Ausgabe 
11.10.1929
 
Einzelbild herunterladen

gewährt wurde, lieber den Rest stellte er einen Schuldschein aus, an dessen ehrlicher Einlösung die Räuber nicht zweifelten.

Ein Rechtsanwalt in Janina, ein gewisser Gyras, der sich öffentlich abfällig über den Rüuberhauptmann geäußert hatte, wurde dafür be­straft. Man fing ihn am Hellen Tage vor dem Gerichtsgebäude ab, ver­schleppte ihn, ohne daß die Gendarmen eingreifen konnten, in die Berge und ließ ihn nicht eher frei, bevor eine Million Lösegeld für ihn be­zahlt worden war. Auch die Tochter des holländischen Konsuls wurde sequestriert und in den Bergen gefangen gehalten, bis auch für sie ein Hohes Lösegeld entrichtet worden war. Die junge Dame hatte sich über ihren Aufenthalt unter den Briganten nicht zu beklagen, man behandelte sie wie eine kleine Prinzessin, tat ihr jeden Gefallen, sorgte für ein weiches Mooslager, Und die Räuberbrüute leisteten ihr am Abend um das Lagerfeuer Gesellschaft.

Die Räuberromantik Griechenlands paßt schlecht in das nüchterne 20. Jahrhundert, aber sie bietet Abwechslung im grauen Einerlei der politischen Streitigkeiten unserer Tage. Der europäische Reisende, der Athen und die Akropolis besucht, braucht die Räuber nicht zu fürchten. Er sieht und spürt sie nicht. In seinem Hotel liest er bei einem Glase geharzten Landweins die Räubergeschichten aus dem Olymp, er denkt an die Erzählungen von Karl May, die jetzt in Griechenland wieder auf­leben.

Oer Galzhaushatt des Körpers.

Von Professor Dr. Waltet Arnold!.

Schon in früheren Zeiten war es im wifsenschaftlichen Versuch er­wiesen, daß Tiere bei ausreichender Ernährung, jedoch mangelhafter Salzzufuhr erkrankten, und daß gewisse Salze in bestimmten Mindest- mcngen unbedingt notwendig zur Erhaltung des Lebens seien. Heber die eigentliche Bedeutung der verschiedenen Salze für die Lebensvor­gänge war dagegen nur sehr wenig bekannt.

Wichtig und anregend waren folgende Feststellungen: Eine einfache Kochsalzlösung wirktegiftig" auf die Eier gewisser Meerestiere. Diese Giftwirkung ließ sich durch ganz geringe Zusätze verschiedener anderer Salze ausheben. Ringer, Jacques Loeb und viele andere Untersucher bis in die jüngste Zeit hinein haben sich bemüht, die für die Lebensvor­gänge zweckmäßigsten Salzmischungen genau festzulegen. Es gelang ihnen, die Gründe für die Giftwirkung, in einer fehlerhaften Mischung, dadurch aufzuklären, daß sie insbesondere die hohe Bedeutung der gegenseitigen Mengenverhältnisse, z. B. von Natrium-, zu Kalium, zu Calcium-, zu Magnesiumsalzen, von kohlensauren zu phosphorsauren Salzen und zu den Chlorverbindungen nachwiesen.

Damit öffneten sich schon einige Möglichkeiten, etwas über den Ein­fluß des einzelnen Salzes und feiner Bestandteile zu erfahren. Man mußte nur solche Lebensvorgänge genauer verfolgen, auf die die Salze und ihre Bestandteile eine Wirkung ausiiben. Einige Beispiele, bei denen dies möglich ist: Zunächst bestehen zwischen den Salzen und dem Wasser­haushalt enge Beziehungen ferner zwischen Salzen und gewissen quellbaren Körperbestandteilen (Kolloiden), wie z. B. den Eiweißstoffen dann zwischen Salzen und elektrischen Vorgängen im Körper bei der Regelung des Gleichgewichts zwischen sauren und basischen Stoffen im Körper sind die Salze von großer Bedeutung Wasser- und Stoffbe­wegung, anderseits die chemischen Umsetzungen von Eiweiß, Fett und Zuckerstoffen sind bis zu einem gewissen Grade an die Beteiligung bestimmter Salze gebunden.

Vorbedingung war es allerdings, daß die naturwissenschaftlichen Nach­bargebiete, wie die Chemie, die Physik, die physikalische Chemie, neue Betrachtungs- und Forschungsverfahren schufen, die alsdann auch in den Dienst der medizinischen Forschung gestellt werden konnten. So ge­langte man über die einfachen Mengen- und Bilanzdestimmungen hin­aus auf den Kernpunkt der ganzen Fragestellungen: Welche Aufgaben haben die Bestandteile der einzelnen Salze im Stofshaushalt des Men­schen zu erfüllen?

