Would, handelte es sich ja doch nur darum, die Frage um einige Sekunden aufzuhalten.
Die Kellner hatten den ersten Gang gebracht, da kam die Frage: „Wo sind denn, Fürstin, Ihre schönen tscherkessischen Gäste?" Miß Would fragte es über den Tisch hinweg, ihre Unzufriedenheit nicht verbergend.
Die Fürstin lächelte charmant, sie beugte sich über den Tisch: „Ach, mein Fräulein Would, es ist leider so, daß diese tscherkessischen Fürsten —", oh, es klappte wunderbar, die Tür sprang auf, Muhamed und Ali in ihren langen roten Röcken, jeder mit einer Weinflasche bewaffnet, traten herein und stellten sich stramm, ohne die Gäste anzusehen, am Serviertisch auf, „daß die Tscherkessen, wollte ich sagen, durch die dummen Gerüchte ganz mit Unrecht zu Fürsten avanciert worden sind", vollendete sie heiter ihren Satz.
Das Gefolge der Fürstin hatte bloß ein leichtes Lächeln markiert, als kümmere sie diese an und für sich belanglose Tatsache nur wenig. Anders Mrs. Would, ihr Gesicht hatte sich mit dunkler Röte bezogen, sie warf einen schnellen, ängstlichen Blick zu ihrer Tochter hinüber.
Und Miß Would, was tat sie? Sie hatte Messer und Gabel niedergelegt, sie lehnte sich im Stuhl zurück und sah mit großen starren Augen auf Muhamed.
Die Fürstin gab das Zeichen zum Eingießen des Weins. Muhamed und Ali taten dies, wie immer, leicht und elegant, keinen Tropfen vergießend. Aber zitterte Muhameds Hand nicht doch ein klein wenig, als er der jungen Dams vom roten Wein einschenkte? Der Franzose, durch ein Augenzwinkern, machte den Tscherkessen verständlich, zu gehen. Die Fürstin ließ kein Schweigen aufkommen, sie plauderte unausgesetzt, aber sie fühlte, daß ihre Worte ins Leere gingen.
„Das ist aber schade", sagte mit einem Male Miß Would, die Fürstin unterbrechend und sie gerade ansehend. „Schön ist der eine wohl sehr, der Muhamed, wirklich schade."
Die Fürstin war verblüfft, das junge Mädchen hatte dies ganz sachlich und ruhig gesagt. „Ich bin sehr geschmeichelt, daß Sie das finden, Miß Would", sagte sie ein wenig unsicher.
Doch da lachte Miß Would laut auf. Es war unartig, dies Lachen, aber es gefiel der Fürstin und, die Wahrheit zu jagen, es verblüffte sie ein wenig. Noch mehr aber gefiel es ihr, daß das junge Mädchen nun ihre ganze Aufmerksamkeit den kleinen Gerichten des berühmten fürstlichen Kochs zuwandte, und daß sie mit bewunderungswürdigem Appetit zu essen begann. „Echte russische Gerichte," sagte sie dabei, „die sind wirklich, was sie scheinen. Iß auch, Mamie, das gibrs in Amerika Nicht."
Mrs. Would suchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber die Fürstin fühlte doch, wie sie getroffen war. Sie verabschiedete sich zwar ebenso herzlich, wie sie gekommen, aber ihre Jacht kam nie mehr nach Genua, so daß „Die russische Schwalbe" die Königin aller Jachten auf dem blauen Mittelmeer blieb.
Die französische Landschaft.
Von Josef Ponten.
Die französische Landschaft — das Wörtchen „die" wird uns, wenn wir den Ehrgeiz haben, es auszusprechen und mit Inhalt zu erfüllen, einigen Schweiß kosten. Nur vielleicht im Falle Rußlands kann man russische Landschaft und die russische Landschaft in großen Zügen für eines setzen, weil in Rußland entsprechend der großen Gleichförmigkeit der Natur das Zutreffen des Typisch-Gültigen im individuell-eigenartigen Sinne häufig ist, in der Mitte und im Westen Europas aber mehrt sich das Individuell-Besondere und auch (oft sehr stark) -Abweichende, und das Typische wird sich nur als Gleichförmigkeit innerhalb eines an sich nicht beherrschenden Hundertteils erhalten. Doch muß von diesen Landschaftsformen, die wie ein reiches Mosaik selbständiger Einzelformen die Typusformen umschließen, wenn wir ein halbwegs vollständiges Bild gewinnen wollen, die Rede fein. Wir kommen hier um eine kurze Skizze des Land- und Naturbaues nicht herum. (Und ich empfehle, die landläufige Angst vor der Karte zu unterdrücken.)
