Ausgabe 
13.5.1929
 
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GiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1929 Montag, den 13. Mai ~ Nummersr

Was mir fehlte.

Von Theodor Fontane.

Wenn andere Fortunens Schiss gekapert. Mit meinen Versuchen hat's immer gehapert, Auf halbem Weg, auf der Enterbrücke, Glitt immer ich aus. War's Schicksalstücke? War's irgendein großes Unterlassen? Ein falsches Die-Sach-am-Schopfe-fassen? War's Schwachsinn in den vier Elementen, In Wissen, Ordnung, Fleiß und Talenten? Oder war's ach, suche nicht zu weit, Was mir fehlte, war: Sinn für Feierlichkeit. Ich blicke zurück. Gott sei gesegnet, Weni bin ich nicht alles im Leben begegnet! Machthabern aller Arten und Grade, Vom Hof, von der Börse, von der Parade, Hamens" mit und ohne Schnitzer, Portiers, Hauswirte, Hausbesitzer, Ich konnte mich allen bequem bequemen. Aber feierlich könnt ich sie nicht nehmen.

Das rächt sich schließlich bei den Leuten, Ein jeder möchte was Rechts bedeuten. Und steht mal was in Sicht oder Frage, So sagt ein Reskript am nächsten Tage: Nach bestem Wissen und Gewissen, Er läßt doch den rechten Ernst vermissen, Alle Dinge sind ihm immer nur Schein, Er ist ein Fremdling, er paßt nicht hinein, Und ob das Feierlichste gescheh, Er sagt von jedem nur:fa il Re!"

Suche nicht weiter. Man bringt es nicht weit Bei fehlendem Sinn für Feierlichkeit.

Fürst Muhamed.

Von Theophile von B o d i s c o.

Die alte Fürstin reiste nach Nizza. Sie reiste nur, weil sie die Mil­liardärin Would haßte und weil sie ihre Pläne ergründen wollte. Eigent­lich sehnte sie sich schon nach ihrer Jacht, wollte auf den blauen Wellen des Mittelmeeres schaukeln und mit besonders gutem Appetit speisen. Aber man durfte seine Feinde nie aus den Augen lassen.

Die alte Fürstin war nicht nur unermeßlich reich, sie war auch von erlesenster Vornehmheit. Viel älter war ihre Familie als die der Roma­nows, eine Tatsache, die sie ihrem Kusin, dem Zaren, manchmal scherzend vorhielt. Mäzenatentum großen Stils, Wohltätigkeit, Geselligkeit in aller- kultiviertester Form waren Tradition ihrer Familie. Ihre Person erhob sich aus einem wunderbaren Rahmen, aus tiefen, byzantinischen Hinter­gründen. Alles das hatte die Would nicht erfaßt, sie hatte es gewagt, eines Tages gleichfalls eine Jacht in Genua vor Anker liegen zu haben, und zwar eine, deren Größe und Pracht die der Fürstin übertraf. Wenn sie auch bloß nach ihrer TochterMary" hieß, hatte sie doch bereits in einem RennenDie russische Schwalbe" besiegt.

Die Fürstin war es nicht gewohnt, daß jemand ihr gleichen wollte. Daß es da in jenem Amerika Leute gab, reicher als manche regierenden europäischer Häuser, wußte sie natürlich, aber immerhin war doch nie­mand berechtigt, ihr den Weg zu kreuzen. Konnte man ihr Geld, beruhend nuf so und soviel russischem Boden, auf Wäldern, Flüssen, einem Heer Wn Bauern, vergleichen mit einem Reichtum, der durch Trustbildung und Judustriepapiere entstanden war? Die Would war ja Überhaupt gar keineGeborene", sie war ohne jegliche Tradition und Vornehmheit, ohne .kil der Persönlichkeit. Der Fürstin war es manchmal so erschienen, als roc9e sie geradezu nach Del und Maschinen. Nahm man ihr das Geld, was blieb ihr dann noch übrig? Sie war bann eben einfach nur die arme JJirs. Would, während sie, die Fürstin, aus ihrer Höhe gestürzt, immerhin noch eine tragische Persönlichkeit geblieben wäre.

Die Fürstin kam in Nizza in ihrem Waggon an, begleitet von ihrem gewohnten Gefolge, den Sekretären, der Gesellschafterin, dem Koch, den Jungfern und den beiden tscherkessischen Dienern. Sie war angenehm »ovon überrascht, daß ihre Ankunft Sensation erregte. Herzlich mußte l'e darüber lachen, als sie am andern Tag in der Zeitung las, daß sie MMal unter ihrem Gefolge auch Gäste habe, nämlich zwei wunderschöne ljcherkessische Fürsten. Muhamed und Ali, beide sehr groß, gut gewachsen.

mit großen, wilden Augen und gelblich-brauner Gesichtsfarbe, sahen, in ! u I\lc!.n9en- "m Röcken und hohen, weißen Fellmützen, in der Tat sehr schon aus. Muhamed war der Schönere, wenn er die Arme über der Brust kreuzte, die Nasenflügel blähte, die Lippen verzog, daß die weißen Zahne blitzten, war er unübertrefflich. Die Fürstin ging mit allem ihrem Volk aus der Promenade spazieren, die Tscherkessen gingen direkt hinter ihr. Aller Augen sahen ihr nach. a

Muhamed und Ali hatten keine andere Pflichten, als ihre Herrin zu bewachen und ihr den Wein einzuschenken. Während der Reisen waren sie schwer bewaffnet und hätten jeden umgebracht, der ohne Erlaubnis den Wagen der Fürstin betreten hätte. Sonst aber hatten sie völlige Frei- he>k, durften spazieren gehen oder schlafen, wenn sie sich nur zu den Mahlzeiten wieder einstellten. Wie erstaunt war die Fürstin daher als zum Frühstück des anderen Tages Muhamed nicht erschien. Ali wußte von nichts. Wo mochte er geblieben fein, er, der doch nur seine eigene Sprache verstand? Die Fürstin war erregt, und als Muhamed, verspätet und ein wenig verwirrt, erschien, forschte sie ihn selbst aus.

