Ausgabe 
11.10.1929
 
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zu verlieren. Da hörte ich, während ich mir die Pfeife frisch stopfte, daß der Wirt den verdrießlichen Alten als JakLbeli anredete, und beim Klange des Namens fielen mir allerlei Geschichten ein. Lom Jaköbeli hatte ich viel reden hören. Er war ein thuringanischer Fischer, den man weit herum im Volke kannte, ein Sonderling und Trinker, mit einem totid) ins Verrückte und einer merkwürdig glücklichen chand beim Fischen. Er wisse alle Wetterregeln und Kalendersachen unfehlbar auswendig, hatte ich sagen hören, und vielleicht auch noch manche Künste, die nicht jeder verstehe. Je länger ich nun den Alten betrachtete, desto fester war ich überzeugt, er müsse der Jaköbeli sein. Also warf ich ihm ein paar Bemerkungen übers Wetter hin, über diesen ungewöhnlich heißen Som­mer, die frühen Septembernebel und die Aussichten für den heurigen Wein.

Jaköbeli ließ mich eine Weile reden, äugte ernsthaft zu mir herüber und räusperte sich ein paarmal. Dann machte er plötzlich, indem er sein Gläschen beiseite schob, eine großmütige, abwinkende und Gehör erbit­tende Gebärde wie ein alter Prophet und begann zu reden.

Dieser Sommer, sagte er, jawohl mein Herr, ist ein besonderer Som­mer gewesen, und ich sage gar nichts, aber man wird schon sehen, was alsdann kommen wird, mein Herr. Viel Nuß und Haselnuß, das gibt einen strengen Winter, und viel Bucheln und Eicheln, das gibt große Kälte. Es heißt auch:

Ist St. Dominik trocken und heiß, so wird der Winter lange weiß.

So ist's wirklich und wahrhaftig. Aber das will ja noch wenig sagen. Das nächste Jahr dagegen, wenn man daran denkt, was ich sage, das wird ein Hungerjahr, ein heißes Jahr. Frucht und Obst wird verbrennen und dörren, desgleichen Gras und Kartoffeln, aber viel Kirschen. .

Warum denn?, fragte ich. Er winkte verächtlich ab. Was ich sage, mein geehrter Herr. Das nächste Jahr wird ein Sonnenjahr heißen, und die Sonne führt ein gutes Regiment, aber zu trocken und heiß. Auch der Winter wird alsdann noch strenger werden. Wie es vor dreihundert Jahren geschehen ist, daß der Rhein Grundeis gehabt hat und Kinder er­froren in der Wiege.

Es folgten noch mehrere Wetterreime, die ich leider vergessen habe. Darauf ein zarter Versuch, mich zum Zahlen eines weiteren Schnapses zu veranlassen; ich überhörte ihn freundlich. Nun klagte er über Nebel und Kühle, schlechten Fischfang und Gliederreißen, nochmals auf die Zuträglichkeit eines wärmenden Schnapses hinweisend, den er sich auch bestellte, und den ich schließlich, seinem flehenden Blick gehorchend, zu be­zahlen versprach. Auf das hin wurde er fröhlich, rückte mitteilsam nahe zu mir her und begann fidele Geschichten zu erzählen, meistens von ungeheuerlichen Trinkereien oder fabelhaften Fischzügen. Die beste war folgende: Einmal hatte er in Horn am Zeller See Fische verkauft und das Geld dafür sofort vertrunken. Als er wieder abfahren wollte, war er so bezecht, daß ihn die Strandzöllner nicht ins Boot steigen lassen wollten, denn er war der Ruder nimmer mächtig und der See war un­ruhig und hatte Schaum. Er fuhr aber trotzdem ab, versuchte eine Strecke zu rudern, sank dann ermüdet ins Boot und schlief ein. Und als er wieder erwachte, trieb sein Nachen gerade an die Schifflände von Steckborn, die er hatte erreichen wollen. Aber noch besser! Zufällig war, was er im Rausche nicht beachtet hatte, seine Schwemmschnur noch ins Wasser ge­hängt, und wie er sie nun einholen will, muß er aus Leibeskräften ziehen, denn es hängt ein vierzehnpfündiger Hecht daran. Natürlich ver­kaufte er den Fisch sogleich und konnte sich noch zu Nacht einen zweiten Rausch leisten.

Ich gab dem Jaköbli zu verstehen, diese Sorte von Geschichten sei nicht die schönste und er sei doch eigentlich zu alt für solche Streiche. Da streckt er wieder mit großartiger Bewegung die Hand gegen mich aus, streicht sich den Bart und beginnt wieder Hochdeutsch zu reden. (Sie Geschichten hatte er im Dialekt erzählt.)

Zum Fischen, mein guter Herr, gehört einfach Glück, nichts als Glück. Da kann einer dreimal mit Segeln fahren, silberne Hechtlöffel kaufen und solches Zeug, das hilft alles nichts. Es kann einer den größten Heidenrausch haben und fängt doch mehr. Nämlich, der eine hat Glück und der andere hat keins. Es ist nur, daß man in einem guten Stern- und Himmelszeichen geboren ist, verstehen Sie?