Betrachten wir einmal das Kochsalz. Es besteht aus Natrium und Chlor. Jeder dieser Bestandteile hat seine eigene Bedeutung. Vom Na­trium nimmt man an, daß es für den Wassergehalt des Körpers we­sentlich sei. Als basisch wirkender Stoss vermag es, nach Abtrennung des Chlors, mit sauren Stoffen Verbindungen einzugehen, oder, anders ausgedrückt, Säuren abzusättigen. Der zweite Bestandteil, das Chlor, ist imstande, sich mit Wasserstoff zu verbinden, also Salzsäure zu bilden, die von gewissen Zellen der Magenwand bei der Verdauung abgesondert wird. Natrium-, Kalium-, Calciumsalze zeichnen sich durch wichtige elek­trische Eigenschaften aus und werden deshalb mit dem eine Sonderstel­lung einnehmenden Magnesium zur Gruppe der Elektrolyte zufammen- gefaßt. Eisen-, Jod-, Phosphor-, Schwefel-, Kieselsäure- usw. Verbindun­gen kommen in anderen Formen vor und bilden eine zweite Gruppe.

Ich brauche kaum hervorzuheben, daß es ein verhängnisvoller Irrtum wäre, diesem oder jenem Salze einewichtigere" Rolle etnräumen zu wollen, als einem andern. Jedes einzelne Körpersalz ist an sich unent­behrlich und hat seine eigene Bedeutung. Verschieden sind jedoch die Mengen, die der Mensch täglich braucht, oder die Zeit, die vergehen darf, in der das betreffende Salz ohne Schaden für den Menschen aus der Nahrungszufuhr wegbleiben darf.

Nun sollte man glauben, es bedürfe nur des Nachweises, daß bei einem Krankheitszustand dieses oder jenes Salz in zu geringer Menge oder im Heberfluß vorhanden sei, um durch entsprechende Herabsetzung oder Steigerung der Zufuhr einen Ausgleich zu schaffen. Eine derartig einfache Vorschrift ist nur in seltenen Fällen (Nierenerkrankungen) bis 3u einem gewissen Grade berechtigt. Bei regelrechter Kost ist die Menge der zugeführten Salze, von besonderen Umständen abgesehen (z. B. jod- armen Gegenden), ausreichend. Daß es dennoch zu Störungen im Salz- Haushalt kommt, liegt in solchen Fällen nicht an einer unzweckmäßigen -oufuhr, sondern kann auch andere, an die Tätigkeit gewisser Organe, namentlich gewisser Drüsen geknüpfteinnere" Gründe haben.

Neue Forschungen hoben uns eine ungemein große Bereicherung

unserer Kenntnifle über den Salzhaushalt gebracht. Wir wissen, daß der Mensch täglich einer Zufuhr von etwa 5 Gramm Kochsalz, anderseits von nur etwa 20 Millionstel Gramm Jod als Mindestmenge bedarf. Diese und andere Zahlenangeben sind jedoch annähernd Durchschnittsmengen, die für den einzelnen Menschen je nach Lebensart, Klima, Erkrankungs­zuständen usw. ganz wesentliche Abweichungen erfahren. Die Körper­zellen enthalten je Gramm etwa ein Zehntausendstel Gramm Eisen, ohne welches die Atmung und das Leben der Körperzellen nicht möglich ist. Aber es handelt sich da keineswegs umirgendeine" Eisenverbindung, in der das Eisen wirksam sein kann, sondern um ganz bestimmte. Es gibt im Körper andere Eisenverbindungen, die für die Atmung nicht in Betracht kommen. Der Hauptjodspeicher ist die Schilddrüse. Wiederum handelt es sich um ganz bestimmte Jodverbindungen.

Der Körper stellt sich aus gewissen notwendigen Bausteinen selbst die geeigneten Salzverbindungen her. Er kann nur selbst die früher er­wähnten richtigen gegenseitigen Mengenverhältnisse der als Elektrizitäts­träger sich betätigenden Salze abstufen. Er kann ferner nur selbst ge­wissen Salzen die geeignete Form (z. B. ionisiert oder entionisiert) geben. Wenn man also wirklich begründete Heberlegungen und nicht nur durch­aus unsichere einfache Aehnlichkeitsschlüsse aus gewissen, sehr groben Beobachtungen ziehen will, wird man mit allen Behauptungen über die allgemeine Zweckmäßigkeit der Zufuhr dieser oder jener Salze recht zu­rückhaltend sein müssen.

