Ausgabe 
12.8.1929
 
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SiehenerKninIienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1929 Montag, den \2. August ~ Nummer 62

Hochlandsschweigen.

Von Christian Morgenstern.

Stille, Stille ... nur des Baches fernes Rauschen in der Kluft und des Abendwindes schwaches Flügeln durch di« helle Lust ..4

Wettertanne ruht und feiert ... Gipfelgold oergeiftert facht ... Und ein zart Gewölk entschleiert zögernd das Gestirn der Nacht ...

Kinderland.

Von Gertrud Aulich.

Jemand fragt ein kleines Mädchen, das man während der Ferien in eine entlegene Sommerfrische verschickt hatte: Nun, ist dir nicht bange nach Zuhaus? Ein schmerzlich verzogenes Mäulchen müht sich zu ant­worten, dann folgt ein Tränenstrom und nun bricht das tapfer nieder­gehaltene Heimweh hemmungslos hervor . . .

Ja, Heimweh ist Kinderweh, Heimat ist Kinderland. Der Erwachsene, Reife, Gesunde kennt kein Heimweh, der mit feinem Lächeln Wissende, daß überall gleiche Erde und gleicher Himmel ist, überall dieselbe Sehn­sucht nach Unerreichbarem, überall derselbe Segen und Fluch der Arbeit, überall von gleicher Flüchtigkeit Glück, von gleicher leichter Beschwingt­heit Freude, von törichter Seligkeit Liebe, von herber Bitternis Tod.

Kinderland ist Märchenland, ist Anfang alles Geschaffenen, ein neues Werden für jegliches Wunder ringsum. Ist dieses Stück Erde schon ge­wesen? Nein, Kinderhände haben es geschaffen, indem sie mit zärt- llch unbewußtem Staunen darüber hintappten. Blühte jene Blume schon, am Rande des kargen Gemüsebeetes, sang bereits der seltsame Vogel im kleinen verkrüppelten Birnbaum, der mit den Zweigen wie mit Fingern nach Licht und Sonne griff? Nein, nichts war da, ehe das Kind es ent­deckte. Eines Tages öffneten die schlafbefangenen Augen sich, sprangen die traumschweren Ohren auf und schufen Wunder um Wunder. Oh, das kleine Haus mit dem engen Flur und den ausgetretenen Steinstufen war vielleicht schon da, aber dem Kinde ist es etwas Unendliches, etwas Kostbares, das sein Gefühl noch nicht zu umspannen vermag, mit dem die kindliche Phantasie sich langsam und schüchtern vertraut macht, und für dessen Begriff der noch unbeholfene Mund ein flüchtig gehörtes Wort nachhallt. Haus! sagt das Kind, ober die Vorstellung von geheimnisvollen Schlössern aus einschläfernden Märchen vermischt sich mit diesem Be­griff, und erst später mag dem Kinde auffallen, daß das Elternhaus weder von Gold noch von Marmor ist, daß nicht Turm noch Kuppel, weder Zinnen noch Erker es zieren. Es vermißt dies Beiwerk nicht, genug, daß die Steinmauern mit dem schräg geneigten Dach seine Welt um­fassen.

Wie groß ist wohl die Welt? O sie ist zum Staunen, ja zum Fürch­ten groß. Da ist der Garten mit dem windschiefen Bretterzaun, den die Kinderarme nicht zu umspannen vermögen, wenn sich auch hundertmal eine Länge an die andere fügt. Ungeheure Dinge tun sich darin, denn warum würde es sonst so rascheln, wispern, zirpen, raunen und rauschen? Ein schmaler Gang ist da, ganz von Brennesseln und Löwenzahn überwuchert. Einen ganzen Nachmittag läuft, geht, kriecht ihn das Kind auf und ab, sinnt und versucht nachzudenken, ohne je zu Rande zu kommen. Das erste fremde Weh erfährt es, den ersten Schmerz, der nicht von Vater und Mutter kommt; worüber es sehr erstaunt: Brennesseln haben es ge­brannt, eine Biene, die es mit der Blume pflücken wollte, hat es ge­stochen, und nun weiß es nicht, war dies Liebkosung oder Arg.

Reich und voller Wunder ist Kinderland, aus dem die Heimat wächst. Was ist dies, höher als das Haus, das mit vielen Händen und Fingern in den Himmel will? Der Wind fängt sich darin und singt, der Sturm |d)ütte(te es, dann fallen grüne Kugeln herab, die das Kind in den ginger stechen und die ganz bitter schmecken, wenn man sie essen will. Das ist der Kastanienbaum, sagt der Vater. Oh, die alten Birnbäume wit dem spitzen Wipfel, den schön gerundeten Apfelbaum, die weit- ausladende Kirsche, die kennt das Kind schon. Es weiß, daß man sie nicht gering einschätzen darf, denn sie haben saftige Früchte, von denen oft viele im Grase liegen und wenn ihre Stämme auch nicht hoch und ihre Kronen nicht so stattlich sind, kann man immerhin sehr unsanft herabfallen, versucht man an dem rissigen Stamm hochzuklettern.

Wie war das, als das Kind den ersten Vogellaut vernahm? Ganz klein war es noch, konnte eben im Fenster hocken und den Schmetter- »ngm zuschauen, di« ein rotblühende» Nelkenbeet umtanzten.

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Bume", sagt das Kind undling, ling" und versuchte, mit den kleinen mrgeschickten Händen die zierlichen Dinger im Fluge zu er* haschen. Da sagte etwaspiep!" und wiedertuit tmt tütütütü!" Dis Kinderseele sandte alle Sinne nach dem Rätselhaften aus, da fanden es die Augen in der Kastanie sitzen, die ganz zartes, junges Märzgrün verhielt das Kind, aber der Mund mußte fragen.

