Ausgabe 
12.8.1929
 
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zum aller sein Ort. Zeit

ihm aber zwei schöne Mädchen ins Haus schickten, da griff er Stab und wanderte aus. Da suchte er nach dem unzugänglichsten Berge, der so steil wie sein Glaube und so unbezwinglich wie Gelübde sein sollte. Und daher dünkt mich die Schwebebahn fehl am

vereinzelten Lorbeerbäumen am Steilhang, vom Feuer der Inbrunst aber glühend wie der Ginster, zur Gnadenstätte hinausquälen. Die Abtei empfängt sie dann patriarchalisch mit Wasser und Brot im kühlen Säulengang, sie ist ihnen der Heiland, der den Aermsten der Armen die schmerzenden Füße wäscht.

das war der Kartoffelacker weit am Wald, auf dessen Rain man die Ziegen hütete. Kartoffelfeuer brannten, und herrlich schmeckte die braune, innen weiße, köstlich duftende Frucht. Da war die Grube mit Esse und Förderturm und Getöse, Rüderrattern, Maschinengestampf, Ruß, Staub und Dampf. Da war die Halde, lang hingestreckt, silbrig durchschimmert, mit kleinen, bläulichen Zünglein, die über das graue Fell des Abhangs leckten. Da war der große, unheimliche Grubenteich, vor dem eine Tasel stand mit einem Totenkopf darauf. Ein grausiges Reich, das das Kind nicht zu erforschen wagte, wenn auch seltsames Getier an seinem Ufer lockte. Ganz zuletzt kam die Nacht mit Mond und Gestirn.

Eines Tages umschloß Kindchen mit inbrünstigem Gefühl seine Welt, soweit es sie aus sich ausgebaut hatte, und in seinen Augen brannte eine Frage:Dies alles?" fragte es mit einer scheuen, frohlockenden Innig­keit.Deine Heimat", sagte Mutter.

Das heilige Felsennest.

Von Dr. Gustav W. Eberlein.

M o n t e c a s s i n o, im Sommer 1929.

Den O-Zugwanderer, der von Rom nach Neapel fährt, um schnell noch den Vesuv mitzunehmen, befällt ein leichtes Gruseln, wenn er vom Lendenstück mit grünen Erbsen aussieht und die sonderbaren Berge bemerkt, die aus der Campagna auftauchen wie einsame Klippen. Alle tragen auf der Spitze, die zuweilen hundenasenhaft auslüuft, eine Krone, wie die Backfische sagen, ein Räubernest, wie die mannhaft dreinhauenden Kreuzfahrer des gesitteten Speisewagens versichern. Nichts für unsereinen! Muß ja einen Pieps haben, wer da hinauf­krabbelt!

Die Einwohner der Felskronen find Bauern und Städter, denn die Nester, so primitiv es in manchem noch zugehen mag, haben etwa die Größe, wenn auch nicht die saubere Gemütlichkeit kleiner deutscher Universitätsstädte. Es gibt dort Schulen und Museen. Die vermeint­lichen Räuber haben auch nicht den Pieps gehabt, als sie sich wie die Letzten der Sintflut auf die höchsten Gipfel zurückzogen, sondern sie wichen vor den schlimmsten Feinden: den Menschen und den Stech­mücken. In der Ebene hat es immer Kriege und Malaria gegeben, Plagen, gegen die ein Rudel Abruzzenwölse erträglich scheint.

In dieser heroischen Landschaft, in der auch die deutsche Macht ihre Gipset erreichte, um mit Konradin in der Ebene zu sterben, in dieser unverbildeten Bergeinsamkeit, die zum Herbsten und Erhabensten gehört, was das sonst so verkitschte Italien zu geben vermag, in die­sem Auf und Ab zwischen Strandglut und Apenninenschnee findet man isolierte Kegel, deren Scheitel zu schmal war für die Ansiedlung von Dörfern. Dann haben sich fast immer Klöster eingenistet wie Adler­horste, und reichte der Platz auch dafür nicht aus, so doch für die Klause eines Eremiten. Hier ist die Heimat der Heiligen, hier steht die Wiege der Kreuzzüge, von hier zogen aus die Bonifatius und die Wilfried, die Agostino und die Willibord, das Heil auch jenfeits der Berge, jenseits der Alpen und Meere zu verkünden. Hier ist die Schule des Benediktinerordens. Auf einen der mächtigsten und einsamsten Felsen baute Benedikt seine Kirche, indem er den Tempel des Apoll zerstörte, aus den Monte C a s s i n o. Als er Feuer in den heiligen Wald legte, der die Kultstätte des fremden Gottes geheim­nisvoll umgab, da schrieb man das Jahr 529. Und so pilgern wir nun vierzehnhundert Jahre rückwärts . . .