Frankreis Land setzt sich zusammen aus und die französische Landschaft basiert auf Bergländern und Beckenländern, es fehlt also das deutsche Tiefland, die Ebene im deutschen Sinne. Jene, die Bergländer, find die Pyrenäen int Süden und die Alpen im Osten. Ferner die alte Masse der Bretagne im Nordwesten, der Ardennen und Vogesen im Nordosten und der Auvergne und Severinen in der Mitte. Betrachten wir diese als unbewegliche feste Kerne, als alte Kykladeninseln, als einen Gebirgsarchipel, so bildeten sich mit dem Rückzug der Meere zwischen ihnen, sich an sie lehnend und auf sie stützend, die Beckenlandschaften, die drei großen, jede nach ihrem nächsten Meer offenen Beckenlandschaften: die nordfranzösisch-fränkische nach dem Kanal, die südwestfranzöfisch-aquita- nifche nach dem Atlantischen und die fudostfranzösisch-rhodanische nach dem Mittelmeer offene Beckenlandschaft, deren Tiefenlinien Seine, Garonne und Rhone sind. Das ist ein großartiger, einheitlicher und übersichtlicher Grundplan, und was natürliche konzentrische Geschlossenheit angeht, ist der Bau Frankreichs dem Deutschlands, das auch seiner tellurischen Anlage nach ein Uebergangsland zwischen dem Westen und Osten ist und tellurisch-konstruktive Elemente mit den Nachbarländern teilt, weit überlegen. Die Geschlossenheit des seelischen Raums Frankreichs, des Volkscharakters, auch die feines dramatischen, feiner Geschichte, ist in hohem Maße bedingt und grundgelegt durch die seines körperlichen Raums. Französische Landschaft erscheint wie eine große Sinfonie: die Grundthemen sind Becken, Räume mit zentripetalen Charakteren, die Seitenthemen Gebirgsgebiete mit (entsprechend den abstrebenden Wässern und allem, was damit zusammenhängt und daraus folgt) zentrifugalen Zentrum nicht in bezug auf das ganze Frankreich, sondern auf das tellurische Konstruktionselement des jeweiligen Raums, die natürliche Landschaft im territorial-formalen Sinne, soweit ein Gebiet eine natürliche Einheit ist, verstanden. So daß also viele Kreise mit ihren Zentren nebeneinander liegen, die schließlich von einem Ueberkreis und Ueberzentrum, dem französischen heutigen kulturellen und politischen Zentrum, Übergriffen
werden, Parts, an das sie, wenn man wtll, schon durch dte sternförmig ausstrebenden Eisenbänder der Schienenwege geschlossen werden.
Da ist namentlich die zentrale Gebirgslandschaft des Sevennenstocks in der Auvergne, wo aus den uralten Rumpfflächen der Granitmaffe junge tertiäre Vulkanlandfchaft entfproßte mit den eigenartigsten, bizarrsten und malerischsten Einzelformen, gegen welche die unsrer ähnlich entstandenen Eifel und Rhön im Vergleich zurückstehen müssen. (Und auf den auffälligen Felsnadeln wie auf zahllosen markanten Höhen die in Frankreich immer und allzu oft wiederkehrende Riesengestalt der Nor- tre-Dame.) Da ist ferner das uralte Rumpfland der Bretagne und Normandie mit Steinebenen von einer überwältigenden Melancholie und einem düstern Charakter, wie er Schottland und andre nordische Länder beherrscht; die Eigenart verstärkt durch die Kulturarbeit des sie bewohnenden, selbst uralten und dem Stamme nach nicht eigentlich französischen bretonischen Volkes, das einen merkwürdigen Individualismus innerhalb des zentralistisch und unisormistisch tendierenden französischen Volkes behauptet hat. An den europäischen Alpen hat Frankreich einen bedeutenden Teil, zugleich den ausgeprägtesten und, mit dem Montblanc, höchsten — die Höhe eines Gebirges bedeutet entsprechend der Dichtigkeit einander überlagernder Klimazonen immer formalen Reichtum. Aber nicht genug damit, ein zweites, eigenartiges Alpengebirge besitzt Frankreich zum guten Teil, die Pyrenäen; denn sie sind ein sehr schmales, aber verhältnismäßig sehr hohes Alpengebirge, unmegjamer und steiler als das zentrale europäische, ein wegen seiner Steilheit und südlichen Sage gletscherärmeres, das buchstäblich wie eine Mauer Frankreich von Spanien trennt, während „die Alpen" wegsam genannt werden können. Frankreich hat Jura als Anteil am Schweizer Jura, aber auch eignen Jura (wie Deutschland in Schwaben und Franken) in den Kalkwallumrandungen seiner Becken, den vorzugsweise Cötes genannten Wallmauern, gegen deren Steilseite von Osten kommende Heere immer anlaufen mußten. Selbst weite Sandgebiete, „Streusandbüchsen", die den ärmsten Norddeutschlands nichts nachgeben, gibt es in Aquitanien gegen das Meer hin, die der französische Inländer und auch der Ausländer im allgemeinen einem Land nicht zutraut, das als außerordentlich gesegnet gilt (Frankreich hat immer von eignen und fremden Vorurteilen moralischen Vorteil gehabt). Schade ist, daß man diese Gebiete nicht durchqueren muß, wenn man nach Paris, wie die sandigsten Norddeutschlands, wenn man nach Berlin fährt. Da die meisten Reisenden nur die Hauptstädte der Länder kennen, so wäre es für den Ruf Deutschlands besser, Berlin läge in Thüringen ober Franken. Ja, es gibt eine so trostlose, sumpfige und armselige Landschaft wie die Sologne im Loirewinkel südlich von Orleans — die Orleaneser Landschaft dürfte die ärmste Frankreichs sein —, also mitten im Herzen Frankreichs, aber welcher Reisende kennt auch diese? Freilich, eine arme Landschaft lernt auch der von Osten Kommende kennen, die der Champagne pouilleuse, der „Lause- champagne", wo der Kalk des Bodens durch den dünnen Humus hindurchtritt und die Landschaft weiß färbt — da die Front des großen Krieges durch sie hindurchging, haben viele der Unfern gerade an diese Landschaft die schwermütigste Erinnerung. Aber das sind nur kleine Räume in Frankreich, die sozusagen als Nullpunkte der Wertung der französischen Landschaft dienen mögen.