Vogel! benannte die Mutter es.

Immer und immer Neues und Seltsames entdeckte das Kind, und die Mutter gab ihm einen Namen. Im durchsonnten Grase war etwas auf den Rücken gefallen und zappelte:Käser!" sagte die Mutter- . m die Biegung des Flurs huscht« es grau und gleitend und verschwand im Spalt der Kellertür.Maus", sagte Mutter. Quer über eine Zimmer­ecke schillerte es bunt und silbern und war ein Spinnennetz, fein und fest ««webt, und die Spinne lief mit hurtigen Füßchen über ein haar­dünnes Fädchen. Immer häufiger fragte das Kind, weil die Augen das Schauen nicht mehr bewältigen konnten, und immer größer wuchs Welt und Umwelt. Der Garten war durchforscht, der Hof schloß sich an mit Brunnen und Hundehütte und Ställen. Wie war es denn möglich, daß es so viel verschiedene Dinge gab! Alle hatten andere Namen, den man sich merken mußte. Aus den Dingen wurden Gespielen, Kameraden, Freunde, Feinde. Sie kannten das Kind nun und machten die Welt seines kleinen Tages warm, heiter, vertraulich und wundersam. Aber auch vorsichtig. Täubchen flug gurrend herbei, wenn Kindchen Körner streute, Hühnervolk umflatterte es, aber den bösen Gänserich mußt, scheuchen. Hündchen rief von weitem wauwau, aber das hieß guten Tag, leckte ihm Beine und Hände und tanzte vor Freude um sich selbst. Hündchen war gut und verläßlich. Kätzchen war auch gut, aber nicht im­mer verläßlich. Manchmal vergaß es, die kleinen Messerchen einzu­ziehen, die in die Haut schnitten. Kälbchen machte sich nicht viel aus Kindchen und vor Pferdchen mußte man sich in acht nehmen. Es war so sehr groß, man konnte zwischen seinen Beinen durchlaufen, aber dann schrie Mutter und Vater lockerte den Leibriemen.

Ach, nicht alle Dinge waren gleich. Schöne und weniger schöne gab es, gute und böse. Aber weniger scbön war nicht betrüblich, und böse entwertete nichts, denn es war nicht Urteil, nur Unterscheidung. Noch das Böseste war ein Wunder.

Das Böseste waren Kinder. Sie kamen aus den Häusern und Höfen und spielten mit Kindchen. Sie schrien und prügelten sich, stahlen Knöpf? und Murmeln, Kreisel und Peitschen. Aber sie konnten hoch in den Kirsch­baum hinauf, wo Kindchen noch nicht hinkam, sie fangen Lieder, von denen Kindchen glaubte, daß sie schöner als Mutters Lieder vom lieben Gott seien, und die größten, die schon zur Schule gingen, brachten das Märchen und die Geschichte in Kindchens Welt, und mit den Märchen das wohlige, hingegebene Bangesein. Die Welt des Lichten begann sich mit Dunkel zu überschatten, mit dem kostbaren, geheimnisvollen Dunkel, ferner unterirdischer Mächte: Wassermann, Wichtel, Berggeist, Gott und Teufel. Auch dieses Seltsame war gut und böse. Gut war es, wenn heller Tag auf Wiese und Feld lag, Aehren mit Windeswellen hin und her schwankten, Lerchen sich hoch in der Luft mit klarem Singwirbel verloren, Mutter an den Kochtöpfen fang und Vater mit leichtem Schritt aus Berggeistes Reich kam. Aber wenn Blitze und Donner mit feurigem Glanz und schreckhaftem Gebrüll aus den Wolken fuhren, wenn der Hund an der Kette sprang und heulte, der Bach Feld und Wiese überschwemmte, Mutter meinte und Vater fluchend schimpfte, dann war es böse. Auch Gut und Böse muß das Kind erfinden, denn erst gab es nichts Derartiges. Auch Weinen, Fluchen, Lachen und Fürchten schuf es und erweiterte damit seine Welt.

Die war nun schon groß und mächtig, so, daß man nicht mehr über­sehen konnte, wie weit sie reichte, und es aufgab, die Dinge zu nen­nen und zu zählen, die zu ihr gehörten und die sie ausmachten. Dis Dorfstraße war zuerst hinzugekommen und hatte viel kleine Häus­chen mitgebracht, die fast alle wie Kindchens Haus aussahen, Hof, Garten, Zaun, Kuh und Pferd hatten. Die Kirche kam dazu, die war dunkel und kühl und wollte sich dem Kindchen lange nicht erschließen. Es schien, daß sie gar nichts Vertrautes habe außer dem kleinen leuch­tenden Stern in der Mitte, denn alles in ihr war still und tot. Und die seltsamen Männer und Frauen, die an den Wänden standen und vor denen man knien und die Hände falten mußte, waren aus Stein und Holz, rührten sich nicht, konnten nicht lachen noch singen und waren, sicher tot. Aber die Glocken konnten fingen, die ja. Und zu Weih­nachten blühte aus allem Toten das Wunderbarste, das Kindchen bis jetzt entzückt hatte, weil es so klein, so lieb, so leuchtend und doch so unfaßbar war; ein Stück Himmel auf Erden, ein Stück Anfang von Kindchens Reich: das Kind in der Krippe.

Ach, noch viel, sehr viel wuchs in dies Reich, manches war wertvoll und vermehrte und verschönte es und machte es stark und herrlich. Das war die Senke am Bach, wo es alte, zerzauste Weiden gab, die ins Wasser stiegen, wo mit fremden Zungen die Well« flüsterte und sprach.