Nicht nur die Mönche, alles, was von Pilgerzügen lebt, hofft auf den Papst. Die erste Ausfahrt werde ihn. nach Montecaffino führen, fo geht die Rede. Das wäre ja nun freilich eine wundersame Weihe der Säku­larfeier.

Vielleicht sind die guten Leutchen von Cassino, dem uralten Städt­chen, das am Fuße des über fünfhundert Meter hohen heiligen Felsens liegt, ein bißchen z u aufgeregt. Sie drucken nicht nur kistenweise An­sichtskarten, sie bauen auch eine Autostraße zu dem Kloster hinauf, sie haben sich Hals über Kops sogar in eine übermoderne Schwebebahn ge­stürzt, damit die gebührenderweise an den Anfang dieses Artikels ge­stellten Polsterpilger nur ja keinen Schritt zu Fuß tun müssen. Bene- bitt ist vor Verwunderung zu Stein erstarrt, wie man droben sieht.

Der Ordensstifter scheint nämlich nach allem, was wir von ihm wissen, nicht das Leben so mancher Heiligen geführt zu haben, die das Kreuz am Wege ober zwischen den Stangen eines Hirsches erst erblickten, als sie der irdischen Freuden satt waren bis zum Halse. Schon als junger Mann zog er sich von der Welt zurück und warf sich, die Versuchung zu ersticken, nackten Leibes auf Disteln und Dornen. So war sein kämpf kein leichter. Man steckte ihm vergiftetes Brot zu, das focht ihn nicht an. Ein Rabe nahm es ihm aus der Hand und trug es in den dichtesten Wald. Man ließ das Schlangengezücht des Neides auf ihn los, als er überraschend schnell so viele Anhänger fand, daß er . zwölf kleine Klöster einrichten konnte. Das war in der Nähe von Su­biaco, dort, wo Nero seine künstlichen Seen hatte (daher der Name Sublacus) und jetzt wieder Stauseen als das Modernste vom Moder­nen gezeigt werden. Eines der zwölf Klöster der zwölf Asketen ist heute noch nach dem Heiligen, ein anderes nach feiner Schwester Scholastika genannt.

Benedikt wurde seiner Feinde lächelnd ober kämpfenb Herr. Als sie

Es gibt natürlich auch Pilger, die bewußt in einer anderen lebend jedes Fahrzeug verschmähen und sich, müde und staubig wie die

Eine Loggia ist da, ein Ausblick von den Urmauern heidnischer Wucht ins blühende Tal hinunter, der heißt loggia del paradiso. Wer weilte hier nicht schon alles, wirbelnder Gedanken voll? Männern, die dem Abitur stehen, ist der Besuch in Begleitung eines Geschichtssor- schers entschieden abzuraten. Ach du gütiger Benedikt, wie schlecht ist es doch um unser Wissen bestellt! Die Menschen, die Geschichte mach­ten, litt es chimlich' merkwürdigerweise nicht da unten im Paradiese, sie muhten alle, alle den kahlen Berg haben, partout den Berg. So kam es, daß das Kloster siebenmal zerstört und siebenmal wieder aus- . gebaut wurde.

Einer der erste Gäste Benedikts war T o t i l a, dem er gehörig die Leviten las. Dann kamen die Langobarden. Karl der Große be­suchte die Abtei schon dreizehn Jahre vor seiner Krönung in Rom. In den Kämpfen mit den Sarazenen, an die noch ein verfallener Wacht­turm erinnert, ging die jahrhundertelang durch Brand und Blut geret­tete Ordensregel zu Grunde, die Mönche aber liehen sich nicht ent­mutigen.

Sie haben nid)t nur gebetet, sie hatten ja auch zu arbeiten und zu forschen gelernt. Mit derselben Genauigkeit, mit der sie auf ihren Per­gamenten die historischen Ereignisse festhielten, mit derselben Liebe zur Wissenschaft richteten sie eine Erdbebenwarte ein, die älteste der Welt. Sie beginnt mit dem Jahre 1005 Und verzeichnete bis 1887 nicht weni­ger als 453 Erdbeben, die meisten lokaler Natur, denn der Berg ist von zahllosen Kalksteingrotten durchsetzt, die sich ost senken und ein­stürzen. Eines aber, es war am 1. September 1349, schüttelte Kirche und Kloster zu einem unförmigen Haufen zusammen. Die Herrschaften des Mittelalters haben ihr Mögliches getan, um hinter den Natur- gcroalten nicht zurückzubleiben . . ,

Aber lassen wir die dunklen Blätter, ein Jahr des Festes zieht ja in Parade vorbei. Gelassen wie andere Stürme nimmt die Festung des Glaubens auch Jubel und Trudel hin. Benedikts Riesenstatue sieht bei Lieht betrachtet gar nicht mehr so abweisend aus, und auch seiner Schwester Scholistika leuchtet das Herz durch den rohgestalteten Stein. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, hier begreift man den frommen Spruch. Da zeigt man die Tür, wo der Heilige den Sohn eines Bauern erweckte, wo während einer Hungersnot zweihundert Säcke mit Mehl niedergelegt wurden, niemand weiß von wem. Drunten der Eindruck einer Oelflofche, die beim Sturze nicht zerbrach, im Felsen deq. Abdruck vom Ellbogen, als Benedikt ausglitt. Kindliche Geschichten, mag fein, aber jede unsterblich für das Volk, das zum Teil in ebenso alten Trachten aus nah und fern herbeiströmt.

