Viel weiter führt schon die Auffassung des philosophischen Außenseiters S ch e r n e r (1861), der alle Träume als symbolische Umdeutungen innerer Reize ansehen will. So wertvoll aber im einzelnen diese und andere Beobachtungen waren — erst die „Traumdeutung" Sigmund Freuds, des Entdeckers der psychoanalytischen Methode, führt zu einer wissenschaftlichen Neuorientierung (1900), auf deren Boden wir zum Verständnis der Träume ihrem Sinne nach gelangen können. Dabei stehen wir trotz der Leistungen Freuds und seines Schülers S t e k c l, der entscheidend neue Wege gegangen ist, noch immer in den Anfängen der Forschung und dürfen uns nicht wundern, wenn wir schwierige Fragen noch strittig oder ganz ungelöst finden.
Wer das Wesen des Traumes erfassen will, geht mit Vorteil von dem Worte „träumen" aus, das keineswegs auf den Schlaf beschränkt ist. Jeder hat auch schon mit offenen Augen geträumt. Diese Wachträume stellen sich uns meist deutlich als „Luftschlösser" dar, die wir in müßigen Stunden errichten: Wünsche, die das Leben uns versagt, werden in ihnen phantastisch erfüllt. Und wie.viele Wunschbilder zeigt uns der echte oder falsche Ehrgeiz, ohne daß wir Kraft, Mut und Zähigkeit zur Verwirklichung besähen! Das Ziel im Wachtraum zu erreichen, ist natürlich bequemer und billiger. — Könnten nicht auch die Träume des Schlafes solch „kräftesparende" Wunschersüllungen sein? Viele sind es ohne Zweifel, wie manche Kinderträume, die von Kuchen- essen ohne Hemmung und Teilung, aber auch ohne nachfolgendes Bauchweh handeln. Das Märchen vom Schlaraffenland hat eine derartige kindliche Wunschphantasie in die ironische Beleuchtung der Erwachsenen gerückt und dichterisch ausgebaut. Nordpolfahrer haben bezeichnend von täglicher Post, von Tabakballen, von abwechslungsreichsten Mahlzeiten geträumt. Freud erzählt einen sehr charakteristischen Traum von einem Medizinstudenten, der, ein sehr guter Schläfer und schlechter Frühaussteher, jeden Morgen in eine Klinik mußte, was keinen Tag ohne energische Hilfe seiner Zimmerwirtin abging. Eines Morgens, da die Wirtin ihn ruft, träumt er, er sei im Krankenhaus, aber nicht als Arzt, sondern als Patient. Er liegt in einem Krankensaale zu Bett, und über seinem Kopfe hängt die Tafel mit seinem Namen und der lateinischen Bezeichnung einer schweren Krankheit. — Die Deutung dieses Traumes ist nicht schwer: der Wunsch, weiter im Bett zu bleiben, ist erfüllt, denn als Schwerkranker darf er ja gar nicht ausstehen; aber auch die Pflicht, in der Klinik zu sein, ist erfüllt, denn er ist ja wirklich im Traume dort, wennschon zu einem anderen Zwecke. Es handelt sich also um eine doppelte Wunscherfüllung, der Traum erscheint als das, freilich nur kurzdauernde und phantastische Kompromisse zweier sich entgegenstehenden Seelenregungen. Jedes Kompromiß kostet etwas, und hier ist es die Logik, die den Spaß bezahlt! In der Alltagswirklichkeit wäre eine schwere Krankheit ein allzu teurer Preis für den längeren Ausenthalt im Bett, im Traume wird dieses Mißverhältnis gar nicht bemerkt. Es kann aber gut sein, daß das in anderen Träumen anders ist; daß da die Schmerzen und Unbequemlichkeiten, mit denen die Wunscherfüllung verbunden ist, so im Vordergründe stehen, daß die Wunscherfüllung dahinter verschwindet. Wenn wir noch dazu nehmen, wie gerne manche Menschen sich selbst quälen, wie stolz sie sozusagen auf ihre Leiden sind (weil sie vielleicht sonst keine Ursache haben, auf etwas stolz zu sein!), dann werden wir verstehen, daß sich auch unangenehme Träume bei näherer Untersuchung als Wunscherfüllung entpuppen.
Viele, und gerade die halbwegs durchsichtigen Träume sind also Wunscherfüllungen, doppelte Wunscherfüllungen: der geheimen Triebe so gut wie ihrer sittlichen ästhetischen, logischen Hemmungen Gewissen, Pflicht, Ekel, Vernunft usw. Zu welchem Zwecke geschehen diese Wunscherfüllungen im Imaginären? Um den Schlaf gegen die erwachenden Wunschreize zu verteidigen. Die Phantasie stellt den Wunsch als erfüllt dar und macht so den schlafstörenden Reiz unwirksam. Der Traum ist der Hüter des Schlafes. Aber auch, so merkwürdig das klingt, der Hüter der Sitte, des guten Geschmackes, der Vernunft. Wunschregungen werden im Traume erledigt, statt sich in der Tageswirklichkeit auszutummeln. Das Wort: sage mir, was du träumst, und ich werde dir sagen, wer du bist! ist nur halb richtig; wir können es ergänzen und sagen: ich werde dir auch sagen, wer du nicht bist, wer du aber sein mächtes im Guten wie im Schlimmen! Der Mensch ist besser als sein Traum; allerdings nicht so engelsrein, wie er es im wachen Leben uns gerne glauben machen möchte.
