Ausgabe 
12.7.1929
 
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nicht mehr!

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thhrivt. - Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

dort hinüber, nach dem Masiergmnde."Ich sage euch, an der Buche; des langen Heinrich Flintenriemen blieb noch am krummen Ast dort hängen; ich hab's ja gesehen!"

Der Förster schlug den bezeichneten Weg ein.

Friedrich hatte die ganze Zeit hindurch seine Stellung nicht ver­lassen; halb liegend, den Arm um einen dürren Ast geschlungen, sah er dem Fortgehenden unverrückt nach, wie er durch den halbverwachsenen Steig glitt, mit den vorsichtigen weiten Schritten seines Metiers, so ge­räuschlos wie ein Fuchs die Hühnersteige erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die Umrisse seiner Gestalt schwanden immer mehr. Da blitzte es noch einmal durchs Laub. Es war ein Stahlknopf seines Jagdrocks; nun war er fort. Friedrichs Gesicht hatte während dieses allmählichen Verschwindens den Ausdruck seiner Kälte verloren, und seine Züge schienen zuletzt unruhig bewegt. Gereute es ihn vielleicht, den Förster nicht um Verschweigung seiner Angaben gebeten zu haben? Er ging einige Schritte voran, blieb dann stehen.Es ist zu spät", sagte er vor sich hin und griff nach seinem Hute. Ein leises Picken im Ge­büsche, nicht zwanzig Schritte von ihn. Es war der Förster, der den Flintenstein schärfte. Friedrich horchte.Nein!" sagte er dann mit entschlossenem Tone, raffte seine Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eilfertig die Schlucht entlang.

Um Mittag saß Frau Margret am Herd und kochte Tee. Friedrich war krank heimgekommen, er klagte über heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre besorgte Nachfrage erzählt, wie er sich schwer geärgert, über den Förster, kurz den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Aus­nahme einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, für sich zu behalten. Margret sah schweigend und trübe in das siedende Wasser. Sie war es wohl gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hören, aber heute kam er ihr so angegriffen vor wie sonst nie. Sollte wohl eine Krank­heit im Anzuge sein? Sie seufzte tief und ließ einen eben ergriffenen Holzblock fallen.

Mutter!" rief Friedrich aus der Kammer.Was willst du?" War das ein Schuß?"Ach nein, ich weiß nicht, was du meinst." Es pocht mir wohl nur so im Kopfe", versetzte er. Die Nachbarin trat herein und erzählte mit leisem Flüstern irgendeine unbedeutende Klatscherei, die Margret ohne Teilnahme anhörte. Dann ging sie.

Mutter!" rief Friedrich. Margret ging zu ihm hinein.Was er­zählte die Hülsmeyer?"Ach, gar nichts, Lügen, Wind!" Fried­rich richtete sich auf.Von der Gretchen Siemers; du weiht ja wohl die Geschichte; und ist doch nichts Wahres dran." -j- Friedrich legte sich wieder hin.Ich will sehen, ob ich schlafen kann", sagte er.

Margret saß am Herde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe schlug es halb zwölf; die Tür klinkte und der Gerichtsschreiber Kapp trat herein. . _

Guten Tag, Frau Mergel", sagte er; könnt Ihr mir einen Trunk Milch geben? ich komme von M." Als Frau Mergel das Verlangte brachte, fragte er:Wo ist Friedrich?" Sie war gerade beschäftigt, einen Teller hervorzulangen und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen Absätzen.Wißt Ihr wohl," sagte er dann,daß die Blau­kittel in dieser Nacht wieder im Masterholze eine ganze Strecke so kahl gefegt haben wie meine Hand?"Ei, du frommer Gott!" versetzte sie gleichgültig.Die Schandbuben," fuhr der Schreiber fort,ruinieren alles; wenn sie noch Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichen­stämmchen wie mein Arm dick, wo nicht einmal eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob ihnen anderer Leute Schaden ebenso lieb wäre wie ihr Profit!"Es ist schade!" sagte Margret. Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben.Habt Ihr nichts von Brandis gehört?" fragte er plötzlich. Nichts; er kommt niemals hier ins Haus."So wißt Ihr picht, was ihm begegnet ist?"Was denn?" fragte Margret gespannt. Er ist tot!"Tot!" ries sie,was, tot? Um Gottes willen! Er ging ja noch heute morgen ganz gesund hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!"Er ist tot," wiederholte der Schreiber, sie scharf fixierend;von den Blaukitteln erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche ins Dorf gebracht."

