Ausgabe 
11.10.1929
 
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Vortrefflich. Meinem Husaren geb' Er Vier. Das heißt, nein auch Johannisberger. Soll mal was Gutes haben, der Kerl. Und nun lauf Er! Zwei Stunden hat Er Zeit."

Während der Offizier es sich in der Gaststube behaglich machte, kol­lerte Adrian Krafft, dem sich das Hirn wie ein Kreisel drehte, durchs Haus, weckte seine Alte und die Mägde und lief dann selbst, von zwei Knechten mit Körben begleitet zurFetten Ente", zumBären" und zumSchimmel". Weckte auch den oder jenen Bürger und kaufte Enten, Gänse, Kapaunen, Puten und Wein. Ueberall mußte er das Dreifache des Wertes bezahlen, weil die Menschen die Bedrängnis ihres Nächsten auszunützen lieben. Doch"zahlte der Wirt, ohne auch nur einen Kreuzer abzuhandeln, da er ja wußte, daß die drei Monarchen ihm jede Gans mit Gold aufwiegen würden.

Bald schmorte und prasselte es in den Pfannen und Röhren, und in den Stuben und Küchen war ein Kommen und Gehen mit Lichtern, daß die wenigen Bürger, die noch wach waren, sich wunderten, was beim Goldenen Ochsen" so spät noch geschähe. In der großen Gaststube wurde in der Mitte ein Tisch mit weißem Linnen wie zu einer Hoch­zeit gedeckt. An den Fensterscheiben putzte schnaufend noch die Wirtin, als ferne, durch das Rauschen des Regens gedämpft, schon Wagenrollen zu hören war.

Der Rittmeister, der eben einer dritten Flasche Johannisberger drei Taler das Stück den Hals gebrochen, fuhr auf, stülpte den Kalpak aufs Haupt und klirrte in die Torfahrt hinaus. Dort standen schon mit roten Köpfen aufgeregt der Wirt und die Wirtin, dahinter die Dienstleute, mit den Händen verlegen über ihre Schürzen wischend. Als der Offizier hin­aus auf den Hauptplatz treten wollte, wo der Husar eine Laterne hoch­hielt, bogen die Wagen rumpelnd in die Torfahrt ein. Aus dem ersten stiegen vier hohe Offiziere, aus dem zweiten drei andere-, denen der Rittmeister behilflich war und dann Meldung erstattete.

Dann schritten alle hinter dem Wirt, der vor lauter Ehrfurcht mit feinem Käppchen unaufhörlich den Boden fegte, der Gaststube zu.

Bald saßen der Kaiser Franz, der König von Preußen und der Zar, zwei Feldmarschülle, ein General, ein Obrist und der Rittmeister um die Tafel herum. Und es verschwanden die Gänse, Enten, Kapaune und Puten wie Spatzen, und der teure, goldgelbe Wein floß in Strömen. So daß dem Wirt über die Rechnung, die er zu präsentieren gedachte, das Herz in Rührung zerfloß.

Draußen in der Küche schlug die Wirtin die Hände vor Erstaunen zusammen. Denn sie wußte nicht, worüber sie sich mehr wundern solle. Daß Kaiser, Könige und Marschälle noch mehr zu essen vermochten als die Studenten. Oder darüber, daß der Zar Alexander dem Liebhaber der Schauspielertruppe wirklich so ähnlich sehe wie ein Ei dem andern. Und sie ließ immer neue Pfannkuchen in den Schüsseln sich türmen.

Als auch diese vertilgt, und die Speisen abgetragen waren, nur noch der Wein auf der Tafel stand, sprach der Kaiser Franz, freundlich mit dem Kopfe nickend wie ein Schauspieldirektor, der mit seiner Trupps zu­frieden gewesen:Nun wird uns die Durchlaucht den weiteren Kriegs­plan auseinandersetzen." Dabei machte er eine verbindliche Handbewegung auf einen wohlgenährten Herrn im weißen Waffenrock der Oesterreicher.

Der Feldmarschall, der ein bartloses, vergnügtes Gesicht und ein wür­diges Bäuchlein besaß, erhob sich ein wenig schwerfällig. Verneigte sich vor den Majestäten und sagte leise zum Wirt, der glotzend dastand: Verschwind' Er!" Dann ließ er sich vom Obristen eine braune Leder­mappe reichen und kramte allerlei Karten und Papier hervor. Während Abrian Krafft, von Neugierde geplagt, in den Gang des ersten Stock­werkes stieg, wo ein Ochsenauge hinein in die Gaststube führte.