Welche Spannungen bestehen zwischen den französischen Landschaften! Frankreich, gerade nur Frankreich, ist zugleich ein nordisches und ein südliches Land. Oesterreich war es, und Rußland ist es noch, aber dieses steht außerhalb des engen europäischen Kreifes, und es bedarf schon einer Reise, auf der es vielleicht wiederholt Nacht wird, um von Rußlands Norden in den Süden zu kommen. Ein wenig ist es sogar England mit seinem wintergrünen atlantischen Süden. Ein wenig auch die Schweiz, die gerade hüben und ein bißchen drüben der Nord-Süd-Scheide liegt Aber Italien und Spanien sind rein südliche Länder, Deutschland ist ein rein nordisches. Frankreich aber, das größte Land des außerrussischen Europas, liegt, den Alpen seitlich angeschoben, genau so, daß es in den nördlichen und südlichen Raum hinein und bei seiner Gröhe weit genug reicht, um zwei Meere, bas Norb- unb bas Südmeer, miteinanber verbinden zu können. Auch Deutschland reicht an zwei Meere, aber das eine ist nur eine Bucht des andern, und ob auch bedeutende landschaftliche Gegensätze der Nord- und Ostseeküste vorhanden sind, ihre Spannung kommt nicht entfernt gleich der zwischen etwa der normännisch-breto- nischen unb der Azurküste. Ein Land, das in seinen Raum zwei so verschiedene Landschaften wie die der Bretagne und der Reviera Nizzas schließen darf, ist glücklich zu preisen. Was gäben wir Deutsche für ein Fenster aufs blaue Mittelmeer wie eine Stadt Nizza oder Cannes! In der Provence erzeugt vorzugsweise der silbergraue Delbaum das Md der mittelmeerischen Landschaft, und kehrt dort der schon recht unleidliche Sommer ein, so bedarf es nur einer kleinen, ach, so kleinen Reise, eines Katzensprungs hinauf nach Grenoble ober gar Chamonix, um im Dunkel nordischer Fichten ober beim Brausen ber Gletscherbäche bas Überblendete Gemüt ausruhen zu können. Die Provence möchte ich in vieler Hinsicht als die glücklichst gelegene Landschaft Europas bezeichnen, denn der Süden — auch der Süden kann furchtbar sein — ist in ihr noch milde und ber Norben ein nur eben sich melbenber scheuer Besucher. Und ist auch dort bas Wetter nicht günstig — nirgendwo in Europa ist das Wetter verläßlich wie eine Uhr, während man in gewissen, außereuropäischen Räumen seinen Regeln wie dem Gang der Uhr vertrauen darf —, so steht auf dem Bahnhof der rote P. L. M. (Paris—Lyon— Mediterranäe) bereit, um dich in einer Nacht nach Paris zu bringen. Wäre ich Franzose, ich würde in der Provence wohnen!
Da lebte in Tarascon im Städtchen an der schönen breiten und beruhigten Rhone der famose T a r t a r i n , der von uns — auch von seinem französischen Dichter-Vater — als der typische Franzose empfunden wird. „ .
Wie nahe ist für Paris das Meer, es gibt eine „Paris-plage , «” nahe auch Die seltsame Bretagne, das binnenländische Mittelgebirge, oa randländische Hochgebirge! Auch das Klima ist ausgeglichen unb mno, es ist im großen unb ganzen Seeklima, unb wo es bas nicht ist, da y es, wie in dem auch auf große Strecken dem Seeklima untertane


