht mehr von den Erzeugnissen ihrer Umgebung, sie haben auch die innere Verbindung mit dem Lande verloren. Aus weiter, oft überseeischer Entfernung müssen sie ihre Nahrungsmittel und den größten Teil ihrer Rohstoffe beziehen. An Stelle der Harmonie von Stadt und Land ist eine disharmonische Verstädterung getreten. Die Umgruppierung der Menschheit soll dem Lande wieder zu feinem Recht verhelfen, eine harmonische Verbindung herbei- führen, in welcher Stadt und Land wiederum nicht bloß als ein Ganzes schaffen, sondern sich auch als ein Ganzes fühlen.
Eine derartige Umgruppierung mühte aufs strengste die wirtschaftliche Ausstattung der einzelnen Räume beachten, namentlich an Nährfläche, aber auch überhaupt an natürlichen Wirtschaftsquellen und Vorzügen (3. SB. der Lage); sie müßte darüber hinaus auch all den anderen Erscheinungen der betreffenden Räume gerecht werden, wie sie nun einmal im Laufe der Geschichte geworden sind, vor allem den verschiedenen Tatsachen des Menschen. Das Wirtschaftsleben ist ja nur eine Seite der menschlichen Kultur. Gesellschaftliche Zustände und geistiges Leben, Wohlstand und Bildung, Gesundheit und Fortschritt hängen auf engste mit ihm und aufs mannigfachste untereinander zusammen. Soll nun dies alles entsprechend in Rechnung gesetzt werden, so müssen die einzelnen Landschaften überall nach ihrem ganzen Bestand, im weitesten Sinne des Wortes, aufgenommen werden und dauernd im Laufenden gehalten werden. Es handelt sich dann nicht mehr, wie es bisher geschah, um eine systematische Ausnahme der Kohlen- oder Erzvorräte der Erde, durchgeführt, weil man früher Raubbau getrieben hatte und schließlich ängstlich geworden war über die Dauer ihrer Ergiebigkeit; es handelt sich darum, den ganzen Kulturstand der Menschheit nach Landschaften zu ermitteln und nnd) den Fähigkeiten der einzelnen Land- fchasten die weitere Verteilung der Menschheit systematisch zu regeln.
Derartige Ausnahmen anregen zu wollen, erscheint heute wie eine Utopie. Aber viel von dem, was einst als solche verlacht wurde, ist später Tat und Wirklichkeit geworden. Im Bereich der britischen Inseln, wo die Uebel der Kohlenzivilifation am schmerzlichsten fühlbar geworden sind, ist man and) in den Versuchen, ihnen zu steuern, und sie an der Wurzel zu packen, am weitesten fortgeschritten. Zwar steckt auch hier alles noch in den Anfängen. Indes der Gedanke der Regional Snrveys, schon seinerzeit angeregt von dem großen französischen Soziologen Le Play, hat auf ihnen verheißungsvolle Keime gezeitigt und ergreift immer weitere Kreise. In England ist zuerst der Versuch der Gründung von Gartenstädten gemacht worden, dort haben Städt- und neuerdings auch Landplanungen besondere Aufmerksamkeit gefunden und besonders große Erfolge erzielt.
Eine solche Umgruppierung der Menschheit ernst ins Auge zu fassen, ist ja erst durch Fortschritte der Technik der jüngsten Zeit gegeben worden. An Stelle der früheren Kraft st offverfrachtung bzw. der Rohstoff- und Nahrungsmittelverfrachtung an die Fundorte der Kohle tritt gegenwärtig in steigendem Maße die Straft Übertragung. Die Elektrizität kann weit entfernt von den Stätten, wo sie gewonnen wird, verwertet werden. Aus dem mechanischen Zeit alter sind wir in das Zeitalter der Elektrizität eingetreten. Nun ist nicht mehr die Sammlung der Industrien an bestimmten Plätzen und die Ballung der Menschen in einzelnen wildwachsenden Riesenstädten eine höhere Notwendigkeit; vielmehr können Betriebe und Menschen wiederum mehr flächenhaft über das Land und in engerer Harmonie mit dem Lande und Berührung mit der Natur verteilt werden. In dem gleichen Sinne wirken auch die modernen Verkehrsmittel: Telegraph, Fernsprecher, Kraftwagen, Rundfunk. Immer weiter entfernt sich die Kultur der Gegenwart von der vorangehenden Phase der Kulturentwicklung und die Unterschiede zwischen beiden werden so groß, daß man (mit P. Geddes) ein neotechnisches Zeitalter einem paläotechnischen gegenüb erstellen kann. Diesen Augenblick in der Geschichte der Menschheit gilt es auszunützen, um deren zweckmäßige Verteilung für die Zukunft zu regeln.
Dabei werden aber alle die anderen Fragen lebendig, die aufs engste mit dieser Grundfrage Zusammenhängen: die Frage nach der Eignung der weißen Rasse für Leben und Arbeit in den Tropen; die Frage nach dem Anteil der weißen Rasse und der übrigen Rassen der abendländischen Kultur und der anderen Kulturen am schließlichen Gesamtbild der Menschheit und an deren Höchstzahl. Es müssen sich alle unsere Wissenschaften in gemeinsamer Arbeit in den Dienst der damit zusammenhängenden großen Aufgaben stellen. Der Geographie wird sowohl bei der Erkundung der einzelnen Landschaften als auch von deren Wechselwirkungen eine hervorragende Rolle zufallen.