Drei Klöster, untereinander verbunden, dann noch ein viertes. Die Basilika. Dorische und korinthische Säulen. Wo hört das Altertum auf, wo fängt das Christentum an? Es ist der Geist, der die Frage beant­wortet, der Geist, der sich, manchen Archäologen unsichtbar, im Stein abdrückt. Wandelgänge. Eine Bronzetür, die in Konstantinopel gegossen wurde. Mosaik und Intarsien. Und dann der ewige Künstlerstreit: Beuron hat hier gewirkt, die deutsche Schule des Bildhauers Lenz, .dem man vorwirst, den kühlen Norden in den heißen Süden getragen, gerade über die Krypta, in der die heiligen Geschwister der Auserstehung entgegenschlummern, einen fremden Mystizismus ausgegossen zu haben. Nun, es gibt heilige Stätten, die noch kälter wirken, man denke nur an Jerusalem. Die Andacht eines blühenden Wiesengrundes, die Pracht des Lebens, die rings um den Berg schwebt als eine einzige Gloriole, die kann eben kein Sterblicher einfangen. Es atmet ein jeder auf, der aus Museen ober Mausoleen der Geschichte wieder hinaustritt ins rosige Licht.

Den großen Gedanken Benedikts, ihn nimmt keine Ansichtskarte und keine Pilgermedaille mit, man muß ihn in sich haben oder man hat ihn nicht. Astrologen sind da, die ihre Kreise ziehen, Propheten, die bedeutsam darauf aufmerksam machen, daß auch der Mann, der die römische Frage löste und damit dem Papste gerade in diesem Jahre den Weg nach Monic- cassino ebnete, Benedikt heißt, der Gesegnete ... Benito, der Rebell, Bene- detto Mussolini ist in den Schoß der Kirche zurückgekehrt ...

Die berühmten Inkunabeln in der Klosterbibliothek gilben ergeben vor sich hin. Grübeln und Lächeln. Sicher gibt es Menschen, die das ebenso­wenig verstehen wie die Lehre, nach der sogar die Zeit relativ ist.

Dieses Lächeln unter Grübeln aber kann man auf der loggia del Paradiso lernen.

Die Welt des Traumes.

Von Dr. Hans H a j e k.

Das geheimnisvolle Land der Träunre beschäftigt die Menschen seit langem. Soweit sie, wie Urvölker und Kinder, Traumwelt undWirk­lichkeit" nicht voneinander zu scheiden vermögen, ist ihnen der Schlaf- träum nur eine Fortsetzung des wachen Lebens, sreilich doch eine seltfame: die Toten scheinen im Traume wieder lebendig, und die eigene Seele geht auf ferne Reisen. Dieser jenseitige Zug des Traumes ver­stärkt sich, je deutlicher die wahre Wirklichkeit des Tages von den Phantasiebildern abgetrennt wird. Der naive Mensch dieser Alltagswirk­lichkeit deutet den Traum als Botschast, als Weissagung, als War­nung, als Verkündigung.Träume sind ©djäume" trösten sich da­gegen die Aufgeklärten. Aber ihr Trost ist faul: wir alle roiffen, Bag uns ein böser Traum Tage lang nachgehen und uns allen frohen nehmen kann. .

Die Wissenschaft von. der Seele, Psychologie genannt, hat mit oen Traumerscheinungen wenig anzufangen gewußt. Von ihnen zu spre­chen, war ihr immer mehr Verlegenheit als willkommene Ausgabe. rag von außen kommende körperliche Reize (aber auch von innen ^kom­mende, die sogenannten Leibreize) Träume auslösen können, daß bi Erlebnisse des Vortages häufig in den Traumbildern auftauchen, Bag der Traum scheinbar kritiklos Vorstellung an Vorstellung hängt, Bari demassoziativen Denken" der Naturvölker und der kleinen Smu ähnlich, daß diese Vorstellung hauptsächlich der Welt des Auges u viel weniger den andern Sinnesgebieten angehören das sind gc®'" alles bedeutsame Erkenntnisse, aber keine einzige von ihnen tiefer in die geheimnisvollen Gesetzlichkeiten des Traumlebeits Yw