Der Vortrag des Marschalls war wohl von militärischer Kürze ge­wesen, denn er ging schon zu Ende, als oben der Wirt, von der Dunkel­heit geschützt, leise den einen Flügel des Ochsenauges öffnete. Er hörte den Feldherrn nur noch fragen, ob er nun alleruntertänigst den Schlacht­plan aufzeichnen dürfe. Während die beiden Kaiser und der König freund­lich nickten, und die ganze Tafelrunde so fröhlich lachte, als hätte sie den Kaiser Napoleon schon beim Kragen, trat der Marschall an die schwarze Tafel, auf der die Schulden der Studenten standen. Damit er besser sehen könne, hob der Rittmeister, der Quartier gemacht, eine Lampe. Wie so das grelle Licht auf den Feldmarschall schien, fiel es Adrian Krafft plötzlich ein, daß dies wohl der Generalissimus der Alli- ierten sein müsse, weil er wirklich dem Komiker der Schauspielertruppe wie ein Zwillingsbruder ähnle, wie am vergangenen Abend der Lieb­haber verkündet hatte.

Doch sand der Wirt keine Zeit, über diese Aehnlichkeit zu staunen, denn drunten nahm der Marschall und Generalissimus den Schwamm, der neben der Tafel hing und löschte mit zwei temperamentvollen Schwüngen das Sündenregister der Studenten. Ehe er seinen Schlacht­plan aufzuzeichnen begann. Worüber Adrian Krafft einen schmerz­haften Stich im Herzen verspürte. Und nur mit Mühe unterdrückte er einen Fluch, als unten die drei Monarchen sich über diese Handlung gar nicht empörten, sondern fo schallend auflachten, daß er sich wunderte, wie Kaiser und Könige sich so ungebührlich benehmen konnten. Denn es bekam der Kaiser Franz vor lauter Lachen einen roten Kops. Es schlug sich der König von Preußen klatschend auf den Schenkel, und der Zar aller Reußen lehnte im Stuhle und rief:Kinder, ich kann nicht mehr!"

Weil aber Adrian Krafft, über solches Betragen feinen Kopf schüt­telnd, an den Fensterrahmen des Ochsenauges stieß, daß es leise klirrte, fanden die drunten ihre fürstliche Würde wieder. Worauf der Genera­lissimus in Ruhe auf der Tafel Vierecke, Kreise, Pfeile und Linien zeichnete. Von den einen sagte, es wären die Verbündeten, während die anderen das Heer des Kaisers Napoleon vorstellten, der somit wie eine Maus in der Falle süße.

Als er feine Rede beendet, begab sich der Marschall zur Tafel zurück. Nach einer Weile erschien wieder dienstbereit der Wirt. Da sahen die Fürsten und Marschälle, nachdem sie während des Vortrages noch gut ein jeder eine Flasche geleert, wieder würdig um den Tisch herum. So

daß Adrian Krafft sich dachte, daß auch so hohe Herren sich aufs Heucheln verstünden.

Da erhoben sich der Zar und der Kaiser, und der Wirt fragte leise den Rittmeister, ob die Majestäten nun zu Bette gingen. Doch er bekam zur Antwort, daß daran leider nicht zu denken fei, da man unverzüg­lich aufbrechen müsse, um den Kaiser Napoleon noch am Morgen aus den Federn zu rütteln. Eben als der Offizier nach diesem Bescheide bi» Stube verließ, um nach den Wagen zu sehen, rief der König von Preu­ßen, der noch an der Tafel faß, nach dem Wirt.

Hör' Er," fragte der König,hier in der Gegend ist doch eine meiner Universitäten? Da kehren wohl die Studenten häufig bei ihm ein?"

Gewiß, Majestät, alle Tage fast", antwortete dienstbeflissen der Wirt.

Zahlen sie auch brav?"

Halten zu Gnaden, Majestät, nicht eben rasch. Ich muß Geduld haben und fleißiger antreiben als mir lieb ist", stotterte Adrian Krafft und schielte nach der schwarzen Tafel, als könne er es immer noch nicht glauben, daß dort der Schlachtplan gegen den Kaiser Napoleon das Sündenregister der Studenten nbgelöft hatte.

Die Augen des Königs folgten dem Blicke des Wirts:Ich verstehe. Da hat unsere Durchlaucht im Eifer die Schulden der Studiosis gelöscht. Mach' Er sich nichts draus. Wird mit dem übrigen bezahlt. Sollen auch was davon merken, die Studenten, daß ihr König in ihrer Nähe weilte. Drum regulier' Er sie auch einen Monat lang auf meine Kosten. Schick' Er dann feine ganze Forderung an meine Rechnungskammer nach Ber­lin. Hat Er verstanden?"

Der Wirt, vor dessen Äugen Taler und Zahlen tanzten, dienerte noch, als der König sich schon erhoben. Darum sah er auch nicht, daß der Rittmeister eintrat und wieder Meldung erstattete: Erst als man ihn rief, blickte er auf.