Mit blitzenden Augen erzählte Muhamed nun alles. Er hätte vor dem Hotel gestanden, da wären einige Herren und Damen an ihm vorüber­gegangen. Alle hätten ihn gegrüßt, ihm die Hand gereicht. Er hätte mit 'hnen gehen müssen und zusehen, wie sie die Bälle übers Netz warfen. Man habe auch ihm einen Schläger gegeben, und alle wären sehr ver­wundert gewesen, daß er das Spiel gleich verstanden habe. Die eine junge Dome, die Amerikanerin, die alle anderen befehligte, habe sich besonders viel mit ihm abgegeben. Als ihr Auto vorfuhr, habe sie den Chauffeur fortgeschickt und ihn, Muhamed, mitgenommen. Kein Widerspruch habe geholfen. Sie lenkte selbst. Als sie kurze Zeit gefahren wären, hätte sie angehalten. Hier stockte Muhnrneds Erzählung.

Und bann?" fragte bie Fürstin ungebuldig.

»Und bann war es so, wie es mit allen Mädchen ist", gestand der schone Muhamed.Sie wollte, baß ich sie küssen sollte." Seine Augen sahen bie Herrin gerade und treuherzig an, aber seine gelbbraune Ge­sichtshaut war ganz dunkel geworden.

"Das tatest du doch hoffentlich auch?" fragte die Fürstin, und ihre Augen leuchteten.

Ja, sürstliche Hoheit, ich küßte sie, weil sie cs befahl."

Und hast du dir auch genau den Wagen angesehen, Muhamed»" Die Fürstin war sehr erregt;war er vielleicht groß und blau und hatte er nicht einen Buchstaben an der Tür?"

In, es war ein amerikanischer Wagen, und es war solch ein europä­isches W an der Tür."

Ich danke dir, mein Freund, es ist gut, du kannst gehen."

Die Fürstin richtete jetzt den funkelnden Blick auf den französischen Sekretär:Es war Mrs. Woulds Wagen. Miß Would hat sich in Mu- hained verliebt. Ganz Nizza weiß von ihrem Flirt." Die Fürstin sagte dies wohl ganz wie beifällig, aber der Franzose spürte doch ihre tiefe Genugtuung. Er lächelte devot.

Wir dürfen aber die armen Woulds nicht länger im Irrtum taffen" fuhr die Fürstin fort.Schreiben Sie ihr, laben Sie bie beiben Damen morgen zum Frühstück ein." Sie lächelte vor sich hin, es gab boch wie es schien, unsichtbare Schutzgeister, die die Gerechtigkeit in der Welt wiederherstellten!

Die Fürstin machte sehr sorgfältige Toilette. Sie wählte eine rötlich- blonde Lockenperücke zu einem hellblauen Seiden-Erepe-Kkeid. Sie ließ reichlich rouge auftragen und setzte einen großen Florentiner Strohhut aus, dessen Samtbänder unter dem Kinn zusammengebunden waren. Der Spiegel sagte ihr beruhigend, daß man ihr höchstens einige 50 Jahre gebe, daß die soeben überschrittenen 70 in nichts anzumerken wären. Die Fürstin trug außer dem berühmten rosa Brillantring nur eine lange Perlenkette, aber der japanische Schoßhund, mit den melancholischen schwarzen Augen, hatte ein wundervolles Kollier um, aus lauter bunten Edelsteinen, das mit einer hellblauen Schleife geschlossen war. Es war hu Salon gedeckt worben, überall standen rosa Rosen in hohen Vasen umher.

Die Gäste erschienen. Mrs. Would in ganz einfacher Heller Waschseide kam schnell auf bie Fürstin zu, sie überaus herzlich begrüßend. Sie schien nichts von Rivalität und Haß zu spüren. Miß Would mit hängenden Armen, bie sie sportsmäßig schlenkerte, erinnerte immer noch mehr an einen Jungen, als an ein Mäbchen. Sie batte aber ein waches Gesicht mit feinen Zügen unb einem großen sinnlichen Munb mit prachtvollen Zähnen. Ihre Art hereinzukommen, mar nonchalant, boch sicher. Neben der Fürstin stanben ihre Sekretäre unb ihre Gesellschafterin. Miß Would überflog bie Anwesenbcn unb bie Kuverts am Tisch mit schnellem Blick unb runzelte bie Stirn.

Sie setzten sich.Was antworte ich, wenn sie jetzt schon nach meinen Fürsten fragen?" buchte bie Fürstin, aber der kluge Franzose ließ Miß Woulb nicht zu Worte kommen. Das gleiche tat die Fürstin mit Mrs.