Nicht einmal bei verschiedenen Personen mit den gleichen Krankheits­zuständen sind solche Verallgemeinerungen angebracht. Den Weg, den gewisse Sonderlinge einschlagen und für den sie ihre Trommel schlagen, hat mit einer vorurteilslosen, kritischen Bearbeitung nichts zu tun. Es wäre jedoch vermessen, würde etwa die Wissenschaft an den mitunter ausgezeichneten Beobachtungen des Volkes, d. h. also von Nichtfach­leuten, achtlos vorbeigehen. Sie wird diese Beobachtungen ruhig und sachlich prüfen, sich bemühen, die Zusammenhänge aufzuklären, und sie dann in den vorhandenen Wissensfchatz einreihen oder ablehnen.

Oer Gasthof zu den drei Monarchen.

Novelle von Alfons v. C z i b u l k a.

(Schluß.)

Eben hatten endlich doch die letzten Gäste das Wirtshaus verlassen. Auch im Garten faß keiner mehr, weil es in Strömen regnete, und man keine zwei Schritte weit sah.

Adrian Krafft kletterte gerade auf eine kleine Leiter, um die Laterne über seinem Schilde zu löschen, da hörte er das Geklapper von Hufen auf den Katzenköpfen und eine Stimme, die im Befehlstone rief:He, Bürger, wo ist das beste Wirtshaus hier?" Worauf eine andere ant­wortete:Dort das Licht! Das ist derGoldene Ochs", gut aber grob!"

Gleich darauf war das Geklapper wieder zu hören und hinter dem Wirt tauchte aus dem niederrauschenden Dunkel eine Pferdenafe im Lichtkreise auf. Adrian Krafft meinte in dem Reiter einen preußischen Osiszier zu erkennen, hinter dem als ein Schatten im Nebel noch ein Husar auf einem Gaule hielt.

Der Offizier sprang aus dem Sattel, warf der Ordonnanz den Zügel zu, besah sich musternd die Hauswand des Gasthoss und befahl, indes der Wirt noch oben auf feiner Leiter stand:Zeig Er mir feine Zimmer!"

Langsam kroch Adrian Krafft von seinem Hochsitz herunter und ant­wortete mürrisch:Jetzt ist Schlafenszeit. Was wird's an den Zimmern viel zu sehen geben! Ist doch eins wie das andere."

Doch da faßte ihn der Offizier schon am Kragen, drehte ihn zum Tore herum und herrschte ihn an:Er, Lümmel Er! Ist Er des Teufels? Vorwärts, hol' Er Licht und marfchier' Er voran!"

Flegel sind nicht immer die Tapfersten, und so holte der Wirt, ohne noch ein Wort zu sagen, eine Lampe aus der Gaststube und wackelte gehorsam, gefolgt von seinem späten Gast, die Treppe hinauf. Indes der Husar mit den Pferden fluchend nach dem Stallknecht rief.

Oben auf dem Gange fragte der Offizier:Wo sind die besten Zimmer?"

Der Wirt riß drei Türen auf und antwortete:Hier, Eure Gnaden, die drei. Haben Morgenfonne, sehen alle auf die Wiesen und Felder hinaus ..."

Das genügt mir. Ich sehe schon. Also, hör' Er, Wirt, Er hat Glück. Verdient's eigentlich gar nicht. Denn er ist ein Flegel. Bekommt Ein­quartierung heute. Drei hohe Herren mit einem kleinen Stab. Schass' Er an Essen und Trinken herbei, was Er nur hat. Gänse, Enten, Ka­paune, Puten ..."

Jetzt zu nachtschlafender Zeit? Wird wohl nicht gehen. Waren gestern über hundert Studenten und Schauspieler bei mir. Haden alles leer gefressen."

Leih' Er sich, was Er braucht von den andern Wirten oder den Bürgern!"

Herr, es geht auf Mitternacht. Ich kann die Leute nicht aus dem Schlafe trommeln."

Trommle Er nur! Weiß, daß die Bürger Schlafhauben sind aber," und der Offizier schmunzelte vergnügt, als genösse er schon im voraus die Wirkung seiner Worte,für die drei Monarchen kann Er doch wohl eine Ausnahme machen?"

Adrian Krafft schnappte nach Luft wie ein Karpfen, riß das Käpp­chen von seinem kahlen Schädel, was er, feit er Wirt gewesen, noch nie­mals getan und stotterte:Jst's möglich, Euer Gnaden die drei Monarchen?"

Ja, so tst's", antwortete der Offizier und lachte über die Verblüf­fung des Wirts.Mein allergnädigster Herr, der König und dessen hohe Verbündete, der Kaiser von Oesterreich und der Zar aller Reußen. Nun will Er jetzt wohl feine Bürger inkommodieren? Aber halt Er den Schnabel. Sag Er nur, daß Er fo spät noch Gäste bekommt. Generale, wenn Er will. So, aber jetzt scher' Er sich.--Halt! Mir gibt Er in­

zwischen, was Er eben hat. Hat Er Johannisberger? Ein kaltes Huhn?