Der König fragte:Wirt, hat Er einen Gaul, auf dem man reite» kann? Das Pferd des Rittmeisters lahmt, und er muß heute noch zur Armee. Hat Er eins? Es darf taufend Taler kosten."

Adrian Krafft überlegte nicht lange. Taufend Taler! Keine dreihundert war der verpfändete Gaul des Studenten wert. Da würde man mit dem Herrn Studiosus wohl leicht ins Reine kommen. So antwortete Adria» Krafft, daß er einen schönen Rappen habe, der wohl tausend Taler wert fei.

Da lachte der König und rief:Wirt, Er ist ein Filou. Schreib' Er den Gaul auf die Rechnung!" Dann schritt er hinter dem Kaiser und dem Zaren in die Torfahrt hinaus, wo schon die Wagen hielten.

Adrian Krafft hatte eben noch Zeit einen Bückling zu tun, da zöge» auch schon die Pferde an, und die drei Monarchen mit ihren Feldherren verschwanden unter Wagengerassel im Dunkel der Nacht. Einen Augen­blick später fegte der Rittmeister auf dem Rappen zum Tore hinaus. Während die Ordonnanz, den Schimmel des Offiziers als Handpferd führend und mit der glühenden Pfeife gnädig zum Abschied winkend, hinterdrein ritt.

Und weil der Schimmel gar nicht lahmte, fo freute sich der Wirt dop­pelt über den guten Handel. Nur hätte er gedacht, daß ein preußischer Husar mehr von Pferden verstünde.

*

Am Morgen liefen die Bürger, denen der Wirt, von Stolz gebläht, gesagt hatte, daß eben in der Gegend eine Hauptschlacht geschlagen werde, was er nach dieser Nacht ja wissen mußte auf die Hügel hinaus. Als sie am Nachmittage mißmutig heimkehrten, weil von einer Schlacht nichts zu sehen und auch nicht der sanfteste Kanonendonner zu hören war, hing über dem Tore desGoldenen Ochsen", noch vo» nasser Farbe glänzend, schon ein mächtiges SchildGasthof zu den drei Monarche n".

Bald kamen auch die ersten Studenten, denen Adrian Krafft gnädig und aufgeräumt sagte, sie konnten nun einen Monat lang essen und trinken so viel sie nur wollten. Je mehr, desto besser. Es zahle alles der König von Preußen.

Was dieser freilich nicht tat. Doch das merkte der Wirt erst später. Als er nämlich sechs Wochen nach seiner Rechnungslegung in die Stadt zum 2lfitt befohlen wurde.

Dort fuhr in einer Stube, nachdem er feinen Namen genannt Adrian Krafft, WirtZu den drei Monarchen", ein Amtmann mit puterrotem Kopf auf ihn los. Hiekt ihm die Rechnung über die Stu­dentenschuld und die Monarchentafel, über den Rappen und den Frei­tisch unter die Nase und schrie, was dieser Unfug wohl bedeuten solle, ob er im Kopfe nicht richtig sei ober zu viel getrunken habe. Von einem Monarchenbesuch beimGolbenen Ochsenwirt" wisse man nichts in Berlin.

Doch als der Wirt, ftotternb unb in immer rafenberem Sturze aus den Wolken fallenb, von jener Nacht erzählte unb wie bie Monarchen unb vor allem ber König fo gnädig gewesen, da schlug ihm der Amt­mann, der nun rot vor Lachen war, auf die Schulter unb sprach:Mann, was feib Ihr für ein Esel!"

Da erst merkte Abrian Krafft, baß die Schauspieler ihre letzte ^Vor­stellung nicht drüben im Stadtsaal, sondern intGoldenen Ochsen" ge­geben. Nun begriff er, warum der Generalissimus dem Komiker so ähnelte, der Zar dem Liebhaber glich, der Kaiser Franz würdig wie ein Heldenvater dreingesehen, der König sich schallend auf den Schenkel ge­schlagen, und der Schimmel des Rittmeisters nicht lahmte.

Weil aber bie Schauspieler längst über bie Grenze ber preußischen Staaten waren, man auch bie beiben bemoosten Häupter, die den Un­fug ausgeheckt, nicht finden konnte, so mußte Adrian Krafft denGol­denen Ochsen" verkaufen, um dem Gespött zu entgehen und seine Schul­den zu bezahlen.

Der neue Besitzer aber, ber Sinn für Humor hatte, ließ es beim neuen Namen beroenben. So daß bas Wirtshaus heute nochGastM zu ben brei Monarchen" heißt, wiewohl niemals ein regierenber Herr über feine Schwelle getreten ist.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitäts-Duch-und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.