Ich verstand. Aber als er mich nun herausfordernd überlegen an­blickte, und nochmals einen Schnaps bezahlt haben wollte, fand er mich unerbittlich. Eine gute Weile schwieg er feindselig und spuckte häufig auf den Boden, dann aber begann er, zum Wirt gewendet, anzügliche Reden zu führen. Du hast ja neuerdings fcheint's großen Fremdenverkehr hm fremde Herrschaften, ja hm. Früher ist man da drinnen noch unter sich gewesen jawohl, sag' ich, unter sich gewesen. Könntest ja auch noch Hotelier werden, du, wenn's so weiter geht. Weißt, für so fremde Herren, so feine. Jawohl. Hotelier, da wird noch Geld verdient.

Und so weiter. Dieser Ton war mir aus anderen Fischerschenken unheimlich bekannt, und es gefiel mir gar nicht, daß der Wirt und noch viel mehr der Sohn soviel husteten und das Lachen verbissen, und mich ansahen wie die Aasgeier. Es schien mir plötzlich, als wollte der Regen anfangen nachzulasfen. So fragte ich denn, was ich schuldig sei, zahlte schnell, aber ohne ein Trinkgeld zu geben, und verließ die ungast­liche Bude mit einem höflichen Gruß, der mit keiner Silbe beantwortet wurde. Statt dessen brach hinter mir, noch ehe die Türe zu war, ein boshaftes Gelächter aus. Am liebsten wäre ich umgekehrt und hätte den Grobianen meine Meinung gesagt oder mich zum Trotz erst recht fest hinter den Tisch gesetzt. Aber da fiel mir ein Abend in Basel ein, wo ich einst mit zwei Freunden zusammen einen arglosen Berliner Gast mit allen Schikanen aus unserer Stammkneipe weggeekelt hatte, und ich gab beschämt den Fischern recht. Zugleich fiel mir auch ein, daß ich allein und die drinnen zu dreien waren.

Und so segelte ich langsam nach Hause zurück, wo ich bald nach Mittag durchnäßt ankam und meiner schon ängstlich gewordenen Frau den gefangenen Hecht, die Erlebnisse des Morgens und die Wetter­prophezeiung des ölten Jaköbli auspackte.

Die Räuber im Olymp.

Von E. v. Ungern-Sternberg.

Anstatt der fröhlichen Götter des alten Hellas bevölkern im modernen Griechenland Räuber die heiligen Haine und Felsen des Olymp. Aber es sind nicht etwa Strauchdiebe und Beutelschneider, die die hehre Erbschaft des Zeus und der Athene angetreten haben, nein, es sind Ritter der Berge, die der edlen Profession eines Rinaldo Rinaldini und eines Karl Moor Ehre machen, und die sich mit einer Aureole von Romantik zu umgeben verstehen, die ihnen die Sympathien aller, die in unserer nüch­ternen Zeit das Abenteuer suchen, sichern. Der griechische Räuber schont und beschützt die Armen, er plündert nur die Reichen aus, fordert Löse- gelder, mit denen er Bedürftige unterstützt, kämpft mit Tapferkeit gegen Polizei und Gendarmen, er meidet auch jedes unnötige Blutvergießen. Die Räuber bezeichnen sich selbst als Fürsten der Berge. Ihr Reich ist wild und zerklüftet, es beginnt, bald nachdem man die Hauptstadt Athen verlassen hat.

Man fährt zwischen Bergen dahin, die wie Steinhaufen ausfehen. Zu ihren Füßen blühen noch immer wie zu den Zeiten des Perikles Myrthen und Lorbeer. Zwergtannen ragen in tiefem Grün zwischen den Klüften, und am Horizont glänzt ein Heller Strich, schaumgekrönt und wogend, es ist dasselbe Meer, wo Aphrodite geboren wurde und wo Odysseus seine Irrfahrten unternahm.

Die Landleute und Hirten haben ihre Zelte aus Furcht vor den Wölfen auf die Spitze der Felskugel gefetzt. In der nächtlichen Stille schweigen die Zypressen und Delbäume, die Wacholder und Oleander­sträuche bewegen sich nicht, bis der Mond als riesiger Granatapfel über Attika emporschwimmt und Räuber und Schafhirten ihre Schlupfwinkel verlassen. In den Schluchten versteckt sich Nymphenheimlichkeit. Felder von wilden Narzissen strömen einen sanften Dust aus. Aus den Hütten der Bergdörfer treten Frauen von wilder Schönheit an den Zieh­brunnen, der noch aus der Patriarchenzeit stammen mag, und lassen den Eimer in die schwarze Tiefe gleiten. Von den Männern weiß man nicht, ob sie friedliche Hirten sind ober ob sie hinter den Felsenvorsprung treten und dem Fremden mit der Büchse im Arm auflauern werden.