Wenn wir diese Gedanken zu Ende denken, dann begreifen wir, daß der Traum seine Aufgabe, den Schlaf zu erhalten und ein Sicherheitsventil unserer animalischen Triebe zu werden, nur durch einen Betrug erreichen kann. Nicht nur, daß er uns die Erfüllung eines unerfüllbaren Wunsches vorgaukelt und uns die mit jeder Erfüllung unvermeidlich verbundenen Schmerzen und Mühen wegtäuscht; er muß mit seinem Kompromiß oft weite Wege gehen, Wunsch und Wunscherfüllung maskieren und aufsaugen, so daß wir ohne Untersuchung gar nicht mehr erkennen, worum es sich eigentlich handelt. Gegen die wirksame Traumuntersuchung und ihr Deutungsoerfahren, das ja die Maskierung ausheben soll, wehren wir uns alle mit den schärfsten Mitteln, am besten so, daß wir die ganze Traumdeutungsmethode als lächerlichen Unsinn ablehnen. Wir haben ja zunächst kein Interesse, uns ganz zu kennen, am wenigstens jene sorgfältig zugedeckten Untiefen unserer Seele, die uns zuzugeben peinlich ist. In dieser Tatsache liegt die kräftigste Wurzel alles Widerstandes gegen die Psychoanalyse und ihre Traumdeutung.
Wie entsteht nun diese eigentlich so erwünschte Unverständlichkeit? Dadurch, daß das unbewußte Seelenleben, das sich mit seinen geheimsten Trieben gegen die weise „Zensur" des Bewußtseins maskiert, viel primitiver arbeitet als das denkende Bewußtsein. Unser Denken wird immer farbloser, immer unanschaulicher, immer abstrakter. Und unsere Sprache folgt dieser Entwicklung: sie wird praktischer, aber blasser. Das Unbewußte steht der Bildhaftigkeit des urmenschlichen Denkens näher, wie noch das Kind ihm näher ist. Darum setzt der Traum alles in Bilder um, und die Traumdeutung muh dieses Bilderrätsel erst wieder in die Alltagssprache rückübersetzen.
Zur Verbildlichung tritt als zweites Mittel der Entstellung die Verdichtung, d. h. die Erscheinung, daß hinter jedem Traumelement mehrere Vorstellungen stecken. Jeder kennt die Mischsiguren des Traumes, die halb wie dieser, halb wie jener Bekannte aussehen. Zwei, drei und mehr Personen, ost verschiedenen Geschlechts, sind hier Übereinandergeschoben, weil irgendeine, oft scheinbar sernliegende Aehnlich- keit sie verbindet. Dasselbe gilt für Oertlichkeiten und anderes. Der Traum muß also erst wieder auseinandergelegt werden, um dem Wachbewußtsein, das sich wie ein anderer Mensch verhält, verständlich zu werden.
Viel wirksamer noch aber ist das dritte Mittel der Traumarbeit: die Verschiebung, nämlich die Verschiebung des Tons von den Hauptsachen des Traumgedankens auf Nebensächlichkeiten, die dann im Traume selbst ungebührlich vertreten. Jeder kennt den Scherz, einen deutschen Satz andern unverständlich zu machen und ihn als griechisch, italienisch oder sonstwas auszugeben, nur durch Veränderung der Betonung. Genau so verfährt der Traum. Wenn eine Dame vom Begräbnis ihres kleinen Neffen träumt, der das einzige Kind ihrer Schwester ist, so wird sie so wenig wie jeder andere das für eine „Wunscherfüllung" halten. Ja, die Dame hat Freud diesen Traum gerade als Gegenbeweis gegen die Erfüllungstheorie erzählt. In der Analyse aber zeigt sich, daß jene Dame beim Begräbnisse des Bruders dieses totgeträumten Knaben einen geliebten Mann wiedersah, dem sich wieder zu nähern sie nicht einmal in Gedanken den Mut hat. Die Wunscherfüllung selbst kommt im erinnerten Traume gar nicht vor, der Hauptton liegt auf einem zufälligen Nebenumstande des letzten Wiedersehens. Erst die Analyse stellt den wahren Zusammenhang her und geleitet zum Mute der Selbsterkenntnis.