Margret schlug die Hände zusammen.Gott im Himmel, geh nicht mit ihm ins Gericht! er wußte nicht, was er tat!" ,Mit ihm! rief der Amtsschreiber,mit dem verfluchten Mörder, meint Ihr? Aus der Kammer drang ein schweres Stöhnen. Margret eilte hin und der Schreiber folgte ihr. Friedrich faß aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt und ächzte wie ein Sterbender.Friedrich, wie ist dir?" sagte die Mutter.Wie ist dir?" wiederholte der Amtsschreiber. O mein Leib, mein Kopf!" jammerte er.Was fehlt tljm? Ach, Gott weiß es," versetzte sie;er ist schon um vier mit den Kühen heimgekommen, weil ihm so übel war."Friedrich, Friedrich, ant­worte doch, soll ich zum Doktor?"Nein, nein," ächzte er,es ist nur Kolik, es wird schon besser."

Er legte sich zurück; sein Gesicht zuckte krampfhaft vor Schmerz; dann kehrte die Farbe wieder.Geht," sagte er matt;ich muß schlafen, dann geht's vorüber." , ,

Frau Mergel," sagte der Amtsschreiber ernst, ist es gewiß, daß Friedrich um vier nach Hause kam und nicht wieder fortging? Sie ah ihn starr an.Fragt jedes Kind auf der Straße. Und sortgehen? wollte Gott er könnte es!"Hat er Euch nichts von Brandis erzählt? In Gottes Namen, ja, daß er ihn im Walde geschimpft und unsere Ar­mut vorgeworfen hat, der Lump! Doch Gott verzeih mir, er ist tot. Geht!" fuhr sie heftig fort;seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute zu schimpfen? Geht!" Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der Schreiber ging.Friedrich, wie ist dir?" sagte die Mutter;hast du wohl gehört? schrecklich, schrecklich! ohne Beichte und Absolution!

Mutter, Mutter, um Gottes willen, laß mich schlafen, ich kann

xend zu eben dieser Zelt die Vlaukittel eine ihrer stärksten Expeditionen ausführten. t

Der Schaden in den Forsten war indes allzu groß, deshalb wurden die Maßregeln dagegen auf eine bisher unerhörte Weife gesteigert; Tag und Nacht wurde patrouilliert, Ackerknechte, Hausbediente mit Gewehren versehen und den Forstbeamten zugesellt. Dennoch war der Erfolg nur gering, und die Wächter hatten oft kaum das eine Ende des Forstes ver­lassen, wenn die Blaukittel schon zum andern einzogen. Das währte länger als ein volles Jahr, Wächter und Blaukittel, Blaukittel uni) Wäch­ter, wie Sonne und Mond, immer abwechselnd im Besitz des Terrains und nie zusammentreffend.-

Es war im Juli 1756 früh um drei; der Mond stand klar am Himmel, aber fein Glanz fing an zu ermatten, und im Osten zeigte sich bereits ein schmaler gelber Streifen, der den Horizont besäumte und den Eingang einer engen Talschlucht wie mit einem Goldbande schloß. Friedrich lag im Grase, nach seiner gewohnten Weise, und schnitzelte an einem Weiden­stabe, dessen knotigem Ende er die Gestalt eines ungeschlachten Tieres zu geben versuchte. Er sah übermüdet aus, gähnte, ließ mitunter seinen Kopf an einem verwitterten Stammknorren ruhen und Blicke, dämme­riger als der Horizont, über den mit Gestrüpp und Aufschlag fast ver­wachsenen Eingang des Grundes streifen. Ein paarmal belebten sich feine Augen und nahmen den ihnen eigentümlichen glasartigen Glanz an, aber gleich nachher schloß er sie wieder halb und gähnte und dehnte sich, wie es nur faulen Hirten erlaubt ist. Sein Hund tag in einiger Entfernung nah bei den Kühen, die, unbekümmert um die Forstgesetze ebensooft den jungen Baumspitzen als dem Grase zusprachen und in die frische Morgen­luft schnaubten.

Aus dem Walde drang von Zeit zu Zeit ein dumpfer, krachender Schall; der Ton hielt nur einige Sekunden an, begleitet von einem langen Echo an den Bergwänden, und wiederholte sich etwa alle fünf Minuten. Friedrich achtete nicht darauf; nur zuweilen, wenn das Getöse ungewöhn­lich stark ober anhaltend war, hob er den Kopf und ließ seine Blicke lang­sam über die verschiedenen Pfade gleiten, die ihren Ausgang in dem Tal­grunde fanden.