Eine besondere Berühmtheit hat jetzt der Räuberhauptmann Tsatsas erlangt, der kürzlich etwa 130 Touristen auf einmal gefangen nahm, die, nichts Väses ahnend, sich in sein Berggebiet gewagt hatten. Auch er blieb der noblen Räubertradition treu. Er ließ z. B. die Gemahlin eines reichen Bankiers frei, die mit ihrem kleinen Töchterchen reifte, weil er in feiner Höhle keineKleinkinberbewahranstalt" habe und für das Mädel nicht sorgen könne. Allerdings fordert er, daß man ihm nachträg­lich ein bedeutendes Lösegeld zustelle. Auch ein paar Offiziere und Stu­denten entließ er gnädig, da von ihnen doch nichts zu holen fei, und er sie nicht daran hindern wollte, ihren üblichen Kaffee in Athen zu trinken. Nur vier reiche Kaufleute und einen Politiker entführte er in seinen Schlupfwinkel mit dem Versprechen, sie nach Empfang eines Lösegeldes von einigen Millionen Drachmen wieder in Freiheit zu setzen, andern­falls sie sterben müßten. Da die Räuber als ©entfernen ihr Wort zu halten pflegen, so wird das Lösegelb sicherlich gezahlt werden. Trifft nämlich die geforderte Summe nicht pünktlich an einem angegebenen Orte ein, so ist damit das Todesurteil über den Gefangenen unwider­ruflich gesprochen. Wird aber das Lösegeld gezahlt, so findet in der Räuberhöhle ein Freudenfest statt, an dem der Entführte teilnimmt. Er wird bewirtet, Freundschaftsbeteuerungen werden gewechselt, mei­stens wird ihm vom Lösegeld auch noch eine kleine Summe als Weg­zehrung und Geschenk überreicht. Er kann nun ruhig durch die einsamen ®erge gehen, er sieht unter dem Schutz des Räuberhauptmanns, und kein Haar darf ihm gekrümmt werden.

Man behauptet, daß die Räuber mächtige Beschützer in Athen und in einigen anderen großen Städten haben, mit denen sie ihre sehr beträcht­liche Beute teilen, denn selten gelingt es der Regierung, eine Bande auszuheben, obwohl ein hohes Kopfgeld auf ihre Ergreifung ausgesetzt ist. Aber die Belohnung lockt nicht. Teils aus Anhänglichkeit, teils aus Furcht verrät ihn niemand, und niemand kennt genau (eine Schlupf­winkel in den Bergen. Die Strafe, die den Verräter treffen würde, ist furchtbar, die Rache des Räubers kennt keine Hemmungen. Es ist vor­gekommen, daß ein Bauer ober ein Hirte, ber sich bei ben Genbarmen gemeldet hatte, um sie nachts zu den Räubern zu führen, am Morgen zerfleischt vor seiner Hütte gefunden wurde.

Fällt aber ein Räuber in einem Kampf mit den Gendarmen ben Salbölen in bie Hänbe, so erwartet auch ihn ein grausamer Tod. Ihm wirb ohne lange Gerichtsverhanblung ber Kopf vom Rumpfe getrennt unb in seinem Heimatsborfe als abschreckendes Beispiel an einen Pfosten genagelt. Aber die Räuber lassen sich keineswegs in ihrem Gewerbe abschrecken, und die Regierung ist bisher machtlos gewesen, dem Räuber­unwesen zu steuern. Im Gegenteil finden sich immer mehr Männer, bie der Gesetzlichkeit den Rücken kehren, die Büchse ergreifen, in die Berge flüchten und freie Räuber werden. Die Räuberbanden beschränken sich nicht allein auf den Olymp. Vor etwas weniger als einem Jahre voll­führten sie einen kühnen Brigantenstreich in der Gegend von Janina, ber nicht weniger als ber Ueberfall Tsatsas auf bie Touristenkarawane von sich reben machte. Sie nahmen auf offener Straße ben Staats­sekretär im Finanzministerium Mylonas unb ben reichen Parlaments« abgeorbneten Melas gefangen unb entführten sie in bie Berge. Sie verlangten für bie beiben Herren ein ßöfegelb von 5 Millionen Drachmen. Da sie bie Regierung nicht zwingen konnten, bas Gelb aufzubringen, folgten sie dem Beispiel Dionys bes Tyrannen unb entließen Melas auf Ehrenwort in feine Heimat, um bie Summe zu beschaffen. Ihm wurden bie Augen verbunden und in bunfeler Nacht wurde er auf der Land­straße nach Janina ausgesetzt. Da Melas aber zur festgesetzten Frist nur etwa eine Million aufbringen konnte, so kehrte er, getreu feinem Wort und um das Leben des Freundes zu retten, mit der erhaltenen Teil­summe an den festgesetzten Treffpunkt zurück, appellierte an die Kitter lichkeit ber Briganten und bat um einen weiteren Aufschub, ber ihm auch