Weitere Ausführungen müßten den Raum dieses Aufsatzes weit überschreiten. So bleibt manche Erklärung fragmentarisch. Aber das ist kein Schade: denn es reizt zum Weiterdenken. Nach der rein wissenschaftlichen wie nach der praktisch seelsorgerischen Seite. Beide haben an der neuen Traumpsychologie ein starkes Interesse.
Der Sladtpfeifer.
Von Wilhelm Heinrich Riehl.
(Fortsetzung.)
Es war Friede geworden in Deutschland; nur fern im Westen jenseits des Ozeans zog ein schweres Wetter auf. Doch so weit sah man nicht vom Schlohturm zu Weilburg.
Kirchweih war immer ein großes Fest in dieser guten Stadt, und solenniter sollte sie auch im Jahre 1778 begangen werden. Der fürstliche Hof sah wieder in seiner alten Residenz, und die patriarchalischen kleinen Fürsten ließen in diesen Jahrzehnten den Sonnenschein gemütlicher Huld wärmer als je auf die Bürger fallen, wie die Sonne am Hochsommerabend oft noch einmal ganz besonders warm und gnädig brennt, unmittelbar bevor sie untergehen will. Wenn damals bei der berühmten Weilburger Kirmes der Hof nicht ebensogut den Jubel mitmachte wie der Bürger und Bauer, dann hätte man es gar keine ganze Kirmes genannt.
Des Morgens zogen die Bürger aus nach dem Schießhause, mit ihnen der Fürst, dem, wie der Vater mit Stolz schon dem Knaben erzählte, als dem ersten Bürger der Stadt das Recht des ersten Schusses zustand. Er tat den ersten Schuß, er brachte den ersten Becher aus, er tanzte den ersten Tanz, und so ward er von den Weilburgern auch als der erste Fürst gepriesen.
Der Stadtpfeifer im ziegelroten Staatsrock hatte dem Zuge, dem Fürsten selber, den Marsch geblasen; jetzt spielte er am Schützenstande, nur von einem Hornbläser unterstützt, und abends sollte der Fürst und hintennach die ganze Bürgerschaft nach seiner Pfeife tanzen. Kirmes war immer ein stolzer Tag für einen Stadtpseifer.
Die Bürger traten der Reihe nach vor, und jeder tat seinen Schuß. Da legte auch der Stadtpfeifer sein Instrument auf eine Weile weg, und der Hornbläser setzte allein die Musik fort. Heinrich Kullmann war Weilburger Bürger, also hatte er, kraft fürstlicher Gnaden, das Recht eines freien Schusses, und das ließ er sich nicht entgehen. Auf der Mauer vor dem Schießhaufe faß mit anderen Weibern Frau Christine und hielt ihr Jüngstgeborenes auf dem Arme; Friedrich — im Herbst wurden es achtzehn Jahre, daß man ihn an der Stadtmauer gefunden — faß daneben mit den zwei größeren Geschwistern.
Heinrich Kullmann zielte kurz: jetzt knallte die Büchse. Er hatte mitten ins Schwarze getroffen! Wer hätte solch Bauernglück dem Stadtpfeifer zugetraut, der nur jedes Jahr einmal ein Gewehr in die Hand nahm! Christine fuhr so erschrocken zusammen über ihres Mannes Geschicklichkeit, daß ihr das Kind beinahe vom Arme gefallen wäre.
Wie ward es ihr erst nachgehends zumut, als die Festordner vortraten, dem glücklichen Schützen den Ehrentrunk darzubringen, als die Kirmesjungfrauen ihrem Heinrich einen gewaltigen Blumenstrauß vorsteckten, der von dem mittelsten Knopfloche des Rockes bis zur Nase reichte, und als der Fürst selber dem Glücklichen die Hand schüttelte und ihn der Fürstin und den Prinzessinnen als den Schützenkönig vorstellte! Dann kamen die Scheibenbuben selbviere ausmarfchiert und brachten den ersten Preis, nämlich ein Dutzend zinnerne Teller, zwölf Löffel, Messer und Gabeln, Suppennapf, Schüsseln — die Geschirre alle von blankem, neuem Zinn — und in das Salzfaß hatte der Fürst einen Dukaten gelegt und die Fürstin einen nassau-weilburgischen Krontaler 1778er Gepräges. Das alles überreichte der Schultheiß dem Stadtpfeifer aus den Händen der Scheibenbuben.
Wie verklärte sich das Gesicht des Vielgeprüften, als er den Pokal in die Höhe hob, verstohlen nach seiner Christine und den Kindern hinüberblickte und dann auf das Wohl des Fürsten und des ganzen fürstlichen Hauses und der guten Stadt Weilburg trank.
Er wollte zurücktreten an seinen Platz und die Hoboe wieder ergreifen, allein die Bürger ließen das nicht zu, sagten, das Horn allein sei ihnen Musik genug, und zogen den Stadtpfeiser zum Zechen in die große Bude. Wie freundlich taten da angesichts des Fürste» gar viele,