Es fing bereits stark zu dämmern an; die Vögel begannen leise zu zwitschern und der Tau stieg fühlbar aus dem Grunde. Friedrich war an dem Stamm hinabgeglitten und starrte, die Arme über den Kopf ver­schlungen, in das leise einschleichende Morgenrot. Plötzlich fuhr er auf: über sein Gesicht fuhr ein Blitz, er horchte einige Sekunden mit vorge­beugtem Oberleib wie ein Jagdhund, dem die Luft Witterung zuträgt. Dann schob er schnell zwei Finger in den Mund und pfiff gellend und an­haltend.Fidel, du verfluchtes Tier!" Ein Steinwurf traf die Seite des unbesorgten Hundes, der, vom Schlafe aufgeschreckt, zuerst um sich biß und dann heulend auf drei Beinen dort Trost suchte, von wo das liebel ausgegangen war.

In demselben Augenblicke wurden die Zweige eines nahen Gebüsches fast ohne Geräusch zurückgeschoben und ein Mann trat heraus, im grünen Jagdrock, den silbernen Wappenschild am Arm, die gespannte Büchse in der Hand. Er ließ schnell seine Blicke über die Schlucht fahren und sie dann mit besonderer Schärft auf dem Knaben verweilen, trat dann vor, winkte nach dem Gebüsch, und allmählich.wurden sieben bis acht Männer sichtbar, alle in ähnlicher Kleidung, Weidmesser im Gürtel und die ge­spannten Gewehre in der Hand.

Friedrich, was war das?" fragte der zuerst Erschienene.Ich wollte, daß der Racker auf der Stelle krepierte. Seinetwegen können die Kühe mir die Ohren vom Kopfe fressen."Die Kanaille hat uns gesehen", sagte ein anderer. , , ,

Morgen sollst du auf die Reift mit einem Stein am Halse, fuhr Friedrich fort und stieß nach dem Hunde.Friedrich, stell dich nicht an wie ein Narr! Du kennst mich und du verstehst mich auch!" Ein Blick begleitete diese Worte, der schnell wirkte.Herr Brandis, denkt an meine Mutter!"Das tu ich. Hast du nichts im Walde gehört?" Im Walde?" Der Knabe warf einen raschen Blick auf des Försters Gesicht.Eure Holzfäller, sonst nichts."Meine Holzfäller!"

Die ohnehin dunkle Gesichtsfarbe des Försters ging in tiefes Braunrot über.Wie viele sind ihrer, und wo treiben sie ihr ihr Wesen?" Wohin Ihr sie geschickt habt; ich weiß es nicht." Brandts wandte sich zu seinen Gefährten:Geht voran; ich komme gleich nach."

Als einer nach dem andern im Dickicht verschwunden war, trat Bran­dts dicht vor den Knaben:Friedrich," sagte er mit dem Ton unterdrückter Wut,meine Geduld ist zu Ende; ich möchte dich prügeln wie einen Hund, und mehr seid ihr auch nicht wert. Ihr Lumpenpack, dem kein Ziegel auf dem Dach gehört! Bis zum Bettlen habt ihr es, gottlob, bald gebracht, und an meiner Tür soll deine Mutter, die alte Hexe, keine ver­schimmelte Brotrinde bekommen. Aber vorher sollt ihr mir noch beide ins Hundeloch." Friedrich griff krampfhaft nach einem Aste. Er war totenbleich und seine Augen schienen wie Krtstallkugeln aus dem Kopfe schießen zu wollen. Doch nur einen Augenblick. Dann kehrte die größte, ton Erschlaffung grenzende Ruhe zurück.Herr," sagte er fest, mit fast sanfter Stimme,Ihr habt gesagt, was Ihr nicht verantworten könnt, und ich vielleicht auch. Wir wollen es gegeneinander aufgehen kaffen, und nun will ich Euch sagen, was Ihr verlangt. Wenn Ihr die Holzfäller nicht selbst bestellt habt, so müssen es die Blaukittel sein; denn aus dem Dorfe ist kein Wagen gekommen; ich habe den Weg ja vor mir, und vier Wagen sind es. Ich habe sie nicht gesehen, aber den Hohlweg hinauffahren . hören." Er stockte einen Augenblick.

Könnt Ihr sagen, daß ich je einen Baum in Eurem Revier gefällt habe? überhaupt, daß ich je anderwärts gehauen habe, als auf Bestel­lung? Denkt nach, ob Ihr das sagen könnt?"

Ein verlegenes Murmeln war die ganze Antwort des Försters, der NachArt der meisten rauhen Menschen leicht bereute. Er wandte sich un­wirsch und schritt dem Gebüsche zu.Nein, Herr," rief Friedrich, wenn Ihr zu den anderen Förstern wollt, die sind dort an der Buche hinaufgegangen."An der Buche?" sagte Brandts zweifelhaft,nein